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PROJEKT

Alles im Fluss?

Vom Hydroptère zum Sea Bubble

Michael Kunst
von in
7 Minuten

Eigentlich war Alain Thébault am Ende – nervlich, physisch und finanziell. Der einst so gefeierte Rekordsegler stand im Sommer 2015 vor der wohl wichtigsten Entscheidung seines Lebens und hatte keinen Schimmer, wie seine Zukunft aussehen könnte. Nur eines war sonnenklar: Das Projekt Hydroptère war gestorben. Zumindest so lange, bis ihm eine Glücksfee wieder wohlgesonnen sein würde.

Gerade hatte der früher enthusiastisch gefeierte Rekordjäger zur See mit seinem einst schnellsten Segelschiff ein echtes Desaster erlebt. Nachdem der mittlerweile legendäre Tragflächen-Trimaran Hydroptère (Tragflächenboot) jahrelang die Speed-Rekordszene beherrschte und in wellenfreien Küstengewässern einen Geschwindigkeits-Weltrekord nach dem anderen aufgestellt hatte, sollte der Trimaran nun, modifiziert und umgebaut, die großen Hochseerekorde angehen.

Als erstes Ziel hatten Thébault und sein damals beispielloses Speed-Team aus alternden Hochseestars wie Jean le Cam oder Yves Parlier die Transpac-Regatta angepeilt, die alljährlich von Los Angeles mitten in den stillen Ozean bis Honolulu auf Hawaii gesegelt wird und längst Kult- und Prestige-Charakter hat. Wer hier gewinnt, kommt weiter. Irgendwie …

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L'Hydroptère im Training für die Transpac-Regatta von Los Angeles nach Honolulu, 2012 © CC BY-SA 3.0

Schwierige Suche nach Geldgebern

Ganz zu schweigen davon, dass die Reichen und Schönen mit ihrem angeblich so locker sitzenden IT-Geldbeutel nicht weit entfernt residierten. Doch für Alain Thébault und seine Tragflächen-Crew kam alles ganz anders. Drei lange Jahre suchten die Franzosen in der kalifornischen Szene nach Sponsorengeldern, mit denen sie den berühmten Transpac-Rekord angehen konnten. Selbst als die Hydroptère ihre Aufwartung beim America’s Cup in der Bucht von San Francisco machte, gab es nur leere Versprechungen. Dann sprang auch noch der bisherige Hauptsponsor ab, die französische Marine-Werft DCNS.

Irgendwann hatte der Weltrekordjäger Thébault vom Warten die Faxen dicke und verkaufte seine Wohnung in Paris, um mit „diesen allerletzten, privaten finanziellen Mitteln“ endlich den Transpac-Rekord anzugehen. Er scheiterte kläglich. Mit einem miserablen Wetter-Routing segelte Thébault gen Sandwich-Inseln, wobei sich seine Hydroptère nur wenige Male auf ihre Tragflächen hob, respektive ihre Flügel ausbreitete. Der rasende Trimaran dümpelte von einer Flautenzone in die andere – adieu Transpac-Rekord.

„Mach’ doch mal was Sinnvolles“, soll in diesen dunklen Zeiten eine der Töchter genölt haben. „Irgendwas, das Du kannst und dann auch noch der Gemeinschaft zugute kommt!“ Thébault nahm den Spruch ernst. Was kann ich? Boote schnell übers Wasser bewegen! Womit? Na, mit Tragflächen oder eben Foils! Wovon könnte die Gemeinschaft profitieren? Vielleicht Klimaverbesserung, Verkehrsentlastung, Lärmreduzierung?

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Das Modell © Seabubbles

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Sea Bubbles – elektrisch foilende Flussflitzer

Um es kurz zu machen: Alain Thébault erfand die Sea Bubbles – kleine, futuristisch anmutende Wassertaxis in Tropfen (bubbles)-Form, die, per Elektro-Motor angetrieben, energiesparend und rasant zunächst auf Foils, später auf durchgehenden Tragflächen flitzend, den Verkehr großer Metropolen auf deren Wasserwegen entlasten sollen. Liest sich kompliziert? Ist es aber nicht!

Denn Thébault hat eigentlich nur das gemacht, was seine Tochter ihm geraten hat. Seine grundlegende Idee: Entlaste die Straßen, indem du den Verkehr auf die Wasserwege bringst. Natürlich alles nur im Kleinen, damit man nicht vom Regen in die Traufe fährt. Anders formuliert: Thébault zeigte am Beispiel Paris auf, dass Taxis, die auf den permanent verstopften Straßen entlang der Seine im Stau stehen, ihre Passagiere besser auf dem (verhältnismäßig) leeren Fluss transportieren sollten. Vorteil für die Passagiere: Sie kommen schneller und schöner in die Nähe ihres Ziels. Vorteil für die Pariser: Ein paar Taxis weniger verpesten mit ihrem Dieselgestank die Luft. Vorteil für Thébault: Er hat ein Prinzip erfunden, das auch in anderen Metropolen der Welt einsetzbar wäre. Denn viele Großstädte wurden aus Gründen der Infrastruktur am Ufer von Flüssen gebaut.

So könnten die Sea Bubbles über die Seine flitzen © Seabubbles

Projekt mit Zukunft oder Spinnerei?

Gesagt, getan. Alain Thébault war schon immer einer dieser charismatischen Macher, die, einmal von einer Idee besessen, jeden von ihrer Idee überzeugen.

Ob sich die Bürgermeisterin von Paris als Erste bei ihm meldete oder Thébault seine höfliche Anfrage zuerst an sie richtete, ist nicht überliefert. Tatsache ist, dass der Tragflächenrekordsegler bald mit seinen Sea Bubbles in den Medien als Projekt der Zukunft auftauchte. „Bringt die Städte wieder in Fluss“ stand dann auch bald als Motto der Sea Bubbles-Macher fest. Und Thébault scheint damit einen Nerv getroffen zu haben.

Das Konzept, das infrastrukturelle Bild in den Städten durch energiesparend foilende Wassertaxis mit emissionsfreien Elektromotoren zu verändern, zog. Man kann Alain Thébault glauben, dass er körbeweise Anfragen von Städten aus aller Welt erhält. Überall sollen die knuffigen H2O-Blasen zum Einsatz kommen – die abgasgeschwängerten Großstädte müssten dank Sea Bubbles endlich aufatmen können.

Doch nüchtern betrachtet kann diese Rechnung natürlich so leicht nicht aufgehen. So sehr Alain Thébault sein Erfolg ja auch zu gönnen ist, – und die langen Orderlisten für die Sea Bubbles existieren tatsächlich – so ist er doch weit davon entfernt, die Innenstädte gewisser Großstädte auch nur im Entferntesten zu entlasten. Zu niedrig ist die Anzahl Taxis, die überhaupt auf den Wasserstraßen eingesetzt werden könnten. Und außerdem können die kleinen Flitzer ihre Passagiere höchstens in die Nähe ihrer Ziele bringen – Flüsse und Kanäle dringen bekanntlich nur bei Hochwasser in alle Stadtviertel.

Dennoch: Die Sea Bubbles haben Charme, eine Menge Esprit und entsprechen einem ökologischen Zeitgeist – Faktoren, die in modernen Gesellschaften derzeit hoch geschätzt werden. Und sie stehen für einen ökologischen Weg in die richtige, weil andere Richtung.

  • alternative textProbefahrt mit dem Prototyp © Seabubbles
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Geht’s noch cooler?

Entsprechend erfreuen sich Thébault und sein Team enormer Nachfrage. Die smarten Kleinfahrzeuge mit kraftvollem Elektro-Antrieb und Platz für vier Passagiere flitzen als Prototypen nahezu lautlos über die Gewässer. Ob auf dem Genfer See, auf der Rhone bei Lyon oder auf der Seine in Paris, überall werden sie als Transportmittel der Zukunft PR-wirksam mit Stadtoberhäuptern, Umweltpolitikern oder Boulevard-Prominenz gefeiert. Und wenn sich die Bubbles ab einer Geschwindigkeit von 12-14 km/h auch noch verdrängungsarm und nicht minder spektakulär auf ihre Foils, respektive Tragflächen erheben, stellt sich nur noch die Frage: „Geht’s noch cooler?“

Eigentlich nicht. Doch was sich bisher wie eine Erfolgsstory liest, hat den einen oder anderen Haken. Denn nicht alle sehen das Projekt „Sea Bubbles“ genauso enthusiastisch wie ihr Erfinder Thébault, sein schwedischer Geschäftspartner und Co-Founder Anders Bringdal (ehemaliger Windsurf-Champion in Wellen über 20 Metern) und sein zehnköpfiges Team. Zwar genießt er weiterhin den Zuspruch von vielen Umwelt- und Verkehrspolitikern, bei den involvierten Ämtern und Institutionen sieht die Sache jedoch ein bisschen anders aus.

  • alternative text© Seabubbles
  • alternative text© Seabubbles

So musste Alain Thébault den offiziell für August oder September 2017 geplanten Start seiner ersten Sea Bubbles-Flotte in Paris um mindestens sechs Monate verschieben. Der Grund: Ein marginaler Umbau seiner Foil-Konstruktion, um die bereits extrem sicheren und angeblich kinderleicht zu fahrenden Boote noch sicherer zu machen. Was zwischen den Zeilen eindeutig auf sicherheitsrelevante Fahrprobleme im Foil-Modus hinweist.

Als wirklich enorme und durchweg willkürliche Hürde bezeichnete Thébault jedoch den Widerstand einiger Ämter gegen sein Projekt der Zukunft. Denn obwohl die Oberbürgermeisterin von Paris, Madame Anne Hidalgo, von den Sea Bubbles begeistert ist und diese so schnell wie möglich auf der Seine und den Pariser Kanälen sehen will, stellen sich nun andere Mitentscheider quer. So beschwerte sich Thébault in einer Pressekonferenz, dass eine erlaubte Höchstgeschwindigkeit von 12 km/h auf den Wasserwegen innerhalb von Paris und von 18 km/h außerhalb der Stadt lächerlich sei. Seine Taxis seien für eine Geschwindigkeit von 40-50 km/h konzipiert, wetterte Thébault weiter. Es mache jedenfalls keinen Sinn, ein Wassertaxi auf die Geschwindigkeit eines Fahrrades auszubremsen. Dann könnten die Leute gleich an Land in die Pedale treten.

Steine im Weg

Nun muss man dazu ein paar Hintergründe kennen. Die Oberbürgermeisterin steht derzeit stark in der Kritik, weil sie als eine der ersten Stadtoberhäupter Frankreichs endlich konsequent ökologische Flagge zeigt. Sie unterstützt mit allen Kräften das Projekt, das Paris zur Fahrradhauptstadt machen soll. Hidalgo lässt Fahrradwege ausbauen, richtet Fahrradstraßen ein, und manche Autofahrer befürchten schon Zustände wie in Amsterdam oder Kopenhagen, wo Autos nur noch eine Nebenrolle im innerstädtischen Straßenbild spielen. Und jetzt kommt sie noch mit diesen Sea Bubbles.

Andererseits argumentieren die für Wasserstraßen zuständigen Ämter keineswegs unvernünftig, wenn sie zum Schutz der Uferanlagen eine Höchstgeschwindigkeit vorgeben. Und selbst wenn Foiler deutlich weniger Wasser verdrängen und weniger Wellen verursachen – wie soll das geregelt werden? Unterschiedliche Geschwindigkeiten für Foiler und Verdränger? Sollte da der ehemalige Hochgeschwindigkeitssegler Thébault ein wichtiges Detail übersehen haben?

Doch damit nicht genug. Ähnlich wie in der Automobilindustrie reden auch im Wassersport alle von den enormen Vorteilen der Elektro-Vehikel, aber keiner weiß bisher, wo sie aufgeladen werden sollen, wenn sich eine Majorität für den Antrieb unter Elektromotoren findet. Entsprechend fand es Thébault etwas unverschämt, als man ihm vom Port autonome de Paris das Angebot machte, zumindest während der Testphasen könne er seine sieben bis zehn Sea Bubbles an den Hafenstegen festmachen und aufladen. Für einen Pauschalpreis von 1.000 Euro pro Tag – aber nicht länger als zehn Tage in Folge.

  • alternative textErfinder Alain Thébault und Co-Founder Anders Bringdal © Seabubbles
  • alternative text© Seabubbles

Verschwörungen?

Für Alain Thébault sind das alles Verschwörungen von Leuten, die sich seinem Projekt in den Weg stellen wollen. So kündigte er an, schon aus Prestigegründen am Projekt „Paris“ festhalten zu wollen, in Zukunft aber verstärkt im Ausland aktiv zu werden. Denn aus „aller Welt“ erhalte er wahre Lawinen mit Anfragen bezüglich der Sea Bubbles. Doch in angeblich interessierten Ländern wie der VR China sind bereits ähnlich ausgerichtete Projekte bekannt geworden – es dürfte nur noch eine Frage der Zeit sein, bis dort Wassertaxis auf Foils über die Kanäle flitzen. Ohne Geschwindigkeitsbegrenzung, versteht sich.

In solch einem Fall dürfte es für Alain Thébault übrigens schwierig werden, patentrechtlich gegen diese Raubkopien vorzugehen – weil auch Thébault selbst keineswegs der Erste war, der sich foilende Motorboote ausgedacht hat. Oder finden Sie nicht auch, dass sich das Design der derzeit in der Testphase befindlichen Sea Bubbles-Prototypen auffallend dem Aussehen der slowenischen Quadrofoils angenähert hat?

Wie auch immer: Der alte Spruch „Die Spinner von heute sind die Helden von morgen“ hat bei Alain Thébault schon einmal gestimmt, als er als erster Hochgeschwindigkeitssegler einen riesigen Trimaran auf Tragflächen gehoben hat. Ein Prinzip, das mittlerweile bei allen Hochsee-Rennern zum Standard reift. Dass er nun mit den Sea Bubbles einen ähnlichen Erfolg im urbanen Umfeld haben wird, ist ihm zu wünschen.

SeaBubbles I June 2017

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