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Prachtstück: Viele Hansa-Jollen sind aus Mahagoni. Gut gepflegt ziehen sie alle Blicke auf sich. © KV Hansajolle
Klassiker

Aus der Not eine hanseatische Tugend gemacht

Die Hansajolle entstand vor 75 Jahren, unmittelbar nach Kriegsende. Das hatte sogar Einfluss auf die Rumpflänge.

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Sie ist ein Kind schwerer Zeiten, aber auch großer Hoffnungen. Die Hansa-Jolle entstand vor 75 Jahren, unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Die Entbehrungen und Nöte dieser Ära sind ihr direkt in den Rumpf eingebrannt. Denn Henry Rasmussen, Gründer der Yachtwerft Abeking & Rasmussen, durfte einfach nichts Größeres bauen.

Die Alliierten, die Deutschland nach dem Krieg besetzt hatten, reglementierten den Bootsbau drastisch. Kein neues Boot durfte länger als sechs Meter sein.

Also nutzte Rasmussen die Beschränkung aus: Die Hansa-Jolle ist 5,85 Meter lang. Als Vorbild diente dem genialen Konstrukteur eine Jolle, die er fast 30 Jahre zuvor entworfen hatte: Die „Viska“ entstand für zwei Freunde in Kopenhagen. Sie zeichnete sich bereits durch hohe Seetüchtigkeit aus.

Die Sphinx durfte nicht mehr segeln

75 Jahre Hansa-JolleHubkiel: Lateralplan der Hansa-Jolle © DHJSV1947 holte Rasmussen die alten Pläne wieder aus der Kiste. Die Schrecken des Zweiten Weltkriegs waren gerade einmal zwei Jahre her. Die private Segelei lag darnieder. Viele Boote – wie die Plöner Jolle „Windspiel“ – wurden sogar beschlagnahmt, die Besatzer fuhren zum Vergnügen damit umher.

Der Segelsport entwickelte sich in den verschiedenen Besatzungszonen des ehemaligen Deutschen Reichs folglich sehr unterschiedlich. Die Freigabe eingeschränkter Seegebiete erfolgte oft nur nach zähen Verhandlungen. So durften Deutsche anfangs nicht weiter segeln als bis nach Cuxhaven auf der Elbe oder Brake an der Weser.

Auch der Neubau von diversen Produkten war dem einstigen Feind nach dessen Niederlage anfangs beschränkt oder ganz verboten. Flugzeuge zum Beispiel durften bis 1955 nicht gebaut werden. Auch die Nutzung von vorhandenen Booten war reglementiert. So durfte zum Beispiel der Norddeutsche Regatta Verein (NRV) in Hamburg den 12er „Sphinx“ nicht mehr segeln.

Freudenberg bezahlte mit Naturalien

Als Konsequenz übergab der traditionsreiche Segelclub die schon damals berühmte Regattayacht der ursprünglichen Bauwerft Abeking & Rasmussen. Es ging um ein Dreiecks-Geschäft, wie es für die Not der Nachkriegszeit typisch war: Die Werft verkaufte den 12er an Hans Freudenberg, einen Hamburger Holzhändler mit chilenischem Pass. Für den galt die Verordnung nicht.

Er bezahlte allerdings nicht mit Geld. Offiziell gab es zwar noch die Reichsmark, doch als Zahlungsmittel war die nach dem Krieg nur noch eingeschränkt tauglich. Begehrtes Zahlungsmittel waren stattdessen Zigaretten – nach den Repräsentanten der US-Besatzungsmacht „Ami“ genannt – und generell nachgefragte Naturalien für den täglichen Gebrauch. Freudenberg zahlte mit dem, was bei ihm in Massen vor der Hütte lag: eine Ladung Bauholz. Kein Zufall, darauf war der NRV aus.

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Gewitterstimmung: Eine Hansa-Jolle hoch am Wind auf der Hamburger Alster © Tommy Loewe

Denn das Holz von Freudenberg verwandelte Abeking & Rasmussen in die ersten acht Hansa-Jollen für den NRV. Der behielt die Boote aber nicht, sondern verkaufte sie an Vereinsmitglieder weiter. Deren Zahlungen bildeten wenig später die Grundlage für den Neubau des Clubhauses. Freudenberg verkaufte den herrlichen 12er übrigens danach an die Bundesmarine.

Die nutzte ihn fast 50 Jahre, bis er von Oliver Berking und zwei weiteren privaten Eignern aus Flensburg gekauft wurde, die die Sphinx restaurieren ließen. Doch das – und die Restaurierung eines weiteren historischen 12ers – ist eine andere Geschichte.

Bauwerft hörte nach zehn Jahren auf

Die der Hansa-Jolle ging munter weiter: Die acht kleinen Holzboote, die schon kurz nach Ablieferung auf Elbe und Alster vor der Ruinenkulisse der zerbombten Hansestadt zum Symbol des neuen Lebens wurden, wuchsen zu einer Flotte von heute 250 Schiffen. Obwohl Abeking & Rasmussen die Fertigung schon nach zehn Jahren einstellte, um Kapazitäten für größere Yachten zu schaffen, entstanden immer mehr Hansa-Jollen – bis heute.

75 Jahre Hansa-Jolle
Hansa-Jolle Sausebraus bei der Classic Week 2019 © Tommy Loewe

Obwohl als Fahrtenboot konzipiert, fand sie auch sehr schnell begeisterte Verwendung als Regattaboot. Diese Vielseitigkeit ist – neben der Eleganz der Formgebung – der Hauptgrund für ihre dauerhafte Popularität. Und auch jenseits der Küste fühlt die Hansa-Jolle sich wie der Fisch im Wasser.

„Sie ist unglaublich seetüchtig“, beschrieb Günter O. Ahlers ihre Qualitäten. Vor einigen Jahren hatten wir Gelegenheit, den kleinen Klassiker in Schleswig-Holstein zu testen.

75 Jahre Hansa-Jolle: Segler Günther Ahlers
Begeistert von der Seetüchtigkeit der Hansa-Jolle: Günter O. Ahlers © Michael Krieg

Nachdem er lange Hochsee gesegelt hatte, auf großen Yachten bis 80 Fuß, war er zuletzt auf die Hansa-Jolle umgestiegen. In jenem Sommer ging „bei der Kiel Classic so ein Gewitterding mit neun Windstärken durch, und da haben wir nur die Fock fallen lassen und die Sundance 2 fuhr wie ein D-Zug los. Dieses kleine Ding nahm die Nase hoch und ab ging sie, während ein Junior-Boot einfach absoff. Die fuhren sich unter Wasser.“

„Mach’ das mit einem anderen Boot“

Ahlers ist alten Hamburger Vereinsseglern ein Begriff. Er hatte zuvor eine A&R Niedersachsen-Jolle auf der Alster im HSC, mit der er 1981 erst die Känguruh-Mittwochsregatten, ein Jahr später die Holzboot-Regatta des HSC ins Leben gerufen hat. Mit dem Schiff ist er diverse Seetörns gefahren: „Im Sommer bin ich dann bei fünf bis sechs Beaufort in Laboe losgesegelt nach Marstal rüber.“ Das liegt in Dänemark.

„Und als ich dort ankam, wehte das mit sieben, Gott sei Dank ein bisschen mit raumschots, und dann kriegte ich die Kiste auf jeder zweiten, dritten Welle immer zum Surfen. Ich düste immer so 100 Meter auf der Welle längs. Mach das doch mal mit einem anderen Boot. Ich fühle mich mittlerweile in dem Boot so sicher, und ich habe auch keine Angst, mit dem Ding über See zu gehen.“

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Der Hubkiel macht die Hansa-Jolle, die eigentlich eine Mini-Yacht ist, sehr kentersicher © privat

Diese Verlässlichkeit und Vielseitigkeit der Hansa-Jolle begeistert viele. Ihre Schlupfkajüte hat zwei Schlafplätze, ihr Mast kann mit wenigen Handgriffen für Brückendurchfahrten gelegt werden. Sie ist gebaut für das einfache Vagabunden-Leben auf dem Wasser, wie sich ihr geistiger Vater Henry Rasmussen die Freizeitschifffahrt vor 75 Jahren vorgestellt hat.

Die Hansa-Jolle ist klassisch dreiviertelgetakelt. So baut das Großsegel den meisten Druck auf. Als Daysailer ist die Mikro-Yacht in wenigen Minuten einsatzbereit. Auch ihr Rigg hat Rasmussen denkbar einfach gestaltet. Ohne Saling, ohne Jumpstag steht es einfach mit zwei Oberwanten abgestagt an Deck in einem Mastfuß.

Zum Manövrieren genügen zwei Paddel

Die außen laufenden Fallen lassen sich zum Beispiel am Mastfuß umlenken und auf Klemmen an der Vorderkante des Kajütdaches beidseitig des Schiebeluks belegen. Die Vorsegel werden an Stagreitern gesetzt. Alle wichtigen Trimmeinrichtungen sind zurüstbar: Unterliekstrecker, Achterstag und Baumniederholer.

  • 75 Jahre Hansa-JolleDie außen laufenden Fallen lassen sich zum Beispiel am Mastfuß umlenken © Michael Krieg
  • 75 Jahre Hansa-JollePraktische Details: klappbarer Seitensitz für die Crew © Michael Krieg
  • 75 Jahre Hansa-JolleDie elegante Silhouette zeichnete der berühmte Bootsbauer Henry Rasmussen © Michael Krieg

Entspannt sitzt man bei wenig Wind als Rudergänger auf der hinteren wegnehmbaren Querducht, die Crew auf dem klappbaren Seitensitz. Ein Außenborder lässt sich anbringen. Muss aber nicht, da der kleine Rumpf mit zwei Stechpaddeln gut manövrierbar ist. Mehr Überblick, aber auch wenn Gewicht auf die Kante gebraucht wird, hat man auf den Deckgrätings.

Die Fockschot wird doppelt umgelenkt und durch eine Öffnung im Süll bedienfreundlich auf eine Klemme geführt. Die theoretische Rumpfgeschwindigkeit liegt bei 5,35 Knoten. Seine Stabilität erhält Rasmussens Schöpfung durch eine feste Flosse und darin befindlichen Ballastkiel von 150 Kilogramm Gewicht. Spätestens ab fünf Windstärken, oder wenn das Leedeck durchs Wasser zieht, wird gerefft.

Erdmann und Gebhard segelten Hansa-Jolle

Auch die prominenten Weltumsegler Wilfried Erdmann oder Rollo Gebhard sind beide Hansa-Jolle gesegelt. Während Erdmann 2003 mit seinem damals knapp 50 Jahre alten Exemplar die Eindrücke auf einer über 1.200 Seemeilen langen Reise entlang der deutschen Ostseeküste und durch die Mecklenburger Seenplatte zu Papier brachte und in einem Buch veröffentlichte, soll Gebhard schon 1959 sogar durchs Mittelmeer bis nach Tunesien und durch das Rote Meer bis in den Golf von Aden gesegelt sein.

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Ein Minimum an Komfort: Die Kajüte der Hansa-Jolle bietet zwei trockene Schlafplätze © Michael Krieg

Wer noch dem ursprünglichen Naturerlebnis im Schlafsack und auf der Luftmatratze oder Isomatte ähnlich wie im Jollenkreuzer oder auf der Wanderjolle etwas abgewinnen kann, dem bietet die gut 2,30 Meter lange und ca. 70 Zentimeter hohe Kajüte zwei trockene Schlafplätze unter Deck. Hier ließen sich unterwegs auch die See- und Schlafutensilien trocken aufbewahren.

Weiterer Stauraum findet sich in der Achterpiek. Mit Hilfe einer Kuchenbude (Persenning) über dem Cockpit ließe sich der „Wohnraum“ an Bord noch erheblich erweitern, wobei zwei kleine Schränke und Klappsitze sogar einen gewissen Wohnkomfort suggerieren. Ein mobiler Campingkocher sollte reichen, um sich wenigstens einen Kaffee oder eine Suppe kochen zu können.

Nationale Regatta-Karriere ab 1960

Zuerst als Werftklasse wurde das Schiff 1960 als Nationale Klasse des DSV anerkannt und bis 1969 in Vollholz beplankt weitergebaut. A&R hat insgesamt 216 Hansa-Jollen gebaut, alle geplankt. Damit endete (fast) die Vollholz-Ära. Ab 1977 baute die Bootswerft Mader über 20 Boote in GFK, stieg aber nach vielen Querelen mit der Klasse wieder aus.

75 Jahre Hansa-Jolle
Das Klassenzeichen im Großsegel der Hansa-Jolle ist das so genannte Hansekreuz © Klassenvereinigung

1981 entstanden noch einige Einheiten mit einem etwas verlängerten Aufbau in formverleimter Bauweise durch die nicht mehr existente Werft Sailux. Zwischen 1988 und 2002 entstanden vier formverleimte Hansa-Jollen durch den Bootsbauer Godehard Lax. in Ab 2002 konnte der inzwischen ebenfalls aufgelöste Betrieb Zosel Yachtbau in vier Jahren einige wenige Einheiten, wieder in Vollholz, abliefern.

Auch heute als Neubau erhältlich

Und wer will, kann auch heute noch ohne Aufwand eine Hansa-Jolle kaufen: Seit Mitte der 1990er Jahre bietet die ansässige Werft Fricke & Dannhus aus Hüde am Dümmer See den Kielschwerter mit GFK-Rumpf und Sperrholzdeck oder auch mit einem formverleimten Rumpf und Holzausbau an.

75 Jahre Hansa-Jolle
float-Autor Michael Krieg beim Testtörn auf einer Hansa-Jolle © privat

Der Markt bietet aber auch immer wieder gebrauchte, teils bestens gepflegte Hansa-Jollen an. Für gut erhaltene Klassiker von A&R müssen Interessenten schon mal gern 15.000 bis 20.000 Euro bereithalten. Kunststoffeinheiten mit Holzausbau oder formverleimte Exemplare sind noch deutlich teurer. Gut erhaltene GFK-Bauten zum Lossegeln sind bereits für um die 10.000 Euro (ohne Trailer) erhältlich.

Auf der Website der Klassenvereinigung sind regelmäßig Gebrauchtboote annonciert. Die KV hilft auch bei Sachfragen, vermittelt Experten und organisiert Termine.

Unterschiedlich gebaut, vergütet gewertet

Gegenwärtig werden fünf unterschiedlich gebaute Typen der Hansa-Jollen gesegelt, die sich auch zu bundesweit von der Klassenvereinigung organisierten Regatten treffen. Diese segeln dann je nach Baujahr und -art ohne Stress, wie von offizieller Stelle bestätigt wird, vergütet gegeneinander.

Bei der Geschwindigkeit gibt es nämlich Unterschiede. Zum Teil sind die materialbedingt, was sich auf Gewicht und Trägheitsmoment auswirkt. Die Kunststoffboote haben daher einlaminierte Zusatzgewichte. Die Yardstickzahlen reichen von 120 bei A&R-Booten mit Holzmast bis zu 114 bei den reinen GFK-Einheiten von Mader.

„Aber auch bei den original ausgestatteten A&R-Schiffen wird aktuell sichtbar, dass passend geschnittene Segel sie deutlich schneller machen und sie ganz vorne in der Spitzengruppe mitmischen können“, erklärt Dietmar Schwarzpaul, Flottenobmann der Reviere Sorpesee/Biggesee/Möhnesee, auf Nachfrage von float.

Technische Daten Hansa-Jolle

Länge: 5,85 m
Breite: 1,65 m
Tiefgang: 0,55 bis 1,00 m
Gewicht: 510 kg
davon Ballast: 160 kg (ca. 31 Prozent)
Besegelung: Groß (10,5 qm), Fock (4,0 qm), Genua (7,5 qm)
Kajüthöhe: maximal 0,76 m
Außenborder: bis 5 PS
CE-Kategorie: C (küstennahe Gewässer)

Jubiläums-Regatta kommt Ende Juli

Die kleine und mit 15-qm-Fahrtenbesegelung auch von einer leichten Crew beherrschbare Kielschwertyacht ist als Klassiker auf vielen Revieren in Deutschland beliebt. Nicht nur als Regattaboot genießt die Hansa-Jolle große Anerkennung. Mit ihr können auch bemerkenswerte Reisen unternommen werden.

Die Hansa-Jolle ist leicht zu trailern. Durch ihr aufholbares Schwert erschließen sich Reviere, die von größeren Yachten nicht angesteuert werden können.

Beim Norddeutschen Regatta-Verein begann 1947 die Erfolgsgeschichte der Hansa-Jolle. Hier soll somit anlässlich des 75. Jubiläums des Bootes und als Höhepunkt des Jahres am 30. und 31. Juli auf der Alster der Deutschlandpokal ausgesegelt werden.

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