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Aus einem DDR-Eigenbau wird ein Schätzchen © Stephan Boden
Refit-Projekt

Aus Schokokuchen wird Torte

Wie aus ein paar Kleinigkeiten ein umfassendes Refit wird, hat Stephan Boden erlebt. Die Geschichte eines DDR-Jollenkreuzers.

Stephan Boden
von in
9 Minuten | 11 Kommentare

„Was bedeutet eigentlich Lagena?“ Der Vorbesitzer des 20er-Jollenkreuzers weiß es nicht. Aber der Erstbesitzer, von dem er das Boot vor fünf Jahren kaufte, wusste Bescheid. „Das soll angeblich eine wunderschöne karibische Muschel sein“, wusste der. Die Google-Suche bringt mehrere Definitionen von Lagena, aber keine wunderschöne karibische Muschel. Sondern unter anderem diese beiden hier: a) ein Hörorgan höherer Wirbeltiere und b) ein Eipilz.

Der mittlerweile verstorbene Erbauer und Erstbesitzer von Lagena hätte damals vor der Ersttaufe besser googeln sollen. Doch 1983 gab es noch gar kein Internet. Damals, im Sommer des letzten Jahres, wusste ich noch nicht, dass der Begriff Eipilz für einige Stellen des Boots ganz gut zutraf.

Bootsübernahme

Sah von weitem echt gut aus! © Stephan Boden

Freundliche Übernahme

Einige Wochen zuvor rief mich mein Freund Jens Brambusch an. Er hatte entschieden, Berlin zu verlassen, um sich in der Türkei eine Segelyacht zu kaufen. Ob ich die Lagena übernehmen möchte, fragte er mich ganz direkt. Ich war gerade auf der Suche nach einem Boot für Berliner Gewässer und dachte nicht lange nach: Ja, ich schaue sie mir gerne an.

Das einzige Problem, dass der 20er-Jollenkreuzer hatte, war das Schwert. Es war unterwegs auf dem Wasser verloren gegangen. Irgendwann schlingerte das Boot beim Segeln, und mein Freund sah neben sich im Wasser den zweitwichtigsten Teil des Lateralplans schwimmen. Um überhaupt nach Hause zu kommen, kappte er die Drahtseile. Seitdem liegt das Schwert irgendwo auf dem Grund eines Berliner Sees. Ein neues Schwert, dachte ich damals, ist ja kein Problem. Berlin ist voller Jollenkreuzer, und irgendwo wird man schon ein gebrauchtes Schwert finden. Oder eins für kleines Geld anfertigen lassen können.

Ein paar Tage später stand ich vor der Lagena im Schuppen eines Segelclubs im Osten Berlins. Staubig war sie, vollgestopft mit Ausrüstung, das Deck voll mit Hallenschmutz, Fendern und alten Leinen. Dazu stand die Lagena sehr wackelig auf einem flachen Hafentrailer. Sie gab ein etwas trauriges Bild ab. Aber unter der Staubschicht fand ich etwas, das mir die Entscheidung leicht machte: Charme. Dieses kleine Schiffchen hatte viel davon. Ich bekam Schlüssel, Baupläne, Seekarten und Unterlagen ausgehändigt und war wieder Bootsbesitzer. Mir gehört jetzt ein Eipilz, dachte ich. Sogar mit Einbaudiesel.

fenster

Nähere Betrachtung © Stephan Boden

DDR meets Eigenbau

Lagena ist ein typischer Eigenbau aus der DDR. Das Boot wurde 1983 in einem Verein in Ostberlin gebaut. Der Bauplan ist für ein Stahlboot ausgelegt, es wurde aber in GFK laminiert, und der Aufbau ist teilweise aus Holz. Damals kamen wohl häufiger Formen und Materialien abhanden, gemäß der Devise „Aus unseren Betrieben ist noch viel mehr rauszuholen!“, die Erich Honecker zugeschrieben wird.

Mein 20er-Jollenkreuzer ist ein sogenannter Ernst-Riss, aus der Feder des legendären Konstrukteurs Manfred Ernst. Der Erbauer hat das Boot konsequent auf Wohnkomfort ausgerichtet. Der Aufbau ist besonders groß gewählt und bietet innen sehr viel Platz. Der Eigner muss ein echter Equipment-Freund gewesen sein, denn das Boot ist bestens ausgerüstet. Vom Pinnenpiloten über Einbaudiesel, vom Autoradio bis zu fünf (!) Ankern an Bord.

DDR-Charme

DDR-Charme © Stephan Boden

Früher, das habe ich später erfahren, wurde der Jollenkreuzer – wie damals üblich – mit einem Wartburg-Motor betrieben. Der wurde 1996 von einem Fachbetrieb ersetzt, und das Schiffchen bekam einen 14 PS starken Ruggerini-Diesel. Eine so starke Maschine würde wohl ausreichen, um im Polarkreis zu motoren. Leider wurde der neue Motor in die alte Peripherie gesetzt, ohne sie anzupassen. Anschlüsse, Seeventile, Schläuche und Kabel sind allesamt nicht aus dem Sektor Marinezubehör.

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11 Kommentare

Schön wieder etwas von Stephan Boden zu lesen 👍🏻
Interessantes Projekt… gern mehr davon.

Antwort

Willkommen in B.randenburg!
Wusste gar nicht das Du hier schreibst, habe Deine Texte seit Ende des Digger-Blogs vermisst.
Aber Deine Bücher (bes. Einhandsegeln) in bester Erinnerung!
Viel Spaß mit „Torte“ 😉

Antwort
Stephan Boden /

Moin GB. Vielen Dank! Kannst Dir auch mal bei Amazon meine Autorenseite ( einfach in der Suche „Stephan Boden * eingeben) ansehen. Schreibe seit EINEM Jahr im Selbstverlag. Gruß

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Stephan Kern /

Junge, Junge! Jetzt ist der Boden uch bei den Klassikern angekommen! Endlich! Glückwunsch und Mast und Schotbruch

Antwort
Hans Peter Schulze /

Moin Stephan! Gratuliere zum Boot und schön das Du wieder auf dem Wasser unterwegs bist. Vielleicht kannst Du Dich an meinen Kurt P. erinnern. Du hast von ihm mal super Bilder gemacht. Handbreit H.Peter!

Antwort
Stephan Boden /

Moin! Na klar erinnere ich mich. Ganz viele Grüße von der Havel, auch an Kurt P.

Antwort
christian /

Es gibt einfach im Segeljournalismus nicht viele Leute, die richtig gut Schreiben können. Stephan Boden ist definitiv einer der wenigen, die damit gesegnet sind.

Klasse Artikel, sehr kurzweilig und schön geschrieben, toll, das das hier bei Float kostenlos gelesen werden kann.
Ich wünsche viel Erfolg bei den Restaurierungsarbeiten.

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