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Der Aalschokker Fiat Voluntas beim Herauskranen in Krefeld Aalschokker Fiat Voluntas © Maximiliane Richtzenhain
Klassiker

Das Piratenschiff der Toten Hosen

Das Schiff, dass 1984 ein Punk-Plattencover zierte, wird Museum.

von in
3 Minuten

Seit 33 Jahren ist der Aalschokker „Fiat Voluntas“ immer wieder in den Schlagzeilen. Zum ersten Mal für das zweite Tote-Hosen-Studioalbum „Unter falscher Flagge“, als das 35 Tonnen schwere Stahlschiff das Plattencover ziert – und jetzt wieder.

Auf dem Coverbild posiert die Combo, verkleidet als Piraten, auf dem Aalschokker vor dem Düsseldorfer Rheinturm. Die sehr lebendigen Hosen toben mit Enterhaken, Kappbeil und Augenklappe übers Deck, dass es eine Art ist, und auch der später ausgemusterte Trommler Trini Trimpop ist noch dabei.

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Die Toten Hosen auf der Fiat Voluntas

Ein stiller Wink Richtung London

Auf dem Rumpf stehen in Großbuchstaben die Worte „Fiat Voluntas“, die dem lateinischen Vaterunser entnommen sind und „Dein Wille geschehe“ bedeuten – ein stiller Wink in Richtung der Plattenfirma EMI, mit der man sich gerade überworfen hat. Damit befinden sich die Düsseldorfer in bester Tradition mit den Sex Pistols, die ein knappes Jahrzehnt früher die gleiche Plattenfirma akustisch anrotzen und anschließend der Monarchin des Vereinigten Königreichs bei deren Silver Jubilee per Boot auf die Pelle rückten.

Nach einigen unflätigen Textzeilen auf offener Themse wurden Johnny Rotten, Mitmusiker und Management während der Feierlichkeiten abgeräumt. Das Beste der historischen Bootstour in der britischen Hauptstadt ist auf Youtube in schäbigstem Low-tech dokumentiert.

Hedonismus ahoi!

Gegen wen aber, ach, sollen Campino, Andreas von Holst und Kämpen sich auf dem Rhein in der aufgeräumten Landeshauptstadt auflehnen? Die Crew macht sich im Song, der dem Album seinen Titel gibt, auf die Suche nach der Schnapsinsel und zeigt dabei echte Seemannschaft: „Unter falscher Flagge Kurs Nordnordwest, zu dritt hielten sie das Steuerrad fest.“ Und so weiter und so fort. Hedonismus ahoi!

Dramaturgisch gehören die Titel „Im Hafen ist Endstation“, „Unter falscher Flagge“ und die Reprise „Im Hafen ist Endstation 2“ zusammen. Dazwischen erzählt der bekannte Synchronsprecher Hans Paetsch das Märchen von den „Toten Hosen“, die auf der Flucht vor Durst und Tod in See stechen. Die Aufnahmen dazu entstanden an einem Nachmittag in Paetschs Haus in Hamburg.

Als Schauplatz für das 1984 aufgenommene Video dient allerdings nicht die enge „Fiat Voluntas“, sondern vermutlich eine Autofähre, die über den Rhein schipperte, wie hier in spektakulär punkiger Qualität zu sehen ist:

Das Lied endet mit den Zeilen „Wir lassen die Karre am Straßenrand stehen, versuchen zu Fuß zur Party zu gehen.“ Die Toten Hosen, an der Schwelle zum großen Erfolg, lassen damit ein letztes Mal anklingen, dass man noch zwei Jahre zuvor auf der Party des heute fast vergessenen Jürgen Engler am Türsteher gescheitert war.

Refit fern der Heimat

Für die Karre, also die „Fiat Voluntas“, ging es unspektakulär weiter. Für ihren Eigner Wilhelm Wirtz, der mit seiner Familie bis 1994 an Bord lebte und mit dem Schiff noch bis 2001 auf Fischfang ging, war der Schokker eher ein Schocker: Denn das von seinem Vater geerbte Schiff, das 1937 in Holland vom Stapel lief. wurde im Neusser Sporthafen regelmäßig eingescherbt. Denn dort musste es für zehn Jahre liegen – so war es ihm nach einer durch Fördermittel unterstützten Sanierung im Jahr 1994 vorgeschrieben.

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Die Fiat Voluntas bei Neuss© Stadt Monheim

Als der Plan fehlschlug, das Boot in seinem eigenen Garten am Rheindeich öffentlich einsehbar aufzustellen, war Wirtz froh, der Dauerpein ein kostengünstiges Ende bereiten zu können. Die städtische Tourismusmanagerin von Monheim, Maximiliane Richtzenhain, hatte das Fangboot bei Recherchen zur Geschichte des Aalfangs entdeckt und die Monheimer Stadtverwaltung davon überzeugt, das Stahlschiff zu erwerben – zum Schnäppchenpreis von 2.000 Euro. Nun soll der Schokker Teil des dezentralen Museums Monchronik werden.

„Das Schiff aus dem Hafen zu ziehen, war gar nicht so einfach“, berichtet Maximiliane Richtzenhain, die Initiatorin des Projekts. „Der Vorbesitzer hat zwar tatkräftig mitgeholfen, den Schokker transportfähig zu machen, aber der Anker des Bootes steckte im Boden fest.“ Mit einem Schlepper konnte das historische Schiff schließlich in den Krefelder Hafen transportiert werden.

In Krefeld wurde das Boot gekrant und in den ersten März-Tagen auf dem Landweg zur Oranienburger Malz-Werft gebracht. Hier werden Farbproben genommen und durch das Rheinische Amt für Denkmalschutz ausgewertet. Erst dann kann die Sanierung beginnen, wobei der Denkmalschutz jeden Schritt begleiten wird, berichtet die Rheinische Post. Dass der Aalschokker sein Refit fern der Heimat erhält, ist möglicherweise der Tatsache geschuldet, dass Arthur Fischer, der die Sanierung des Museumsschiffs im Auftrag der Stadt Monheim übernommen hat, nicht nur Berliner ist, sondern auch sein eigenes, 1905 gebautes Ausflugsschiff „MS Arkona“ bei Malz hat sanieren lassen.

Nach der Sanierung soll die „Fiat Voluntas“ zurück in den Westen, nach Baumberg, einen Stadtteil von Monheim südlich von Düsseldorf, wo früher fleißig Aal gefischt wurde, und direkt am Rhein aufgeständert werden. Wasser unterm Kiel wird der Aalschokker nach den Plänen der Architekten HHS in Zukunft nur noch dann haben, wenn der Rhein über die Ufer tritt. Den passenden Song dazu gibt’s schon: Im Hafen ist Endstation, von den Toten Hosen, von 1984.

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