float Magazine

Elektroboot Kara Solar im Amazonas © alle Fotos Kara Solar
Projekt

Der elektrische Fisch

Ein mit Sonnenenergie und Elektromotoren angetriebenes Boot verbindet Menschen im Amazonas.

von in
5 Minuten

„Zurück in Quito, habe ich dieses Bild vor Augen: Tapiatpia, der elektrische Fisch, gleitet den Pastaza-Fluss entlang. Mario ist am Steuer, Hilario auf dem Bug. Die Sonne scheint, der Fluss fließt. Etwas Neues hat begonnen“, erinnert sich Oliver Utne. Der in Ecuadors Hauptstadt lebende US-Amerikaner ist gerade von seiner ersten Langfahrt mit dem Boot zurückgekehrt, als ich ihn zum Interview per Skype erreiche.

alternative text
Auf großer Touralle Fotos: © Kara Solar

„Tapiatpia“, der elektrische Fisch, wie die Achuar das Boot in ihrer Sprache nennen, startet am 28. März zur ersten ausführlichen Erprobungstour: 25 Tage lang, auf vier Flüssen, insgesamt 1.800 Kilometer. Neun Männer sind unterwegs, um die Seetüchtigkeit des ersten solarbetriebenen Elektroboots im Amazonasgebiet zu testen: Oliver Utne, der Ingenieur Peter May, zwei Mitglieder des Achuar-Volks, ein Kitchwa-Indianer als professioneller Skipper, dazu vier Experten für Sicherheit und Logistik.

Wenn das Boot in den normalen Betrieb gehen wird, soll die „Tapiatpia“ 18 Personen und über zwei Tonnen Waren transportieren können. Neun Gemeinden der Archuar, die an zwei Flüssen auf einer Strecke von 67 Kilometern liegen, werden dann angefahren. Diese Flussabschnitte sind am besten schiffbar, hier werden die Bedürfnisse der Bevölkerung am besten gedeckt: Die weiterführende Schule der Region liegt in der Mitte der Strecke, auch zwei Kliniken und zwei Hotels gibt es hier.

alternative text
Die Karte zeigt die Ziele, die Kara Solar anfahren wird.

Oliver Utne ist der Gründer und Koordinator von Kara Solar, einem Transportprojekt im Amazonasgebiet von Ecuador. Der 31-Jährige aus Minneapolis im nördlichen US-Bundesstaat Minnesota kam als Volunteer, für einen ehrenamtlichen Freiwilligendienst, nach Amazonien. Er war Flugkoordinator für die einzige Lodge im Achuar-Gebiet. Dieser Teil Südamerikas gilt als die artenreichste Region der Erde, der Regenwald hier ist fast vollkommen unberührt. Wie der Großteil des Amazonas-Beckens ist das Achuar-Gebiet von schiffbaren und langsam fließenden Flüssen durchzogen. Straßen gibt es nicht.

Nach seinem Praktikum wurde Utne eingeladen, für einige Monate in einem Achuar-Dorf zu leben. Sensibilisiert durch seine Arbeit in der Lodge suchte er, gemeinsam mit seinen Gastgebern, nach einer Lösung für das Transportproblem. Bald kamen sie auf Elektroboote, und die Idee für Kara Solar war geboren: „Kara“ bedeutet in der Sprache der Achuar „Traum, der sich erfüllt“.

alternative text
Die Crew erzählt von ihrer Tour, Oliver Utne 2. von links

Auf ihrer Reise fahren die neun Männer täglich bis zu 140 Kilometer. Abends kampieren sie, wo sie eben landen – bevorzugt in Dörfern, damit die Crew den Flussanrainern das Projekt erklären kann. Häufig steht die ganze Gemeinde um das Solarboots herum. Die Besatzung erklärt, was Solarenergie ist und wie ein Elektroboot funktioniert.

Da es in diesem Teil Amazoniens weder Straßen noch sonstige Verkehrsinfrastruktur gibt, machen die Bewohner alle Wege zu Fuß oder mit dem Kanu. Das Benzin für Außenbordmotoren kommt nicht etwa per Schiff, sondern nur auf dem Luftweg. Wegen der schwierigen Lieferbedingungen kostet es vier- bis fünfmal mehr als im Rest des Landes. Und es verschmutzt die Flüsse, von und mit denen die Achuar leben und sich ernähren.

alternative text
Abendstimmung auf dem Rio Pastaza

Die Tapiatpia ist ausgerüstet mit zwei Elektromotoren des Typs Torqeedo Cruise 4.0, testweise kommt auch ein Torqeedo Cruise 10.0 zum Einsatz. 32 Solarmodule erzeugen unterwegs bei üblich starker Sonneneinstrahlung rund 7 Kilowatt Strom pro Stunde und produzieren damit ausreichend Leistung, um die Motoren zu betreiben. Die effizienteste Marschgeschwindigkeit des elektrischen Fischs liegt bei 4 Kilowatt pro Stunde.

Die Reisebeschreibungen der Kara-Solar-Aktivisten klingen mitunter wie Passagen aus dem Roman „Wassermusik“ von T. C. Boyle. Die Mannschaft gerät in Stürme und kämpft mit Hochwasser und Treibholz. Man durchquert von Piraten kontrolliertes Gebiet und hat Glück, nicht überfallen zu werden. Ein Propeller geht kaputt und wird ersetzt, die Antriebswelle verbiegt und kann repariert werden.

„Das beste an der Reise war der Kontakt mit den Leuten“, sagt Oliver Utne. Nur einmal verschrecken sie die Einheimischen, als sie – verwildert und bärtig von der tagelangen Reise – mit dem Boot an Land gehen, das mit seinen Solarpaneelen wie ein Raumschiff wirkt. Die Bewohner fliehen vor ihnen in den Wald.

In der Region um den Pastaza-Fluss leben in 78 Gemeinden etwa 8.000 Achuar. Anderenorts kamen mit den Straßen auch die Ölförderer – und damit das schnelle, elende Ende des ursprünglichen Lebens. Das Volk kämpft für seine kulturelle Unabhängigkeit und für das eigene nachhaltige Wirtschaften und setzt dabei auf Ökotourismus.

alternative text
Die Achuar sind wesentlich an der Enstehung des Projekts beteiligt

Die Geschwindigkeit des Community-Boots auf dem Fluss hängt stark von der jeweiligen Strömung ab. Die meiste Zeit fährt das Tapiatpia-Team mit 14 km/h flussabwärts. Flussaufwärts geht es mit nur etwa 7 km/h. Das sind, mit dem Beiboot im Schlepptau, im Schnitt 10 km/h. Ohne das Hilfsboot kommt das Solarschiff auf 18 km/h (talwärts) und 10 km/h den Fluss hinauf. Dann liegt der Mittelwert bei 14 km/h.

Bei starker Strömung haben sie manchmal das Gefühl, sie stehen – Momente, an denen kritische Stimmen aufkommen. Aber genau dafür ist die Tour da: Um zu sehen, wo die Schwierigkeiten liegen und um herauszufinden, welche Motorisierung notwendig ist, um mit den Bedingungen vor Ort gut zurechtzukommen. Der elektrische Fisch erreicht seinen Zielort so gut wie unbeschadet. Die Verbindung der Gemeinden auf dem Wasserweg ist in Zukunft möglich. Der Traum ist wahr.

Oliver Utne hat das Projekt nicht alleine entwickelt. Alle Entscheidungen wurden und werden gemeinsam mit den Achuar und ihrer Organisation getroffen. Peter May, ein Elektroingenieur aus München, der bereits seit 30 Jahren an Solarprojekten im Amazonas-Gebiet arbeitet, unterstützt das Kara-Solar-Projekt von Beginn an. Gemeinsam wandten sie sich an Experten, Universitäten, Wissenschaftler und Bootskonstrukteure. Eine enge Zusammenarbeit mit verschiedenen Organisationen auf nationaler und internationaler Ebene, wie ALDEA, entstand. Bald wurde klar, dass das Projekt sowohl ökologisch als auch wirtschaftlich tragfähig ist.

alternative text
Eine der Anlegestellen auf der Strecke

Um herauszufinden, wie Kara Solar geografisch funktioniert, wurde eine Schiffbarkeitsstudie für die Flüsse in der Achuar-Region und eine Wasserkarte erstellt. In einer sozio-ökonomischen Grundlagenstudie wurde untersucht, wo es die größte Transportnachfrage gibt. Nach umfangreichen Studien am MIT, einer der bekanntesten Universitäten der USA, stellte sich heraus, dass das beste Rumpfdesign für das geplante Boot das traditionelle Amazonas-Dugout-Kanu ist.

Es zeigte sich auch, dass mit Ultraleicht-Solarmodulen genügend Energie erzeugt werden kann, um auf Ladestationen am Ufer verzichten zu können. Die Dachkonstruktion mit den Solarmodulen war der komplexeste Teil, weil das Dach so leicht wie möglich und gleichzeitig robust konstruiert werden musste. Im August 2016 war der Prototyp fertig, der – zum elektrischen Fisch gewandelt – nach der Erprobungsreise bald in den regulären Einsatz gehen soll.

Und weiter geht’s

Inzwischen gibt es ein Team, dass gerade ausgebildet wird: Als Skipper, als Techniker für Elektromobilität und Solarenergie und als Bootswart. In den Gemeinden wurden Frauen als Organisatorinnen an Land gefunden. Das Transport-Unternehmen Kara Solar wird mit Hilfe der Ältesten der Gemeinden gegründet, damit es anerkannt ist und in Zukunft eigenständig wirtschaften kann.

Um diese Schritte umsetzen zu können, braucht Kara Solar finanzielle Unterstützung. Gerade wurde eine Fundraising-Kampagne gestartet, um in den nächsten drei Monaten 100.000 Euro zu sammeln.

float fördert Kara Solar. Wenn auch Sie das Projekt unterstützen wollen, können Sie das hier tun: Crowdfunding Kara Solar

Mehr Informationen: Kara Solar

Diesen Beitrag kommentieren