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Tally Ho Leo sägt freihändig den geschwungenen Steven herunter © Leo Sampson
Refit-Projekt

Der Kettensägenkünstler

Nachdem die Spanten stehen, kauft Leo Sampson neues Holz für Planken und Deck der „Tally Ho“ und schwingt die Säge.

von
Tommy Loewe
in
4 Minuten

In den letzten Monaten wurde in Sequim im US-Staat Washington viel geschuftet. Das gut eingespielte Team von Leo Sampson schaffte richtig was weg. Im Zeitraffer sahen wir die Volunteers sägen, hobeln und Spanten aufstellen. So, dass selbst die Hühner sich erschreckten. Als mit vereinten Kräften der letzte Spant aufgestellt und festgeschraubt wurde, war klar: Das Projekt Tally Ho ist ein entscheidendes Stück weitergekommen.

Zum Schluss war Zeit zum Segeln in der Port Townsend Bay, wo auch alljährlich das Race2Alaska, die verrückteste Regatta der Welt, startet – zunächst auf dem Schoner Martha und später bei der Tally Ho Volunteers-Regatta mit kleinen Jollen vor Sequim.

Warten auf das Fashion Piece

Es fehlt nur noch das sogenannte „Fashion Piece“, das den Spiegel, die hintere Abschlussplatte trägt. Weil es schräg angesetzt wird, muss es anders vom Schnürboden abgenommen werden. Das erfordert noch einmal volle Konzentration von Meister Leo. Als die Schablone fertig ist, folgt die bittere Erkenntnis auf dem Holzplatz: Es findet sich nicht ein einziges Krummholz ohne Fehler für das schöne Stück.

Tally Ho
Finn sägt das Fashion Piece zu © Leo Sampson

Finn und Leo machen sich mit dem Pick-Up, Schablone und Kettensäge auf nach Port Townsend, wo sie bei einer befreundeten Werft die Holzstapel durchsuchen dürfen. Nach langem Suchen werden sie fündig. Die “Futtocks” sind zu stark und müssen an der Schiffsäge vorsichtig auf die richtige Stärke geschnitten werden. Schließlich sind sie fertig und angepaßt, mit dem Einbau läßt Leo sich aber noch Zeit.

Walaba und Angélique

Solange er sein Team noch beisammen hat, lagert die Crew mit viel Manpower neues Holz ein. Das Holz für Planken und Stringer hat Leo in Surinam geordert. Es ist ein 40-Fuß-Container voll mit Walaba- und Angélique-Holz. Walaba ist Hartholz, das von einem großen Stausee kommt. Es enthält viel Harz und Öle und bietet dadurch einen natürlichen Schutz gegen Fäulnis. Im Bootsbau ist es bestens geeignet für strukturelle Träger wie Stringer und Decksbalken.

Angélique hingegen ideal für Planken. Denn es ist besonders resistent gegen holzzerstörende Meeresbewohner wie den gefürchteten Teredo-Wurm. Es hat ähnliche Eigenschaften wie Teakholz, ist dabei sehr viel billiger. Und es kommt in sehr langen, breiten Bohlen ohne Astlöcher. Es ist viel dauerhafter als die weicheren, in Nordamerika heimischen Nadelhölzer.

Tally Ho
40 Fuß Container voll mit Walaba- und Angélique-Holz © LEo Sampson

Zertifiziertes, nachhaltiges Holz aus Surinam

Das Sägewerk, bei dem Leo das Holz gekauft hat, gehört einer surinamesischen Familie und ist sowohl durch FSC als auch die Rainforest Alliance zertifiziert, also nachhaltig produziert. Das kleine Land Surinam, zwischen Venezuela und Brasilien, geht sehr sorgfältig mit seinen Regenwäldern um und forstet in großem Maßstab wieder auf. Gut gemacht, Leo.

Die 40 Fuß langen Planken werden beim Holzhändler Edensaw im Port Townsend ausgeladen. Mit Laster, Teleskop-Stapler und vielen Mithelfenden werden sie in einen zur Darre („Kiln“) umgebauten Container eingeladen. Es ist heiß. Das Holz ist bei mehr als 50% Feuchtigkeitsgehalt verdammt schwer, und das Feierabendbier zum Schluß ist redlich verdient. Am Abend wird der Container geschlossen. Das Holz kann nun in Ruhe trocknen.

Leo genießt die Ruhe und trifft Entscheidungen

Wieder heißt es Abschied nehmen. Die komplette Crew verlässt die Werft mit geschundenen Händen – und mit dem festen Vorsatz wiederzukommen. Leo bleibt allein mit Hunden, Hühnern und Papagei Poncho zurück. Er genießt die Zeit. Er macht ein paar Arbeiten, die er gut alleine erledigen kann und ist glücklich: Die Tally Ho ist wieder komplett aufgespantet.

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Finished Framing! / Planking Timber (TALLY HO EP55)

Den September über lässt Leo es ruhig angehen. Er besucht das Holzboot-Festival in Port Townsend, verbringt ein paar Tage in den Bergen, um wieder runterzukommen nach den anstrengenden letzten Wochen. Und er macht sich Gedanken über das Holz für Decksbalken und -planken und das Kielschwein („Carlin“).

Er könnte die heimische Oregon-Eiche (die „Garry Oak“) verwenden, die es abgelagert nicht zu kaufen gibt. Frisch verbaut würde sich das Holz verwinden. Also entscheidet er sich für einen Mix: Western Red Cedar, ein sehr dauerhaftes und verwindungsarmes Nadelholz aus den nordamerikanischen Wäldern, nimmt er für die meisten Decksbalken und -schlingen. Purple Heart kommt, um die Festigkeit zu gewährleisten, für die strukturell tragenden Balken um den Mast zum Einsatz.

Neue Decksbalken

Die alten Decksbalken hat der Rost der Eisennägel so sehr zerfressen, dass sie unmöglich zu retten waren. Sie müssen also neu gebaut werden. Leo verbringt Tage am Computer. Er recherchiert, kalkuliert und holt Angebote ein. Zurück in der Werkstatt nimmt er die Maße für die Sponung vom Schnürboden ab. Das ist die dreieckige Nut, in der die Planken in Vor- und Achtersteven und den Kiel einlaufen.

Dann baut er eine Arbeitsplattform für den Gabelstapler, verspannt die beiden Steven-Enden mit einem Drahtseil und arbeitet den Top des Vorstevens mit Kreissäge, Oberfräser und Stecheisen schmaler.

Der oben eckige Vorsteven läuft weiter unten spitz zu, um die Wellen zu durchschneiden. Bei Yachten liegt der Übergang hoch, bei Arbeitsschiffen weiter unten. Bei der Tally Ho liegt er irgendwo dazwischen. Die Sponungsnut – sie verläuft parallel zur Außenkante von Kiel und Steven – wird mit dem Akkufräser eingeschnitten. Mit seinem Lieblings-Tools, der großen Stihl-Kettensäge, geht es weiter.

Tally Ho
Der Kettensägenkünstler mit seiner Stihl © Leo Sampson

Der Kettensägenkünstler

Mutig setzt er die Kettensäge in der luftigen Höhe der Plattform im Winkel des Wellenteilers an. Hier sägt er freihändig den geschwungenen Steven herunter – ein wahrer Kettensägenkünstler! Sicherheitshalber zieht er für diesen Job die Schnittschutzhose an, manchmal trägt er sogar einen Helm. Unglaublich, welche Energie der Junge hat. Die Kameras sind alle fest installiert, und auch „Poncho the Parrot“ hat wieder ihren Auftritt.

Was so mühelos aussieht ist, in Wirklichkeit die Arbeit vieler Stunden. Am Ende steht ein erschöpfter, aber glücklicher Leo Sampson vor der Kamera. Er hat zwar nicht viel geschafft, aber sein Bedürfnis nach körperlicher Arbeit ist befriedigt. Und er weiß wieder, warum er das alles auf sich nimmt.

Roughing-out the Stem / Timber Decisions (Tally Ho Ep 56)

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