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Die heute im Einsatz in den Polarmeeren laufende Polarstern wird abgelöst © AWI
Forschungschiff

Ein neuer Polarstern

Der Bau des neuen Forschungs-Eisbrechers Polarstern II kann beginnen. Das Schiff wird 30 Jahre Klimawandel begleiten.

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4 Minuten

Der Bundestag hat die Finanzierung des neuen Forschungseisbrechers Polarstern II bewilligt. Nun kann die Ausschreibung für das wichtigste Schiffbauprojekt der deutschen Forschungsflotte erfolgen. Die Polarstern II wird das Forschungsschiff Polarstern ersetzen, das seit 40 Jahren in die Arktis und Antarktis fährt. Es dient Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus der ganzen Welt als schwimmendes Forschungslabor in den extremsten Regionen des Planeten.

Die Polarstern hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Bundesrepublik Deutschland rasch nach dem Beitritt zum Antarktisvertrag eine führende Rolle in der Polar- und Meeresforschung erreichte. Damit das auch in Zukunft möglich ist, koordiniert jetzt das Alfred-Wegener-Institut (AWI) den Bau eines modernen, leistungsfähigen und nachhaltigen Nachfolgeschiffs.

Das AWI arbeitet dabei im Auftrag des Bundesforschungsministeriums. Mit dem Beschluss des Bundeshaushalts 2022 – das war am 3. Juni – kann nun das Vergabeverfahren starten. Das AWI plant, die europaweite Ausschreibung für den Neubau umgehend zu veröffentlichen. So kann der Teilnahmewettbewerb als erster Schritt des Vergabeverfahrens zeitnah starten.

Die tatsächliche Inbetriebnahme des neuen Schiffs liegt noch einige Jahre in der Zukunft. Für einen möglichst lückenlosen Übergang soll die notwendige Klassifikation, der sogenannte Schiffs-TÜV, der „alten“ Polarstern bis Ende 2027 verlängert werden.

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Zentrale Säule der deutschen Polarforschung

Als Forschungs- und Versorgungsschiff der Neumayer-Station III in der Antarktis ist die Polarstern eine zentrale Säule der deutschen Polarforschung. Seit seiner Indienststellung am 09. Dezember 1982 hat das Forschungsflaggschiff der Bundesrepublik Deutschland mehr als 1,8 Millionen Seemeilen zurückgelegt – und damit rechnerisch mehr als 82 Mal die Erde am Äquator umrundet.

Seit 1981 gehört die Bundesrepublik Deutschland dem Antarktisvertrag als Konsultativstaat an. Dass Deutschlands Engagement für den polaren Umwelt- und Klimaschutz Gewicht hat, hat seinen Grund im hohen Ansehen der deutschen Polarforschung. Nach einer Generalüberholung von 1999 bis 2001 zählt die Polarstern auch nach 40-jähriger Dienstzeit zu den leistungsfähigsten Forschungsschiffen der Welt. Zuletzt hat sie die einjährige Drift-Expedition MOSAiC am Nordpol absolviert – Eisbären als Nachbarn inklusive.

Polarstern II
Die aktuelle Polarstern bei der MOSAiC-Mission © AWI

Damit das AWI seine Polar- und Meeresforschung in den kommenden, für die Zukunft des Planeten entscheidenden Jahrzehnten be- und vorantreiben kann, wird das Vergabeverfahren für den Bau der Polarstern II von AWI selbst durchgeführt. Auch die Bauaufsicht und die Inbetriebnahme wird das Institut selbst koordinieren. Danach soll der neue Forschungseisbrecher die Polarstern vollständig ersetzen.

„Frühwarnsystem für die Folgen des Klimawandels“

Für Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger ist das ein wichtiger Schritt: „Ich freue mich sehr, dass der Weg für den Bau der neuen Polarstern II nun frei ist. Damit kann die deutsche Meeres- und Polarforschung nahtlos an die Erfolge der Polarstern anknüpfen, wie die MOSAiC-Expedition in die Arktis.“ Denn: „Die Polarregionen sind ein Frühwarnsystem für die Folgen des Klimawandels.“ Was heißt das?

Sie erlaubten einen tiefen Blick hinein in die Zukunft unseres Klimas und Wetters. „Es ist deshalb existenziell wichtig, dass wir die Vorgänge an den Polen noch besser verstehen“, so die Ministerin. „Denn gute Klimaforschung ist die Grundlage für besseren Klimaschutz.“ Die Polarstern II werde „als leistungsfähiges und nachhaltiges Forschungsschiff“ einen wichtigen Beitrag dazu liefern.

„Wir wollen ein Forschungsschiff bauen, das wie sein Vorgänger der internationalen Wissenschaft eine Basis bietet. Und die Möglichkeit eröffnet, in den extremsten Umfeldern der Welt den Puls unseres Planeten zu fühlen“, sagt AWI-Direktorin Prof. Dr. Antje Boetius. Das neue Schiff sei ein wichtiger Beitrag Deutschlands zur UN-Dekade der Ozeanforschung für nachhaltige Entwicklung, um die globalen Nachhaltigkeitsziele der UN-Agenda 2030 zu erreichen. Außerdem solle die neue Polarstern dank modernster Ausstattung und klimafreundlicher Technik „zu einer Botschafterin für Nachhaltigkeit in der Schifffahrt werden“, so Boetius.

Ein Luft- und Raumfahrtingenieur führt das Projekt

Koordiniert wird der Bau des neuen Forschungs- und Versorgungsschiffes von einem neu gebildeten AWI-Projektteam unter Leitung des Luft- und Raumfahrtingenieurs Detlef Wilde. Die Polarstern habe in 40 Jahren hohe Maßstäbe gesetzt, so der Koordinator. „Wir wollen diese Messlatte überspringen und der Wissenschaft mit der Polarstern II ein modernes, leistungsfähiges und nachhaltiges Schiff und damit eine mehr als würdige Nachfolgerin liefern.“

Polarstern II
Seit 40 Jahren ist die Polarstern jetzt im Dienst © AWI

Der erste Schritt des Vergabeverfahrens sei nun der demnächst beginnende Teilnahmewettbewerb, erläutert Detlef Wilde. Dabei ist eine europaweite Ausschreibung vergaberechtlich vorgeschrieben. Die geeigneten Bewerber werde man danach zur Abgabe von Angeboten auffordern.

Die Polarstern II wird unter sich verändernden Eis- und Witterungsbedingungen einsetzbar sein, damit das AWI langfristig seinen Forschungsauftrag erfüllen kann. Es geht darum, in den kalten und gemäßigten Regionen der Welt die komplexen Prozesse im System Erde zu entschlüsseln. Dafür wird das Forschungsschiff eine höhere Eisbrechleistung besitzen.

Einsetzbar unter sich verändernden Bedingungen

So kann es auch in die wenigen Gebiete vordringen, in denen das Eis für die heutige Polarstern zu dick ist, etwa das südliche Weddellmeer in der Antarktis. Die neue Polarstern soll eine Lebensdauer von mindestens 30 Jahren haben und auch im Eis überwintern können.

Sie muss modernstes Großgerät für tiefe Sedimentbohrungen beherbergen können und wird über einen sogenannten „Moonpool“ verfügen. Das ist eine geschützte Rumpföffnung im Schiff, damit komplexe Tauchroboter auch unter dem Eis tauchen können.

„Wir brauchen ein leistungsfähiges Schiff, das unter allen Eisbedingungen in Arktis und Antarktis einsetzbar ist und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern die Möglichkeit gibt, Beobachtungen und Daten aus den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Regionen zu liefern“, so Antje Boetius. „Dies sind Erkenntnisse, die unsere Gesellschaft dringend benötigt, um die richtigen Entscheidungen zu Klima-, Umwelt- und Naturschutz zu treffen.“

Höchste Energieeffizienz- und Umweltstandards

Die neue Polarstern II muss höchste Energieeffizienz- und Umweltstandards erfüllen. Dazu gehört eine deutliche Reduzierung der Stickstoffoxid-(NOx)- und Partikelemissionen durch den Einsatz von Abgasnachbehandlungsanlagen und Partikelfiltern. Dabei muss sicher sein, dass die Polarstern II auch in extremen Regionen sicher, effizient und verlässlich betrieben werden kann – fernab jeder Versorgung.

„Nach Abschluss des Ausschreibungsverfahrens und erfolgter Zuschlagserteilung sollte die Arbeit auf der ausgewählten Werft 2023 beginnen“, sagt Detlef Wilde. „Nach eingehenden Testfahrten auch im Eis ist die Inbetriebnahme des neuen Schiffs für 2027 geplant.“

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