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Die deutsch-dänische Reederei Scandlines hat die erste emissionsfreie Fähre in Auftrag gegeben © Scandlines
Innovation

Elektrisch auf der Vogelfluglinie

Die Reederei Scandlines baut eine Fähre mit Elektroantrieb. Sie ist auch eine Antwort auf die zukünftige Konkurrenz des Fehmarnbelt-Tunnels.

von
Roland Wildberg
in
3 Minuten

Die deutsch-dänische Reederei Scandlines hat die erste emissionsfreie Fähre in Auftrag gegeben. In drei Jahren soll sie auf der Vogelfluglinie zwischen Fehmarn und Dänemark Lastwagen befördern. Die weltweit erste Elektrofähre in dieser Größe hat eine Länge von 147 Metern. Die türkische Werft Cemre am Marmarameer wird sie bauen. Die Fähre, die noch keinen Namen hat, soll 66 Frachteinheiten über den Fehmarnbelt befördern. Das entspricht Lastwagen mit einer Gesamtlänge von 1200 Metern.

Drei Maschinen leisten jeweils 1,5 Megawatt. Gespeist werden sie von Akkus mit einer Kapazität von zehn Megawattstunden. Das entspricht etwa 175 mittelgroßen Elektroauto-Akkus. Die Energiespeicher des neuen Schiffstyps sollen mit regenerativem Strom aufgeladen werden. Dazu hat Scandlines bereits 2019 den Fährhafen Rødbyhavn auf Lolland über ein 50-Kilovolt-Kabel mit dem dänischen Stromnetz verbunden. Diesen Anschluss lässt die Reederei derzeit bis zu den Fähranlegern verlängern. Später könnte auch das Gegenüber auf der Insel Fehmarn eine eigene Ladestation erhalten.

Die Elektrofähre wird mit 18 Knoten Arbeitstempo rein elektrisch in einer Stunde den Fehmarnbelt überqueren können. Da auch Dieselmaschinen an Bord sind, ist ein Hybridbetrieb möglich, der die Fahrtzeit auf 45 Minuten reduzieren würde. Scandlines erklärt den Auftrag mit wachsender Nachfrage: „Mit dieser zusätzlichen Kapazität können wir dem nachkommen“, zitiert die Pressemitteilung den Reederei-Geschäftsführer Carsten Nørland. Allein 2021 sei die Nachfrage im Güterverkehr um 21 Prozent gewachsen.

Hybridantrieb ist bei Scandlines bereits etabliert: 2013 rüstete die Reederei ihre 16 Jahre alte Fähre „Prinzesse Benedikte“ um. Das zuvor dieselelektrisch betriebene Schiff fährt seitdem auf der Vogelfluglinie mit 2,7 Megawattstunden großen Akkus, die es bis zu 30 Minuten ohne Verbrennungsmotor fahren lassen könnten. De facto ist die Maschine nie aus. Sie produziert beständig Energie, die entweder direkt auf die Propeller oder als Überschuss in die Akkus geleitet wird. Zusammen mit weiteren Maßnahmen zur Effizienzsteigerung konnte der Energieverbrauch der 142 Meter langen Fähre um 15 Prozent reduziert werden. Sauberer Elektroantrieb in der Großschifffahrt ist bisher auf Pilotprojekte beschränkt gewesen.

Fehmarnbelttunnel
Der Energieverbrauch der 142 Meter langen Fähre konnte um 15 Prozent reduziert werden © Scandlines

Frühe Reaktion auf Fehmarnbelttunnel

Inzwischen sind sechs von acht Fähren mit Hybridantrieb ausgestattet. Die EU bezuschusste die Umbauten. Das neue Schiff ersetzt die zwei letzten Fähren mit Dieselmaschine, die 45 Jahre alte „Holger Danske“ und die 40 Jahre alte „Kronprins Frederik“. Diese „nächste Generation“, so kündigt Scandlines die Elektrofähre an, lässt sich durch modulare Bauweise auf veränderte Nachfrage anpassen: „Damit erreichen wir größte Flexibilität, wenn wir das Schiff später einmal auf Pkw-Beförderung umstellen“, sagt Scandlines-Pressesprecherin Anette Ustrup Svendsen zu float.

Das ist auch eine frühzeitige Adaption auf die Herausforderungen durch den Fehmarnbelttunnel, der voraussichtlich 2029 den Betrieb zwischen Fehmarn und Lolland aufnimmt. Zwar soll das Bauwerk unter dem Fehmarnbelt bis auf unbestimmte Zeit mautpflichtig sein, doch schon jetzt ist gewiss, dass der Fährverkehr auf dieser Linie ebenso wie auf der Verbindung Rostock-Gedser heftige Konkurrenz erhält.

Fehmarnbelttunnel
Fehmarnbelttunnel nimmt vorraussichtlich 2029 den Betrieb zwischen Fehmarn und Lolland auf © Copyright

Scandlines will den Betrieb fortführen

„Wenn der Tunnel eröffnet ist, werden sich die Marktbedingungen verändern – daher ist es für uns sehr wichtig, flexibel zu bleiben“, so Ustrup Svendsen. Experten gehen davon aus, dass Scandlines bis zu 70 Prozent seines Geschäfts verlieren könnte und überdies die Preise stark senken muss. Es wird damit gerechnet, dass die Einbrüche vor allem im Lastverkehr zu erwarten sind.

„Um das noch einmal klar zu machen: Scandlines wird weitermachen, auf beiden Routen!“, so die Reederei-Sprecherin zu float. Man würde gewiss nicht in eine Zero-Emission-Fähre investieren, wenn man über eine Aufgabe der Schiffsverbindung nachdenke. Dazu passt, dass bei Großschiffen eine Betriebszeit von 30 Jahren üblich ist. Allerdings erlaubt die Flexibilität des Schiffs Scandlines eben auch, es bei erkennbarer Ineffizienz der Relation nach Belieben jenseits vom Fehmarnbelt einzusetzen.

Der Naturschutzbund (NABU) jedenfalls begrüßt die Entscheidung der Reederei. „Das Projekt ist beispielgebend für die ganze Branche“, sagt Leif Miller, Bundesgeschäftsführer vom NABU. Scandlines senke damit nicht nur die eigenen Emissionen erheblich, sondern beweise auch, dass sogar Hochseeschiffe bereits komplett ohne Treibhausgas- und Luftschadstoffemissionen fahren können. Deutschlands größter Umweltschutzverband begleitet die Reederei seit vielen Jahren als Kooperationspartner.

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