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Hier verstecken sich zwei Rümpfe: Der Fountaine Pajot MY4S sieht man den Kat von hinten nicht an © Werft Hier verstecken sich zwei Rümpfe: Der Fountaine Pajot MY4S sieht man den Kat von hinten nicht an © Werft
Premiere Fountaine Pajot MY 4.S

Wie man ein Schiff verlängert

Der Modellname der Fountaine Pajot MY 4.S wirkt größer als die Bootslänge. Dennoch ist der Familien-Kat ein Raumschiff.

von
Roland Wildberg
in
5 Minuten

Was auf See nicht passt, wird an Land passend gemacht: Die „Homeric“ war kaum zwei Jahre in Fahrt, das wurde sie im Jahr 1986 zur Meyer Werft in Papenburg zurückbeordert. Dort schnitten Schiffbauer das noch fast neue Kreuzfahrtschiff einmal mitten durch und fügten ein 39 Meter langes Segment ein. Renoviert, frisch angestrichen und nunmehr 243 Meter lang, ging der Luxusliner wieder in See – bis heute, als eines der ältesten im Dienst befindlichen Kreuzfahrtschiffe.

Die südfranzösische Werft Fountaine Pajot machte es sich einfacher: Sie hat Teile ihrer Motoryacht-Flotte über Nacht ein bisschen länger gemacht – allerdings nur auf dem Papier. Allen voran die brandneue Fountaine Pajot MY 4.S – die „4“ findet sich in den technischen Daten nicht wieder: Der Motor-Katamaran ist elf Meter lang, also 36 Fuß.

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Das 4,75 Quadratmeter große Sonnendeck nennt die Werft treffend Solarium © Werft

Eine virtuelle Massentaufe

Drei Schiffe haben die Franzosen dieser Prozedur unterzogen. Das führte zu einer virtuellen Massentaufe: Aus der MY 37 wurde die MY 4, aus der MY 40 die 5, aus der MY 44 die MY 6. Wie das, hat Fountaine Pajot einfach nur sehr großzügig aufgerundet? Tatsächlich steckt ein längerer Gedankengang hinter diesem Schachzug: „Die Motoryachten von Fountaine Pajot bieten viel mehr Platz als alle anderen Boote, mit denen sie verglichen werden“, sagt der stellvertretende Geschäftsführer Romain Motteau.

  • InteriorMit optionalem Elektromotor kann das Oberlicht geöffnet werden © Werft
  • InteriorDie Niedergänge befinden sich rechts und links vom Steuerstand © Werft
  • InteriorIn der Quattuor-Version sind in jedem Rumpf zwei Kabinen untergebracht © Werft
  • InteriorDie Topversion reserviert den Backbord-Rumpf für das Eigner-Paar © Werft

Um die Vergleichbarkeit wieder herzustellen, wurden also sämtliche Produkte virtuell verlängert. Das zeigt, dass Motor-Katamarane nach wie vor ein gewisses Imageproblem haben – auch wenn Fountaine Pajot beteuert, „sich einen legitimen Platz auf dem Motoryachtmarkt erobert“ zu haben. Mit der neuen Namensnennung sei man jetzt „noch selbstbewusster“.

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In der Tat war die vor drei Jahren von uns getestete MY 44 ein Meilenstein – auch in der Wahrnehmung der Profis. Unser Testautor Arek Rejs schrieb nach seiner Probefahrt mit dem größeren Vorgänger, dies sei der erste Motor-Kat für Familien, der ihn überzeugt habe. Und viel Platz für Familien bietet die 2021er Premiere ebenfalls.

Die Werft rechnet vor, dass die neue MY 4.S mit ihren 36 Fuß so viel Platz an Bord bietet wie eine Monohull-Yacht mit 40 bis 45 Fuß Rumpflänge. Und auch wenn die Aufrundung etwas von einem Zaubertrick an sich hat, erscheint es doch nachvollziehbar: Wer jemals auf einem Katamaran mitgefahren ist, weiß dieses Mehr an Platz zu schätzen. Was heißt das konkret?

Das Beste aus zwei Welten

Erst recht bei einem Motor-Katamaran, der das Beste aus zwei Welten verkörpern will – und das auch einlöst. Er verbindet die Effizienz und das Platzangebot der doppelten Rümpfe mit der Unabhängigkeit von Wind und Welle, die nur ein Motorboot bieten kann. Die Zweirümpfer sind dabei so praktisch, dass sie in manchen Kreisen als reizlos gelten. Und das ungeachtet der Tatsache, dass der hohe Nutzwert für sich genommen schon einen Wert darstellt, insbesondere bei knapper Freizeit.

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Das Dach ragt weit nach hinten, so wird das Freideck gut beschattet © Werft

Interssant ist, dass die Werft diese Boote bereits in der Typenbezeichnung „Motoryacht“ nennt – hier ist die Bauart einfach normal, keiner besonderen Erwähnung wert. Auch beim neuen Modell, der MY 4.S, würde auf den ersten Blick niemand vermuten, dass es sich um ein Multihull-Schiff handelt. Denn wer auf das Heck schaut, erkennt anfangs keine zwei Rümpfe. Das ist typisch für alle Entwürfe dieser Werft: Ihre Silhouetten sehen der von Monohulls zum Verwechseln ähnlich.

Sporttop für niedrige Brücken

Anders als ihre größeren Geschwister hat die neue Fountaine Pajot MY 4.S ein Sportop (das ist mit dem „S“ gemeint). Sie besitzt also kein Oberdeck mit offenem Steuerstand. Das Boot ist damit flacher und damit interessant für viele Binnenreviere, in denen Brückendurchfahrten Schiffen mit hohen Aufbauten den Weg versperren. Auch der geringe Tiefgang von 80 Zentimetern erlaubt es, Zonen anzusteuern, die anderen unerreichbar sind.

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Zum Freideck gehört eine Sitzgruppe, dahinter liegt die Badeplattform © Werft

Dennoch soll die Fountaine Pajot mehr Platz bieten als ein zwei Meter längeres Einrumpfboot. „Fast ein Drittel mehr Komfort“, umschreibt es die Werft. Ob das sein Äquivalent in Quadratmetern findet, wird man später nachmessen müssen. Einen besonderen Schwerpunkt haben die Schöpfer auf Helligkeit gelegt: Die Kabine ist „gebadet in Licht“, auch die beiden Unterdecksbereiche im Backbord- und Steuerbordrumpf erhalten durch große Fensterflächen ihren Platz an der Sonne.

Zwei Konfigurationen

Das jüngste Kind im Werft-Portfolio ist in zwei Konfigurationen zu haben: Die Version Maestro reserviert den Backbord-Rumpf für eine Eignersuite, wobei die Kabine im Heck so groß ist wie jede andere. Doch davor gibt es durch ein separates Zimmer, in das der Niedergang führt, zusätzlichen Platz – inklusive einer kleinen Couch. Allein die Fensterfläche im Bereich der Koje ist mehr als einen halben Quadratmeter groß.

Das Bad im Bugbereich ist zwar winzig, profitiert aber von einem fast ebenso großen Umkleidebereich mit zwei festen Sitzgelegenheiten davor. Insgesamt ergibt das immerhin neun Quadratmeter Privatsphäre. Die Version Quatuor spart sich diese – und teilt beide Rümpfe brüderlich in vier Kabinen auf. Sie teilen sich jeweils ein (noch) kleineres Bad auf Höhe des Niedergangs.

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Die Eignerkajüte mit großen Fenstern im Backbordrumpf © Werft

Salon mit Sonnendach

So sparsam der Platz unter Deck, so großzügig ist er darüber: Der Salon des Motorkatamaran bietet breite Durchgänge. Es gibt mehrere Rückzugsorte. Zusätzlich zur Sitzgruppe mit großem Tisch gegenüber der Pantry haben die Designer auch eine Sitzecke direkt neben dem Steuerstand eingerichtet. Im sacht ansteigenden Dach öffnet sich ein Oberlicht, dass zur Belüftung mittels eines Elektromotors aufgeschoben werden kann.

Als Einrichtung sind unter anderem ein großer Kühlschrank mit 130 Liter Fassungsvermögen, Mikrowelle und Gasherd (alles von der Optionsliste) sowie Staufächer von insgesamt 518 Liter vorgesehen. Zum Vergleich: Der Kofferraum eines VW Golf bietet etwa halb so viel Ladevolumen. Insgesamt umfasst der Wohnbereich der MY 4.S nach Angaben der Werft eine Fläche von 18 Quadratmetern.

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Auch die Silhouette des MY4.S ähnelt der eines Einrumpf-Bootes © Werft

Hinter dem Salon liegt das Freideck. Seine Dimensionen sind gut für eine Tanzfläche, am Heck genügt eine Liegezone zwei Sonnenbadenden zugleich. Sie verblasst allerdings angesichts des Solariums auf dem Vorschiff: Auf 4,75 Quadratmetern können hier weiter zwei bis drei Badegäste braten. Damit nicht genug: Auch die Badeplattform am Heck hat ein beachtliches Format. Ihre Abmessungen führen auch dazu, dass die MY 4.S von hinten auf den ersten Blick als Motorkatamaran nicht erkennbar ist.

Das halbe Mittelmeer mit einer Tankfüllung

Um so deutlicher punktet der Doppelrumpf bei ihren Fahrleistungen: Angetrieben von zwei 150 PS starken Yanmar-Innenbordern, erreicht der Kat ein Tempo von bis zu 22 Knoten, das sind rund 40 km/h.

Die hohe Effizienz, die nur ein Katamaran bietet, erlaubt einen Aktionsradius von bis zu tausend Seemeilen. Das entspricht ungefähr der Reisedistanz zwischen Gibraltar und Catania auf Sizilien – das halbe Mittelmeer in einer Tankfüllung…

Auch eine stärkere Motorisierung mit zwei 250 PS starken Maschinen ist möglich. Damit lässt die Fountaine Pajot MY 4.S auch größere Einrumpfyachten mühelos hinter sich, ganz ungeachtet ihrer tatsächlichen Dimensionen. Motorkatamarane, ob nun mit Verbrennungsmotor oder elektrisch angetrieben, haben eben diverse Vorzüge. Man muss sie dazu nicht einmal verlängern.

Technische Daten Fountaine Pajot MY 4.S

Länge: 11,00 m
Breite: 5,10 m
Tiefgang: 0,80 m
Gewicht: 9.500 kg
Profil: 3,78 m
Motorisierung: 2 x 150 PS (Yanmar-Diesel)

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