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Tally Ho © Leo Sampson
Refit-Projekt

Halbzeit für Leo Sampson

Beim Wiederaufbau der „Tally Ho“ ist einer der wichtigsten Bauabschnitte abgeschlossen. Der Vorsteven steht.

Tommy Loewe
von in
4 Minuten

Die finale Phase eines der wichtigsten Bauabschnitte beim Wiederaufbau der „Tally Ho“ ist abgeschlossen. Der 1910 von Albert Strange konstruierte Pilot-Cutter hat jetzt einen neuen Vorsteven – ein großer Schritt für Leo Sampson und seine beiden Volunteers Renaud und Rowan.

Wir befinden uns auf dem Bauplatz für das Refit-Projekt in Sequim. In Washington State ist noch Sommer. Die Hunde tollen herum, und Papageiendame Poncho hat ein waches Auge auf das Geschehen rund um den Aufbau des neuen Vorstevens. Vier massive Teile aus 10-zölligem Purple-Heart-Bauholz (Amaranth) haben die drei in der letzten Episode zugeschnitten und angepasst. Jetzt erfolgt der finale Zusammenbau.

Tally Ho

Ein Windriss muss noch aufgefüllt werden © Leo Sampson

Vorher muss noch ein „Thunder Shake“ (Windriss) im Holzstück für den Vorsteven mit einem „Graving Piece“ (Spund) aufgefüllt werden. Das Stück muss ziemlich groß sein, dabei der Holzfaser folgen und genau passen. So schneidet und hobelt Leo das Spundholz. Er fertigt eine Führung für die Oberfräse, bohrt mit dem großen Forsterbohrer das schlechte Holz aus dem Stevenholz und stemmt den Rest mit dem Stechbeitel aus. Dann glättet er die Flächen mit dem Oberfräser. Zum Schluss wird das dreieckige Stück mit Polyurethan-Leim eingesetzt und verputzt – so sauber wie immer, man sieht kaum die Leimnähte.

Tally Ho

Der eingearbeitete Spund passt perfekt © Leo Sampson

Probeeinbau mit vielen Zwingen

Derweil entfernen die Volunteers die Nägel und Bolzen aus den alten Planken, damit das Holz weiter verwendet werden kann. Außerdem müssen noch die schon stehenden Spanten am Kiel verschraubt werden. Anschließend geht es gemeinsam an die Bug-Sektion, bestehend aus Mastfuß, Vorfuß, Stevenknie und Vorsteven. In alle Stücke werden Aussparungen für Keile eingeschnitten, die den exakten Zusammenhalt gewährleisten sollen.

Tally Ho

Auf Eisenrollen wird der Kielbalken ins Schiff geschoben © Leo Sampson

Mit Gabelstapler, Eisenrollen, Manpower und vielen Schraub- und Klemmzwingen macht das Team den Probe-Einbau. Dafür werden alle Auflageflächen mit dickem Teerfilz ausgelegt. Nachdem der Mastfuß mit dem Linienlaser ausgerichtet ist, kommt der Vorfuß drauf. Dahinter wird das Knie gesetzt und schließlich der eigentliche Vorsteven als oberer Abschluss.

Mit Seilen ziehen Reaud und Rowan den Steven in Position. Auf den Bugaufbau werden letzte Maße vom Schnürboden übertragen. Und die genaue Länge von Achter- bis Vorsteven wird überprüft. Leo freut sich, denn die Abweichung zum Schnürbodenmaß beträgt nicht mehr als 1/8 Zoll. Das sind weniger als 5 mm.

Tally Ho

Bolzenlöcher in Hartholz bohren © Leo Sampson

Hartholz zu bohren ist kein Kinderspiel

Die Bolzenlöcher in 30 cm Hartholz zu bohren ist kein Kinderspiel. Die Bohrung muss genau rechtwinklig sein. Der Schneckenbohrer dabei immer wieder heraus gezogen werden. Sonst würde der Bohrer sich in den Spänen festfressen und die schwere Maschine schlagen – nicht ungefährlich. Auch das Einsenken der Löcher für die Scheiben und Muttern von unten erfordert viel Kraft, manchmal auch beide Füße.

Tally Ho

Leo drückt den Bohrer mit der Kraft seiner Füße © Leo Sampson

Ein weiterer schwieriger Arbeitsschritt ist das keilförmige Absägen des Kielbalkens mit der Kettensäge – das ist notwendig für die harmonische Bugkurve – quer und von unten! Alles läuft sehr sauber und sicher ab. Und auch der Spaß kommt nicht zu kurz, wenn Rowan und Renaud eine kleine Drum-Session auf dem Mastfuß machen. Oder wenn Leo und Rowan ihr Brainstorming beim Wippen auf dem Vorsteven erledigen.

Tally Ho

Brainstorming beim Wippen © Leo Sampson

Es wird ernst

Einmal wird das Bug-Ensemble noch abgebaut, dann wird es ernst: Alle Flächen werden erst mit Leinöl eingepinselt und dann dick mit Teer respektive Bitumenspachtel bestrichen und mit Teerfilz abgedeckt. Das ist Drecksarbeit, aber wichtig für den dauerhaften Erhalt des Holzes. Nun werden die vier Teile wieder aufgebaut. Mit einem selbstgebauten glatten Bohrer ohne Schneide werden die Bolzenlöcher ausgerichtet und schließlich mit den Siliziumbronze-Bolzen verschraubt.

Unter die Scheiben kommt noch eine Packung aus Kalfat-Baumwolle, damit die Löcher kein Wasser ziehen. Für das Einschlagen der Bolzen hat Leo einen dicken Holzhammer, aber am Abend auch einen lahmen Arm.

Tally Ho

Fest verbolzt steht der Bug © Leo Sampson

Die letzten Keile werden gesetzt, und dann steht der Bug endlich, festgebolzt für die nächsten 100 Jahre. Stolz ragt der neue Vorsteven in den Himmel. Es fehlt nur noch ein Drachenkopf wie bei den Wikingern, aber das war 1.000 Jahre vor dem erstem Stapellauf der Tally Ho.

Zwei Jahre und 52 Videos

Zwei Jahre und 52 Videos hat es gebraucht, um an diesen Punkt zu kommen. Es ist ein Meilenstein. Denn nun ist das gesamte Rückgrat, die so genannte Centerline des alten Kutters wieder komplett. Und die nächste Frame-Raising-Party kann kommen. Jetzt sind es auch nur noch zwei Jahre bis zum neuen Stapellauf, wie Leo launig bemerkt. Halbzeit quasi.

Leo ist voll Enthusiamus und zeigt keine Spur von Ermüdung. Man merkt ihm die Erleichterung an. Es scheint wirklich ein genialer Spirit auf dem Bauplatz zu herrschen. Egal, welche neuen Volunteers kommen: Leo hat es im Griff, ihnen ein guter Lehrer und Motivator zu sein und sie bei Laune zu halten. Das liegt vielleicht auch nicht zuletzt an Ceccas guter Küche.

Replacing the bow on a vintage wooden boat / Rebuilding Tally Ho EP52

 

Wer das Tally-Ho-Projekt unterstützen möchte, kann das hier tun.

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