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Amphicar in Berlin © Roland Wildberg Auch routinierte Fahrer genießen jedes Mal den Augenblick, wenn das winzige Auto in die Fluten flitzt. © Roland Wildberg
Amphicar

Plitsch-platsch in die Spree

Vor gut 60 Jahren entstand der Amphicar. Einige der Schwimmwagen haben überlebt. Wir sind mit einem Autokapitän aufs Wasser gegangen.

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9 Minuten

Es gibt diesen einen, etwas würdelosen Moment im Dasein eines Amphicar-Kapitäns: Wenn er sich unmittelbar vor der Wasserung unter das Heck hocken muss, um noch den Stopfen anzubringen. Der Stopfen dichtet die Bilge des Schwimmwagens ab. Fehlte er, liefe das Auto in Minuten voll. Ohne diese Handlung wäre der (sic!) Amphicar das, wonach er aussieht: eine bleierne Ente.

  • Amphicar in Berlin © Roland WildbergHinter den Propellern befindet sich der Ablauf mit Stopfen © Roland Wildberg
  • Amphicar in Berlin © Roland WildbergDer Einbau vor der Wasserung ist eine ziemliche Fummelei © Roland Wildberg
  • Amphicar in Berlin © Roland WildbergIst der Stopfen drin, kann der Törn beginnen © Roland Wildberg

Aber mit Stopfen drin bleibt das Wasser draußen. Ächzend fummelt Sebastian Herrmann über Kopf an dem Auslass herum, der einem Badewannen-Ablauf ähnelt. Es ist mühsam, aber nützt ja nix … Endlich sitzt der Stopfen fest drin.

Von Land- auf Seegetriebe

Der eigentliche Akt des In-See-Stechens ist dann überraschend unspektakulär: Herrmann startet das 38-PS-Motörchen im Heck, löst die Feststellbremse und rollt im Schritttempo die Sliprampe hinunter.

Amphicar in Berlin
Bei Vollgas gibt's heftige Hecksee ...
Amphicar in Berlin
... und oft bleibt Grünzeug hängen © Roland Wildberg

Plitsch-platsch! geht es in die Spree, und dann schwimmt das leuchtend orangefarbene Blechding auch schon. Ein Farbklecks in den Fluten. Jetzt noch ein schneller Handgriff, und der Motor ist vom Land- auf das Seegetriebe umgesteuert.

Dann treibt der Vierzylinder nicht mehr die Hinterräder, sondern zwei kleine Kunststoffpropeller im Heck an. Bis zu 12 km/h schaffen sie und machen dabei eine gewaltige Welle.

Der ungekrönte Entenkönig

So wie das Getriebe schaltet auch sein Besitzer augenblicklich um: vom gestressten Autofahrer zum tiefenentspannten Wassersportler. Herrmann holt eine Pulle Bier – natürlich alkoholfrei – hinterm Sitz hervor und setzt ein sonniges Lächeln auf.

  • Amphicar in Berlin © Roland WildbergBei Fahrt durchs Wasser steht der Tacho – die Räder drehen sich ja nicht © Roland Wildberg
  • Amphicar in Berlin © Roland WildbergBei Marschfahrt, etwa 5 km/h, ist die Hecksee im Rückspiegel kaum erkennbar © Roland Wildberg
  • Amphicar in Berlin © Roland WildbergWenn die Bilgepumpe arbeitet, krümmt sich ein lustiger kleiner Pinkelstrahl übers Heck © Roland Wildberg

Spätestens jetzt wird der Ingenieur zum Öffentlichkeitsarbeiter – im Dienst des Amphicars. Oder aber: ungekrönter Entenkönig, denn von allen Seiten werden ihm jetzt Ovationen entgegengebracht.

Dutzende Handys und Fotokameras richten sich nach dem ulkigen kleinen Auto aus, von entgegenkommenden Booten wird gewunken, gelacht und gescherzt. Auch am nahen Ufer machen die Menschen Augen.

„Ey, ihr habt euch verfahren!“

„Man muss das lieben“, sagt Herrmann, und lächelt selig. Vom Ufer winkt ein Schmerbauch in Badehose: „Ey, ihr habt euch verfahren – zur Stadtautobahn geht‘s da lang!“

  • Amphicar in Berlin © Roland WildbergAmphicar-Logo auf der Fronthaube © Roland Wildberg
  • Amphicar in Berlin © Roland WildbergIm Lenkrad prangt das Lübecker Holstentor. In der Hansestadt wurden die ersten Amphicars gebaut © Roland Wildberg
  • Amphicar in Berlin © Roland WildbergStilreine 1960er-Jahre: die seitliche Chrom-Typenschrift © Roland Wildberg

Der Skipper hupt und prostet dem Badegast zu. Solche Sprüche und Gesten wiederholen sich alle paar Minuten, denn die Spree ist an diesem Septemberabend dicht gesäumt von jungen und alten Sonnenanbetern.

Auf der Brücke vor uns steht ein gutes Dutzend Passanten mit Kameras aller Art. Sebastian grüßt leicht theatralisch, während die Zuschauer sein Gefährt ablichten. Mit einem Amphicar ist man immer Fotomodell.

Erlebnisse, die keiner sonst hat

Und man hat Erlebnisse, die niemand anders hat. René Pohl, ein alter Freund von Herrmann, schildert eine solche Anekdote: „Wir machten am Gardasee Urlaub.“ Irgendjemand erzählte von einer famosen Pizzeria am anderen Ufer. Also fuhr Familie Pohl abends im Amphicar hinüber.

Weil man dem Lambrusco zusprechen wollte, sollte die Rückfahrt quer übern nächtlichen See führen. Doch als Pohl nach dem Festmahl leicht besäuselt aus der Pizzeria stiefelte, sah er die Bescherung: In der Zwischenzeit war ein Gewitter aufgezogen. „Die Wellen schäumten und glänzten im Mondlicht“, erinnert sich Pohl.

Was nun? Die Pohls hatten ihren vierjährigen Sohn dabei. Das Kleinkind an Bord musste zeitig ins Bett, auf der Landstraße lauerte die Polizia – also hinein ins Vergnügen.

Scheinwerferleuchten im See

Was folgte, war eine echte Sturmfahrt im Oldtimer. „Unglaublich“, erinnert sich der Amphicar-Kapitän. Da das Ziel im Auf und Ab der Wellen kaum erkennbar war, navigierte er nach dem beleuchteten Gipfelkreuz des 216 Meter hohen Rocca di Manerba am östlichen Seeufer.

„Jedes Mal, wenn wir eine Welle heruntersurften, tauchte die Windschutzscheibe fast komplett ins Seewasser ein, und die Scheinwerfer leuchteten den grünen Gardasee aus.“ So konnte Pohl die Ketten einiger Mooringbojen rechtzeitig erkennen und entsprechend drumherum kurven.

Probleme gab es erst, als größere Wassermengen übers Verdeck und durch die Lüfterkiemen achtern (der Amphicar hat Heckmotor) in den Maschinenraum fluteten. Der Vierzylinder ist zwar gekapselt, überkommendes Wasser befördert eine serienmäßige Bilgepumpe auf Knopfdruck außerbords. Doch teilweise verdampften die Wassermassen am heißen Auspuffkrümmer und gerieten über die Heizung als Nebel in den Fahrgastraum. „Da hatten wir Sauna.“ Die Scheiben beschlugen; Pohl konnte sein Ziel nicht mehr ausmachen.

Eine Böe fegt Wasser ins Schiff

Also kurbelte die Besatzung die Seitenscheiben ihres Speedboots etwas herunter. Die Frischluftzufuhr reichte, um einigermaßen die Sicht durch die Frontscheibe zu gewährleisten.

Eine Böe habe dann allerdings urplötzlich Wasser ins Schiff gebracht: „Der Kleine bekam das meiste ab“, erzählt Pohl. Er rechnete schon mit einem Panikanfall und heftigem Geschrei, doch sein Sohn habe sich nur geschüttelt und strahlend verkündet: „Jetzt bin ich aber richtig nass geworden, Papa!“

Nach einer Dreiviertelstunde erreichten Amphicar und seine Crew wohlbehalten das Ostufer. „Das meine ich: Sie fühlen sich so was von frei“, schwärmt der Niedersachse.

Ärmelkanal zu zweit überquert

Amphicar in Berlin © Roland Wildberg
Gesteuert wird wie an Land mit den Vorderrädern. Unter der Haube sind Tank und Reserverad verstaut © Roland Wildberg

Verantwortungslos? Die Seetüchtigkeit des Amphicars hat sich schon während seiner Bauzeit gezeigt. Eine Überquerung des Ärmelkanals geriet in den späten 1960er-Jahren zum PR-Schlager. Werbewirksam wurde der Hamburger Wasserschutzpolizei ein Schwimmwagen übergeben, auch einige Feuerwehren und Wasserretter erhielten ein Spenden-Auto.

Amphicar-Kapitäne schwören auf ihre Unsinkbarkeit – sofern der Stopfen fest ist. Was gern mal vergessen wird. Auch Sebastian Herrmann kennt dazu die passende Anekdote: Bei einem Clubtreffen in Schweden zeltete die Community auf einer Insel im See.

Eine skurrile kleine Fontäne

Die Party tobte, irgendwann war das Bier aus. „Also musste einer aufs Festland und Nachschub holen.“ Offenbar war der Pegel schon recht hoch, denn der Fahrer vergaß die Gedenkminute unterm Wagen.

Auf halber Strecke tauchte sein Amphicar ab, er musste zurückschwimmen. „Am nächsten Tag haben wir seinen Wagen herausgeholt, er lag nicht tief.“ Da es wenig Elektrik und null Elektronik in dem Auto gibt, kann auch nicht viel kaputtgehen. Nach ausgiebiger Trocknung sei der getaufte Amphicar anstandslos angesprungen.

Amphicar in Berlin © Roland Wildberg
Der Fahrer muss einen Sportbootführerschein haben © Roland Wildberg

Herrmann wirft einen Blick außerbords und zieht dann an einem Knopf neben dem Tachometer. Unhörbar springt die Bilgepumpe an, aus dem Heck spritzt eine skurrile kleine Fontäne in die Spree.

Manche Besitzer klettern lieber

„Da muss ich demnächst mal ran“, sagt der Besitzer. Offenbar eine kleine Undichtigkeit, alle 20 Minuten ist die Pumpe an der Reihe. Irgendwo drückt es durch, möglicherweise sind es die Türdichtungen.

„Bei Treffen sieht man auch Amphicars, deren Türen mit Klebeband abgeklebt sind“, sagt Herrmann. Manche Besitzer klettern lieber über die geschlossene Tür, als den Defekt zu reparieren.

  • Amphicar in Berlin © Roland WildbergNeben den Yachten wirkt der Amphicar spielzeugklein © Roland Wildberg
  • Amphicar in Berlin © Roland WildbergZwei Plastik-Propeller werden vom Seegetriebe angesteuert © Roland Wildberg
  • Amphicar in Berlin © Roland WildbergVorne auf der Haube befindet sich die Zweifarbenlaterne © Roland Wildberg

Jaja, der Amphicar und der Reparaturaufwand – viele Gerüchte ranken sich um die Konstruktion; insbesondere um den Wartungsbedarf. Oft wird erzählt, dass die Vorbereitung auf die Wasserfahrt weit mehr Zeit in Anspruch nimmt als der Törn selbst.

Schmiernippel mit Fett versorgen

Herrmann lacht. So schlimm sei es nicht – 1:1 ist nach seiner Einschätzung etwa das Verhältnis zwischen Präparation und Praxis. Gefürchtet: die Schmiernippel, die vor der Fahrt mit frischem Fett versorgt werden müssen.

Wie viele es sind, darüber widersprechen sich die Quellen. Einige reden von 13, andere von 18. Wer die Arbeit kennt, findet nicht viel dabei.

Das Aufbocken, die Zeit unterm Wagen, die Suche nach Fehlern und Macken – das wird alles entschädigt durch die entspannten Touren auf Straßen, die keinem anderen Auto offen stehen.

Ein Porsche war kaum teurer

Dafür lieben ihn seine Fans. Viele sind es nicht mehr: In Deutschland fahren kaum zwei Dutzend, in den USA noch etwa 200 der schrägen Typen herum.

Allerdings war dem Amphicar schon in seinem ersten Leben nur geringe Verbreitung beschieden. Keine 4000 Stück wurden gebaut, der große Erfolg fand nicht statt. 25.000 Exemplare sollten es ursprünglich werden, doch die Produktion wurde bereits 1964 eingestellt.

Amphicar in Berlin © Roland Wildberg
Titelbild der Original-Betriebsanleitung. Merke: SIE sitzt am Ruder © Roland Wildberg

Dafür war das Auto, das vielleicht erste Freizeitfahrzeug der Welt, einfach zu teuer: 10.500 Mark kostete es Anfang der 1960er-Jahre. Ein Porsche war nur geringfügig teurer. Der kann zwar nicht schwimmen, hatte aber zu dieser Zeit bereits mindestens 60 PS.

Design im US-Zeitgeschmack

Der Amphicar kommt nur auf 38 PS, damit schafft er an Land mit Mühe 120 km/h. Sportlich ist das ebenso wenig wie das Schwimmtalent. Der schwächlichen Motorisierung lachen die steil aufragenden Heckflossen geradezu Hohn.

Während das Design ganz zeitgemäß ist und sich offenbar direkt an den US-Geschmack richtet, kam die Motorleistung damit nicht recht hinterher.

Der Performance an Land steht diejenige im Wasser nicht nach: Da beide Propeller rechtsdrehend sind, der „Rumpf“ nicht sehr stromlinienförmig ist und ein Ruder fehlt, hat die Manövrierfähigkeit sehr enge Grenzen. Rückwärts in die Box geht praktisch nur mit Paddelhilfe.

Trippel paktierte mit den Nazis

Reizvoll ist der Amphicar trotzdem – oder vielleicht gerade aufgrund seiner Unzulänglichkeiten. Wie René Pohl es ausdrückt: „Wer sich mit so einem Wagen beschäftigt, muss ein Rad abhaben!“

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Das Rohr der Bilgepumpe © Roland Wildberg
Hans Trippel in späteren Jahren
Amphicar-Erfinder Hans Trippel © René Pohl

So wie der Vater des Amphicars Hans Trippel. Für seine Idee, einen Schwimmwagen zu bauen, war dem hessischen Autodidakten letztendlich jedes Mittel recht – es schreckte ihn auch nicht der Pakt mit dem Teufel. In Trippels Fall waren das die Nationalsozialisten.

In den 1930er-Jahren weckten seine Schwimmwagen die Aufmerksamkeit Hitlers, der Konstrukteur erhielt einen Rüstungsauftrag. Und ließ nebenbei – mit Hilfe von Zwangsarbeitern – Waffen produzieren.

Große Klappe, wenig dahinter

Aller Opportunismus half jedoch nichts, Trippel fiel noch während des Krieges in Ungnade. Denn auf Dauer konnte der Autodidakt gewisse eigene technische Unzulänglichkeiten gegenüber niemandem verbergen.

Das setzte sich nach dem Krieg fort: Nach einer dreijährigen Haftstrafe wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit versuchte der Getriebene seine Schwimmauto-Idee erneut an den Mann zu bringen. Immer wieder gelang es ihm, Menschen von seinem Plan zu begeistern. In der Umsetzung dann kühlte sich der Enthusiasmus schnell ab. Trippel hatte offenbar eine große Klappe, hinter der nicht viel Kompetenz steckte.

Auch den Industriellen Harald Quandt muss Trippel anfangs tief beeindruckt haben. Den Sohn von Günther Quandt, der im Krieg mit Rüstungsaufträgen reich geworden war, traf Trippel Ende der 1950er-Jahre, machte eine Riesenwelle – und durfte erneut loslegen.

Preise steigen seit langem

„Trippel konnte Leute bequatschen“, sagt René Pohl, der den Amphicar-Erfinder einmal kennenlernte. „Die Leute haben ihr Geld begeistert versenkt.“ Er ist sicher: Die Begegnung mit Trippel habe mehr als ein Dutzend Unternehmer in den Ruin getrieben.

Bei Quandt schaffte der Schwimmwagen-Visionär das zwar nicht, aber nach dessen frühem Tod bei einem Flugzeugabsturz blieb auch das Amphicar-Projekt unvollendet.

Am Ende verkauften die Händler zwei Autos zum Preis von einem. Doch bis heute bleibt der Amphicar ein Phänomen: als einziger Schwimmwagen, der in Großserie für den zivilen Markt gebaut wurde.

„Es ist die beste Kombination aus Praxistauglichkeit und Nutzwert“, sagt René Pohl. Wobei das Vehikel eigentlich für die Nutzung zu schade ist: Die Preise steigen seit längerer Zeit, für einen fahrbereiten Amphicar sind mindestens 30.000 Euro fällig.

Zugang zu Teilen und Sozialleben

Wer sich von allen Unzulänglichkeiten nicht abschrecken lassen will, der muss zumindest lange suchen: Einen Markt gibt es praktisch nicht. Selten taucht ein Fahrzeug in einer Gebrauchtwagen-Börse auf.

Kaufinteressenten setzen sich am Besten mit dem Club in Verbindung und platzieren eine Anfrage – gute Beziehungen in die Szene sind ohnehin zwingend erforderlich, um Zugang zu Reparatur-Kompetenz und seltenen Ersatzteilen zu bekommen. Vom gerühmten Sozialleben der Community einmal abgesehen …

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