float Magazine

Wasserstoff-Schubboot Elektra beim Stapellauf © Behala Das Schubboot Elektra unmittelbar vor dem Stapellauf © Behala
Innovation

Die Elektra läuft vom Stapel

Gut Schubschiff will Weile haben: Die mit Wasserstoff betriebene Elektra absolvierte vorm Start im Sommer jetzt ihren Stapellauf.

von
Roland Wildberg
in
4 Minuten

Ein weiterer Meilenstein in einem bemerkenswerten Projekt ist erreicht: Das erste emissionsfrei fahrende Schubschiff der Welt schwimmt – noch allerdings ohne vollständigen innovativen Brennstoffzellen-Antrieb. Der wird demnächst an Bord vervollständigt. Nach eineinhalb Jahren Bauzeit wurde die „Elektra“ erfolgreich in Derben (Sachsen-Anhalt) zu Wasser gelassen. Der Stapellauf geschah zwar knapp ein Jahr später als vorgesehen. „Doch wenn ich an Großflughäfen und Philharmonien denke, ist das noch vertretbar“, sagt Projektleiter Professor Gerd Holbach von der Technischen Universität Berlin gegenüber float in Anspielung auf große öffentliche Bauprojekte.

Zahllose Stapelläufe hat der gelernte Schiffbauer bereits erlebt – bleibt da noch ein Moment Ungewissheit? „Aber ja“, so Gerd Holbach zu float. Bis zuletzt könne man nicht abschließend sicher sein, ob alle Schweißnähte und Ventile dicht sind. Doch sie waren es: „Sie schwimmt sogar, wie wir es wollen.“ Damit ist gemeint, dass die 20 Meter lange Elektra ausgewogen im Wasser liegt, dass der Tiefgang insgesamt stimmt und dass weder Heck noch Bug zu tief liegen.

Wasserstoff-Schubboot Elektra Behala Stapellauf
Per Kran wurde die Elektra aus der Werfthalle zum Elbufer verfrachtet © Behala

Schubschiff mit Hubhaus – für niedrige Brücken

Auch die Kosten blieben bisher im Lot: „Wir sind Budget-neutral, und ich bin guter Hoffnung, dass das auch so bleiben wird“, sagt der Projektleiter Gerd Holbach. 13 Millionen Euro schwer ist das Projekt insgesamt. Davon stammen acht Millionen Euro vom Bundesverkehrsministerium. Die Verzögerungen, auch entstanden durch sich während der Bauzeit überraschend geänderte behördliche Vorschriften und Corona bedingt gestörte Lieferketten verursacht, haben der Elektra sogar genützt: Holbach und sein Team entwickelten in dieser Zeit das im Bau befindliche Schiff weiter.

So gibt es nun ein kombiniertem Stülp- und Hubhaus. Die Kommandobrücke lässt sich per Hydraulik komplett hochfahren um über hohe Ladungen (Sichtstrahl des Schiffsführers) sehen zu können und absenken, um zum Beispiel besonders niedrige Brückenpassagen zu ermöglichen. Das Schiff hat jetzt auch eine größere Ankeranlage als ursprünglich vorgesehen. „Damit ist die Elektra wettbewerbsfähiger geworden“, sagt Holbach. Das emissionsfreie Schubschiff könne so deutlich größere Verbände vorkoppeln als ursprünglich geplant. Bis zu 1.400 Tonnen kann sie bewegen. Auch die Heizungsanlage wurde mit Wasser-Wärmepumpen statt Luft-Lärmepumpen deutlich innovativer und effizienter ausgeführt als ursprünglich geplant.

___STEADY_PAYWALL___
Wasserstoff Schubschiff Elektra beim Stapellauf
Dank 1,25 Meter Tiefgang kommt die Elektra auch mit Niedrigwasser zurecht © Behala

Doch bis dahin werden noch ein paar Monate vergehen. Nach dem Stapellauf startet jetzt der Innenausbau und die Inbetriebnahme des Schiffs. Insbesondere das Wasserstofftanksystem fehlt noch. Die Klimatechnik mit den zugehörigen Wärmepumpen dagegen hat die Werft bereits installiert. Zwei Kilometer Kabel sind inzwischen an Bord verlegt. Die Brennstoffzellen stehen schon an Deck, der Akkumulatorraum ist eingerichtet und der Batterieraum ist mit rund 250 Modulen bestückt.
Zusammen haben die Akkus ein Gewicht von mehr als 20 Tonnen, teilt der Auftraggeber Behala mit. Der Berliner Hafenbetreiber ist Partner in dem Projekt und will die Elektra ab kommendem Jahr erproben und ab Ende 2024 für Frachtaufträge zwischen Hamburg und der Hauptstadt einsetzen. Zugleich soll das Schubschiff zeigen, dass emissionsfrei fahrende Binnen-Frachter alltagstauglich sind. In Norwegen fahren solche ersten akkuelektrischen Schiffe bereits – und das autonom, auch wenn auch deutlich weniger komplex was die Energieanlage angeht.

Hafenfähren sind in Planung

Bis zu 400 Kilometer kann das Schiff zurücklegen. Aus eigener Kraft, die es in Form von sechs Tanks für insgesamt 750 Kilogramm Wasserstoff in so genannten „MEGC (Multiple Energy Gas Container), eine Art Bündel“ an Deck mit sich führt. Der Wasserstoff dient als Energieträger für die Brennstoffzellen, die daraus elektrischen Strom für die zwei wassergekühlten Elektromotoren mit je 210 kW (rund 154 PS) produzieren.

Sind alle Tanks leer, würde die Elektra mit dem Inhalt der 25 Tonnen schweren Riesenakkuanlage noch einmal etwa 65 Kilometer weit. Das ist mehr als genug – und wird in dieser Form wohl auch nicht mehr gebaut werden: „So viele Akku-Kapazität brauchen wir eigentlich nicht“, erklärt Professor Holbach. Aber: „Das gehört zum Forschungscharakter des Schiffs.“

Gerd Holbach Technische Universität Wasserstoff Elektra
Professor Gerd Holbach von der TU Berlin vor einem Modell der Elektra © Kerstin Zillmer

Denn die Elektra ist die erste ihrer Art und damit auch ein „Versuchsträger“. Mit rund 6,5 Millionen Euro sind auch die reinen Baukosten des emissionsfreien Schubschiffs mehr als drei mal so hoch wie bei einem herkömmlichen Modell mit Dieselantrieb. Rechnet man die Extras für die Wissenschaft heraus, sinkt der Preis auf etwa vier Millionen. Das ist immer noch das Doppelte im Vergleich zu konventionellen Schubschiffen. Doch mit größeren Stückzahlen werde der Preis weiter sinken, versichert Projektleiter Holbach.

Bevor die Technologie einsatzfähig ist, erfolgen an Bord der Elektra ab Sommer intensive Tests. Ende August soll das werftfertige Schubschiff in den Berliner Westhafen überführt werden, dem Heimathafen der Behala. Dann beginnen die eigentlichen Erprobungsfahrten. Das Antriebskonzept stößt in der Branche inzwischen offenbar auf Interesse. In Hamburg sollen in naher Zukunft drei Hafenfähren-Neubauten ebenfalls mit Brennstoffzellen nach dem Elektra-Prinzip ausgerüstet werden, berichtet Gerd Holbach.

Bootsbauer waren erst skeptisch

Auch auf der Schiffswerft Hermann Barthel an der Elbe sei die Belegschaft inzwischen überzeugt von ihrem ungewöhnlichen Schiffsneubau mit Brennstoffzelle: „Am Anfang gab es da noch Reaktionen in der Art von: Muss das sein? Diesel läuft doch“, erinnert sich die Projektleiterin der Werft. Inzwischen seien die Werftleute selbst fasziniert von der komplexen Technik, die in dem Schiff steckt.

Dass der traditionelle Festakt zum Stapellauf wegen der Corona-Beschränkungen ausfiel, bedauern nicht nur die Schiffbauer und Mechatroniker in Derben. „Schon schade, so ein großes Event gehört beim Schiffbau einfach dazu“, sagt auch Gerd Holbach. Er hofft sehr, dass das bei der Indienststellung durch Behala im Spätsommer in Berlin nachgeholt werden kann.

Die Infrastruktur, um die Elektra mit Strom und Wasserstoff zu betanken, ist ebenfalls im Aufbau. Da bisher noch die Genehmigungsverfahren laufen, werde es bis zum Herbst allerdings noch ein Provisorium sein. Im kommenden Jahr dann wird es die endgültigen Lade-Anschlüsse und Wasserstoff-Tankstellen in Berlin, Lüneburg und Hamburg geben.

Mein Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Reklame