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© Sea Bubbles Der Fürst von Monaco am Steuer eines Sea Bubbles © Sea Bubbles
Technologie

Taxi auf Stelzen

Sea Bubbles sind serienreif. Wer nutzt die foilenden Wassertaxis?

Michael Kunst
von in
6 Minuten

Für zwei Männer, die jeder auf ihre Weise in der Wassersportszene bereits Furore gemacht haben, war Freitag, der 25. Mai 2018 ein besonderer Triumph in ihrem an Ereignissen nicht gerade armen Leben. Der Franzose Alain Thébault, mehrfacher Rekordhalter bei der Maximalgeschwindigkeit unter Segeln mit seinem Tragflügelboot „Hydroptère“ sowie der Schwede Anders Bringdal, zweifacher Windsurf-Weltmeister, konnten – endlich, endlich – ihre erste serienreife Sea Bubble in Paris vorstellen. Ihr foilendes Wassertaxi mit elektrischer Motorisierung war lange angekündigt gewesen.

Das visionäre Wassertaxi in Tropfenform, das auf Foils über den Wassern schwebt und von einem schnurrenden Elektromotor angetrieben wird, ist vielleicht noch nicht ganz erwachsen. Aber nach einer schweren Geburt und aufreibender Kindheit hat es nun die komplizierte Pubertät überwunden. Und ist bereit, hinaus in die Welt zu fahren.

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Das neue Modell in Paris © Sea Bubbles

Fahrt auf Foils zum Rathaus

Dieser Triumph wird den beiden Vordenkern für einen ökologischen urbanen Wasserverkehr noch versüßt. Denn die erste offizielle Fahrt auf ihrem Sea Bubble absolvierten sie auf der Seine, mitten in Paris. An Bord war Damenbesuch: Anne Hidalgo, die Oberbürgermeisterin von Paris, freute sich ausgelassen mit den beiden Sea-Bubbles-Erfindern.

Sie war es, die von Anfang an an dieses Projekt glaubte und es förderte. An den bürokratischen Hürden und verstockten, politisch jedoch gewichtigen Gegenspielern in Frankreich verzweifelte sie ebenso wie die beiden Hauptprotagonisten. Sie postete auf ihrem Twitter-Account und auf Facebook begeistert, wie toll das Gefühl doch sei, in dem foilenden Taxi übers Wasser zu gleiten. Sie wünschte sich, jeden Tag so zum Rathaus gefahren zu werden. Zehntausende Leser und hunderte – meist zustimmende – Kommentare innerhalb weniger Stunden waren eine mehr als deutliche Antwort der Bewohner von Paris.

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Die neue Sea Bubbles vor Monaco © Sea Bubbles

40 bis 50 km/h Geschwindigkeit sind verboten

Doch schön der Reihe nach. Vor weniger als einem Jahr geriet das vielversprechende Projekt Sea Bubbles zum wiederholten Male ins Schlingern. Es drohte diesmal aus der Bahn geworfen zu werden. Denn die Behörden in Paris, wo das foilende Wassertaxi erstmals kommerziell eingesetzt werden sollte, verweigerten ihre Zustimmung.

Der Grund war simpel – und gerade deshalb so ärgerlich: Wasserfahrzeuge dürfen auf der Seine, und übrigens auch in anderen Metropolen, nicht schneller als 20 km/h fahren. Das Elektro-Wassertaxi in Tropfenform brauchte jedoch eine Grundgeschwindigkeit von 17 km/h, um sich mittels der Foils, die seinerzeit noch eher an Tragflächen erinnerten, über die Wasseroberfläche zu heben.

Zwar lenkte man in französischen Behördenkreisen zumindest für ein paar Stundenkilometer ein. Weil man begriff, dass foilende Taxis weniger Wellen verursachen als die üblichen Verdrängerboote und die Uferbefestigungen so geringer belastet werden. Doch das von Thebault geforderte Tempo von 40 bis 50 km/h für sein foilendes Taxi wurde nicht genehmigt. Basta. Zudem stellten sich die Seine-Hafenbetreiber quer, indem sie exorbitante Liegeplatz-Prämien für die Strom tankenden Sea Bubbles forderten.

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Die erste Version brauchte mindestens 17 km/h, um zu foilen © Sea Bubbles

Von Paris nach Genf

Vordergründig beleidigt und verärgert zogen die franko-schwedischen Sea-Bubbles-Macher mit ihrer Crew nach Genf, wo man sich „mehr Toleranz“ auf dem Genfer See versprach. Hinter den Kulissen munkelte man jedoch, dass ein Tragflächen-Foil-System, wie es in Paris vorgestellt wurde, keine Zukunft haben kann. Denn es braucht eben eine relativ hohe Geschwindigkeit, um das Boot in den Schwebemodus zu bringen.

Bei auf Flüssen nicht gerade unüblichen Querwellen schlingerte es dennoch erheblich. Es sei extrem schwierig, Boote bei langsamen Geschwindigkeiten auf Tragflächen oder Foils zu heben, gab Thébault zähneknirschend in einem Interview zu. Und das ausgerechnet ihm, dem früheren Tragflächen-Guru und Geschwindigkeitsfanatiker!

Stabilisierung mit Flugzeugtechnologie

So erstaunte es nur wenig zu erfahren, dass sich Sea Bubbles mit den Hydrodynamik-Spezialisten Caponnetto Hueber zusammentat, für die unter anderem der mehrfache America’s Cup-Shore-Techniker Ricardo Bencatel arbeitet. Dieses Team überdachte das gesamte Foil-System der Sea Bubble nochmals. Es verpasste dem jetzt als serienreif vorgestellten Modell drei T-Foils: Unter dem Heckbereich zwei nebeneinander agierende, an eine U-Form erinnernde T-Foils. Dazu im Bugbereich ein mittig angesetztes T-Foil. Der Clou ist jedoch ein aus dem Flugzeugbau übernommenes Stabilitätssystem.

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Testfahrt des neuen Sea Bubbles mit Fly by Wire © Screenshot Sea Bubbles

Ähnlich wie in der Luft hält ein Fly-by-Wire-System das Boot durch Klappen an den Foils immer waagrecht. Die dafür notwendigen Informationen werden von Sensoren gemessen, die permanent den Abstand zur Wasseroberfläche sondieren. Ein Computer gibt die Messwerte an einen kleinen Elektromotor weiter, der die Steuerklappen an den T-Foils aktiviert. So ist eine teils verblüffende Stabilität des immerhin 70 cm über der Wasseroberfläche foilenden Wassertaxis möglich: In Videos sieht man Alain Thébault auf der Seite des foilenden Sea Bubbles auf und ab springen, ohne dass es zu Bewegungen im foilenden Boot kommt.

Das Boot steigt ab einer Geschwindigkeit von 13 km/h auf seine Foil-Stelzen, als normale Fahrtgeschwindigkeit werden 22 km/h angegeben. Mit dem Hebel auf dem Tisch werden 28 km/h Höchstgeschwindigkeit erreicht. Platz für vier bis fünf Personen (den Fahrer mitgerechnet) soll das Sea Bubble nun bieten. Das ist durchaus mit normalen Taxis vergleichbar. Da Sog und Wellenschlag entfallen, kann das Boot auf städtischen kanalisierten Wasserstraßen schneller fahren als normalerweise. Der Widerstand werde „so effizient reduziert, dass ihre Reichweiten- und Laufzeiterwartungen sich mit Strom erfüllt werden können“, heißt es von Torqeedo.

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Auf Tour: Alain Thébault (m.) und Anders Bringdal (r.) mit Fürst Albert II von Monaco (2. v. l.) © Sea Bubbles

Erstmal 100 Millionen Dollar

Nicht nur die Techniker waren über den Winter aktiv. Thébault und Bringdal zogen durch die Weltgeschichte, um die Kleinigkeit von 100 Millionen Dollar aufzutreiben. Denn man wollte jetzt, da der technische Bereich ganz offensichtlich in guten Händen war, gar nicht erst kleckern, sondern gleich klotzen. Über die Summe, die von den beiden tatsächlich gesammelt wurde, gibt es noch nicht einmal Gerüchte. Sicher ist jedoch, dass genügend finanzielle Mittel zusammenkamen, um eine Serienproduktion des Sea Bubble in die Wege zu leiten.

Immerhin begeisterte Sea Bubble den Emir von Dubai, der schließlich sogar eine autonom steuerbare Version bestellte. Außerdem reisten Thébault und Bringdal von einer Metropole zur anderen, um dort Behörden und Investoren das zukunftsträchtige Projekt mit Serienreife vorzustellen. Dabei wurden jede Menge publicity-trächtige Zusagen gemacht. Sogar der Fürst von Monaco, der durch seine Ozean-Stiftung bekanntermaßen dem Thema Nachhaltigkeit auf dem Wasser zugetan – fuhr eine Runde mit der Sea Bubble. Was letztendlich realisiert wird, bleibt abzuwarten.

Das Fly-by-Wire-System in der Erprobung:

SeaBubbles testing the Fly By Wire control system

Vom Taxi zum foilenden Bus

Auch auf dem Reißbrett blieb man innovativ. Neben der autonomen Sea-Bubble-Version wurde ein Sea-Bubble-Bus für bis zu 32 Passagiere promotet – sowie eine Jet-Version für zwei Personen, mit dem eine Geschwindigkeit von deutlich über 50 km/h erreicht werden kann. Zwei Merkmale haben alle Sea-Bubbles-Projekte gemeinsam: Sie schweben mit der im Wassersport derzeit boomenden Foil-Technologie verdrängungsarm über der Wasseroberfläche. Und sie werden mit E-Motoren angetrieben, leise und emissionsfrei.

Für diesen Elektroantrieb haben Thébault und Bringdal den deutschen Hersteller Torqeedo buchstäblich ins Boot geholt. Die Starnberger liefern mit ihren gängigen, 10 kW starken Cruise-Motoren ganz offensichtlich das ideale Motor-Batterie-System. Damit können zudem die für Taxis erforderlichen schnellen Ladezeiten realisiert werden. Torqeedo profitiert von reichlich Publicity, die rund um die visionären Wassertaxis entsteht. Und Sea Bubbles kann sich auf ein Motorensystem verlassen, das bereits x-fach erprobt und für exzellent befunden wurde.

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Cruise-Pod-Motoren von Torqeedo treiben Sea Bubbles an © Sea Bubbles

Wer wird wieviele kaufen?

Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Sea Bubbles tatsächlich eine „weltweite Revolution und Evolution“ auslösen werden, wie es Thébault unlängst zum Besten gab. Sollte auch nur ein Bruchteil der bereits erteilten Kaufversprechen eingehalten werden, braucht man sich um die „Tropfen“ keine Sorgen machen.

Auf der Sea-Bubbles-Website kann jeder die Wassertaxis mit zwei Klicks bestellen – zum Subskriptionspreis von 140.000 Euro (zuzüglich örtlicher Mehrwertsteuer). Aber: Nur 20 Exemplare könne man zu diesem Preis anbieten, und die Aktion lief am 31. Mai aus. Drei Tage vor dem Fristende stand in der Menüleiste unter „Anzahl bereits verkaufter Sea Bubbles“ die Zahl 4. Eine Zahl, die im gesamten Kontext betrachtet ein wenig verloren wirkt.

Auf der Website des Projekts kann jeder seine Sea Bubble kaufen.

Technische Daten

Länge: 4,60 m
Breite: 2,27 m
Gewicht: 1.250 kg
Passagiere: 4 Personen + 1 Fahrer

Geschwindigkeit:
Start: 7 Knoten (13 km/h)
Reise: 11 Knoten (21 km/h)
Maximum: 13 Konoten (25 km/h)

Reichweite:
4 Stunden
80 km

Antriebssystem:
2 Torqeedo Cruise 10.0 (drehbare Konfiguration)
Energiespeicher: 2 x 4 Torqeedo Power 26-104 Lithium-NMC-Batterien
Leistung: je 10,8 kWh (21,6 kWh gesamt)

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