float Magazine

Vielfältiger Meeresbewohner, fast nur aus Wasser: eine Quelle © Andrea Rizzo
Lesetipp

Mehr als die obersten 40 Meter kennen wir nicht

Von Yeti-Krabben, leuchtenden Medusen und heißen Oasen im Ozean erzählt Alex Rogers in „Das große tiefe Blau“.

von
Harald Kaplan-Machreich
in
4 Minuten

Die Ozeane bilden den größten Teil unseres Planeten – mit Bergen, höher als die höchsten Gipfel an Land, und Schluchten, die tiefer sind als der Mount Everest hoch. Doch nur ein Bruchteil dieser gewaltigen Welt unter Wasser ist erforscht. Taucht man in Alex Rogers Buch ein, begibt man sich in diese faszinierende und unbekannte Szenerie. Der Titel ist Programm: Das große tiefe Blau.

Eine Welt, an deren Oberfläche wir Wassersportler es lieben unsere Freizeit zu verbringen. Wir segeln, surfen, fahren Boot, gehen Schwimmen, schnorcheln oder tauchen. Aber viel mehr als die obersten 40 Meter kennen wir alle nicht. Typisch für uns Landlebewesen! Denn bisher waren mehr Menschen auf dem Mond als im 10.984 Meter unterm Meeresspiegel liegenden Challengertief des Marianengrabens.

Meeresbewohner Medusa © Janayara Machado

Alex Rogers hat sich als Kind in den Ferien dem Meer genähert. Er ging mit dem Großvater und Onkeln vor Irland in kleinen Booten fischen. Gebannt blickte er in die dunkle Tiefe und sah die Lebewesen, die mit den Hummerkörben nach oben kamen. Viel Zeit verbrachte er später mit dem Beobachten des Lebens in den Gezeitentümpeln und an den Klippen von Westirland.

Weiße augenlose Krabben bei 120 Grad

All das faszinierte ihn so sehr, dass er Meeresbiologie studierte. Er begann, die Tiefsee zu erforschen – die Regionen der Ozeane, die tiefer als 200 Meter liegen und fast 90 Prozent des Lebensraums Ozean umfassen. Denn wissen wir wirklich, was Fische wissen?

Weiße, augenlose Yeti-Krabben tummeln sich hier auf den hydrothermalen Feldern der Tiefsee in etwa 2.200 Metern Tiefe. Sie leben im bis zu 120 Grad Celsius heißen Wasser und ernähren sich von Bakterienkulturen, die auf den Fellfransen an ihrem Bauch wachsen.

Doch es ist nicht nur heiß da unten: In praktisch allen Ozeanen gibt es in den tieferen, kalten und lichtlosen Regionen riffbildende Kaltwasserkorallen, die ein eigenes schützenswertes Riff-Ökosystem mit unterschiedlichen Arten bilden. Rogers erfuhr, dass rund um den Globus der Artenreichtum um die Tiefseeberge besonders groß ist. Sie erheben sich vom durchschnittlich 4.500 Meter tiefen Meeresboden – auch das ist das große tiefe Blau.

Heute ist Alex Rogers Professor in Oxford, Mitglied internationaler Forschergruppen und Direktor des Internationalen Programms zur Lage der Ozeane (IPSO). Als anerkannter Experte für den Lebensraum Meer berät er die G8, die UN und viele Nichtregierungsorganisationen zum Thema Meeresschutz und nachhaltigem Umgang mit den Ozeanen.

Eine schwarzer Raucher
Der Schwar­ze Rau­cher Kan­de­la­bra in 3.300 Me­ter Was­ser­tie­fe © Marum / CC BY 4.0

In seinem bei dtv auf deutsch erschienenen Sachbuch nimmt der Autor uns mit. Es geht in eine fremde, faszinierende Welt der Dunkelheit, des eiskalten Wassers, des extremen Drucks. Rogers zeigt uns außerirdisch anmutende Ökosysteme aus vulkanischen Hydrothermalquellen, wo das Leben ohne Licht und Sauerstoff auskommt und auf Chemosynthese beruht.

Fatale Folgen für fragile Ökosysteme

Im Verlauf seiner Forschungslaufbahn wird Rogers immer öfter mit den fatalen Folgen menschlicher Eingriffe auf die fragilen Ökosysteme in den Meeren konfrontiert. Er sieht viel Zerstörung.

Die Auswirkung von Grundschleppnetzen und der Suche nach unterseeischen Bodenschätzen, Überfischung, Plastikmüll, Korallenbleiche und die Versauerung des Meeres. Schon vor einem Jahrzehnt warnte er vor dem massenhaften Artensterben durch Stress, den die Meere haben.

Rogers erkennt, wie es dazu kommt, dass diese Katastrophe mit Ansage keinen großen Widerhall findet. Weil wir Menschen zu wenig von der Existenz und Bedeutung dieser maritimen Lebensräume wissen. Und weil wir oft die Zusammenhänge nicht kennen. Nicht verstehen, wie Veränderungen im Ozean Einfluss auf unseren eigenen Lebensraum haben.

Wer hat schon eine Vorstellung davon, dass 50 Prozent des lebenswichtigen Sauerstoffs von Kleinstalgen im Ozean produziert werden? Und dass diese Algen durch die Übersauerung der Ozeane bedroht sind? Dass manche Fische der Tiefsee über 150 Jahre alt werden, sich in den ersten 50 Lebensjahren aber nicht fortpflanzen? Und häufig bis dahin längst auf unseren Tellern gelandet sind?

Tiefsee-Biotop
Weißer Raucher des untermeerischen Vulkans Eifuku © Marum / CC BY 4.0

Die Ozeane haben große Wirkung fürs Land

Ziemlich schonungslos zeigt Rogers die Probleme auf, die unser derzeitiges Handeln für das Ökosystem Meer bedeuten. Und er warnt vor den schwerwiegenden Folgen, mit denen wir in Zukunft zu rechnen haben, wenn wir unser Verhalten nicht ändern. Denn die zwei Drittel Wasser, die unsere Planetenoberfläche bedecken, haben eine viel größere Wirkung auf das eine Drittel trockenen Landes, als wir es uns vorstellen können.

Das große tiefe Blau Das große tiefe Blau
Von Yeti-Krabben, leuchtenden Medusen und anderen Geheimnissen des Meeres“
Autor: Alex Rogers
dtv München
350 Seiten, gebunden
22 Euro

Für Rogers ist es als Wissenschaftler bedeutsam aufzuzeigen, welche Lösungswege und spannenden Antworten es für die derzeitigen Probleme gibt. Und auch, welche enorme Widerstandskraft gegen die Zerstörung den Ozeanen innewohnt.

Das 350 Seiten starke Buch verfällt an keinem Punkt in polemische Schwarzmalerei. „Das große tiefe Blau“ zeigt aber ungeschönt die Realität. Und ist ein Muss für alle, die das Meer lieben und mehr über die Bedeutung der Ozeane für unseren Planeten wissen möchten. Nicht zuletzt ist es ein Aufruf an uns, wie wir es zukünftig besser machen können.

Mein Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Reklame