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Auf Nordlandfahrt © SKKG
Reisebericht

Auf Nordlandfahrt

1896 startet in Hamburg eine der ersten touristischen Schiffsreisen nach Spitzbergen. Der Veranstalter Wilhelm Bade gilt als Erfinder der Polartouristik.

Kerstin Zillmer
von in
3 Minuten

Am 14. Juli steht die Historikerin Sandra Walser auf dem Punkt 90°00,000’N. Nichts bietet ihren Augen Halt, vor ihr erstreckt sich eine riesige, endlose Fläche aus Weiß. Zusammen mit einer Touristengruppe auf einem nuklear betriebenen Eisbrecher mit 72.000 Ps besucht sie als Guide den Nordpol. 14 Tage dauert heute eine solche Reise. Weil die Endlichkeit des Nordmeereises vielen bewusst ist, haben solche „Expeditionskreuzfahrten“ zur Zeit Konjunktur, schreibt Sandra Walser im ersten Kapitel ihres Buches „Auf Nordlandfahrt“.

120 Jahre früher legt im Sommer 1896 in Hamburg das kleine Dampfschiff Erling Jarl zum Rand der damals bekannten Welt nach Spitzbergen ab. Organisiert hatte diese touristische Nordlandfahrt Wilhelm Bade. Der Wismarer hatte die Tücken des Packeises bereits persönlich als Zweiter Steuermann auf einer Nordpolarexpedition kennengelernt. Sein Schiff war im Eis gesunken – und er und seine Mannschaft drifteten auf einer Eisscholle 1.200 Seemeilen südwärts, bis sie schließlich in letzter Minute gerettet wurden.

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Wihelm Bade © privat

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Hans Beat Wieland © Staatsarchiv Uri

Konzept der Expeditionskreuzfahrt ist geboren

Der Polarheld Bade, der einige Jahre als Vortragsreisender seine Geschichte erzählte, organisierte anschließend die Nordlandfahrt auf der Erling Jarl. Er organisierte touristische Schiffsreisen als Expeditionen mit Expertenwissen. Bade war der Erste, der Polarkreuzfahrten regelmässig und mit einem klaren Konzept veranstaltete. Bis heute bildet es die Grundlage aller Expeditionskreuzfahrten.

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© Sceenshot Auf Nordlandfahrt

An Bord des Dampfers, der am 14. Juli 1896 Richtung Spitzwegen startet, befinden sich sieben Damen und 45 Herren. Unter ihnen ist auch der 29-jährige Schweizer Künstler Hans Beat Wieland. Er will die Landschaft des Polarkreises erkunden, die so viele Parallelen zu seiner Schweizer Heimat verspricht. Dort haben gerade die ersten Grand Hotels Einzug gehalten.

Mit seinen Werken erstellt der Maler wohl die erste umfassende Visualisierung Spitzbergens. Finanzieren kann er sich die gehobene „Lustfahrt“ durch den Auftrag der Leipziger „Illustrirten Zeitung“, für die er den Start der Forschungsreise im Ballon von Salomon August Andrée dokumentieren soll.

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Das Basislager der Andrée-Expedition in Spitzbergen © Privatbesitz

„Lustfahrt“ statt Frachtdienst

Auch Bade ist an Bord, allerdings nicht als Kapitän, sondern als Reiseleiter. Mit seinem großen Erzähltalent erobert er die Herzen der Gäste im Flug, so Walser. „Touristen“ gibt es erst seit kurzem, denn der kommerzialisierte Fremdenverkehr ist ein neues Phänomen Ende des 19. Jahrhunderts, und mit ihm die Kreuzschifffahrt.

In den 1880-Jahren lag die Aufgabe von Schiffen ausschließlich in der Beförderung von Fracht und Passagieren. Anfang der 1890er-Jahre startet die Hamburg-Amerikanische-Paketfahrt-Aktiengesellschaft (Hapag), die später mit dem Norddeutschen Lloyd zu Hapag-Lloyd fusioniert, eine erste Versuchsreise mit Touristen an Bord. Wilhelm Bades Nordlandfahrt von 1896 ist also eine Pionierfahrt nicht nur der touristischen Polarexpeditionen. Sie bildet auch den Beginn der Kreuzschifffahrt.

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Aufzeichungen und... © privat

Auf Nordlandfahrt

Postkarte von Hans Beat Wieland © Staatsarchiv Uri

Wie der Tourismus entstand

Sandra Walser stößt bei ihren Recherchen zu Hans Beat Wieland und Wilhelm Bade auf Wielands Tagebuch. Sie führt die Leser in die Zeit des aufkommenden Bürgertums, der Belle Époque und in die Entstehung des Tourismus. Es ist die Zeit, als eine internationale Elite aufbricht, um Unentdecktes zu erforschen. Diese Themen halten auch in den neuen Illustrierten Einzug. Die Polar-Expeditionen machen einen wichtigen Bestandteil dabei aus. Nicht zuletzt deshalb, weil Kaiser Wilhelm II. zwischen 1889 und 1914 in den Sommermonaten medienwirksam auf seiner Yacht „Hohenzollern“ nach Norwegen fuhr.

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Die Notlandung Andrées auf dem Packeis © Tekniska Museet

Sandra Walsers Buch ist sorgfältig recherchiert und mit vielen Fotos und Abbildungen sehr schön gestaltet. Wortgewandt und unterhaltsam beschreibt sie die Reiseroute der Nordlandfahrt entlang der legendären Hurtigruten-Strecke und weiter Richtung Eismeer. Die Erling Jarl war auch das erste Schiff, das für den Einsatz auf der norwegischen Hurtigrute gebaut worden war. Die Landgänge rekonstruiert sie mit Hilfe von Reiseaufzeichnungen. Auch die Mitreisenden hat sie recherchiert und so ergibt sich ein dichtes Bild dieser touristischen Expeditionsfahrt.

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Sandra Walser © Nicolas Gildemeister

Die Züricherin Sandra Walser, geboren 1976, studierte Geschichte und Filmwissenschaft. Seit 2009 ist sie unter anderem als Guide und Referentin für Polargeschichte und als Fotografin auf touristischen Expeditionsschiffen unterwegs.

Auf Nordlandfahrt – 1896 von Hamburg nach Spitzbergen

von Sandra Walser
NZZ Libro, Basel 2018
176 Seiten, 64 Abbildungen
16 x 24 cm, gebunden
ISBN 978-3-03810-367-7
39 Euro

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