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Die Tätowierkunst nahm auf See ihren Anfang © gemeinfrei
Tattoo

Auf See gestochen

Wer an Seeleute denkt, der hat Tattoos vor Augen. Doch was symbolisieren die Stiche, die unter die Haut gehen?

von
Jens Brambusch
in
6 Minuten

Natürlich trägt auch der bekannteste Seemann der Welt eines. Popeye, der spinatgestärkte Mustermatrose aus der Feder des US-Amerikaners Elzie Segar, begeistert seit 1929 mit seinen grotesk muskulösen Armen und seinem schiefen Gesicht. Sein Markenzeichen ist neben der Pfeife im Mund vor allem die Anker-Tätowierung auf dem linken Unterarm. Und die verrät einiges über den Seemann. Nämlich, dass Popeye den Atlantik überquert hat. Denn genau dafür steht der Anker.

So haben auch die meisten anderen gängigen Seemannsmotive eine Historie, die aber nur noch wenige kennen. Oft geht es um Aberglauben. Andere Motive verraten so viel wie ein Logbuch über den Seemann. Für alle Seebären, die sich mit dem Gedanken tragen, sich ein Tattoo stechen zu lassen, kommt hier eine kleine Nachhilfestunde in Sachen Symbolik. Nicht, dass später das geliebte Motiv bedeutet, dass man dreimal auf dem Steinhuder Meer gekentert ist.

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Heute trägt jeder Fünfte ein Tattoo © Christian Angelo

Ein Bild, das unter die Haut geht

Tattoos sind so populär wie nie zuvor. Laut einer Studie im Auftrag der ehrwürdigen Apotheken-Umschau hat jeder fünfte Deutsche ein Bild, das unter die Haut geht. In den vergangenen sieben Jahren hat sich die Anzahl der Tattoo-Träger damit beinahe verdoppelt. Besonders verbreitet sind Tattoos nach dieser Studie bei den 20- bis 29-Jährigen. Fast jeder Zweite von ihnen hat mindestens eines, bei den 50- bis 59-Jährigen sind es immerhin noch 17,1 Prozent.

Dabei waren Tattoos lange Zeit verpönt. Anfang des 20. Jahrhunderts waren sie fast nur bei Soldaten oder Häftlingen zu sehen – und eben bei Seeleuten, deren Motive daher in der Tattoo-Szene einen hohen Stellenwert haben.

Tätowierungen sind aber keine neuzeitliche Erscheinung. Es gibt sie, seit es Menschen gibt. Selbst die 5.300 Jahre alte Gletschermumie Ötzi wäre heute wahrscheinlich als Berliner Hipster durchgegangen. Die Forscher zählten stattliche 61 Tattoos. Zwar waren keine Anker oder Kompass-Rosen dabei – Ötzi war schließlich Tiroler. Aber dafür Dutzende geometrische Formen, die in den Körper geritzt und dann mit einer Art Kohlepulver gefärbt wurden.

Captain Cooks Crew ließ sich auch stechen

Während im Laufe der Jahrhunderte in Europa Tätowierungen aus der Mode gekommen waren, beeindruckten vor allem die Naturvölker mit imposantem Körperschmuck. So soll die Verbreitung der Tätowierungen in Europa auch auf einen Seefahrer zurückgehen: keinen geringeren als den britischen Captain James Cook. Bei seinen Pazifikreisen trafen er und seine Mannschaft auf die Ureinwohner der polynesischen Inseln.

Dort waren Tätowierungen seit vielen Jahrhunderten ein fester Bestandteil des Erscheinungsbilds. Die traditionellen Tattoos erzählen ganze Familienchroniken und wehren böse Geister ab. Fasziniert von den Stichen taten die britischen Seeleute das, was heute immer noch Tausende von Touristen auf Tahiti tun. Sie ließen sich vor der Heimreise tätowieren. Von dem tahitianischen Begriff „te tatau“ stammt auch der englische Begriff Tattoo. Mit Cooks Crew landeten die Tätowierungen in den Häfen Europas.

Tattoos stechen auf see
Maori-Gesichtstattoo © public domain
Tattoos stechen auf see
Stammesführer Tukukino © public domain

Die Ironie der Geschichte: Während die britischen Seeleute in der Heimat stolz ihre exotischen Tätowierungen präsentierten und einen Boom in den Häfen auslösten, ging die jahrhundertealte Tradition in Polynesien fast verloren. Die christlichen Missionare, die Cook im Schlepptau hatte, sorgten dafür, dass die heidnische Körperkunst verboten wurde.

Erst in den sechziger Jahren kam es in Französisch-Polynesien zu einer Renaissance der Tätowierung und einer Rückbesinnung auf die alten Sitten und Bräuche der Vorfahren.

Seemanns Motive

Die sich etablierende Tattoo-Szene in den Hafenstädten der alten Welt entwickelte schnell eine eigene Bildsprache. Die verwendeten Symbole entstammten der Nautik und hatten oft mit Aberglaube zu tun. Auch heute noch sind viele dieser Motive sehr beliebt – ohne dass die Tattoo-Träger wahrscheinlich wissen, was sie bedeuten.

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Klassische Seemannsmotive aus dem Vorlagenbuch von Christian Warlich © SHMH

Die Kompassrose, auch Nautischer Stern genannt, ist an den Polarstern oder Nordstern angelehnt, der eine große Bedeutung bei der Astronavigation hat. Die Kompassrose war das Symbol für den sicheren Heimweg. Der Träger dieses Tattoos fand dem Aberglauben nach seinen Weg zurück in die Heimat. Zudem sollte der Nautische Stern Glück bringen. Die abergläubischen Seefahrer ließen sich den Stern auf die Hand tätowieren, um das Glück stets vor sich zu haben.

Eine ähnliche Bedeutung hatte die Schwalbe. Denn auch der bekannte Vogel findet selbst nach langen Distanzen auf See immer wieder zurück an Land. Damit diente die Schwalbe als Glücksbringer und Beschützer. Später bekam die Schwalbe noch eine weitere Bedeutung in der US-Handelsmarine. Sie wurde zum Bestandteil des tätowierten Logbuchs, das Seemänner auf ihre Haut stechen ließen. Eine Schwalbe bedeutete, dass der Matrose 5.000 Seemeilen auf dem Buckel hatte. Zwei Seeschwalben bedeuteten dementsprechend 10.000 Seemeilen.

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Nur wer um Kap Hoorn gesegelt war, durfte ein Segelschiff tragen © SHMH

Wer durfte sich ein Segelschiff stechen lassen?

Wer Kap Hoorn umsegelt hatte, der durfte sich ein komplettes Segelschiff stechen lassen. Und nur der! Denn der Matrose musste würdig sein, ein solches Tattoo zu tragen. Also war es nur den mutigsten und besten gestattet, die sich der See komplett ergeben hatten. Die gleiche Bedeutung hatte übrigens auch der Ohrring der Matrosen. Den durften nur Männer tragen, die Kap Hoorn überwunden haben, und der Ohrring wurde stets an der Seite getragen, wo das Land war.

Ebenfalls als bildlicher Logbucheintrag dienten der Anker, die Schildkröte und der Drache. Matrosen (wie Popeye) stellten durch ihre Anker-Tätowierung nicht nur klar, dass sie den Atlantik überquert hatten. Das Symbol steht auch für Schutz, Stabilität und Sicherheit – und ebenso für Treue, Ehre und Hoffnung. Wer den Äquator überquert hatte, durfte sich eine Schildkröte stechen lassen. Die gleiche Bedeutung hat auch ein Bildnis Neptuns. Und wer den Drachen unter der Haut trug, war schon bis nach China gesegelt.

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Wer den Drachen trug, war bereits nach China gesegelt © SHMH

Andere Tiermotive wie Schwein und Hahn haben eine andere Bedeutung. An Bord der stolzen Segelschiffe waren oft lebendes Geflügel und Schweine, gedacht für die Kombüse. Wenn Schiffe sanken, überlebten oft ausgerechnet diese Tiere. Deshalb wurden Schwein und Hahn zu Glückssymbolen. Einige Seeleute glaubten: Wenn sie Tattoos mit diesen tierischen Abbildungen trugen (meist an Füßen oder Beinen), dann würden die Götter der Meere auch sie bei einem Schiffbruch verschonen.

Ein Schwein auf dem Bein

Daher stammt auch das englische Sprichwort „A pig on the knee, safety at sea. A cock on the right, never lose a fight“. Dass ausgerechnet diese Tiere Katastrophen an Bord überlebten, hat aber vermutlich wenig mit dem Einfluss der Götter zu tun. Grund ist die Tatsache, dass Tiere in Käfigen gehalten wurden: Die waren aus Holz – und schwammen.

Tattoos auf see gestochen
Warlich berät Seeleute bei der Auswahl des Motivs © SHMH

Wer heute einen Leuchtturm auf der Haut sieht, denkt wahrscheinlich an eine herbe Biersorte aus dem hohen Norden Deutschlands. Als Tattoo ist der Leuchtturm aber keine Huldigung des Ankerbieres, sondern soll den Matrosen an seine Heimat erinnern. Zugleich symbolisiert der Leuchtturm Licht, Hoffnung und Sicherheit – und garantiert damit eine gesunde Rückkehr.

Die Matrosen verlassen sich auf den Leuchtturm, der ihnen in der Not den Weg weist.

Nicht selten waren Seeleute auch an den Fingern tätowiert. Das verbreitetste Tattoo lautete „Hold Fast“, Buchstabe für Buchstabe über die Finger tätowiert. Das Tattoo war eine Ermahnung, die Seile stets gut zu vertäuen beziehungsweise sich selbst bei Seegang anzubinden. Es ist quasi die historische Form von „Leg’ den Lifebelt an!“

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Christian Warlich, der König der Tätowierer, sticht ein Tattoo © SHMH

Rangzeichen auf nackter Haut

Motive wie Kanonen oder Harpunen gaben Auskunft darüber, welche Aufgaben die Matrosen auf See hatten. Kanonen-Tattoos zierten Marinesoldaten, Harpunen die Fischer und Walfänger. Ein gekreuzter Anker war für Unteroffiziere auf dem Boot bestimmt. Ein Knoten am Seil um das Handgelenk gehörte Bootsmännern, Deckoffizieren und allen anderen, die sich um das Schiff kümmerten. Den Teufel ließen sich im 19. Jahrhundert Matrosen aus dem Maschinenraum stechen. Die Maschinisten wollten somit an ihrer höllischen Arbeitsplatz erinnern, der so heiß war wie das Fegefeuer.

  • Tattoos auf see gestochenMeerjungfrauen symbolisierten die Liebe © SHMH
  • Tattoos auf see gestochenHula-Mädchen zierten die Häute der Seemänner © SHMH
  • Tattoos auf see gestochen © SHMH

Und natürlich dürfen als typische Seemannsmotive auch Frauenabbilder nicht fehlen. Hula-Mädchen zierten die Häute der Seemänner, die bereits nach Hawaii gesegelt sind. Meerjungfrauen symbolisierten die Liebe zum Meer. Und Pin-up-Girls sollten die Matrosen an ihre Liebste zu Hause erinnern – eine durchaus eigenwillige Interpretation nackter Tatsachen. Womit wir beim Seemannsgarn wären. Aber darüber schreiben wir im nächsten Artikel.

Der König der Tätowierer kam aus Hamburg

Die alten Tattoo-Motive in unserem Beitrag stammen aus dem Vorlagenbuch von Christian Warlich. Sie wurden in der Ausstellung „Tattoo-Legenden“ im Museum für Hamburgische Geschichte in diesem Frühjahr gezeigt. Der 1891 geborene Warlich (er starb 1964) ist ein Pionier der professionellen Tätowierung im frühen 20. Jahrhundert. Er betrieb auf St. Pauli in einer Gastwirtschaft die erste Tätowierstube Deutschlands.

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Christian Warlichs Vorlagenbuch wurde jetzt zum Ausstellungskatalog © Prestel

Der Kunsthistoriker Ole Wittmann hat sich der „Königs der Tätowierer“ Christian Warlich in einem Forschungsprojekt angenommen. Seit 2015 forscht er über den Hamburger Meister-Tätowierer, der sich selbst „Prof. Electric“ nannte. Der Prestel-Verlag veröffentlichte mit dem Bildband Tattoo Flash Book Christian Warlichs Vorlagenbuch als Ausstellungskatalog.

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