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Parasailor Der Parasailor segelt über Jens Brambuschs Moody © Jens Brambusch
Parasailor

Beflügelt segeln

Der Parasailor gilt als perfektes Vorsegel für Langfahrtsegler. float-Autor Jens Brambusch lässt das Segel mit dem Flügel neuerdings vor seiner Moody 425 fliegen.

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8 Minuten

„Segelgarderobe für Fahrtensegler“ lautet der Titel des nächsten Onlineseminars. Meine Freundin reibt sich bereits die Hände. Ob aus Vorfreude auf das nächste Thema oder weil es doch ein bisschen frisch draußen ist. Wir haben den 30. Januar und selbst in der Türkei, wo wir auf einer Moody 425 leben, ist es kalt und regnerisch. Das perfekte Wetter also, um an dem Blauwasserseminar der ARC, der Atlantic Rallye for Cruisers, teilzunehmen.

Im kommenden Jahr soll es auch für uns so weit sein. Dann wollen wir den Sprung über den großen Teich wagen. So Corona und die Bestimmungen der Karibikinseln es zulassen. Die Enttäuschung, dass es sich bei Segelgarderobe gar nicht um modische Schwerwetterkleidung handelt, sondern um verschiedene Typen von Vorsegeln, ist schnell verflogen. Denn ein besonderes Segel beflügelt fortan unsere Gedanken. Es ist ein Segel mit Flügel. Ein sogenannter Parasailor.

Parasailor
Die bisherige Segelgarderobe von Frogsails © Jens Brambusch

Für das Mittelmeer fühlten wir uns bislang mit unserer Segelgarderobe gut ausgestattet. Bei Frog-Sails in Schleswig hatte ich in einer Art Praktikum bei Segelmacher Sven Kraja zugeschaut, wie mein neues Groß und die Genua geschneidert wurden. Für Schwachwindtage habe ich einen Gennaker an Bord.

Da wir die meiste Zeit zu zweit an Bord sind und Bordhund und -katze sich nach wie vor weigern, an der Decksarbeit teilzuhaben, muss ein leichtes, großes Vorsegel vor allem einfach zu bedienen sein. Im Idealfall auch einhand. Das sind unsere ganz banalen Kriterien.

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Parasailor – das Segel aus der Wundertüte

Das „ideale Vorwindsegel“ wird beim Blauwasserseminar der ARC aber noch an ganz anderen Kriterien festgemacht: ein einziges Segel für verschiedene Windstärken und Windwinkel, dämpfende Wirkung bei Böen, ein zentrales Entweichen der Luft (um das Geigen zu reduzieren), und damit sich der Bug nicht in die Welle steckt, sollte eine Kraft nach oben gerichtet sein.

Das Segel sollte Winddreher gut wegstecken können und nicht sofort einfallen, und wenn doch, sich ohne großen Knall wieder entfalten. Zudem sollte es sich vom Autopiloten einfach steuern lassen, haltbar und UV-resistent sein.

Parasailor
Die Dilly Dally rauscht auf Vorwindkurs übers Mittelmeer © Jens Brambusch

Das klingt nach einer Wundertüte. Aber all diese Kriterien, so heißt es bei dem Seminar, würde der Parasailor erfüllen. Angeblich hätten in der Vergangenheit bei der ARC bereits Crews direkt nach dem Start auf den Kanaren den Parasailor gesetzt und erst in der Karibik wieder eingeholt. Selbst Böen von bis 35 Knoten soll das Segel made in Germany getrotzt haben. Zu schön, um wahr zu sein?

Spinnaker mit Loch und Flügel

Aber was ist überhaupt ein Parasailor? Kurz gesagt: Ein Spinnaker mit Loch und Flügel, der auch als Gennaker eingesetzt werden kann. Um aber zu verstehen, wie viel technisches Know-how in diesem Segel steckt, das Erkenntnisse aus Wasser- und Luftsport kombiniert, muss etwas weiter ausgeholt werden.

Parasailor
Die Öffnungen im Segel lassen den Luftstrom gezielt abfließen © Jens Brambusch

Hartmut Schädlich, ein begeisterter Fahrtensegler und Gleitschirmflieger, gilt als der Vater des beflügelten Segelns. Vor mehr als 20 Jahren entwickelte er mit dem Luft- und Raumfahrtingenieur Manfred Kistler eine erste Version des Flügel-Spinnakers. 1999 meldete Schädlich sein Segel mit einer durchgehenden Öffnung im oberen Bereich und integriertem Stausystem – eben dem aus dem Gleitschirmbereich entliehenen Flügel – zum Patent an.

Leicht zu segelnder Hightech-Spinnaker

Die Idee: Die Öffnungen im Segel lassen den Luftstrom gezielt abfließen. Und zwar genau auf den Gleitschirm, der dann durch die Anströmung sowohl Auftrieb als auch Vortrieb liefert. Dadurch soll der Wirkungsgrad des Segels einerseits verbessert und andererseits durch den Auftrieb der Bug des Bootes entlastet werden.

Zudem wirkt der Flügel wie eine Art horizontale weiche Segellatte, die dem Spinnaker Form und Halt gibt. Das Segel steht somit stabiler, auch bei Leichtwind und Welle, und fällt kaum ein. Dadurch kann der Hightech-Spinnaker auch ohne Spinnaker-Baum gefahren werden, was sich das Handling gerade für kleine und unerfahrenere Crews deutlich einfacher gestaltet.

Parasailor
Das Segel steht auch bei Leichtwind und Welle stabiler © Jens Brambusch

Ganz neu war die revolutionäre Idee allerdings nicht. Bereits in den 1950er-Jahren gab es ein ähnliches Segel, das sogenannte Venturi-Segel, benannt nach dem italienischen Physiker Giovanni Battista Venturi, der im 18. Jahrhundert den „Venturi-Effekt“ entdeckte. Venturi hatte herausgefunden, dass ein schnell strömender Luftstrom durch Druckabfall eine Sogwirkung auf die Umgebung ausübt.
Allerdings konnte sich das Venturi-Segel nie wirklich durchsetzen. Erst in Deutschland gelang es zur Marktreife.

Jetflaps für bessere Leichtwindeigenschaften

Zunächst wurde der Parasailor von Paramarine hergestellt, die dem Segel sogenannte Jetflaps verpassten, um bessere Leichtwindeigenschaften zu erreichen. Jetflaps kommen in der Luftfahrt zum Einsatz und sorgen für eine bessere Aerodynamik. 2004 übernahm die Firma Istec die Produktion, eine Ausgründung der Swing Flugsportgeräte GmbH in Landsberied bei München, die zu den weltweit größten Herstellern von Gleitschirmen zählt.

Istec hat das Segel der ersten Generation mittlerweile neu erfunden. Mehrere Jahre Forschung und Entwicklung stecken in dem modernen Hybridflügel, der den Parasailor der neuesten Generation antreibt. Auch der Bergeschlauch, Easysnuffer Pro genannt, der ein einfaches Setzen und Bergen erlaubt, ist eine neue Kreation. So viel zur Theorie.

Parasailor
Der Easysnuffer Pro macht das Bergen des Segels leicht © Jens Brambusch

Mittlerweile wird der Flügel-Spinnaker auch von Oxley angeboten. Ralf Grösel hatte zusammen mit Schädlich an der ersten Generation des Segels gearbeitet und war bei Istec beschäftigt. Jetzt stellt er die Segel in Eigenregie her, lässt in Fernost produzieren.

Inzwischen sind die Parasailor auf allen Weltmeeren anzutreffen. Das größte von Istec gefertigte Segel hat 448 Quadratmetern, was in etwa der Fläche von vier Vier-Zimmer-Wohnungen entspricht. Der Eigner einer Oyster 745 hat es für die Langfahrt anfertigen lassen.

Flügelsegel
Der Parasailor der Generation 1 © Jens Brambusch
Flügelsegel
© Jens Brambusch

In der Praxis haben wir Glück. Angefixt durch das ARC-Seminar erfahren wir beiläufig, dass ein befreundeter Katamaran-Segler einen Parasailor auf seiner Lagoon hat und ihn uns gerne ausleiht. Da das Segel für meine Moody 425 allerdings zu groß ist, schlagen wir es auf einer Sun Odyssey 44i an. Keine perfekte Lösung, da jedes Segel individuell auf den Bootstyp angepasst wird, aber immerhin eine passable.

Der Zwitter überzeugt jedes Mal

Bei leichten Winden setzen wir den Parasailor und sind positiv überrascht. Das 140 Quadratmeter große Tuch lässt sich problemlos mit zwei Mann setzen, springt schnell an und steht stabil auf einem nahezu 180-Grad-Kurs vor dem Bug, auch ohne Spi-Baum. Wir segeln den Parasailor der ersten Generation auf Kursen bis zu 100 Grad, sprich, wir setzen ihn als Spinnaker und auch als Gennaker ein. Der Zwitter überzeugt jedes Mal.

Auch wenn wir beim Bergen des Segels leichte Probleme haben (bei Computern würde man wohl von einem Anwenderfehler sprechen), entscheide ich mich, mir einen maßgeschneiderten Parasailor für meine Moody 425 zuzulegen. Auf Vorwindkursen scheint die Handhabung bei gleichzeitig überzeugender Performance so einfach, dass der Parasailor die optimale Ergänzung zur bestehenden Segelgarderobe zu sein scheint.

Gegenüber dem Modell, das wir zunächst getestet haben, hat die aktuelle Generation der Parasailor von Istec zudem eine Reihe an Neuerungen. Die wohl sichtbarste ist der kompaktere Hybridflügel mit seiner Kombination aus einem langen, durchgehenden Obersegel und einem kürzeren Untersegel. Durch einen größeren Anstellwinkel und mehr Flügelwölbung bekommt der Hybridflügel noch mehr Auftrieb und Eigenstabilität. Das heißt: Das Segel springt schneller an und steht stabiler. Laut Hersteller bereits bei zwei bis drei Knoten Windgeschwindigkeit.

  • FlügelsegelSegel anschlagen © Jens Brambusch
  • FlügelsegelEinfaches Bergen mit dem Bergesack © Jens Brambusch
  • FlügelsegelSegel bergen © Jens Brambusch

Mittlerweile habe ich meinen Parasailor etwa zehn Mal eingesetzt. Meist bei optimalen Bedingungen um die zehn, zwölf Knoten Wind. Mal mit Freunden, meist zu zweit und einmal Einhand. Das Setzen und Bergen gestaltete sich extrem einfach, zumindest wenn man sich auf die Schotenführung beim Anschlagen konzentriert. Doch mit jedem Setzen wurden wir sicherer und routinierter.

Selbst bei vier Knoten Wind steht der Parasailor hervorragend, sofern Welle oder Schwell nicht zu sehr am Boot rütteln. Aber auch dann fängt das Segel sich sehr schnell wieder ein und bläst sich ohne großen Ruck wieder zu voller Größe auf. Die Gefahr der gefürchteten Eieruhr, wenn Spinnaker oder Gennaker sich im Vorstag verknoten, bestand nicht einmal. Bei rund fünf Knoten scheinbarem Wind machte die behäbige Moody stolze 4,6 Knoten Fahrt.

Das Boot gleitet wie auf Schienen durch die See

Wir sind den Parasailor bislang bis 22 Knoten wahren Wind aus etwa 180 Grad und vor der Welle gesegelt. Auch das wieder ohne Spi-Baum. Das Segel tanzt vor dem Bug, aber das Boot gleitet wie auf Schienen durch die See. Kein Geigen, kein Schlagen des Segels, fast langweilig.

Bei 22 Knoten haben wir das Segel dann eingeholt. Nicht weil wir Angst hatten, es nicht mehr bändigen zu können. Vielmehr wollten wir uns in der Testphase nicht überfordern. Denn schon kurze Zeit später briste der Wind auf 34 Knoten auf. Und auch beim Parasailor gilt: „Wenn Du das erste Mal ans Reffen denkst, dann tu es sofort!“
Am liebsten segle ich den Parasailor wie einen Gennaker, am Bug angeschlagen an einer Talje, mit Barberhauler und Schot. Bis 90 Grad segelt die Moody hervorragend, selbst kräftigen Böen auf Halbwindkursen nimmt der Parasailor den Schrecken. Laut Hersteller geht der Einsatzbereich des Segels sogar bis zu einem Windwinkel von 70 Grad. Wir haben es ausprobiert.

Parasailor
Das neue, kompakte Flügeldesign erleichtert das Setzen und Bergen © Jens Brambusch

In der Tat fährt das Boot noch sehr stabil, die Performance mit der Genua wäre meines Erachtens aber besser – oder zumindest ebenbürtig. Aber egal, wichtig ist, dass bei drehenden Winden der Parasailor immer noch gesegelt werden kann, so dass hektische Manöver entfallen.

Ventilklappen am Flügel erleichtern das Bergen

So groß die Freude an dem neuen Segel auch ist, bei den ersten Fahrten saß im Hinterkopf immer noch ein leichtes Unbehagen. Denn auch nach dem schönsten Segeltag muss das 120 Quadratmeter große Tuch mit dem hervorstechenden Flügel irgendwann wieder in den Bergeschlauch. Die Sorge war allerdings unbegründet. Das neue, kompakte Flügeldesign erleichtert das Setzen und Bergen ungemein, da die geringere Fläche dem Trichter des Bergeschlauches weniger Widerstand bietet und sich somit schneller und mit weniger Kraftaufwand bergen lässt.

Ein Grund für das leichte Bergen sind die Ventilklappen am Flügel, die einströmende Luft stauen oder auslassen. Vorteil dieser Ventiltechnologie, so der Hersteller, sei ein erhöhter Druck im Flügelinneren, der eine schnellere Entfaltung des Flügels und ein kleineres Volumen der aufzublasenden Flügelkammer bei gleich starker Liekenspreizung zulässt. „Die Entleerung der Flügelkammer mittels Ventil erfolgt schneller, da ein konstruktiv größerer Ausflussquerschnitt möglich ist.“

Parasailor
Beflügelt unterwegs im Golf von Fethiye © Jens Brambusch

Und weiter: „Diese Eigenschaften punkten insbesondere beim Setzen und Bergen der neuen Generation Parasailor. Bringt der Easysnuffer Bergeschlauch den neuen Hybridflügel zum Kollabieren, öffnen sich die Ventilklappen. Der größere Auslass und das geringere Volumen sorgen nun für ein deutlich schnelleres Erschlaffen des Flügels.“

Kaum Arbeit mit dem Parasailor

Rund 100 Seemeilen sind wir bislang mit dem Parasailor gesegelt. Vielleicht zu wenig, um verlässlich Aussagen zu treffen, genug aber für einen ersten Erfahrungsbericht. Jeder, der bislang mit an Bord war, war angetan von dem Segel. Natürlich bedarf es am Anfang einiger Übung, vor allem, was das Anschlagen des Segels anbelangt und natürlich den Trimm. Istec empfiehlt verschiedene Modelle, wie das Segel auf welchen Kursen gefahren wird. Am besten, man probiert aus, welche Methode die angenehmste und einfachste ist. Aber kaum ist das Segel oben und eingestellt, bedarf es kaum noch Arbeit.

Für Langfahrtsegler ist der Parasailor sicherlich eine Alternative zu Spinnaker und Gennaker. Aus zwei mach eins. Erfahrene Regattasegler werden wahrscheinlich nicht auf ihn zurückgreifen, der Generalist dürfte in der Performance dem Spezialisten nicht ganz ebenbürtig sein. Aber das muss er ja auch nicht.

Parasailor
Auch auf Halbwindkursen steht das Segel gut © Jens Brambusch

Zwei Wermutstropfen gibt es dann aber doch. Der eine ist der Preis. Die hochwertigen Materialien, die aufwändige Verarbeitung, die Entwicklungskosten und die maßgeschneiderte Produktion in Europa (bei Istec) lassen den Parasailor nicht gerade als Schnäppchen erscheinen. Bedenkt man aber, dass er Gennaker und Spinnaker ersetzt, scheint das Preisniveau wieder zu passen.

Als Hausnummer: Ein Parasailor mit 120 Quadratmetern kostet inklusive Bergeschlauch und Kompressionsseesack rund 6.145 Euro, zuzüglich Mehrwertststeuer. Der zweite Wermutstropfen: Plötzlich kreuzen viel mehr Boote den eigenen Weg, gehen auf Kollisionskurs, um in letzter Minute beizudrehen – und Fotos von dem ungewöhnlichen Segel zu machen.

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