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Bordapotheke So sieht eine gut ausgestattete Bordapotheke aus © Jan Gerlach
Erste Hilfe an Bord

Diese Bordapotheke gehört auf jedes Boot

Auf jedes Schiff gehört eine gut ausgestattete Bordapotheke, um für medizinische Notfälle gerüstet zu sein. Wir haben sie für euch gepackt.

von
Tanja Gerlach
in
5 Minuten | 1 Kommentar

Ob Wochenend-Törn oder Langfahrt, eine gut ausgestattete Bordapotheke sollte sowohl auf Segelyachten als auch auf Motorbooten vorhanden sein. Viele Wassersportler vertrauen darauf, dass alles gut geht. Ein Fehler, sagt Jan Gerlach. Der Segler ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Rettungs- und Intensivmedizin sowie Reisemediziner mit amtlicher Gelbfieberimpfstelle. Wir haben ihn gefragt, was zur Erstversorgung in eine gute Bordapotheke hineingehört.

Bordapotheke
Segelnder Allgemeinmediziner: Jan Gerlach © Gerlach

Der gebürtige Hamburger segelt seit seinem vierten Lebensjahr. Er kennt deshalb die unzähligen Möglichkeiten, sich an Bord zu verletzen, sehr gut aus eigener Erfahrung. „Viele Verletzungen entstehen nicht in Extremsituationen, sondern aus Unachtsamkeit.“ Vom Baum getroffen zu werden und sich dabei eine Platzwunde am Kopf zuzuziehen gehört genauso dazu, wie Enden der Leinen durch die Hände rauschen zu lassen. Oder ein Hähnchen zu essen, das schon zu lange im Bord-Kühlschrank lag.

Bordapotheke
Es gibt viele Möglichkeiten, sich beim Arbeiten an Bord zu verletzen © Ross Tinney

Erstversorgung

Gerade auf hoher See ist die Erstversorgung ausschlaggebend für die anschließende Weiterbehandlung. Ist das nächste Krankenhaus noch viele Seemeilen entfernt, entscheidet die erste Hilfe an Bord über den späteren Verlauf. Jan Gerlach nennt ein Beispiel: „Eine kleinere, wenig klaffende Schnitt- oder Risswunde kann maximal bis zu sechs Stunden nach dem Unfall noch adäquat genäht werden. Aber mit gesundem Menschenverstand und entsprechender Bordapotheke kann die optimale Versorgung der Wunde bereits an Bord erfolgen.“

Die Wunde muss erst gereinigt und desinfiziert werden. Anschließend wird mithilfe eines Wundklebers die klaffende Wunde geschlossen und mit Klammerpflastern, den Steristrips, gesichert. Fadenzug und lokale Betäubung entfallen bei dieser Behandlungsart. „Natürlich kann ich das nicht machen, wenn der halbe Arm offen liegt“, sagt Jan Gerlach. „Aber bei den Schnitt- und Risswunden, die häufig bei Arbeiten an Bord entstehen, ist das völlig in Ordnung.“

Ruhigstellen

Ebenso unverzichtbar für die Bordapotheke ist eine knickbare Aluminium-Polsterschiene (SAM-Splint). Durch Knicken der Schiene in drei mögliche Formen – je nach vorhandener Verletzung in U-, T- oder C-Form – versteift sich das Blech und bewirkt so eine Ruhigstellung des verletzten Körperteils. „Der SAM-Splint ist zudem röntgendurchlässig – ab ins nächste Krankenhaus und schauen, was alles gebrochen ist“, sagt Jan Gerlach. Frakturen des Unterarms, Handgelenks, Fingers sowie Unterschenkels und Sprunggelenks immobilisiert man mit der Aluschiene: „Damit ist der SAM-Splint ideal für die prä-klinische Traumaversorgung geeignet.“

Bordapotheke
Instrumente und Verbandszeug müssen dabei sein © Jan Gerlach

Wundversorgung

Notwendige Instrumente wie Verbands- und Irisschere, Splitter- und anatomische Pinzette, Einmal-Skalpelle sowie Arterienklemme oder Tourniquet, Fieberthermometer und Augendusche gehören seiner Meinung nach ebenfalls zu einer vernünftigen Bordapotheke. Desinfektionsspray für Wunden und Schleimhäute, unterschiedliche Binden, sterile Kompressen und Fettgaze, Pflaster für unterschiedliche Anwendungsgebiete, Wundkleber, Steri-Strips und auch Wundbenzin vervollständigen den Bereich der Wundversorgung an Bord.

ASS oder Aspirin bitte zuhause lassen. Bereits eine Tablette beeinflusst die Blutgerinnung für zehn Tage.

„Allerdings würde ich jedem ans Herz legen, einen Erste-Hilfe-Kursus regelmäßig zu belegen“, sagt Jan Gerlach. „Es ist wie beim Segeln, nur die Übung macht’s.“ Das ist ebenso wichtig wie ein regelmäßiges Sicherheitstraining. Gegen Schmerzen sollten Paracetamol, Ibuprofen oder – rezeptpflichtig – Novalminsulfon im Schapp liegen: „ASS oder Aspirin bitte zuhause lassen. Bereits eine Tablette beeinflusst die Blutgerinnung für zehn Tage, so dass eine erhöhte Blutungsgefahr besteht.“

Krämpfe und Seekrankheit

Bei Krämpfen im Bauchbereich schafft Buscopan beziehungsweise Buscopan plus oftmals Abhilfe. Für die Seekrankheit gibt es leider noch immer kein Allheilmittel. Viele der Medikamente aus dem Antihistamin-Segment machen müde, andere bringen nicht den gewünschten Effekt. Dimenhydrinat-Kaugummis sind für Tagesausflüge gut geeignet, „aber bei Langfahrt ständig Kaugummi kauen zu müssen, ist auch enervierend“.

Also: Idealerweise sollte auch für den Schwiegereltern-Besuch an Bord jede Art von medizinischer Hilfe gegen Seekrankheit vorhanden sein – Scopolamin-TTS-Pflaster, Dimenhydrinat-Reisetabletten und Seagums, also Reisekaugummis. Und natürlich gibt es auch den bekannten, von float vorgestellten Trick bei Seekrankheit, der helfen kann.

Seekrankheit
Bei Seekrankheit gibt es noch kein Allheilmittel © Jan Gerlach

Durchfall und Verstopfung

Bei Durchfall sei das beste Mittel, einfach durchzuhalten: „Die meisten Diarrhoen sind selbstlimitierend – die Beschwerden verschwinden nach gewisser Zeit von allein.“ Hilfsmittel, die das Ausscheiden eindämmen beziehungsweise verhindern, führen dazu, dass der Erreger nicht ausgeschieden werden kann. „Das führt meistens zu weiteren Komplikationen“, sagt der Arzt Jan Gerlach. Gerate der Körper jedoch zu sehr ins Ungleichgewicht, helfen Loperamid-Kapseln sowie Elektrolyt-Lösungen am Besten.

Auf See, besonders auf den modernen Schiffen mit vielen elektrischen Hilfen, bewegt man sich häufig weniger als sonst an Land. Nahrungsumstellung wegen der oft beschränkten Staumöglichkeiten führen bei manchen Menschen zu Verstopfung. Ein einfaches, aber höchst wirkungsvolles Mittel kann jeden Morgen ins Müsli gerührt werden: „Ich empfehle meinen Patienten indische Flohsamen. Sie regulieren die Darmmobilität sanft, aber effizient.“ Für das Worst-Case-Szenario gehören Abführmittel wie Laxoberal und Lactulose-Sirup in die Bordapotheke.

Für den Fall, dass ein Anlegerwein zuviel getrunken worden ist oder der Magen aus anderen Gründen mehr Säure als üblich produziert, sollten Medikamente wie beispielsweise Gaviscon Dual oder Riopan bereit liegen. Sie binden und neutralisieren die Magensäure. Bei stärkerem Sodbrennen und heftigen Magenbeschwerden schaffen die sogenannten Protonenpumpeninhibitoren schnell Abhilfe. „Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol hemmen die Bildung von Säure in den Belegzellen des Magens“, sagt Jan Gerlach.

Augen

Zum Thema Augenbeschwerden führt der Allgemeinmediziner drei Medikamente an, die in keiner Bordapotheke fehlen dürften. Cromoglycin-Augentropfen bei allergischen Erscheinungen, hyaluronsäurehaltige Tropfen bei Reizzuständen sowie ofloxacinhaltige Tropfen gegen bakterielle Bindehautentzündungen – das reicht: „Alles Weitere muss sowieso vom Augenarzt abgeklärt werden.“

Bordapotheke
Hilfe bei allergischen Reaktionen © yodiyim

Allergien

Medikamente gegen allergische Reaktionen, die den gesamten Körper betreffen, müssen ebenfalls in der Bordapotheke sein. „Cetirizin oder Loratadin Tabletten sowie Fenistil Tropfen gehören zum Standard, ebenso Prednisolon oder Dexamethason bei starken beziehungsweise lebensbedrohlichen allergischen Reaktionen“, sagt Jan Gerlach.

Bei allergischen Hautreaktionen könne kurzfristig Hydrocortison-Salbe auf die betroffenen Stellen verteilt werden. Schmerzhafte Verletzungen wie Prellungen, Blutergüsse und Gelenkschwellungen können mit Heparinsalbe 60000IE behandelt werden, Entzündungen im Rachen- und Mundraum mit Hexoral Gurgellösung.

Infekte

Auch für Infektionskrankheiten sollte die Bordapotheke alles bereithalten – nicht nur für Langfahrten. Wer häufig unter Blasenentzündungen leidet, sollte sich von seinem Hausarzt Ciprofloxacin 250 mg, oder alternativ dazu Cefpodoxim 200 verschreiben lassen. Auch bei entzündeten Wunden, zum Beispiel bei Wundrosen, ist Ciprofloxacin das Mittel der Wahl, ebenso wie Amoxicillin oder Cefurox. „Für Langfahrten, bei denen klar ist, das eine medizinische Versorgung durch einen Arzt in den nächsten Tagen nicht möglich, dient Cipro zudem als das Medikament bei blutigen Durchfällen.“

Bordapotheke
Hilfe bei Atemwegsinfekten © yodiyim

Atemwege

Bei Infekten der Atemwege gibt es für den Hausarzt drei Medikamente, die in jede Bordapotheke gehören: „Ambroxol 30 mg Filmtabletten zum Schleimlösen, Nasenspray mit Dexpanthenol fürs Durchatmen, und Noscapin- beziehungsweise Codeintropfen, wenn der nächtliche Reizhusten gar nicht mehr aufhören will.“

Atemwegsinfekte, die über mehrere Tage hinweg mit hohem Fieber, starkem Krankheitsgefühl, eitrigem Auswurf und Atemnot einhergehen, müssen gegebenenfalls mit Amoxicillin oder Cefurox behandelt werden. Für entzündliche Hautveränderungen oder infizierte Wunden gibt es Fusidinsäure als Salbe.

„Generell gilt natürlich, dass sämtliche Infektionskrankheiten der Anamnese, Diagnose und Behandlung durch einen Arzt bedürfen“, sagt Jan Gerlach. „Wir reden hier über Situationen, in denen eine Versorgung in einer Praxis oder in einem Krankenhaus kurz- und mittelfristig nicht möglich ist.“

Bordapotheke
Plötzliche Brustschmerzen können auf eine Angina pectoris hindeuten © Kerstin Zillmer

Herz

Klagt ein Crewmitglied über plötzliche Brustschmerzen beziehungsweise Brustenge, beispielsweise mit Ausstrahlen in den linken Arm, so könnte dies auf eine instabile Angina pectoris hindeuten – insbesondere bei bekannten Vorerkrankungen wie verengte Herzkranzgefäße. In diesem Moment sind Ruhe und schnelles Handeln gefragt. Das Nitrolingual akut Spray kann die Herzkranzgefäße erweitern und die Zeit bis zur Behandlung durch einen Notarzt überbrücken.

Medizinische Notfall-Beratung unterwegs

Wer bei einem Notfall an Bord unsicher ist und sofort medizinische Beratung benötigt, erhält rund um die Uhr funkärztliche Beratung über die Telefonzentrale in den Arbeitskanälen der Küstenfunkstellen sowie telefonisch beim Maritime Rescue Coordination Centre (MRCC) unter der Rufnummer +49 421 536870 oder dem Transmedical Maritime Assistance Center Cuxhaven unter +49 4721 785.

Ein Kommentar

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Wir sind einmal um die Welt gesegelt und unsere Bordapotheke hat mindestens den doppelten Umfang. Das meiste haben wir zum Glück nie gebraucht. 🙂
Aber eine antibiotische Salbe ist absolutes Muss! Zumindest in wärmeren Gefilden. Die wird hier im Beitrag nicht erwähnt. Sowie Tropfen gegen „swimmers ear“.

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