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Rymhart Troyer, die mit Leidenschaft gemacht sind © Rymhart
Rymhart-Troyer

Das sind alles Zuhauses

Warum die Troyer von Rymhart so besonders sind. Ein Besuch in der Strickerei in Stade.

Kerstin Zillmer
von in
5 Minuten

Der Zugang zur Welt des Strickens ist geräuschvoll. Auf das schrille Klingeln der alten Werksglocke öffnet sich die unscheinbare Tür im Hinterhof der Strickerei. Der Ton verwandelt sich im Inneren in ein Surren und Schnurren. In der Halle stehen Strickmaschinen in Reih und Glied und verrichten ihre Arbeit fast allein. Früher waren hier an die hundert Menschen beschäftigt, heute sind es noch 30 Mitarbeiter, die Strickwaren herstellen. Die Muster sind bunt und zahlreich. Gestrickt wird hauptsächlich für alte Damen, die noch im Einzelhandel einkaufen. Und seit einiger Zeit auch Troyer – unter dem Namen Rymhart.

Karl Siegel, Strickerei-Besitzer in vierter Generation, kommt uns in anthrazit entgegen: Wollshirt, Hosenträger, Jeans, Birkenstock. Er führt uns in sein Büro und serviert Ingwertee. Der gelernte Tischler, der vor 30 Jahren in das Geschäft seines Vaters einstieg, lernte die Strickerei von der Pike auf. Er kann die Maschinen programmieren und selbstverständlich auch bedienen. Am liebsten am Wochenende, weil er dann ganz in Ruhe an neuen Modellen experimentieren kann.

Rymhart Troyer

Karl Siegel kennt das Stricken aus dem Effeff © Kerstin Zillmer

Sein ganz eigener Pullover

An so einem Wochenende kam der leidenschaftliche Segler auf den Gedanken, sich einen passenden Pullover für die Zeit auf dem Wasser zu stricken. Ganz für sich allein sollte er sein, sagt der Sechzigjährige. Karl Siegel bestellte also 30 Kilo Wolle, experimentierte mit Garnen, Fadenstärken und Nähten und baute sich seinen ganz eigenen Troyer. Lange tüftelte er an der Architektur und den Details: den Bündchen, dem Perlfang-Muster, dem Reißverschluss und immer wieder an der Verarbeitung der Wolle.

Rymhart Troyer

Fünf Fäden besten Garns geben dem Pullover seine Form © Kerstin Zillmer

Als sein Troyer schließlich fertig war, wollten seine Söhne auch einen haben, erzählt Karl. Und seine Freunde. Und die Kollegen. Dann haben sie gleich mehrere gestrickt und weitergegeben und auch einige in den eigenen Werksladen gehängt. Und immer wieder kam der Satz: Kalle, Du musst die verkaufen! Aber es gab keinen Vertrieb dafür. Und wer würde denn 200 Euro für einen Arbeitspullover bezahlen? Auch wenn er das wert ist. Und dazu noch der Vertrieb! Durch einen glücklichen Zufall kam es 2010 dann doch dazu, dass Karl beschloss, einen Online-Shop zu eröffnen und den Seemannspullover mit in die Produktion zu nehmen. Im Jahr darauf wurde der Troyer eine Marke und bekam einen eigenen Namen.

Dem Sinn verpflichtet

Sie nannten ihn Rymhart. ‚Rüm hart, klaar kiming’ – weites Herz, klarer Horizont, wie die friesischen Kapitäne einst sagten. Zu der Lust, Sachen „ordentlich“ zu machen, wie Karl es sagt, kam die Überzeugung, dass er nur noch Dinge tun will, die sinnvoll sind. Und er hat auch ein Wort dafür: gedeihlich, so sollen die Dinge sein, die er produziert. Arbeitspullover sind so. Sie sollen aus reiner Wolle sein, möglichst lange halten, repariert werden, wenn sie kaputt gehen oder umgetauscht werden, wenn sie nicht mehr passen: Gegen einen anderen Troyer für einen kleinen Aufpreis.

Der alte wird als Second-Hand-Pullover zu einem guten Preis an jemand anderen verkauft. Das entspricht ganz der Post-Wachstums-Ökonomie, deren Anhänger der erfahrene Geschäftsmann ist. Denn Wachstum in einer endlichen Welt sei nicht zu Ende gedacht, findet Karl Siegel. Da müssen andere Konzepte her. An denen arbeitet er mit seiner Rymhart-Crew.

Rymhart Troyer

Karl Siegel und Sven Promer stehen für die Sache © Kerstin Zillmer

Vor zwei Jahren wandte sich Karl Siegel an Sven Promer, einen der Rymhart-Geburtshelfer, um gemeinsam eine Marken- und Firmenphilosophie zu entwickeln und die Herausforderungen und Ziele der Zukunft zu meistern. Mittlerweile hat Sven die „Leitung Rymhart“ inne. Und beide pflegen – ganz im Markensinne – eine gedeihliche Zusammenarbeit. Und das Marketing? Das ergab sich aus sich selber. Sie haben eine gute Geschichte zu erzählen, und das ist ihr Produkt. Mehr nicht, ganz einfach.

Rymharts sind nicht einfach Wollpullover. Sie sind treue Begleiter und passen sich mit dem Tragen immer mehr ihrem Besitzer an. Karl sagt, sie seien alle „Zuhauses“. Darüber hinaus sind sie von oben bis unten durchdacht. Es beginnt beim Garn, das aus unbehandelter Wolle besteht und keine „Ausrüstung“ hat. Das heißt: keine Weichmacher, kein Elastan, kein Kunststoff. Das Bündchen wird mit Baumwollzwirn verstrickt, damit das Gestrick an der Kante besonders lange hält. Der Reißverschluss aus verchromtem Messing ist salzwasserfest und hält ewig. Im Nacken ist achtern ein Schweißblatt eingearbeitet, damit es dort besonders schön warm ist. Das ist gut gegen Verspannungen, weiß Karl.

  • Rymhart TroyerReine Wolle ohne Kunststoff© Rymhart
  • Rymhart Troyer© Kerstin Zillmer
  • Rymhart TroyerDie saubere Verarbeitung macht den Pullover so langlebig© Rymhart
  • Rymhart TroyerDie maschengenaue Kettelnaht© Rymhart

Reine Wolle ist das Maß der Dinge

Lange war Wolle out. Zu kratzig, zu schwer, schlecht zu waschen. Fleecepullover aus Kunststoff waren die Alternative: leicht, schnell zu waschen, zu trocknen und preiswert. Inzwischen wissen wir, dass sie Umweltsäue sind – anders als die Schafspelze. Denn bei jeder Wäsche geben Kunststoffpullover feinste Mikrofasern ab, die so in unseren Wasserkreislauf gelangen. Wolle ist genau das Gegenteil: Sie ist vollständig abbaubar, Wärme speichernd, antistatisch und schwer entflammbar. Natur eben.

Die für die Rymharts verwendete Wolle ist außerdem schwermetallfrei gefärbt und hat durch das wolleigene Fett Lanolin selbstreinigende Eigenschaften. Aufgenommene Gerüche und Feuchtigkeit werden automatisch an die Luft abgesondert. Und Wolle kann in der Faser rund ein Drittel ihres Trockengewichts an Feuchtigkeit aufnehmen, ohne sich äußerlich feucht anzufühlen. Was macht da schon ein bisschen mehr Gewicht?

Rymhart Troyer

Und nachhaltig verpackt © Kerstin Zillmer

Rymhart Troyer

© Kerstin Zillmer

Gut und gedeihlich

Karl Siegel trägt sein Wollshirt jetzt seit acht Wochen. Das geht, wenn man es zum Lüften an die frische Luft hängt und sich nicht doll bekleckert. Im Sommer, als es warm war, sagt Karl lachend, roch er wie ein Schaf, wegen des Wollfetts. Er wird es auch weiter tragen, denn er testet, wie lange das neue Wollshirt aus der Rymhart-Serie hält, das jetzt auf den Markt kommt. Das gehört zur Firmenphilosophie dazu: Die Dinge sind langlebig, einfach, gut und gedeihlich.

Rymhart Troyer

Jeder Pullover hat eine Seriennummer © Rymhart

Deshalb ist auch das Angebot begrenzt. Denn die Rymhart-Crew will den direkten Kontakt zu den Kunden halten. Im Shop, auf Messen oder am Telefon. Der Troyer soll ein Lieblingsstück sein und bleiben. So hat jeder eine eigene Seriennummer, an der man ihn erkennt und seinem Besitzer zuordnen kann. Ja, es sind vor allem Männer, für die Rymhart Pullover produziert. Und die lieben ihre Pullover. Und Jacken, Mützen und in Kürze auch Wollshirts und Ringelpullis. So sehr, dass sich viele nicht nur einen Rymhart kaufen, sondern gleich mehrere, in verschiedenen Farben.

Deshalb stieg der Umsatz im letzten Jahr um mehr als 30 Prozent, was im Strickereigewerbe, das in Deutschland zu den sterbenden Wirtschaftszweigen gehört, erstaunlich ist. Und das hat ausschließlich mit dem guten Konzept zu tun und der wunderbaren Qualität von Rymhart. Wer will so etwas Schönes nicht zu Weihnachten bekommen?

Meinen Troyer kriegst du nicht | Rymhart

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