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Lässig zu bedienen: der Anlege-Assistent im Einsatz © Volvo Penta
Assisted Docking System

Der Anlege-Butler

Volvo Penta hat ein Assistenz-System entwickelt, das beim Anlegen Motoryachten sicher auf Kurs hält – wie eine Einparkhilfe beim Auto.

von
Roland Wildberg
in
5 Minuten

Fliegen und Bootfahren haben viel gemeinsam: Beide sind nicht nur die (mindestens) zweitschönste Nebensache der Welt, sondern auch stark von wechselnden physikalischen Größen abhängig, auf die kein Mensch Einfluss hat. Und: Beim Fliegen wie beim Bootfahren ist das Ankommen am schwierigsten.

Wer schon einmal bei heftigen Böen und starker Drift einen Kurs an den Steg oder in die enge Box steuern musste, weiß um diese Herausforderung: Du hast nur einen einzigen Versuch, der muss klappen! Sonst machst Du Bruch. Und nebenan auf den sicher angeleinten Booten zücken bereits die Wochenend-Skips ihre Smartphones in freudiger Erwartung des Hafenkinos.

Volvo Penta Assisted Docking
Mit ADS ausgestattetes Testboot im Volvo-Penta-Werkshafen auf Krossholmen © Volvo Penta

Der schwedische Motoren- und Marinehersteller Volvo Penta hat jetzt etwas entwickelt, dass die Klickrate auf den einschlägigen Youtube-Kanälen über Anlege-Fails drastisch reduzieren dürfte: Das Assisted Docking System (englisch für „Unterstütztes Anlege-System“) hilft Schiffsführern, ein Boot trotz widriger Welle oder Winde sicher an einen Steg zu steuern – oder davon weg.

Der Mensch behält die Mütze auf

Es handelt sich beim Assisted Docking System um einen echten Assistenten – also keinen Flaschengeist. Sprich: Der Mensch wird unterstützt, aber nicht ersetzt. Volvo Penta bietet keinen roten Knopf, auf den man drückt, um anschließend die Yacht selbstständig wie auf Schienen einparken zu sehen.

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2018 präsentierte der Hersteller eine solche autonome Einpark-Funktion effektvoll im Rahmen des letzten Volvo Ocean Race. Doch als marktreife und vor allem bezahlbare Technologie wird es so etwas wohl nicht so bald geben. Und es erscheint auch wenig reizvoll, wenn uns an Bord nur noch die Beobachter-Rolle bleibt.

Beim Assisted Docking System indes behält die Person am Steuer die Kapitänsmütze auf: „Der Skipper bleibt immer in der Verantwortung“, sagt Anders Thorin von Volvo Penta im Gespräch mit float. Die Technik könne also mit einem vollautomatischen Einpark-Assistenten, den inzwischen einige Autohersteller anbieten, nicht verglichen werden.

Volvo Penta Assisted Docking
Scharfschalten per Knopfdruck © Volvo Penta
Volvo Penta Assisted Docking
Überblick auf dem Screen © Volvo Penta

ADS ist eher vergleichbar mit einem „Spurhalte-Assistenten“, der ein Fahrzeug auf der Straße durch sanfte Kurskorrektur in der Fahrspur hält. Und im Idealfall merkt man nicht viel davon, wenn die Technik einem mit unsichtbaren Händen unter die Arme greift.

Zugriff auf IPS und Bugstrahlruder – mit GPS

Dazu hat das Assisted Docking System Zugriff auf die drehbaren Propellergondeln des IPS-Antriebs und zum Bugstrahlruder. Zugleich wird über einen Abgleich mit den GPS-Daten permanent die eigene Position geloggt. So hat die Technik buchstäblich ein Auge darauf, ob das Boot den gewünschten Kurs fährt – und steuert notfalls gegen. Auch „Stehenbleiben“ ist möglich. Dann verharrt das Schiff stoisch dort, wo man den Joystick losließ – und hält brav wie Waldi die Stellung, bis ein neues Kommando kommt. Oder der Sprit aus ist.

Assisted Docking wird in den kleinen Steuerknüppel integriert, den Volvo Penta analog zum Gaming-PC Joystick nennt. Und Spaß macht es! Bei IPS-Antrieben, den von Volvo Penta erdachten Podantrieben, steht diese Technik antriebsübergreifend für Hafenmanöver zur Verfügung. „Beim Fahren nutzt man das Steuerrad; im Hafen wechselt man zum Joystick“, schildert Anders Thorin die übliche Routine. Daran ändert auch der neue Assistent nichts. Will ich anlegen und brauche dafür Unterstützung, stelle ich per Knopfdruck das System „scharf“ und beginne das Manöver.

  • Volvo Penta Assisted DockingSeitlich anlegen © Volvo Penta
  • Volvo Penta Assisted DockingDrehung um die eigene Achse © Volvo Penta
  • Volvo Penta Assisted DockingOhne Seitenversatz anlegen © Volvo Penta

„Sie bestimmen weiterhin alles, auch das Tempo“, erklärt Thorin, der als Produktmanager für Elektronik in der Volvo-Penta-Zentrale in Göteborg sitzt, in unserem Zoom-Call. Ich kann das Manöver jederzeit unterbrechen, um zum Beispiel Abstände zu kontrollieren, zu loten oder eine Leine klar zu legen. Dann hält der Assistent das Boot auf der aktuellen Position. „Wie eine Drohne“, so Thorin. Nur dass die nicht sirrend über dem Piloten schwebt, sondern die Manöver unter den eigenen vier Buchstaben fährt. Ist alles klar, kann ich per Joystick näher heran – oder auch zurück. Oder einen Kreis fahren.

Auch der Assistent hat Grenzen

Diese Freiheit, in selbstgewählter Position völlig entspannt ohne Zeitnot Entscheidungen treffen zu können, ist etwas völlig Neues. Hat sie auch Grenzen? „Das System hat keine Warnfunktion“, so Anders Thorin. Wer fährt, muss also eigenverantwortlich den Kurs ständig überwachen. „Assisted Docking hält Dich auch nicht davon ab“, so der Schwede, „etwas anzurempeln.“ Das gilt natürlich auch für Bedingungen, in denen das IPS-System überfordert ist.

Was vermutlich sehr selten passiert. „Ich habe das System unter Bedingungen getestet, in denen ich ohne Unterstützung sehr große Schwierigkeiten gehabt hätte, sicher anzulegen“, sagt der schwedische IT-Experte. Natürlich stößt auch Assisted Docking an seine Grenzen: Wo dieses Limit ist, mag man bei Volvo Penta nicht genau definieren. Es hängen zu viele Faktoren davon ab, ob das System gegenüber Wind und Wellenschlag ins Hintertreffen geraten könnte.

Wann sollte ich als Skipper trotz aktivem Assisted Docking besser Abstand von einem Anlegeversuch nehmen? „Auf dem Display wird ständig angezeigt, wie stark das System ausgelastet ist“, erklärt mir Anders Thorin. Wenn Assisted Docking 100 Prozent Auslastung meldet, solle man es sich genau überlegen, ob man nicht lieber ankert. Ebenfalls hilfreich: Falls die GPS-Verbindung gestört ist, werde das ebenfalls angezeigt.

Volvo Penta Assisted Docking
Anders Thorin führt das System vor © Volvo Penta

Also sind nautische Erfahrung und Systemkenntnis weiterhin unabdingbar. Auch bei der Sonderfunktion „Side Push“: Liegt die Yacht längsseits des Stegs, kann sie mit einem Hebeldruck in Seitwärtsbewegung versetzt werden. Und auch hier stoppt das Superhirn nicht von allein, sondern muss erneut einen Befehl dazu erhalten.

Der Umgang mit Assisted Docking jedoch soll ohne lange Einweisung funktionieren. Thorin gegenüber float: „In fünf Minuten hast Du verstanden, wie es funktioniert – und es ist in bekannte Systeme voll integriert.“ Im Video erklären Ida Sparrefors, bei Volvo Penta verantwortlich für Autonome Lösungen, und Anders Thorin, wie das System im praktischen Einsatz funktioniert.

direkt zum Video

Auch zum Nachrüsten geeignet

Das Assisted Docking System kann mit sämtlichen IPS-Systemen von Volvo Penta kombiniert werden. Die Technologie steht für Boote zwischen 35 und gewaltigen 120 Fuß Länge zur Verfügung. Bei der virtuellen Consumer Electronics Show (CES) Mitte Januar bekam die Assisted-Docking-Technologie Lob und Anerkennung. Das System wurde als Finalist für den Best-of-CES-Award in der Kategorie Transportation nominiert.

Die hier federführende Engadget-Redaktion brachte es auf den Punkt: „Das Volvo Penta Assisted-Docking-System ist im Grunde dasselbe wie die Einparkhilfe vieler High-End-Autos, aber für Boote.“ Es ist – falls noch ein Osterwunsch ansteht – auch möglich, Boote nachzurüsten. Dafür sind auch ein Software-Upgrade und eine neue GPS-Antenne erforderlich.

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