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Hochzeit des Motorenbaus: Der V12 Verado ist der größte Außenborder, den Mercury jemals konstruierte Hochzeit des Motorenbaus: Der V12 Verado ist der größte Außenborder, den Mercury jemals konstruierte © Bill Doster
Premiere Mercury V12 Verado 600

Der Zwölfender

Die einen sprechen vom Downsizing, andere bauen einen Zwölfzylinder mit 600 PS: Der Außenbordmotor V12 Verado spielt in seiner eigenen Liga.

von
Roland Wildberg
in
5 Minuten

Was für ein Brummer! Mercury Marine hat in einer Zeit, in der Leistung von vielen in Frage gestellt wird, ein krachendes Statement gebracht: Es ist monolithisch weiß oder (auf Wunsch auch) schwarz, wiegt 572 Kilogramm und hinterlässt einen Schnurrbart von hier bis Helgoland. Der 600 PS starke V12 Verado ist ein optimistisches Bekenntnis zum Außenbordmotor mit Benzinantrieb.

Die Vorstellung vergangene Woche war großes Kino, ganz wie es sich für den weltgrößten Bootsmotorenhersteller gehört: Mercury Marine lud – selbstverständlich corona-konform streng virtuell – an die traditionelle Testbasis im Süden der Vereinigten Staaten: nach Lake X in Florida. Und float war dabei. Dort sprach Präsident Chris Drees jovial in kurzen Ärmeln (bei 35 Grad Außentemperatur) von einem „historischen Moment“.

Damit hat er nicht übertrieben: Ein V12, das ist traditionell immer ein König unter den Motoren. Nur die Großen – klangvolle Marken wie Jaguar, BMW, Mercedes, auch Ferrari und Lamborghini oder vor dem Krieg Maybach und Horch – haben sich je an dem mechanischen Meisterstück eines Zwölfzylinders mit all seinen dazugehörigen Anbauteilen und entsprechender Infrastruktur versucht. V12, das ist Hochzeit der Technik.

Mercuty Varado
Hier orgeln 1800 PS: Drei V12 Verado verleihen dem Daycruiser Flügel © Bill Doster

„Man fühlt einfach den Luxus“

Auf dem geheimen Lake X, wo bereits der Firmengründer Carl Kiekhaever in den späten 1950er-Jahren seinen ersten Reihen-Sechszylinder testete, ist der gewaltige Verado seit Wochen im harten Einsatz. Diverse Boote, vom Boston Whaler bis zum 50 Fuß großen Kabinenkreuzer, sind mit dem neuen Antrieb versehen. Und alle machen sich prächtig, so Drees. „Man fühlt einfach den Luxus.“ Die Maschine sei nicht nur agiler, sondern auch leiser, sparsamer und vibrationsärmer. Ein technisches Wunder, mit anderen Worten.

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Und ein verflucht schnelles: Auf bis zu 80 Seemeilen, also rund 150 km/h, soll er geeignete Boote beschleunigen. Mit 600 PS aus einem 7,6 Liter großen Zwölfzylinder-V-Motor ist Mercury Marine mit einem Paukenschlag ganz vorn – nachdem der bisher stärkste Außenborder der Welt, der 627 PS große Seven Marine 627, seit Januar nicht mehr produziert wird. Braucht die Wasserwelt eine solche Wuchtbrumme? Für Mercury ist die Antwort ganz einfach: „Die Kunden bewegen sich in Richtung größerer Boote“, so Drees.

  • Mercury V12 Verado 600Der V12 Verado hat ein drehbares Untergeschoss. So bleibt der eigentliche Motor ... © Bill Doster
  • Mercury V12 Verado 600... immer gerade. Das reduziert den Abstand und erlaubt, mehr Motoren nebeneinander zu montieren © Bill Doster
  • Mercury V12 Verado 600Weder ein Turbolader noch ein Kompressor führen dem Zwölfzylinder Luft zu © Bill Doster
  • Mercury V12 Verado 600Ein automatisches Getriebe mit zwei Gängen soll schnelle Gleitfahrt bei hoher Effizenz erlauben © Bill Doster

Dem folgt die Strategie von Mercury Marine: mitwachsen. Und das nicht erst seit gestern: Bereits Ende 2019 stellt das Unternehmen mit dem damals größten Außenborder aus eigener Fertigung, dem Racing 450R, einen Leistungsrekord auf. Der ist nun Geschichte. Mit dem V12 blieb Mercury in vielen Details seinen Prinzipien erneut treu: Hubraum ist durch nichts zu ersetzen, außer durch mehr Hubraum, lautet eines davon. Der V12 Verado hat 7,6 Liter Hubraum. Das ist mehr, als der klassische Big Block, der V8 der berühmten US-Straßenkreuzer, je hatte.

Kein Lader und kein Turbo

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Ab einer Bootslänge von 27 Fuß ist ein V12 Verado nutzbar © Bill Doster

Und: Der V12 Verado ist ein reiner Saugmotor. Weder Turbolader noch Kompressor setzen den riesigen Außenbordmotor zusätzlich unter Druck. Dementsprechend generiert die Maschine ihre Leistung ausschließlich aus den Brennräumen – dennoch werden alle relevanten Grenzwerte nach CARB, EPA und CE hinsichtlich der Schadstoffemission erreicht, sagt Mercury Marine.

Ganz ohne Katalysator, wie das Management auf Nachfrage erklärt. Vorteil: Es entfällt Peripherie, das Aggregat ist leichter und das System weniger komplex. Vier Nockenwellen steuern die 48 Ventile. Bei 6400 Umdrehungen, wenn das höchste Drehmoment anliegt, spielen sie auf zum virtuosen Percussions-Konzert auf den zwölf Zylinderköpfen.

Nur unter Wasser neigt sich der Motor

Mercury Marine kombiniert den kapitalen Zwölfender mit einem zweistufigen Automatik-Getriebe – das erste seiner Art für einen Außenborder. „Sie werden von der Performance überrascht sein“, sagte Drees lächelnd während der Präsentation. Bereits der erste Gang „wird Dich zurück in Deinen Sitz werfen – der zweite dient dann vor allem der Kraftstoffeffizienz“, so der Topmanager. Das Tüpfelchen auf dem „i“ ist ein Gelenk im Getriebegehäuse. Es sorgt dafür, dass beim Steuern nur der Unterwasser-Bereich dem Steuerimpuls folgt. Der Motorblock über Wasser bleibt immer geradeaus gerichtet.

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Heavy Duty: Links der Zylinderblock, rechts die Ventile mit den vier Nockenwellen © Werft

So schafft Mercury es, statt nur eines einzelnen Ungetüms ein ganzes Rudel am Bootsheck möglich zu machen. Um einen Verado zu verkraften, sollte ein Boot 27 Fuß (etwa neun Meter) Länge haben, empfiehlt das Unternehmen. Aber ab 34 Fuß ist der Materialschlacht keine Grenze gesetzt: „Wir arbeiten mit Werften zusammen, die zwei oder mehr V12 Verado an solchen Booten verbauen“, sagt Mercury-Sprecher David Maus-Berkeley. Das Entwicklerteam legt Wert auf die Feststellung, dass hier mehrere Kriterien angelegt wurden. Es gehe nicht allein um Topspeed, sondern auch um „beste Effizienz, niedrigste Vibration, höchste Leistung“.

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Um zwölf Zylinder unterzubringen, hat Mercury den V12 im Hochformat in das Außenborder-Korsett gezwängt © Werft

Zwei gegenläufige Propeller

Weitere Besonderheiten: Der V12 Verado hat zwei Propeller, die gegenläufig arrangiert sind. Das sorgt für bessere Leistungsentfaltung, aber ebenso mehr Präzision beim Manövrieren in engen Gewässern, teilt der Hersteller mit. Auch Wartung und Inspektion soll der neue Außenbordmotor vereinfachen: Sämtliche Betriebsflüssigkeiten vom Motor- bis zum Hydrauliköl lassen sich durch eine Revisionsöffnung auf dem Kopf prüfen und wechseln. Intervalle sind mit fünf Jahren sehr großzügig bemessen.

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Mercury hat bewusst auf Turbo und Kompressor verzichtet, um Platz zu sparen © Werft

„Es gibt heute nichts auf dem Markt, das dem V12 Verado gleichkommt“, so Mercury-Präsident Drees. Er legt nach: „Niemand hat so etwas, nicht einmal annähernd!“ Die Frage, ob ein so großer Motor als Außenborder wirklich benötigt werde, beantwortet Drees auch: „Es ist so ungemein praktisch: Sie haben nichts auf dem Boot, was mit dem Antrieb zusammenhängt – das gibt Ihnen Flexibilität, Sie haben das gesamte Boot für Unterkunft etc.“

Mercury beobachtet einen Trend vom fest eingebauten hin zum Außenbordmotor, insbesondere in Nahost. Ein weiterer Vorteil erwächst aus der schmalen Bauweise in Einheit mit dem Getriebegelenk: Eine engere Bauweise mehrerer Motoren lässt mehr Platz daneben, zum Beispiel für eine Badeplattform nebst -leiter.

Neues digitales Schalt- und Gaszugssystem

Fast zeitgleich mit dem Über-Motor stellt Mercury Marine auch ein neues digitales Schalt- und Gaszugssystem vor, das auf die gewaltige Kraft der Maschine optimiert ist. Die neue Generation der Technologie DTS, die das Unternehmen 2004 vorstellte, soll das Ansprechen des Außenbordmotors auf Gas- und Schalt-Kommandos quasi in Echtzeit ermöglichen.

In das System sind zahlreiche Funktionen integriert, um den Skipper zu entlasten. Dazu gehört zum Beispiel eine Integration von Active Trim in die Bedienoberfläche. Active Trim passt die Trimmung des Motors automatisch an die GPS-Geschwindigkeit eines Bootes an, um Effizienz und Leistung zu verbessern.

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Über eine zentrale Revisionsklappe lassen sich sämtliche Betriebsflüssigkeiten warten © Werft

Ab Mai 2021 sollen Außenbordmotor und dazugehörige Peripherie in Europa lieferbar sein. float wird baldmöglichst berichten, wie sich der V12 Verado fährt, fühlt – und anhört.

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