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© Millemari
Reiseliteratur

Die vergessenen Inseln

Thomas Käsbohrer ist Historiker und Segler. Sein neues Buch führt unterhaltsam und kundig von Insel zu Insel und von Epoche zu Epoche durchs Mittelmeer.

Kerstin Zillmer
von in
3 Minuten

Ein Segler im Sturm. Nicht mutig und ohne zu wissen, was ihn dazu bewegt, immer wieder alleine aufs Meer hinauszufahren. Er weiß nur, dass er sich vermeintlich sicher fühlt im Unwirtlichen, in dem alles Bewegung ist. Doch was ist es, was uns treibt? Das fragt Thomas Käsbohrer sich am Ende des ersten Kapitels, als der Sturm plötzlich abflaut.

Der Segler und Autor ist studierter Historiker. Und seit er vor wenigen Jahren aus seinem alten Leben ausgestiegen ist, ist er auch Verleger von millemari. Es war ein harter Bruch, so wie er im Leben immer wieder vorkommt. Manche gehen dann in die Berge, andere ins Kloster. Segler wie Käsbohrer gehen aufs Meer. Aber nicht auf irgendeines, sondern aufs Mittelmeer.

Die vergessenen Inseln

Auf der alten venezianischen Route © millemari

Auf der alten venezianischen Route

Ausgangspunkt für den Start ins neue Leben ist Venedig. Nichts ist geplant. Er weiß nur, dass er nach Antalya segeln will, wo für ihn die Segelei einst begonnen hat. Von Venedig aus folgt er der alten venezianischen Route. Der Mistral bläst ihn die italienische Küste herunter. Dann weiter von Brindisi schräg hinüber nach Othonoi auf die nördlichste der griechischen Inseln. Dann um den Peleponnes herum, wo ihn der Meltemi mitnimmt.

Genauso machten es die Venezianer, wenn sie auf ihren Galeeren nach Istanbul fuhren. Aber warum benutzen sie im 17. Jahrhundert, als es schon Rahsegler gab, überhaupt noch Galeeren? Das fragte sich Thomas Käsbohrer, der Historiker. Weil man segelnd eben gut rüberkommt mit dem Wind, antwortet Thomas Käsbohrer, der Segler. Zurück muss man aber gegenan. Als Segler versteht man die Dinge anders. Aber Historiker sind meist keine Segler. Das macht das Buch doppelt spannend.

Was ist eigentlich die Geschichte des Geldes?

Es gab kein Konzept für dieses Buch, als der Autor losfuhr. Nur den Wunsch, die alte Lust an der Geschichte wieder aufleben zu lassen. Dabei entstand die Idee, die Geschichte des Mittelmeers zu erzählen. Seine Annäherung folgt auf besondere Weise: Käsbohrer taucht in die Geschichte ein, indem er die Geschichten von Dingen erzählt. Dinge, die ihm zufällig auf den vielen Inseln, die er mit dem Boot besucht, im Mittelmeer begegnen. Und er will erklären, wie sie mit uns zusammenhängen.

Irgendwo in Sizilien sind es Geldmünzen aus dem 6. Jahrhundert, und er fragt: Wie ist eigentlich die Geschichte des Geldes? Und findet durch Zufall im Kanal von Korinth überraschende Antworten darauf. Er nähert sich den Themen wie ein Archäologe. Mit wachem Blick durchstreift er die Gegend und entdeckt eher sie zufällig – die Dinge, die ihm Rätsel aufgeben.

Die vergessenen Inseln

Auf Mallorca findet er das maurische Bad © millemari

Von Insel zu Insel… und von Epoche zu Epoche

Das Buch ist chronologisch aufgebaut – nicht geografisch, sondern zeitlich. Man springt beim Lesen von einer Insel zur anderen. Käsbohrer erzählt mit sprachlicher Gewandtheit von Orten, Dingen und Zeiten und der komplexen Geschichte unserer mitteleuropäischen Kultur. Mit großer Kenntnis und Sensibilität führt er die Lesenden über das Meer, auf die Inseln und durch die Jahrhunderte. Er kehrt immer wieder auf einen Abstecher in die Gegenwart zurück, auf seine Yacht. Meistens, wenn ihn gerade ein Sturm im Hafen festhält oder er auf Spurensuche an Land geht. Dann zieht er gedanklich Kreise um die historischen Orte, die er aufsucht, immer enger, bis er uns plötzlich tief in die Geschichte hineingezogen hat. Wie ein Magier, der uns bannt.

Es ist ein außergewöhnliches Buch: Biografie, Törnbeschreibung, Historiografie, Reiseliteratur und Unterhaltungslektüre in einem. Das ist selten in der deutschen Literaturlandschaft des Segelns. Genüsslich, wie behende er diese literarische Verknüpfung beherrscht. Man muss die „Vergessenen Inseln“ nicht chronologisch lesen, es ist auch in kleinen Häppchen gedeihlich. Denn die Geschichten, die er findet und verbindet, funktionieren auch als einzelne Kapitel gut. Und nicht nur für Segler.

Geschichten bilden Geschichte, sagt Käsbohrer, nicht umsonst ist es dasselbe Wort. Er nähert sich ihrem Wesen auf philosophische Weise in einem eigenen Kapitel. Seine Conclusio: Geschichten sind, was uns zusammenhält.

Die vergessenen Inseln

Thomas Käsbohrer © millemari

Die vergessenen Inseln
Thomas Käsbohrer
Paperback, Klappenbroschur, 512 Seiten
Penguin Books
15 Euro

Käsbohrer erzählt von dem Abenteuer, allein auf offener See zu sein, er bringt uns die Sehnsucht nach Weite nahe, die wir alle in uns tragen, und verdichtet seine Reise zu einer Geschichte der Welt, wie sie so noch nie erzählt wurde.

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