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Die Erebus im Eis © gemeinfrei
Lesetipp

Erebus, die Biografie eines verlorenen Schiffs

Ein Schiff, zwei Fahrten und das weltgrößte Rätsel auf See: Michael Palin von Monty Python nimmt sich die Erebus vor.

von
Werner Pluta
in
6 Minuten

Der Papagei ist tot, er träumt nicht von den Fjorden. Michael Palin schon, allerdings eher von dem, was darin liegt. Der ehemalige Monty-Python-Komiker erzählt in seinem neuen Buch die tragische Geschichte der Erebus, eines britischen Expeditionsschiffs, das 1845 auf der Suche nach der Nordwestpassage im hohen Norden Kanadas sank.

Was macht ein Komödiant, wenn der letzte Vorhang gefallen ist? Mit dieser Frage sah sich Michael Palin am 21. Juli 2014 konfrontiert. Am Abend zuvor hatte er mit seinen alten Kumpels die zehnte und letzte Vorstellung Monty Python Live (mostly) absolviert. Damit war die legendäre Komikertruppe endgültig Geschichte.

Erebus und Terror
Michael Palin bei The Agenda mit Steve Paikin © tvo

Und nun? „Nachdem der Tod des norwegischen Blaulings zum letzten Mal beklagt, das Holzfäller-Lied zum letzten Mal gesungen war, blieb ich mit einem Gefühl der Leere zurück. Was blieb mir jetzt noch zu tun?“, schreibt Palin. „Eins stand fest: Mit dem, was gewesen war, dürfte es es nichts zu tun haben. Was immer es wäre, es müsste etwas völlig anderes sein.“

Lange musste er nicht nachdenken: Am 9. September 2014 berichtete die BBC von einem sensationellen Fund im hohen Norden Kanadas. Nach über 150 Jahren hatten Forscher im Arktischen Ozean die Erebus gefunden, eines der Schiffe, mit denen der britische Forschungsreisende John Franklin 1845 aufgebrochen war, um die legendäre Nordwestpassage zu entdecken.

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Erebus und Terror
Das Wrack der Erebus © Arte

Durch das Nordmeer in den Orient

Jahrhunderte lang hatten Seefahrer davon geträumt, durch das Nordmeer in den Orient zu gelangen. Die Route oben um Amerika herum versprach eine kürzere und vermeintlich weniger gefahrvolle Überfahrt als die südliche um das sturmumtoste Kap Horn. Sie hätten Gold und Ruhm gesucht, sang 1981 der kanadische Barde Stan Rodgers in seinem Song Northwest Passage, der längst zu einer inoffiziellen kanadischen Nationalhymne geworden ist.

Übrig geblieben seien, so fuhr Rogers fort, nur verwitterte Knochen und längst vergessene Grabsteine. Und plötzlich ein Wrack in elf Meter Tiefe vor der Adelaide-Halbinsel. Was war das für ein unglückliches Schiff? Wie war es dorthin gekommen und wie wurde es nach 170 Jahren wieder gefunden, weitgehend intakt? „In dem Moment wusste ich, dass es eine Geschichte gab, die nur darauf wartete, erzählt zu werden. Eine Geschichte, die nicht nur von Leben und Tod handelt, sondern auch von einer Art Wiederauferstehung“, schreibt Palin in der Einleitung seines Buches.

Erebus Einleitung
Die Biographie eines Schiffs © mare
alternativetext
Mit zahlreichen Abbildungen © mare

Mit großer Akribie macht er sich in den kommenden Jahren daran, die Biographie eines Schiffs zu rekonstruieren, das kaum Aufmerksamkeit erregt hätte, wenn es nicht mit einer der tragischsten Geschichten des 19. Jahrhunderts verbunden wäre. Die Erebus, benannt nach dem finsteren griechischem Gott Erebos war eine Bombarde. Diese Schiffe waren mit schweren Mörsern ausgerüstet und wurden dazu eingesetzt, um Küstenbefestigungen oder -städte zu beschießen, kurz: um Schrecken zu verbreiten. Folgerichtig hieß ihr Schwesterschiff auch „Terror“.

Die Erebus rottet vor sich hin

Den Schrecken sollten sie nach Frankreich tragen. Doch als die Erebus 1826 vom Stapel lief, war Napoleon längst besiegt und Europa neu geordnet, die Bombarde also nutzlos. Sie machte nur eine gut zweijährige Patrouillenfahrt im Auftrag der Marine durch das Mittelmeer. Nach ihrer Rückkehr 1830 wurde sie in den Marinehafen Chatham verbracht und dümpelte neun Jahre lang vor sich hin – ein Schiff ohne Eleganz und Meriten.

Erebus und Terror
Model der Erebus im Nattilik Heritage Centre in Gjoa Haven © gemeinfrei

Doch plötzlich war genau das gefragt, was das hässliche Schiff bieten konnte: Seine schwere und robuste Rumpfkonstruktion, die dazu gedacht war, den Rückstoß der schweren Mörser aufzunehmen, und der flache Rumpf, der einen geringen Tiefgang für den Einsatz unter Land ermöglichte, machten die Erebus zum idealen Vehikel für eine Expedition ins ewige Eis.

Dort suchte die britische Marine nach den langen Kriegen des ausgehenden 18. und frühen 19. Jahrhunderts eine neue Aufgabe, maßgeblich vorangetrieben von John Barrow, dem zweiten Sekretär der Admiralität.

Ihre erste wissenschaftliche Reise führte die Erebus und die Terror 1839 unter dem Kommando von James Clark Ross in die Antarktis. Auf dem Weg machten die beiden Schiffe Halt in Hobart auf Tasmanien. Empfangen wurden die Forschungsreisenden vom Gouverneur: jenem John Franklin, der sich sieben Jahre mit diesen beiden Schiffen auf die Suche nach der Nordwestpassage begeben sollte.

Erebus und Terror
Gemälde von John Wilson Carmichael © gemeinfrei

James Clark Ross segelt in die Antarktis

Von Hobart aus steuerte Ross seine Schiffe gen Süden. Drei Sommer hintereinander erforscht seine Expedition die Antarktis, dringt immer weiter nach Süden vor: im ersten Jahr bis auf 74 Grad 23 Minuten – so weit südlich war noch nie zuvor ein Mensch. Im Jahr darauf gelangte die Expedition noch einmal sechs Seemeilen weiter, bis auf 78 Grad 9 Minuten. Kein Segelschiff hat es je weiter nach Süden geschafft.

Ross verewigte seine beiden Schiffe, indem er zwei Berge in der Antarktis nach ihnen benannte.

Anders als in den beiden Expeditionsjahren davor bringt die Antarktisfahrt 1842/43 jedoch wenig Neues. Die Stimmung der Mannschaft ist schlecht, da die Schiffe nicht wieder in Hobart überwintert haben, wo viele Lustbarkeiten die Anstrengungen der Fahrt ins ewige Eis vergessen machen, sondern auf den unwirtlichen Falklandinseln. Die Stimmung ist so schlecht, dass Ross schließlich abbricht und Kurs auf Kapstadt absetzt.

Erebus und Terror
Gemälde von François Etienne Musin © gemeinfrei

Die Admiralität wertet die dreijährige Reise jedoch als großer Erfolg. Kaum sind die Schiffe zurück in England, drängt Barrow auf eine neue Expedition. Ihr Ziel: die Nordwestpassage zu finden. Zum Leiter wird Franklin ernannt. Wegen seines fortgeschrittenen Alters war es eine umstrittene Entscheidung: Der ehemalige Gouverneur von Tasmanien war schon fast 60 Jahre alt.

Walfänger sichten die Erebus als letzte

Die beiden Schiffe wurden erneut umgebaut, unter anderem erhielten sie Dampfantrieb, und am 19. Mai 1845 verließen sie England. Nur zwei Mal wurden die Erebus und die Terror danach noch gesehen: im Juli 1845 von den Walfängern Enterprise und Prince Of Wales. Dann verschwinden sie in den Nebeln Nordkanadas. Die Expedition verbringt einen Winter auf Beechey Island, wo die ersten drei Besatzungsmitglieder sterben und begraben werden – jene von Rodgers besungenen „long-forgotten lonely cairn of stones“. Für die restlichen Expeditionsmitglieder gibt es nicht einmal diese.

Erebus und Terror
Die Gräber von John Torrington, Wiliam Braine und John Hartnell auf Beechey Island © Ansgar Walk CC BY-SA 2.5

Palin hat, wie gewohnt, auch auf dieses Buch viel Mühe verwandt. Er hat die Nordwestpassage bereist und war auf Beechey Island. Er hat sich sogar in eine Dependance des Marinemuseum im Osten London begeben, um die alten Baupläne der Schiffe aufzutreiben.

Erebus und Terror
Kollision der Erebus und Terror © gemeinfrei

Schade ist allerdings, dass er dem spannendsten Teil der Existenz der Erebus nur den kleineren Teil seines Buches widmet: Während er ausgiebig die Ross‘ mehrjährige Antarktis-Expedition beschreibt, ist Franklins tragisch verlaufene Suche nach der Nordwestpassage etwas kurz geraten. Fast räumt er den Bemühungen von Franklins Witwe Jane, nach den Verschollenen suchen zu lassen, mehr Raum ein als der Schilderung der Expedition selbst. Auch wenn nach über 170 Jahren das Schicksal der meisten Expeditionsteilnehmer immer noch ungeklärt ist, hätte es doch mehr über die Fahrt zu erzählen gegeben.

Die Erzählungen der Inuit werden gehört

Selbst der kanadische Wissenschaftler Owen Beattie, der in den 1980er-Jahren die drei Toten von Beechey Island exhumierte, bot in seinem 1989 erschienen Werk Frozen in Time: The Fate of the Franklin Expedition (deutsch: Der eisige Schlaf: Das Schicksal der Franklin-Expedition) mehr Informationen. Ein Abriss der aktuellen Forschungsstandes wäre schön gewesen, zumal in den letzten Jahren langsam mehr Licht in die Geschichte kommt, unter anderem weil jetzt die Erzählungen der Inuit beachtet werden.

Schade ist schließlich auch, dass Palin es an seinem anarchischen schwarzen Humor missen lässt. Auch wenn das Thema des Buches – zumindest, wenn man es vom Ende her betrachtet – nicht sehr fröhlich ist, hätte es doch durchaus Gelegenheiten für einige seiner typischen Jokes gegeben.

Während Palin noch schrieb, wurde auch das zweite Schiff Franklins, die Terror, entdeckt. Sie liegt sehr gut erhalten in 24 Metern Tiefe – rund 60 Seemeilen nördlich der Erebus und sehr weit entfernt von der Position, wo sie zuvor vermutet worden war. Das letzte Werk über diese Expedition ist also noch nicht geschrieben.

„Vielleicht werde ich ja“, endet Palin, „so Gott will, eines Tages erneut in die Nordwestpassage reisen, dann aber mit einem Taucheranzug im Gepäck, um das Schiff, an dessen Spuren ich mich geheftet, mit eigenen Augen zu sehen.“ Wir freuen uns schon auf den Bericht.

Erebus. Ein Schiff, zwei Fahrten und das weltweit größte Rätsel auf See.
Autor: Michael Palin, mare Hamburg, 2019
400 Seiten, gebunden, 28 Euro
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