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Pia Klemp auf Sea Watch Pia Klemp an Bord der Sea Watch 3 © Ruben Neugebauer CC-BY-SA-40
Lesetipp

Für Liebe und Revolution

Kapitänin Pia Klemp sagt, zivile Seenotrettung ist noch bescheuerter als es sich anhört. Der Roman über ihre Zeit im Mittelmeer ist alles andere als das.

von
Felix Wortmann-Callejon
in
3 Minuten

„Zivile Seenotrettung – das ist noch bescheuerter, als es sich anhört.“ Dies ist das Fazit der Kapitänin Pia Klemp über ihre Tätigkeit bei der Flüchtlingshilfe im Mittelmeer. Daraus ist ein Roman entstanden. Ihr Buch zu lesen ist alles andere als bescheuert, auch wenn andere Ereignisse seitdem in der öffentlichen Wahrnehmung nach vorne gerückt sind.

Es ist noch nicht allzu lange her: Nach der Beschlagnahmung ihres Schiffs, der „Iuventa“, im August 2017 im Hafen von Lampedusa, wird Pia Klemp und ihrer Crew Beihilfe zur illegalen Einwanderung vorgeworfen. Gleichzeitig blüht das Schleusen mit privaten Segelyachten im Mittelmeer – Stichwort: Ein Flüchtling pro Fuß Bootslänge. Im September 2017 übernimmt sie das Kommando der Sea-Watch 3, kehrt aber nach neun Monaten auf Anraten ihrer Anwälte nach Deutschland zurück, da in Italien mittlerweile eine Untersuchung gegen sie lief.

„Ein Job, der gemacht werden muss“

Die Staatsanwaltschaft fordert 20 Jahre Gefängnis. Aufgrund der drohenden U-Haft in Italien kann die Capitana ihre politische Mission nicht mehr auf der See fortführen. Stattdessen widmet sie sich dem Schreiben. Die absurde Kluft zwischen der Flüchtlingspolitik der Europäischen Union, der als Institution 2012 immerhin der Friedensnobelpreis verliehen wurde, und dem, was Pia Klemp auf dem Mittelmeer erlebte, inspirierte sie zu ihrem Roman „Lass uns mit den Toten tanzen“.

Pia Klemp Sea Watch
Sea Watch 3 © Chris Grodotzki CC-BY-SA-40

Pia Klemp erzählt eindrücklich die packende Geschichte einer feministischen Kapitänin. Die stößt auf dem Mittelmeer oft an die Grenzen ihrer Fähigkeiten und weiß dennoch, dass sie nicht aufhören kann. Denn das schwierigste an ihrer Arbeit ist „nicht der Job selbst, sondern die schlichte Tatsache, dass er gemacht werden muss“. Ihr Pflichtbewusstsein erscheint besonders eindrucksvoll, wenn man es mit dem Verhalten der italienischen Küstenwache vergleicht, die ihre Arbeit offenbar nicht besonders ernst nimmt.

Der Roman ist ein Wellenritt. Liebe, Trauer, Freundschaft, Verrat und der Wunsch nach einer besseren Welt sind die tragenden Motive des Romans. Jeder Moment der Freundschaft, jedes gerettete Leben wird gefolgt von einem Menschen, den die Crew nicht retten kann, einer unterlassenen Hilfeleistung der italienischen Küstenwache.

Die Menge an Alkohol, der über die Geschichte hinweg fließt, ist vielleicht ein guter Indikator für das, was die Zeit auf dem Mittelmeer mit der Crew macht. Dies ist das Besondere an Klemp: Sie zeigt nicht nur die angenehmen Momente des Seealltags, sondern schildert auch detailliert die Tiefpunkte. So bekommen die Leser*innen einen umfassenden Blick, auf das was es heißt, Lebensretterin zu sein.

„Die Männer sind nicht bereit für Frauen wie uns.“

Das sagt die erste Maschinistin der „Iuventa“, Salma, zur Protagonistin. Immer wieder sind andere Kapitäne, die Küstenwache und selbst Teile der eigenen Crew beindruckt, gar eingeschüchtert, von der weiblichen Leitung der „Iuventa“. Ihre Stärke gewinnen Salma und Pia jedoch nicht dadurch, dass sie sich besonders weiblich verhalten, sondern dadurch, dass sie einen dezidiert männlichen Modus Operandi aufweisen.

Jedenfalls einen, der gesellschaftlich mit Männlichkeit verbunden wird: Sie sind meinungsstark, stur und unbeherrschbar. „Eine starke Frau finden [selbst die Feministen] nur in der Theorie gut, nicht in ihrem Leben.“ Das bekommen Pia und ihre revolutionären Freundinnen immer wieder zu spüren, nicht nur auf dem Meer.

Pia Klemp Sea Watch
Pia Klemp nach ihrem Einsatz © Andreas Schmidt

Sowohl die Autorin als auch ihr Alter Ego im Roman sind ohne Zweifel Heldinnen. Anders als typisch männliche Helden, schafft es Klemp dennoch ihre Gefühle und inneren Konflikte im Detail darzustellen. Und ganz im Gegenteil der patriarchalen Erwartung macht sie das nicht schwächer, sondern stärker.

Klemps Roman ist somit nicht nur ein Mittelfinger an die europäische Flüchtlingspolitik, sondern auch ein Mittelfinger an das Patriarchat. Nicht umsonst wurde Pia Klemp 2019 der Clara-Zetkin-Frauenpreis für gesellschaftliches Engagement verliehen.

„Er ist ja auch fesch, dieser Seemannskram.“

Viel des Beschriebenen ist alles andere als einladend, und die Arbeit im Mittelmeer scheint eine unendliche Aufgabe zu sein. Der Roman weckt trotzdem die Lust nach See, nach „crew love“ und  Veränderung. Auf 224 Seiten schildert die Autorin spannend, was vor der Haustür der europäischen Union alles schiefläuft.

Das Buch ist ein außerordentlich starkes politisches Plädoyer, verpackt in einer Geschichte über Klemps Lebensmotto „Liebe und Revolution“. Wer danach nicht den Kopf gegenüber der europäischen Außenpolitik schüttelt, hat die Botschaft des Buches nicht verstanden.

Über Pia Klemp

Pia Klemp wurde 1983 geboren. Sie studierte Biologie und arbeitete mehrere Jahre als Tauchlehrerin in Indonesien. Seit 2012 ist die Kapitänin für Sea Shepherd und auf den Decks der zivilen Seenotrettung im Mittelmeer unterwegs. Seit 2017 kann sie keine Einsätze mehr fahren, da ihr in Italien U-Haft droht.

Lass uns mit den Toten tanzen
Von Pia Klemp
MaroVerlag, Augsburg
13 x 20 cm, gebunden
ISBN 978-3-87512-491-0
20 Euro
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