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3x gaffel-, 1x hochgetakelte H-Jollen auf der Alster © DHJV-Archiv 3x gaffel-, 1x hochgetakelte H-Jollen auf der Alster © DHJV-Archiv
Technik

Gaffel mit Dorn statt Hahnepot

Ein neuer Beschlag für Gaffelsegel soll Holzbootklassikern Vorteile bringen.

Michael Krieg
von in
5 Minuten | 2 Kommentare

In der H-Jollen-Klasse und bei den Jollenkreuzern gibt es noch viele klassische, in Vollholz gebaute Exemplare, die mit einer Gaffeltakelung ausgerüstet sind. Unter den Eignern dieser Boote wird seit Längerem ein Beschlag diskutiert, der die Hahnepot an der Gaffelspiere durch einen spitz zulaufenden Dorn ersetzt. Bringt das Vorteile?

Ein Gaffelsegel ist ein Schratsegel. Es steht im Gegensatz zum Rahsegel längsschiffs und kann senkrecht gesetzt werden. Das Gaffelliek wird in eine bewegliche Gaffelspiere eingezogen bzw. angereiht, die dann zum Hinausstrecken des oberen Teils des Gaffelsegels dient.

Vom Klaufall und vom Piekfall

Zum Setzen des Großsegels müssen im Gegensatz zur Topptakelung zwei Fallen, das Klaufall und das Piekfall, bedient werden. Ersteres, um die gabelförmige Holz- oder Metallklaue zu setzen, die den Mast umschließt, während mit dem Piekfall das obere Ende der Gaffel gesetzt wird – das so genannte Gaffelpiek. Das Piekfall ist mit einem Hahnepotläufer verbunden, einem länglichen, leicht gekrümmten Metall-Beschlag, der auf der Hahnepot längsrutschen kann. Die Hahnepot ist ein an der Gaffelspiere angebrachter Drahtseilbeschlag, der zur Verteilung der auftretenden Last dient.

H-Jolle

H 785 auf dem Langen See Berlin © DHJV-Archiv

Elbjolle

Elbjolle © Laempel / Wikimedia (CC BY-SA-30)

Da die gesetzte, fast senkrecht gestellte Spiere weit über den kürzeren Mast herausragt, spricht man von einer Steilgaffel. Durch das Steilstellen der Gaffelspiere ist der Winkel zwischen Mast und Gaffelliek extrem klein und kommt in seiner Wirksamkeit einem Hochsegel sehr nahe.

Aber eben nur fast, denn oft weht das Gaffelsegel im oberen Teil weiter aus, als erwünscht. Meist ist das Piekfall über einen drehbaren Block am Masttopp geführt. Das gibt der Gaffelspiere zusätzlich Spiel, sich zu öffnen – wenn gewendet oder gehalst wird, wenn man das Großsegel fiert oder dichtholt oder allein schon durch das eigene Gewicht bei Schräglage des Boots.

Ein spitz zulaufender Dorn bringt die Lösung

Nun wurde bei einigen klassischen H-Jollen die Hahnepot und der Hahnepotläufer durch einen in der Mitte der Gaffelspiere angebrachten Beschlag ersetzt, der aus einem spitz zulaufenden, stiftartigen Dorn von etwa vier Zentimetern Länge besteht. Dieser sitzt bei gesetztem Großsegel direkt im Masttopp, in einer dafür montierten Führung.

Klassisch mit Hahnepot

Klassisch mit Hahnepot

Modern mit Dorn

Modern mit Dorn beide © Michael Krieg

Ähnlich wie mit einem Hahnepot-Beschlag werden beim Setzen des Großsegels das Piek- und das Klaufall anfänglich ein Stück parallel gezogen. Dann wird allein mit dem Klaufall die Gaffelspiere so weit hoch gezogen, dass der an der Spiere befestigte Dorn noch über der Mastspitze zu stehen kommt. Das Piekfall ist durch den innen hohlen Dorn geführt.

Mittels Klaufall wird die Höhe so eingestellt, dass der Dorn – der hohl ist und durch den das Piekfall geführt ist – über den Masttopp hinaus hochgezogen wird. Dann wird das Piekfall durchgesetzt, so dass sich der Dorn auf die Mastspitze setzt und in den Mast mit ganzer Länge einfährt. Das Bergen funktioniert dann andersherum: Zunächst muss man das Klaufall vorheißen, um den Dorn aus der Mastführung zu heben; dafür muss das Piekfall soweit gelöst sein, dass es diesen Hub zulässt.

Dorn statt Hahnepot

H 785 mit Dorn statt Hahnepot © Michael Krieg

Den Großbaum aus dem Lümmellager ziehen

Sowohl beim Setzen als auch Bergen darf man nicht vergessen, den Großbaum jeweils vorher aus dem Lümmellager zu ziehen, damit man den oben beschriebenen Gaffeldorn über den Masttop hinaus hochbewegen kann. Das erfordert vor allem beim Setzen einen größeren Kraftaufwand, um anschließend den Großbaum wieder herunterzudrücken und zu arretieren.

Die Gaffel dreht zu weit auf. Das ist das hauptsächliche Problem.

Betrachtet man die Silhouette dieses Gaffelsegels von fern, sieht es bei einer mit einer Krummgaffel-Spiere ausgerüsteten H-Jolle so aus, als sei sie mit einem Peitschenmast ausgestattet. Bei einer mit gerader Steilgaffel-Spiere versehenen ähnelt das Rigg dann schon eher einer Weiterentwicklung der herkömmlichen Gaffeltakelung.

Eine Erfindung im Kundenauftrag

float hat den Bootsbauer Thomas Bergner aus Trappenkamp in Schleswig-Holstein gesprochen, der diese spezielle Art des Riggs zum ersten Mal bei klassischen gaffelgetakelten H-Jollen eingesetzt hat.

Er hatte die Idee mit dem Dorn, als der Eigner einer H-Jolle mit einem speziellen Wunsch an ihn herantrat. Die Spiere sollte möglichst nahe senkrecht am Mast stehen und eine vorgegebene Kurve haben. Die Linie des Riggs über das Vorstag, ein Stückchen Mast und die Spiere entlang sollte fast die Anmutung eines Peitschenmasts bekommen. Bergner dachte sich die neue Befestigungsvariante aus, ließ Dorn und Zapfen drehen und brachte die Spiere so an wie beschrieben. Den Beschlag an der Gaffelspiere findet er heute allerdings nicht mehr schön. Er würde eher ein Fallschloss verwenden, wie er sagt.

Dorn statt Hahnepot

Links klassisch... © DHJV-Archiv

Dorn statt Hahnepot

... und rechts modern © Michael Krieg

„Mit der Gaffel ist das sowieso alles Klöterkram“, sagt Thomas Bergner sehr entschieden. „Die dreht zu weit auf. Das ist das hauptsächliche Problem“, erklärt er. Seiner Meinung greift die von ihm gestaltete Variante mit dem Dorn nicht maßgeblich ins Gaffelrigg ein. Das Piek- und das Klaufall bliebe ja erhalten. „Man könnte im Prinzip auch den Hahnepotläufer so bauen, dass man ihn fest aufhakt. Man bräuchte noch nicht mal eine Nase an der Gaffelspiere. Es ging ja nur da drum, dass die Spiere nicht immer wegkippt“, resümiert Bergner.

Wer kann heute schon noch Gaffelsegel schneiden?

Eine größere Problematik für das Regattasegeln mit Gaffelrigg sieht Bergner eher darin, dass nur noch wenige Segelmacher heute noch in der Lage sind, vernünftige Gaffelsegel zu produzieren. „Wenn Du ein gutes Gaffelsegel haben willst, hast Du keine andere Wahl. Dann musst du entweder zu Raudaschl gehen oder zu Fritz“, ist er überzeugt. „Die können das noch.“

Die von Bergner entwickelte Art, die Gaffelspiere zu setzen, hat also vor allem einen Vorteil: Das Gaffelsegel liegt enger am Mast und hat weniger Spiel. Es hat dadurch auf Kreuzkursen die Eigenschaften eines Hochriggs. Dafür fehlt gegenüber dem klassischen Gaffelrigg mit Hahnepot die Möglichkeit, das Piekfall zwecks Druckreduzierung zu fieren oder gar insgesamt das Großsegel zu reffen.

Dorn statt Hahnepot

Vorkriegsbau auf der Alster © DHJV-Archiv

Dorn statt Hahnepot

© Sijo / Wikimedia (CC-BY-SA-2.5)

Die Puristen in der Vollholz-Szene mögen vielleicht die Nase rümpfen. Aber auch mit dem Dorn-Rigg hat man immer noch ein Gaffel-Boot, und die Reminiszenz an die Historie der gaffelgetakelten Jollen bleibt.

Bei Regatten werden klassenintern beide Varianten der gaffelgetakelten Vollholz-H-Jollen mit einem zusätzlichen Yardstickpunkt gleich behandelt. Auch wenn einige Ausrichter von Traditionsregatten anderer Ansicht sind, sollte das weiter so gehandhabt werden. Denn die Argumente für und gegen die neue Rigg-Variante neutralisieren sich gegenseitig.

2 Kommentare

Tommy Loewe /

Ich teile nicht ganz die Ansicht des Autors bzw. Thomas Bergners: Erstens: Es gibt sehr wohl noch andere Segelmacher, die Gaffelsegel bauen können.
Zweitens zum Dorn: Ich kann gut das Prinzip von „schneller, höher, weiter“ verstehen, nur ich habe eine alte Gaffeljolle aus dem Jahr 1935, weil es mir Spaß macht, einen Klassiker gut zu segeln. Ich benutze HARKEN-Beschläge und Dacron-Segel. Allerdings habe ich ein Hahnepot an der Gaffel, und ich bin der Ansicht, daß der Dorn durchaus einen Vorteil bringt. Man bekommt die Gaffel näher an den Mast und kann dadurch mehr Höhe am Wind segeln und hat weniger Verwirbelung zwischen Mast und Großsegel.
Daß man nicht reffen kann hebt sich m.E. dadurch auf, daß das Großsegel schmaler geschnitten werden kann und man bei viel Wind ein kleineres Vorsegel aufzieht.
Außerdem mag es heldenhaft erscheinen bei über 6 Bft. mit der H-Jolle Regatta zu segeln, ich halte es für Unfug. Den Druck aus dem Achterliek bekommt man durch fieren der Großeschot und des Baumniederholers raus.
Fazit: Tolle Idee, kann man machen, ist nicht wirklich Oldtimer-Gaffelsegel und sollte durch einen Yardstickpunkt berücksichtigt werden. Das ist sonst unfair gegenüber uns „naserümpfenden Puristen“.
Tommy Loewe, Berliner Alt H-Jolle H 482 „Herta 2“.

Antwort
Carsten Lübbert /

Ein atmosphärisch schöner Beitrag. Eine Jollenklasse mit Vergangenheit und Zukunft. Toller Artikel – Danke!

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