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Plastikverpackungen Der schnelle Snack und weg © float
Umweltschutz

Kein Plastik an Bord – so geht’s

Was können wir auf dem Wasser tun, um Plastik zu vermeiden? Hier sind die float-Tipps.

von
Kerstin Zillmer
in
5 Minuten | 5 Kommentare

Es ist eines der großen Themen unserer Zeit – eins, an dem auch Wassersportler nicht vorbeikommen. Wieviel Plastikmüll produzieren wir eigentlich? Auch wenn wir auf dem Wasser unterwegs sind – auf dem Meer, Seen oder Flüssen? Womit waschen wir unsere Wäsche, wie viele Cremes und Waschgels mit Mikroplastik darin verwenden wir? In welcher Verpackung bunkern wir Wasser an Bord? Bereiten wir unseren Kaffee aus Alukapseln zu? Wie beseitigen wir den Müll, der beim Törn entsteht? Und wohin geht der Abfall? Wir sind diesen Fragen nachgegangen.

Lange sind wir davon ausgegangen, dass wir nur ordentlich unseren Müll trennen müssen, dann ist alles gut. Akribisch lösen wir jede Pappummantelung von Plastikbechern, in unseren Küchen stehen vier verschiedene Mülleimer: für Wertstoff, Papier, Biomüll und Restmüll. Wir geben uns viel Mühe, um unser Gewissen zu beruhigen. Doch es lässt sich nicht mehr ignorieren: Der allergrößte Teil des Plastikmülls, den wir fein säuberlich auseinanderpfriemeln, landet in Öfen, in der Erde und im Meer.

Plastikmüll
Wir kommen mit der Entsorgung des produzierten Kunststoffs nicht hinterher © Plastikatlas 2019

Ein Zahlenspiel

Die Massenproduktion synthetischer Ma­terialien, kurz Kunststoff genannt, begann in den 1950er­-Jahren. Seitdem sind weltweit 8,3 Milliarden Tonnen Kunststoff hergestellt worden, drei Viertel davon sind heute Müll. Nur 9% des gesamten weggeworfenen Kunst­stoffs wurden recycelt.

Die Recycling­quote von Plastikverpackungen weltweit liegt bei nur 14 Prozent. Weitere 40 Prozent enden auf Mülldeponien und 14 Prozent in Verbrennungs­anlagen. Die restlichen 32 Prozent landen in der Umwelt, also auch in den Ozeanen und Flüssen oder sie wer­den unkontrolliert verbrannt. In die Uferzonen der Schlei gelangten großflächig kleine Plastikstückchen aus Kläranlagen und verschandelten die Uferzonen.

In Deutschland sind die offiziellen Recyclingquoten mit 45 Prozent im Jahr 2016 rela­tiv hoch. Gemessen wird dabei aber die An­lieferung bei einem Recyclingunternehmen, nicht der wirklich recycelte Müll. Tatsächlich werden nur etwa 15,6 Prozent der Gesamtmenge zu Rezyclat verarbeitet, davon sind nur 7,8 Prozent mit Neukunststoff ver­gleichbar.

Plastikmüll
Küstenschützerin aus eigeme Interesse: Jennifer Timrott © Küste gegen Plastik

Der Grund dafür ist: Hersteller nutzen für ihre Produkte lieber neu produzierten Kunststoff als das minderwertige Rezyclat, weil der Neukunststoff billiger ist als das teure Sortieren und Aufarbeiten von Gebrauchtkunststoff. Die Folge: Ein Großteil unseres Plastikmülls wird nach Übersee, vor allem Asien, verschifft. China, bisher der führende Abfallimporteur, hat im letzten Jahr die Müllabnahme-Abkommen aufgekündigt. Europa musste schnellstens andere Abnahmeländer finden: Jetzt vermüllt Malaysia, denn die Ein­fuhren haben sich seitdem verdreifacht. Mit dabei sind große Mengen Verpa­ckungsabfall aus Deutschland.

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86 Millionen Tonnen Plastikmüll landen im Meer © Plastikatlas 2019

Die Entsorgungswege

Mehr als die Hälfte der Plastikprodukte, die im Müll landen, wird in Deutschland verbrannt. Bei der Müllverbrennung werden Schadstoffe freigesetzt, die die Umwelt kaum abbaut und aufwändig gefiltert werden müssen. Im thüringischen Blei­cherode werden die Rückstände aus den Filtern der deutschen Müllverbrennung in einem ehemaligen Kaliberg­werk gelagert – 350.000 Tonnen giftige Substanzen aus der Verbrennung des Plastikmülls. Unter Bleicherode lagert also unser gutes Gewissen.

Auch das sogenannte chemische Recycling, bei dem Kunststoffe in Kraft­stoff und Gase umgewandelt werden, ist letztlich keine Lösung. Emissionen, giftige Nebenprodukte und hoher Energieverbrauch sind die negativen Folgen. Die gesundheitlichen Risiken sind ähnlich wie bei der konventionellen Müllverbrennung.

Fazit: Wir kommen mit der Entsorgung des produzierten Kunststoffs nicht hinterher. Selbst hochwertiges Recycling kann bei weiter wachsendem Konsum sehr große Mengen an Plastikmüll nicht verhindern.

Die Mehrheit will weniger Plastik

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Der schnelle Snack und weg © Kerstin Zillmer
Plastikmüll
Biosalat in Plastikverpackung? © Kerstin Zillmer

Um die Meere zu retten, ist die effektivste und nachhaltigste Methode, weniger Plastik zu produzieren und zu verwenden. Der erste Schritt ist der Verzicht von Einwegplastikprodukten. Wenn wir heute im Supermarkt in die Obst- und Gemüseregale schauen, sehen wir in Folie verpackte Gurken, vorgeschnittenen Salat in klei­nen Plastikschälchen und Fertiggerichte, in verschiedene Materialien verpackt.

Convenience, also Bequemlichkeit ist das Gebot der Stunde. Laut einem aktuellen Ernährungsreport soll 48% der Deutschen die schnelle und einfache Zubereitung ihrer Mahlzeiten wichtig sein. Dementsprechen steigt mit der Beliebtheit von Convenience Food die Zahl der Produktverpackungen in der EU massiv an. 2018 wurden für Essen und Getränke mehr als 1,13 Billionen Verpackungen verwendet, vor allem aus Plastik. Es wird also nicht weniger, sondern immer mehr Plastik produziert.

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Statt weniger Kunststoff, wird mehr produziert © Plastikatlas 2019

Aber es gibt auch Gegenwind. Die Bewegung Break Free From Plastic (BFFP) vereint mehr als 1.400 Organisationen weltweit. BFFP macht deutlich, dass die Plastik-Vermüllung ein systemisches Problem darstellt: Die Kunststoff produzierenden Firmen haben die Ver­antwortung bislang auf die Verbraucher abgewälzt. Das soll sich ändern. Unter dem Schlagwort „branded trash“  sammeln BFFP und die Partnerorgani­sationen Abfall, der nach Unternehmensmarken sortiert wird. Das Konzept, die Müllverursacher beim Namen zu nennen, zeigt bereits Erfolge. Dazu kommen städtische Initiativen für Zero­ Waste, also eine Null-Müllpolitik. Und bei uns?

Was können wir auf dem Wasser tun?

Gerade an Bord ist es ratsam, so wenig Müll wie möglich zu produzieren und das Wasser sauber zu halten. Bereits mehr als 60 Prozent der Deutschen möchte gerne so weit wie möglich auf Plastik verzichten und sucht nach Alternativen. In immer mehr europäi­schen Städten entstehen Läden, die unverpackte Lebensmit­tel anbieten. In Bioläden ist Obst und Gemüse meist nicht verpackt und auf Wochenmärkten gibt es Regionales „ohne“.

Wer im Supermarkt kauft, kann die Plastikverpackungen auch im Laden lassen und umpacken. Der Verein Küste gegen Plastik hat eine App namens Replace Plastik entwickelt, mit der man sich direkt vor Ort über Plastikverpackungen beschweren kann. Steter Tropfen höhlt den Stein.

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Die App Replace Plastic lässt sich einfach im Supermarkt einsetzen © Küste gegen Plastik

Und das Wasser sauber halten? Das macht man am besten mit 100 % biologisch abbaubaren Seifen und Shampoos. Die gibt es in Bioläden, Outdoorläden und Drogerien. Man kann sie gut in nachfüllbare Gefäße abpacken. Auf Espresso aus Alukapseln kann man ebenso gut durch löslichen Espresso aus dem Glas ersetzen. Oder man nimmt die gute alte Druckkanne aus Glas.

Wasser in Plastik

Eines der größten Probleme sind Plastikwasserflaschen. Viele Wassersportler kaufen Wasser in PET-Flaschen in großen Gebinden und entsorgen die Flaschen im nächsten Hafen. Glasflaschen sind an Bord keine guten Alternativen, weil zu schwer. Und Wasser in Plastikkanistern ist ohne Zusätze auf längere Zeit nicht haltbar, weil sich Bakterien bilden.

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Plastikflaschen kann man inzwischen gut ersetzen © Küste gegen Plastik

Aber auch hier gibt es inzwischen gute Alternativen. Kleine, einfach zu installierende Filteranlagen können mit einer Filterkatusche die gesamte Saison das Wasser aus dem Tank in Trinkwasser verwandeln. Wer flexibel sein will, kann auf wiederverwendbare Kunststoffflaschen oder Edelstahlflaschen umsteigen. Davon kann man sich gleich mehrere zulegen und sie halten ewig.

Das Sparbuch

Das in diesem Frühjahr erschienene Plastik-Sparbuch von Smarticular zeigt 300 nachhaltige Alternativen, wie man Plastik vermeiden kann – vom Einkauf ohne Müll über plastikfreie Haushaltshelfer bis zu Rezepten und Anleitungen. Seit 2014 sammelt das Portal Tipps und Anregungen zu nachhaltigem Leben. Auch auf der Website sind gute Beispiele genannt.

Plastikmüll
Bildbeschreibung © Smarticular
Plastikmüll
Bildbeschreibung © Smarticular

Und wie spart ihr Plastik? Schickt uns eure Tipps und Ratschläge und sagt uns, welche Lösungen ihr gefunden habt. Die besten Vorschläge veröffentlichen wir. Als Dankeschön verschenken wir das Plastik-Sparbuch.

5 Kommentare

Christian /

Ich plane gerade eine neue Frischwasserdruckanlage. Auf der Abgangsseite wird ein Sterilfilter zum Einsatz kommen, beim Zugang wird ebenfalls ein Filter vorgeschaltet, so daß dann weitestgehend sauberes Wasser an Bord sein wird. Ohne Biofilm.

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Danke für den ausführlichen und alarmierenden Bericht !
Wir arbeiten am BOUM Boat Upcycle Projekt, dem erste Réise-Katamaran aus “Öko- Materialien und Öko-Technologies”. Wenn interessiert schicken wir gerne ausführliche Infos auf Deutsch.
Schönes Wochenende
Jörg Weber

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Peter Steinfurth /

Ich empfehle in diesem Zusammenhang die Dokumentation “A Plastic Ocean” auf YouTube – sehr sehenwert!

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Hansjörg /

Wieso soll Glas nicht gehen? Ich segle gerade (allein oder zu zweit) seit 2 Monaten durch Kroatien und habe 2×5 Liter-Glasflaschen dabei sowie einen 20 Liter Kanister. Beides wird bei Gelegenheit mal aufgefüllt. Die 3×5 Liter PET Gebinde (Reserve) sind bisher unangetastet geblieben…

Allerdings ist es erschreckend wieviel Müll am Strand und herum liegt bzw im (Mittel-) Meer schwimmt. Mentalitätsproblem? Aufruf zu Sammelaktionen inkl. Belohnungseffekt (zB durch Vercharterer) würden Sinn machen.

LG Hansjörg

Antwort
Stefan Gerhard /

Auf lokaler Ebene und im Binnenland gibt es solche Aktionen schon: Die Müllregatta in der Rummelsburger Spree beispielsweise, wo einmal pro Monat alle gratis paddeln dürfen, die mit Müllsack die Uferregion reinigen: https://floatmagazin.de/orte/die-muell-regatta/

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