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Mercury Racing 450 R Eigentlich für den Rennsport konzipiert: Mercury Racing 450 R © Tom Leigh / Mercury Racing
Praxistest Mercury Racing 450R

Mercurys Maximal-Maschine

Der neue Mercury Racing 450R ist der größte Außenborder, den Mercury je baute. Wir fuhren den ungewöhnlich laufruhigen Motor im Praxistest.

von
Arek Rejs
in
6 Minuten

Ich erinnere mich noch an meinen ersten Außenborder, das war so ein vorsintflutliches Ding russischer Produktion namens Wietierok 8M. Die Typenbezeichnung ist mir ins Gedächtnis gemeißelt, sie steht für acht PS. Er knatterte und stank und schaffte es mit Mühe, unser Boot auf etwa sieben Knoten zu bringen. Was war ich beeindruckt…

Heute stehe ich vor einem gigantischen Motor, fast größer als unser ganzes Boot von damals! Er heißt Mercury Racing 450R. Und die Abkürzung bedeutet nichts anderes, als dass hier die Energie von rund 56 meiner kleinen Wietieroks rauskommen soll.

Mercury Marine
Fast wie aus einer anderen Welt ... © Tom Leigh / Mercury Racing

Das Ding scheint aus einer anderen Welt zu stammen. Es ist der stärkste Außenborder, den Mercury je gebaut hat. Ein reiner Rennmotor, aber mit 95-Oktan-Tankstellensprit betrieben und für jeden zugänglich, der Willens und finanzstark genug ist.

Enger Zylinderwinkel

Den Mercury Racing 450R hat Mercury inhouse entwickelt. Er wird in Wisconsin auf der firmeneigenen Mercury Racing Produktionslinie hergestellt und basiert auf dem gleichen 8-Zylinder-Block aus Vollaluminium wie der kleinere 300 PS starke Verado V8, den wir unter dem Titel Kennzeichen V mitsamt der neuen Mercury-Motorenreihe vorgestellt haben.

Der Motor hat einen ungewöhnlich engen Winkel von 64 Grad, um das System so kompakt wie möglich zu halten. Trotz des Mehrgewichts des Kompressors wiegt der Mercury 450R mit 313 kg nur 42 kg mehr als der 300 PS starke V8 Verado. Zudem ist es Mercury gelungen, den Kompressor unter der gleichen schlanke Motorhaube wie den 300 PS starken V8 zu verpacken, ein Wolf im Schafspelz sozusagen.

Bestes Leistungsgewicht

Ganz oben ist Mercury damit zwar noch nicht, aber die Spitze befindet sich in Sichtweite: Derzeit stärkstes Solo-Aggregat für den Renneinsatz ist der 627SV von Seven Marine, ein 627 PS starker V8, ebenfalls mit Kompressor, der allerdings auch knapp eine halbe Tonne auf die Waage bringt.

Der Mercury Racing 450R wiegt dagegen knapp 40 Prozent weniger und ist somit flexibler einsetzbar. Im Bereich von 400-PS-Außenbordern hat die neue Maschine sogar das beste Leistungsgewicht von allen, heißt es bei Mercury Marine.

Mercury Marine
Kompakte Bauart – in Serie montierbar © Mercury Marine

Maximal sechs in Reihe

Der Hersteller hat seine Maximal-Maschine aber zugleich auch so konstruiert, dass er bequem in Reihe laufen kann. Der Montageabstand, gemessen jeweils von der Mitte eines Motors zu der eines benachbarten Aggregats, beträgt nur 66 Zentimeter. Damit kann ein Chor von bis zu sechs Maschinen dieser Bauart im Heck in Reihe röhren – nicht weniger als 2.750 PS. Zum Vergleich: Der stärkste Seriensportwagen der Welt, der Bugatti Chiron, bringt es gerade einmal auf 1.500 PS.

Auf der Pressevorstellung in Cannes stehen die neuen Motoren zum Testen bereit. Julijan, mein BOB-Jury-Kollege aus Slowenien, und ich haben nicht lange überlegt. Wann hat man schon mal die Möglichkeit, Boote zu fahren, die von Rennmotoren angetrieben werden? Im Yachthafen stehen gleich zwei Konfigurationen bereit für den Höllenritt: die doppelt motorisierte Nuova Jolly Prince 38 CC und eine Bernico R7 mit Einzelmotorisierung.

Acht Tiger schnurren

Wir gehen natürlich zuerst an Bord der doppelt motorisierten Prince 38 CC. Als erstes probieren wir den X-Haust-Geräuschunterdrücker aus. Er sorgt im Hafen dafür, dass die Steg-Nachbarn auch nach unserer Rückkehr noch mit uns reden. Als wir den Hafen verlassen haben, schalten wir ihn wieder aus. Die acht Tiger, die da in der Kiste schnurren, klingen klasse. Satt, rund und vielversprechend – denn bisher haben wir den Gashebel ja nur gelupft.

Prince 38 CC Mercury Marine
Tiger im Tank: die Prince 38 CC mit zwei Mercury Racing 450 R Motoren © Nuova Jolly

Die Drehzahl im Leerlauf beträgt 600 U/min und beschleunigt das Boot auf 3,5 Knoten. Die Gewalt der Maschine verdeutlicht sich bereits in der Schwierigkeit, an Bord unserer journalistischen Chronistenpflicht nachzugehen: Wir versuchen, Tempo und Spritverbrauch bei jeder Steigerung der Drehzahl um 500 Umdrehungen zu notieren. Aber ab 30 Knoten und fast 3.500 Touren geben wir auf. Jetzt geht es nur noch darum, sich festzuhalten und gelegentlich die Tränen vom Gesicht zu wischen. Gut, dass wir Rettungswesten tragen und noch genug Kraft in den Armen haben.

Beeindruckende 74 Knoten

Die maximale Geschwindigkeit sind 60 Knoten – und wir sind ein bisschen stolz, dass wir die Höchstgeschwindigkeit erreicht haben. Das gleiche Boot bringt bei glatter See sogar 66 Knoten bei 6.400 U/min, sagt Mercury. Der See sollte für eine Testfahrt bei Vollgas entsprechend lang sein, ergänzen wir im Geist.

Mercury Racing 450 R
Das sportliche RIB R7 von Bernico © Bernico

Die etwas sportlichere Bernico klettert bei unserer kleinen Ausfahrt auf dem Speedbarometer noch weiter und kommt auf beeindruckende 74 Knoten, umgerechnet 136 km/h. Das ist unsere Höchstleistung: Uns schlackern die Backen, und mit weichen Knien gehen wir schließlich wieder an Land.

Vielen Kunden ist die Höchstgeschwindigkeit wichtig. Klingt ja auch wirklich imposant. Aber interessanter sind für uns Beschleunigung, Stabilität und Fahrspaß. Und wir notieren nach dem glücklichen Landfall: Es gibt so gut wie null Vibrationen oder Motorerschütterungen, und dazu dieser Sound, wunderbar!

40 Prozent mehr Leistung

Kompakte Bauweise, explosive Leistungsentfaltung, dazu noch Laufruhe – wie kombiniert die Maschine diese Gegensätze? Ein Zauberwort heißt: Kompressor: Aus dem Motorblock des Verado V8 300 kitzelt bereits die Druckluft-Betankung 40 Prozent mehr Leistung heraus. Ein Boost-Bypassventil passt den Ladedruck automatisch an. So wird die Umgebungslufttemperatur berücksichtigt, um die Spitzenleistung unabhängig von den Wetterbedingungen aufrechtzuerhalten. Überdies ist der Lader wassergekühlt.

Der bekannte Vorteil gegenüber einem Turbomotor: Die Leistung steigt mit wachsendem Ladedruck kontrolliert an, es gibt kein Turboloch. Auch müssen nicht Kompression, Drehzahl oder Hubraum erhöht werden, um mehr Leistung zu erhalten. Die Maschine bleibt also relativ leicht.

Mercury Racing 450 R
Innenleben: Mehr Leistung mit Kompressor © Werft

Um den Kraftstoff schneller zu- und Abgas schneller abführen zu können, ist das Aggregat mit vier Ventilen und Hochleistungsnockenprofilen sowie Inconel-Auslassventilen versehen. Die Nockenwellen sind von Steuerketten getrieben, die im Ölbad geschmiert werden. Das verlängert die Wartungsintervalle und damit die Lebensdauer.

Vibrationsfreiheit und Laufruhe

Für die bemerkenswerte Laufruhe und leichte Bedienbarkeit verantwortlich sind unter anderem die Führungsplatten aus Edelstahl und versteifte Motorhalterungen. Beides fixiert den Außenborder beträchtlich und sorgt vor allem bei Schnellfahrten für Stabilität und Vibrationsfreiheit.

Mercury Racing 450 R
Mercury Racing 450 R: Antrieb mit bemerkenswerter Laufruhe © Tom Leigh / Mercury Racing

Darüber hinaus hält die adaptive Drehzahlregelung – mit einer Mercury Racing-Kalibrierung – die Motordrehzahl automatisch konstant, unabhängig von Last- oder Zustandsänderungen – wie Rauwasser, enge Kurven, Schleppsportarten und niedriger Gleitgeschwindigkeit. Die Drehzahl ändert sich auch bei Kurvenfahrten überhaupt nicht. Direkt nach der Kurve beschleunigt das Boot wieder auf die vorherige Geschwindigkeit. Alles läuft tatsächlich wie auf Schienen.

Renn-Getriebe verfügbar

Der Mercury 450R ist mit zwei verschiedenen Getrieben erhältlich. Die 5.44 HD-Übersetzung ist für „niedrigere Geschwindigkeiten“ und traditionelle Unterwasseranwendungen ausgelegt. Wer nicht mehr nur fahren, sondern lieber fliegen möchte: Ein optionales Sport-Master-Getriebe ist für Geschwindigkeiten von mehr als 74 Knoten ausgelegt. Uns hat schon das Seriengetriebe gereicht…

Mercury Racing 450 R
Mercury Racing 450 R im Einsatz: für Renngeschwindigkeit ausgelegt © Tom Leigh / Mercury Racing

Unser Resümee am Steg, nachdem wir allmählich wieder Boden unter den Füßen bekommen: Wer macht in dieser Materialschlacht den nächsten Schritt? Im Jahr 2015 hat Mercury Marine seinen 400-PS-Motor, Mercury Verado 400R, vorgestellt. Es war eine Art Revolution bei den Außenbordmotoren. Abgesehen von Seven 7 Marine und einigen kleinen Tuningfirmen gab es keinen anderen Außenbordmotorenhersteller, der eine Leistung von 400 PS erreichen. Mercury Marine krönte sich selbst mit dem leistungsstärksten Serien-Außenbordmotor.

Wie geht es wohl weiter?

Doch diese Herrschaft hielt nicht lange an. Letztes Jahr stellte Yamaha einen riesigen V8-Motor mit 5,6 Litern Hubraum und 425 PS Motor vor: den Yamaha 425 XTO Offshore. Die japanische Herrschaft hielt jedoch nur ein Jahr an. Der König der Bootsmotoren ist mit dem Mercury Racing 450R wieder ein US-Modell. Der Motor ist 129 kg leichter als der japanische Konkurrent. Was ist der nächste Schritt in diesem Leistungs- und Technologierennen – 500 oder 600 PS?

Mercury Racing 450 R
Cold Fusion White © Werft
Mercury Racing 450 R
Mercury Phantom Black © Werft

Der Mercury Racing 450R ist in zwei Farben erhältlich: „Cold Fusion White“, das an der Nuova Jolly Prince 38 CC zu sehen ist, und „Mercury Phantom Black“, wie es bei der Bernico R7 montiert wurde. Der Motor hat eine sehr nützliche Funktion, bekannt aus der neuesten Mercury-Motorenreihe: Die Klappluke in der Motorhaube für routinemäßige Motorölprüfungen und Nachfüllen – ohne die Motorhaube abnehmen zu müssen.

Technische Daten Mercury 450R

Hubraum: 4,6 l
Zylinder/Motoreinstellung: V8 with 32-valve Dual Overhead Cam [DOHC] Einspritzsystem: Kompressor mit Luftkühlung und Electronic Boost Control
Maximale Leistung: 450 PS
Maximale Drehzahl: 5.800 bis 6.400 U/min
Kraftstoff: Benzin ab 89 Oktan, 10% Ethanol Maximum
Getriebeübersetzung: 1,6:1

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