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Trawler mit falschem Namen, gesunken vor der Antarktischen Halbinsel © Oliver Illg Geisterschiff: Diese Motoryacht sank vor der Antarktischen Halbinsel - war der Name schuld? © Oliver Illg
Aberglauben

Nomen est Omen

Die Namensgebung der eigenen Yacht ist ein Wagnis – denn beim falschen Bootsnamen sind die Folgen unabsehbar. Ein kleines Aberglaubensbekenntnis.

von
Roland Wildberg
in
5 Minuten

Wer einen Yachthafen ansteuert, sieht sie an jedem Heck: Bootsnamen. Selbst winzigste Nussschalen, die nicht einmal einen Flaggenstock am Heck tragen, sind mit einem Namen versehen; von peinlichen über sehr peinliche bis hin zu einigermaßen erträglichen.

Es gibt die üblichen Sturmvögel, Seuten Deerns und Neptuns, aber auch verhalten originelle wie etwa Unsinkable II, Scheidungsgrund oder Hartz IV (gern ab 50 Fuß).

Schwer vorstellbar, wie hier auf Kanal 16 ein Notfall kommuniziert würde… Aber über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Fest steht: Jeder Name, mag er noch so harmlos sein, sagt etwas aus über Schiff und Eigner. Nomen est Omen – die lateinische Weisheit „der Name ist ein Zeichen“ gilt offenbar auch auf dem Wasser.

Wie nenne ich mein Boot? Dieser Eigner hat sich für ein starkes Gefühl entschieden: Panik
Wie nenne ich mein Boot? Dieser Eigner hat sich für ein starkes Gefühl entschieden: Panik © Kim Reise

Bootsnamen gab es schon immer

Und zwar schon eine ganze Weile: Seit Jahrtausenden haben die Menschen das Bedürfnis, ihr Gefährt, das sie zuverlässig über die Tiefe trägt, zu benennen. Jasons Argo, das verdammt schnelle Schiff aus der griechischen Sagenwelt, war eines der ersten dokumentierten.

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Allerdings erscheint seine Taufe im Nachhinein nur logisch, denn dank Athenes göttlicher Hilfe konnte die Argo sprechen. Da war es mindestens höflich, sie nicht nur mit „Ey, Schiff“ anzuquatschen.

Osmose: Wer einen solchen Namen wählt, kann nur ahnungslos sein – oder fordert das Schicksal heraus
Wer so einen Namen wählt, kann nur ahnungslos sein – oder fordert das Schicksal heraus © Kim Reise

Im Schiffbau blüht der Aberglaube

Die Argo wurde – nicht besonders kreativ – nach ihrem Erbauer Argos benannt. Das war immer noch besser als gar kein Name und offenbar ein gutes Omen, denn sie kehrte glücklich von ihrer sagenumwobenen Reise zurück. Es gibt nämlich auch falsche Bootsnamen…

In einem so traditionsreichen Gewerbe wie dem Schiffbau blüht der Aberglaube, und der wird häufig durch wahre Geschichten bekräftigt. Der falsche Name kann Unglück bringen, so wie viele andere Dinge an Bord. Doch wer unbedacht ein Boot mit falschem oder unpassendem Namen kauft, steckt erst recht in der Falle: Auch das Umbenennen bringt Unglück.

Wer glaubt, solches Seemannsgarn sei heute Schnee von gestern: Yachtforen und Soziale Medien sind voll von dramatischen Stories und – mehr oder weniger ernsthafen – Diskussionen über den passenden Namen.

Ein maritimer Kalauer: Kann ein Leebär anluven? Oder überlässt er das besser dem Rebär
Ein maritimer Kalauer: Kann ein Leebär anluven? Oder überlässt er das besser dem Re-Bär? © Copyright

Tradition fordert weibliche Namen

Wie etwa die folgende: „Ein Freund von mir hatte einen Trawler mit dem Namen Carla“, erzählt Oliver Illg, deutschstämmiger Brasilianer und langjähriger Segler. Das Schiff hatte eine lange Vorgeschichte mit vielen glückhaften Passagen. Soweit, so gut. Denn die Tradition verlangt nach einem weiblichen Namen. Warum, darüber sind die Meinungen natürlich auch höchst geteilt…

Doch der Freund mochte den Namen nicht. „Er entschied, sie umzubenennen in Diogo Cão – der Name einer Romanfigur des portugiesischen Autoren Fernando Pessoa.“ Cão heißt Hund, könne aber – so Illg – auch „böse“ oder „teuflisch“ bedeuten. Warnlampe!

Illg: „Ich riet ihm dringend ab davon, aber er blieb dabei.“ Es sei zu kleineren Schäden gekommen, etwa dem Verlust eines Propellers und Grundberührung mit einer Sandbank. Darauf habe der Eigner doch noch Einsicht gezeigt und erneut den Namen geändert. Er musste dazu sogar eine Sondergenehmigung der brasilianischen Küstenwache erwirken. Die Behörde wusste es offenbar besser. Der Eigner setzte sich dennoch durch.

  • Segler reißen gern Witze darüber, wie viel Arbeit ihr Hobby verursacht – hier verewigt durch MalocheMaloche: Segler reißen gern Witze darüber, wie viel Arbeit ihr Hobby verursacht... © Marcel Hufschmidt
  • Fast fertig... Bekanntermaßen ist die Arbeit an einem Schiff niemals getanFast fertig... Bekanntermaßen ist die Arbeit an einem Schiff niemals getan, ... © Sebastian Ka
  • Statt eines Namens: Strichliste aller Yachten, die den Bugsporn schon zu spüren bekamen...Statt eines Namens: Strichliste aller Yachten, die den Bugsporn schon zu spüren bekamen... © Kim Reise

Doppelte Neutaufe = doppeltes Pech

Wir ahnen bereits: Er machte die Sache damit nur noch schlimmer. Doppelte Neutaufe = doppeltes Pech. Und richtig, das Unglück nahm seinen Lauf. Denn der neue Name Mar Sem Fin war nicht so neu. Ein früheres Segelboot des Namensgebers hatte so geheißen.

Möglicherweise nahm die Motoryacht das übel, oder sie verstand den Namen „Endloses Meer“ wörtlich – jedenfalls endete ihre Reise schon bald, im endlosen Meer: Eine Überwinterung an der Antarktischen Halbinsel missglückte, weil die Motorkühlung nicht auf die arktischen Temperaturen vorbereitet war. Ein Rohr platzte, das Schiff ging auf Grund. Und konnte später nur noch verschrottet werden.

Illg resümiert: „Kleine Ursache, große Wirkung. Ich bin nicht sehr abergläubig, aber wozu ein Risiko eingehen?“

Es gibt zum Glück gute Gegenmittel

Daher ist es übrigens auch höchst unklug, das Boot nach der Geliebten zu benennen – wie schnell kann sich das ändern… Der Aberglaube schlägt aber auch gern Purzelbaum: Natürlich, so sind alte Seebären überzeugt, gibt es Mittel und Wege, um eine Namensänderung doch wirksam und ohne Folgeschäden zu erreichen.

  • Beliebt sind Namen, die positive Assoziationen wecken... - hier ein echt wildes DingBeliebt sind Namen, die positive Assoziationen wecken... – hier ein echt wildes Ding © Kim Reise
  • Oh la la - ist das jetzt auf die Yacht gemünzt, oder eher auf ihre flotte Besatzung?O la la - ist das jetzt auf die Yacht gemünzt, oder eher auf ihre flotte Besatzung? © Kim Reise
  • Eine Zustandbeschreibung auf bayerisch, eine Gurke auf Schwedisch und DänischEine Zustandbeschreibung auf bayerisch, eine Gurke auf Schwedisch und Dänisch © Kim Reise

Viele schwören darauf, die Meeresgottheiten der Wahl (Neptun, Rasmus, Shiwa etc.) anzurufen und unter reichlich Alkohol (viel für den Skipper, etwas für die höhere Macht) um Verständnis zu bitten. Darin stimmen übrigens viele Quellen überein: Eine Taufe hat nass zu sein, damit das Boot sich in seinem Element künftig wohlfühlt.

Einfach den Namen überfahren

Trickreich ist auch folgendes Rezept: Alte Beschriftung ablösen (bei Klebebuchstaben einfach, bei Ölfarbe schwierig), in See gehen und dort die Beschriftung (oder die Reste) feierlich über Bord kippen. Jetzt wird’s kompliziert: Anschließend aufstoppen und rückwärts über den versenkten Namenszug hinwegfahren oder -segeln. Nur so lasse sich der alte Name wirkungsvoll auslöschen. Eine Glaubensfrage.

Schlimmer geht es nicht: Corona auf dem Rumpf, damit ist ein Auslaufen bis auf weiteres unmöglich...
Schlimmer geht es nicht: Corona auf dem Rumpf, damit ist ein Auslaufen aktuell nicht ratsam... © Float

Was aber macht man, wenn sich ein an sich glückbringender Name – z.B. Corona, spanisch für „Krone“ – auf einmal in einen negativ konnotierten verwandelt? Dann hilft es im konkreten Fall wohl nur, die gelb-schwarze Quarantäneflagge zu hissen und vorläufig den Hafen nicht mehr zu verlassen…

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