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Mit Hilfe der Hardware-Erweiterung Iridium Go! lassen sich auch Wetterkarten empfangen © Iridium Mit der Hardware-Erweiterung Iridium Go! lassen sich auch Wetterkarten empfangen © Iridium
Satellitenfunk mit Iridium

Notruf nur mit Guthaben?

Auf sieben Weltmeeren per Handy erreichbar sein, das geht mit Satelliten-Telefonie von Iridium. Wo liegen die Stolperfallen?

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6 Minuten

Manche Seeleute glauben an Schutzengel. Wer Iridium nutzt, hat gleich 66 davon – ohne Flügel, denn es sind Satelliten, die das weltweite Kommunikationssystem Iridium bilden. Die künstlichen Himmelskörper umkreisen permanent die Erde und garantieren weltweite Kommunikation, ob im Gebirge, in der Wüste oder am Point Nemo in der endlosen Wasserwüste. Für Seefahrer heißt das: weltweite Erreichbarkeit zu allen Tages- und Nachtzeiten. Also auch: eine weltweite Notruf-Funktion.

Dafür nutzen die Systeme Satelliten, die entweder im geostationären Erd-Orbit (GEO) und im „niedrigen“ Erd-Orbit, auch LEO (wie Low Earth Orbit) zwischen Himmel und Erde schweben. Iridium ist ein LEO-System, hat also eine große Anzahl von Satelliten in niedriger Höhe.

Anders als Garmin Inreach, das über das Satellitennetz lediglich Kommunikation per Kurznachricht erlaubt, funktioniert die Vollversion Iridium wie ein Telefon. Unter den internationalen Vorwahlen +8816 und +8817 erreicht man die Iridium-Teilnehmer. Fast überall: Es gibt einige wenige, politisch motivierte Embargoregionen wie Kuba, wo die Nutzung nicht gestattet ist.

Iridium Go! ist nicht Iridium

Um ungestörte Netzabdeckung mit mehreren Satelliten zu haben, darf der Horizont höchstens acht Grad abgedeckt sein – auf dem Meer völlig problemlos. Wie terrestrische GSM-Dienstleister bietet auch Iridium zwei Nutzungsmöglichkeiten an: mit Monatsvertrag und limitiertem Guthaben oder mit Prepaid-Karte. Wer zusätzlich Daten (für Mails, Tracking, Wetterberichte und -karten) empfangen will, braucht ein aktuelles Iridium-Satellitentelefon plus Optimizer. Oder das Iridium Go! in Verbindung mit dem eigenen Smartphone.

Iridium bietet wie eine gewöhnliche Mobilfunk-Marke auch Tablet und Smartphone an
Iridium bietet wie eine gewöhnliche Mobilfunk-Marke Tablets und Smartphones an © Iridium

Die reinen Gesprächskosten beginnen bei etwa einem Euro pro Minute, je nach Vertrag. Damit haben sich die Preise in den letzten Jahren signifikant verringert. Das führt zum Effekt, dass man ein Satellitentelefon in Übersee heute oft viel günstiger nutzen kann als ein deutsches Handy im Auslands-Roaming. Denn damit kommt man auf abgelegenen Inseln jenseits der EU leicht bei fünf bis acht Euro pro Minute.

Wer also Iridium für die Notfallkommunikation anschafft, profitiert von diesem Nebeneffekt. Der Grund: 600 Gesprächsminuten muss man bei Iridium jedes Jahr zwingend kaufen, um das Telefon nutzen zu können. „Unter Umständen spare ich die Hälfte bis drei Viertel der Kosten, weil ich nicht über Roaming auf meinem normalen Handy telefoniere“, sagt René Därr.

Der Geschäftsführer eines Portals für Expeditionstechnik zählt seit Jahren eine wachsende Zahl von Seglern zu seinen Kunden. Er kennt die Fallstricke: Die Freiminuten würden verfallen, wenn man die Laufzeit nicht verlängert. Das nicht genutzte Freiguthaben nimmt man in die neue Laufzeit mit. Wer also lange auf See ist, verliert die Freiminuten nicht, sondern kann sie anschließend im Hafen verbrauchen.

Prepaid-Lösung günstiger

Wer nicht vorhat, Wetterinformationen zu laden, wird das Satelliten-Telefon wahrscheinlich gar nicht zum Telefonieren nutzen. „Dann habe es nur für den Notfall dabei.“ Därr empfiehlt bei Nutzung als reine Notfalllösung, einen Vertrag abzuschließen (auch Postpaid genannt).

Bei Nutzung für mehr als rund 150 Minuten pro Jahr ist die Prepaid-Lösung besser. Prepaid ist dann meist günstiger als ein Vertrag: Denn die monatlichen Grundgebühren plus zusätzliche Verbindungsgebühren kosten übers Jahr teilweise sogar mehr als reine Laufzeit mit Freiguthaben.

Das Satelliten-Netz von Iridium bietet weltweiten Telefonempfang
Das Satelliten-Netz von Iridium bietet weltweiten Telefonempfang © Iridium

Wer die Prepaid-Lösung anstrebt, mag sich fragen: Wie viel Minuten Nutzungszeit sind auf dem Törn überhaupt erforderlich? Geht man zum Beispiel von einer Atlantiküberquerung in drei Wochen aus, braucht man fünf bis zehn Minuten Verbindungszeit für die tägliche Wetterkarte. Das sind rund 200 Minuten allein für die Datenverbindung plus einem Puffer für Notfälle.

Hinzu kommt eventuell der tägliche Anruf zu Hause oder eine abendliche Status-Meldung. Wer die Wetterinformationen nicht benötigt, wird aber gar nicht telefonieren und nutzt das Iridium-Handy nur für den Notfall. Was also tun, wenn man auf Nummer sicher gehen will?

Das funktioniert so: Das Garmin Inreach ist standardmäßig für die Notfall-Kommunikation zuständig. Und als „Fallback“ gibt es ein Iridium-Handy an Bord.

Wer Wetterdaten will, investiert 550 Euro

An jährlichen Fixkosten für das klassische System Iridium Go oder Extreme, um auch Wetterdaten zu übertragen, muss man mit etwa mit 550 Euro rechnen. Wer den Festvertrag bucht, zahlt 48 Euro monatliche Gebühr, in denen jeden Monat zehn Minuten Telefonie und SMS fest integriert sind. Weitere Minuten werden zusätzlich abgerechnet.

Variante B ist die Prepaid-Lösung. Hier ist man mit 750 Euro im Jahr dabei; entweder inklusive 600 Gesprächsminuten oder 1.000 Minuten für Datentransfer. Das Gerät selbst kostet in der Anschaffung zwischen knapp 1.000 und rund 2.000 Euro – hängt davon ab, ob es nur an Deck benutzt wird oder man noch eine externe Antenne oder einen Einbauhalter benötigt.

Dazu Därr: „Sobald ich 30 mal Wetterdaten runterlade, bin ich billiger mit der Prepaid-Lösung. Es kommt sehr schnell der Punkt, wo die Prepaid-Variante sinnvoller ist als Grundgebühren. Weil ich beim Festvertrag feste Kontingente habe, die auf See zu wenig und im Hafen zu viel sind. Und ich kann die Kontingente nicht über das Monatsende forttragen.

Schematische Darstellung der Kommunikation per Iridium-Satellit
Schematische Darstellung der Kommunikation per Iridium-Satellit © Iridium

Bei Iridium Prepaid bekommen Sie im Verbindungsaufbau jedes Mal einen Hinweis in englischer Sprache, wie viele Minuten Sie noch haben und wie lange die Laufzeit der SIM-Karte noch ist. Tatsächlich haben Sie zumeist mehr Minuten, als Sie verbrauchen können.

Ohne Guthaben kein Anruf

Einziger Nachteil der Prepaid-Lösung: Unterwegs aufladen kann schwierig werden, solange keine stabile Internetverbindung besteht. Daher sollten Skipper stets peinlich darauf achten, dass noch genügend Guthaben vorhanden ist. „Gehe ich über meine Laufzeit, wird das Gespräch unterbrochen“, sagt Därr. Segler können das aber auch über Fernaufladung lösen: Eine Kontaktperson zu Hause lädt für die Seefahrer Guthaben online auf.

Därr: „Ich hatte schon Leute, die mit Mastbruch auf dem Atlantik trieben – da haben wir uns um eine Aufladung gekümmert.“ Bei tausenden Kunden im maritimen Bereich komme das schon mal vor. Doch auch ohne Einheiten – aber noch mit Laufzeit – bleibt die Crew für eingehende Anrufe erreichbar. Grundsätzlich gilt: Man brauche ein betriebsbereites Gerät, um einen Notruf abzusetzen.

Für Seefahrer hält Iridium ein Installations-Set bereit
Für Seefahrer hält Iridium ein Installations-Set bereit © Iridium

Wäre es nicht besser, wenn Notrufe auch ohne Gebühren möglich sind? Därr: „Der Wunsch ist naheliegend, doch bisher scheitert es an mangelnden internationalen Vereinbarungen.“ Bisher gebe es solche Regelungen nur innerhalb der EU. Es gibt einzelne Ausnahmen: Von Iridium aus ist – jedenfalls im Moment – zum Beispiel 911 gebührenfrei erreichbar, die US-Notrufnummer, weil es ein US-Netz ist. „Aber mit dieser Information gehen wir aktiv nicht hausieren“, sagt Därr.

Nicht auf die US-Notrufnummer hoffen

Beim Konkurrenten Inmarsat könne in Australien die dortige Notrufnummer 000 kostenlos gewählt werden. Aber in Europa ist die 112 nicht freigeschaltet. „Man muss jedem sagen: Für das Funktionieren geben wir keine Garantie. Wir können nur die Informationen weitergeben, die wir aus Erfahrung kennen, die im Handbuch stehen“, so Därr.

Der Geschäftsführer des Satkom-Portals warnt davor, auf die US-Notnummer zu spekulieren: „Einmal 1.000 Euro für das Handy und im Notfall auf den Knopf drücken – so einfach ist es nicht. Wir müssen dem vorbeugen, dass anhand einer nicht klaren Kommunikation einer auf den Knopf drückt, weil falsche Erwartungen bestehen. Stellen Sie sich vor, Sie stecken irgendwo auf der Welt in Schwierigkeiten, wählen die 911 – und dann werden Sie nicht weitergeleitet.“

Inmarsat ist das älteste Netz für Satelliten-Kommunikation
Inmarsat ist das älteste Netz für Satelliten-Kommunikation © Inmarsat

Die Frage der Zuständigkeit sei nicht geklärt. „Eine Leitstelle in den USA muss nicht willens, bereit, zuständig und fähig sein, eine Rettung in Timbuktu oder in den Hoheitsgewässern Chinas zu steuern“, erklärt René Därr. Der Normalfall, für den diese Funktion bestehe, sei zum Beispiel ein Tourist, der im Nationalpark Yosemite hinfällt und sich ein Bein bricht. Dann ruft er 911 an und der Ranger kommt. Därr: „Es ist eben kein deutsches Netz.“

Es lasse sich auch nicht routen, wo der Anruf herkommt. Die Bundesnetzagentur sagt: Wenn uns jemand vom Sat-Handy anruft, haben wir keine Ahnung, wo der Anruf herkommt. Es ist komplex. Vor dem Ablegen sollte also jeder Segler prüfen: Habe ich einen gültigen Vertrag, habe ich Guthaben? So wie man beim Funkgerät prüft, ob die Akkus geladen sind.

Alternativen zu Iridium?

Iridium ist nicht das einzige globale Satelliten-Kommunikationsnetz. Allerdings erlaubt kein anderes System komplette Abdeckung inklusive der Polregionen. Wobei sich die Frage stellt, ob Segler jemals dorthin Kurs legen. „Als Nutzer muss man entscheiden: Brauche ich ein globales System?“, sagt auch René Därr. Darum geht es in Teil 2: Die Alternativen zu Iridium.

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