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Praktikum als Segelmacher Klappt? Oder eher nicht? Der Segelaussteiger beim Segelnähen. © Jens Brambusch
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Praktikum beim Segelmacher

float-Autor Jens Brambusch lebt auf einen Segelschiff. Jetzt macht er ein Praktikum beim Segelmacher – und hilft mit, seine eigenen Segel zu schneidern.

von
Jens Brambusch
in
5 Minuten

Es ist immer das Gleiche. Kaum erzähle ich meinen Bootsnachbarn in der Türkei, dass ich nach Deutschland fliegen werde, um mir bei einem Praktikum neue Segel für meine Moody 425 bauen zu lassen, sehe ich in verdutzte Augen. „Wozu der Aufwand?“ Allein im Hafenviertel von Marmaris reiht sich doch Segelmacher an Segelmacher. Und dann kommt sie, die immer gleiche Frage: „Was kosten denn Segel in Deutschland?“

Eine verständliche Frage, die aber etwas kurz greift. Denn sie unterstellt: Segel ist gleich Segel. Würde man die gleiche Frage bei einem Motor stellen? Wohl eher nicht. Man würde nach dem Hersteller fragen, nach Leistung und Hubraum. Nach Details. Und die gibt es auch bei Segeln. Nur fragt danach kaum jemand.

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Braucht neue Segel: die Dilly-Dally © Jens Brambusch

Und so hole ich jetzt tief Luft, wenn mir die Frage gestellt wird, und beginne meinen Vortrag. Über die vielen Dutzend verschiedenen Tücher, über die Vor- und Nachteile von Gewebe und Gelege. Ich philosophiere über Dacron, Sandwich-Mylar oder Hydranet. Schwadroniere über Kett- und Schussfestigkeit, Tafetta und UV-Schutz. Diskutiere über die Denier-Zahl bei Garnen. Und doziere über das perfekte Profil.

Naja, zumindest tue ich so, als hätte ich das alles wirklich verstanden. Aber dazu waren die zwei Wochen Praktikum in der Segelmacherei dann doch etwas zu kurz. Sie reichten aber aus, um zu verstehen, wie aufwändig und vielschichtig es ist, ein neues Segel zu bauen.

Ein segelverrückter Tüftler

Schleswig, Anfang Februar: Ich sitze an einem grünen Segelmachertisch in einer roten Halle direkt an der Schlei. Und bin ein bisschen nervös. Praktikumsbeginn mit 46 Jahren. Kaum habe ich meinen Seesack fallen gelassen, die Straßenschuhe gehen saubere Sandalen getauscht, da habe ich auch schon Staubsauger und Besen in der Hand. Saubermachen. Schließlich sind Dreck und Staub die größten Feinde weißer Segel.

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Eine Segelwerkstatt muss sauber sein © Jens Brambusch

Hier, im Schatten des markanten Wikingturms, ist die Werkstatt von Frogsails, eine Segelmacherei, 2011 von Sven Kraja gegründet. Der Betrieb ist klein, man kann sagen: familiär. Svens Lebensgefährtin Gitta kümmert sich um den Papierkram. Dann ist da noch Diana, Anfang 30, eine gelernte Bootsbauerin, die gerade eine zweite Ausbildung zur Segelmacherin macht. Und noch ein Sven. Vor anderthalb Jahren kam er über die Schleswiger Werkstätten zu Frogsails – und hilft seitdem in der Segelmacherei aus.

Seit der Gründung hat Frogsails rund 600 Segel produziert. Für Yachten, Eis- und viele Strandsegler. Daher kenne ich Sven auch. Vom Strandsegeln. Wir segeln beide im Yachtclub Sankt Peter-Ording. Zusammen haben wir an etlichen Regatten teilgenommen, sind gemeinsam zu Europa- und Weltmeisterschaften gefahren. Aus Clubkameraden wurden Freunde.

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Erfolgreicher Strandsegler und Tüftler: Sven Kraja © Jens Brambusch

Ein Strandsegler als Segelmacher

Sven ist Deutschlands erfolgreichster Strandsegler. Den Titel des Deutschen Meisters hat er seit Jahren im Dauerabo, 2012 wurde er sogar Weltmeister. Das hat vor ihm noch kein Deutscher geschafft. Nachher übrigens auch nicht. Gitta, seine Lebensgefährtin, ist auch Strandseglerin – und amtierende Vizeweltmeisterin.

Natürlich fährt das Power-Paar Frogsails, wie mittlerweile Strandsegler auf der ganzen Welt. Ständig tüftelt Sven an neuen Schnitten, erprobt neue Materialien, entwirft neue Prototypen. Ein Freak, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Auch bei so innovativen Projekten wie der Bente hat er mitgearbeitet.

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Gut geplant ist halb gewonnen: Sven und Jens in der Werkstatt © Jens Brambusch

Für mich ist Handwerk ungewohnt. Als Autor kenne ich mich nur mit einem Werkzeug aus – dem Laptop. In den zwei Wochen meines Praktikums will Sven das ändern und mir das Segelmachen näher bringen. Anschauungs- und Übungsobjekt: Genua und Rollgroß für meine Dilly-Dally. So hatten wir es geplant, im Oktober in der Türkei.

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Sven und Kai-Uwe segeln die Dilly-Dally © Jens Brambusch

Als ich im Herbst in die Türkei übersiedelte, war es Sven Kraja, der mir half, die Dilly-Dally von Marmaris nach Kas zu segeln. Zusammen mit seinem alten Freund Kai-Uwe Eilts brachte er die 30 Jahre alte Lady auf Vordermann. Er war begeistert von dem Schiff, haderte allerdings mit den Segeln: alte, ausgeblichene Laken. Die Lieken angefressen, die Nähte aufgelöst. „Du brauchst neue Segel“, sagte er.

Die alten waren für ihn vor allem eines: ein Sicherheitsrisiko. Bei einer Sturmfahrt starrte Sven unentwegt auf die gereffte Genua. Sie hielt, dennoch reifte eine Idee: Was, wenn ich bei ihm ein Praktikum machte? Dabei könnten wir gleich neue Segel für mein Schiff bauen.

Das Vermessen

Kas, Anfang Januar: Über eine Stunde dauert das Telefonat. Sven stellt tausend Fragen. Kaum eine kann ich beantworten. Fachchinesisch. „Warum ist das so kompliziert?“ denke ich. Im Internet hatte ich doch Angebote von Segelmachern gefunden, die waren viel einfacher: Maße eingeben, Paket wählen. So etwas wie „für Binnengewässer“ oder „für die See“. Geworben wurde mit einem „günstigen Preis“.

Im Kleingedruckten stand, wo die Segel gefertigt werden: irgendwo in Fernost. Erst jetzt, nach meinem Praktikum, bemerke ich, dass ich bei einigen Angeboten kaum etwas über die verwendeten Tuche und Materialien erfahren habe. Das war mir zuvor gar nicht aufgefallen. Denn auch für mich war Segel irgendwie gleich Segel.

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Maßanfertigung statt Massenware: 50 Quadratmeter Segel © Jens Brambusch

Sven stöhnt. Dass er meine Segel nicht selbst vermessen kann, stört ihn. Haarklein erklärt er mir, welche Maße er braucht, ich soll Fotos machen von den Segeln, vom Mast, vom Furling-System. Und weil er mich kennt, besteht er darauf, dass ich zumindest das Rollgroß mit nach Deutschland bringe: Risikominimierung. Normalerweise geht er selbst an Bord, misst und berät. Wie Segelmacher das nun mal machen: Maßanfertigung statt Massenware.

Die Genua der Dilly-Dally mit ihren knapp 50 Quadratmetern stellt Sven vor eine besondere Herausforderung. Es ist eines der größten Segel, die Frogsails je hergestellt hat.

Gewebe oder Gelege?

Schleswig: Ich stehe vor einer Wand – und staune. Dutzende verschiedene Muster unterschiedlicher Tuche hängen dort. Und das nur von einem Hersteller. Hunderte weitere Muster sind in Kartons verstaut. Den Weltmarkt beherrschen gerade mal eine Handvoll Tuchhersteller. Insgesamt habe ich Wahl zwischen rund 300 verschiedenen Mustern.

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Die Qual der Wahl: 300 Muster © Jens Brambusch

Ich bin überfordert, suche Rat. Wir müssen das Angebot eingrenzen. Und fangen beim Preis an. Die Kosten pro Laufmeter variieren stark, je nach Tuch. Sie liegen irgendwo zwischen 20 und 100 Euro. High-Tech-Material aus dem Regattasport macht für eine behäbige Fahrtenyacht mit Rollgroß keinen Sinn. Wichtiger sind für mich Robustheit und UV-Beständigkeit. Also können wir aussortieren.

Gelege, also Laminate, kommen für meine Zwecke nicht in Frage. Bleibt Gewebe. Sven rät mir zu Dacron, dem klassischen Segeltuch aus Polyester. Immer noch habe ich etliche Muster vor mir, die sich durch Stärke, Beschichtung und Webart unterscheiden. Hier spielt die Kett- und Schussfestigkeit, also die Art, wie das Tuch gewoben ist, eine große Rolle. Jeder Tuchhersteller hat da seine eigenen Philosophie.

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Wie Weihnachten: Die Ware ist eingetroffen © Jens Brambusch

Dickes Tuch besser vermeiden

Am Ende entscheide ich mich für ein Tuch eines deutschen Herstellers: Dimension-Polyant, kurz dp. Wir wählen zwei unterschiedliche Stärken. Der Genua, die die Hauptlast trägt, gönnen wir ein dickeres Kleid mit 360 Gramm pro Quadratmeter. Das Rollgroß muss sich mit 320 begnügen. Ein zu dickes Tuch könnte nicht mehr in den Mast passen.

Sven bestellt die Ware. Und schon am nächsten Tag ist sie da. Es ist ein bisschen wie Weihnachten. Jetzt müssen wir die Rollen nur noch auspacken – und dann kann es losgehen. Ein bisschen Bammel habe ich vor den großen Nähmaschinen. Vollkommen zu recht, wie sich herausstellen wird.

Neue Segel für Dilly Dally, Teil 1

direkt zum Video

Um das Design des Segels, das Plotten, den Zuschnitt, das Nähen und den nervigen Kleinkram geht es im zweiten Teil: So werden Segel gemacht.

Wer mehr über das Austeigerleben auf einem Segelboot lesen will: Brambusch macht blau. Und hier geht’s zum Blog.

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