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Aus dem Wasser auf dem Wasser © Jolie Janine
Praxistest

I got bag

Ein Mainzer Start-Up sammelt Plastik aus dem Meer und macht daraus flotte Rucksäcke. Wir haben das Rolltop Backpack ausprobiert.

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Got Bag. Der Name sagt etwas verschlüsselt, worum es geht. „Got back“, vom Meer zurückgenommen, das ist der Anspruch der Hersteller dieses Rucksacks. Nicht, dass das Meer etwas genommen hätte. Wir, die Menschen, haben es dem Meer aufgedrückt. Die Rede ist von Plastikmüll in den Ozeanen, das zu einem wesentlichen Umweltproblem geworden ist. Warum also – so dachte man bei Got Bag – nicht Produkte herstellen, wo Meeresplastik wiederverwendet wird?

Mikroplastik gibt es laut wissenschaftlichen Studien inzwischen überall. Bis zum Point Nemo, weit entfernt aller Zivilisation, ist Plastik im Meer nachweisbar. Es befindet sich in Vogel- und Fischmägen und es gelangt über die Nahrungskette direkt in den menschlichen Kreislauf. Allerhöchste Eisenbahn, wie mein Opa sagen würde, um das zu ändern.

Gruppenfoto auf einer Treppe vom Got Bag Team
Von Fischern aus dem Meer gefischtes Plastik © Got Bag

Ich habe gerade angefangen zu segeln und brauche einen kompakten Seesack. Da ich gerne etwas Nachhaltiges kaufen möchte, mache ich mich im Internet auf die Suche und recherchiere nach einer Alternative zum üblichen Messenger Bag.

Nach wenigen Klicks komme ich auf die Homepage von Got Bag. Hier werden nachhaltige Rucksäcke, Taschen, Kleidung und Accessoires angeboten. „Aus recyceltem Meeresplastik“, heißt es. Das klingt Interessant.

Wer fischt das Plastik aus dem Meer?

Tatsächlich finde ich, was ich suche: einen großen, robusten und wasserfesten Rucksack. Für ein nachhaltiges Produkt sieht er fast schon zu edel aus, denke ich. Aber schönes Design ist ja von Vorteil für ein nachhaltiges Produkt.

Für jeden der Rolltop-Backpacks sollen laut Hersteller 3,5 kg Meeresplastik recycelt worden sein. Doch wer fischt das ganze Plastik aus dem Meer, und wer verwandelt es in einen schicken Rucksack, den ich mir bequem von zuhause aus bestellen kann?

Foto von Benjamin Andos vor Meeresplastik
Benjamin Andos © Got Bag

Zum Produkt entwickelt wurde die Idee von Benjamin Mandos und Roman Ruster. Den beiden Jungunternehmern war klar: „Der Plastikmüll im Meer und an den Stränden, der Klimawandel und die Überfischung setzen den Ozeanen zu. Seevögel, Wale und andere Meerestiere sterben, weil sie Plastik in ihren Mägen haben. Das muss aufhören.“

Wie alles begann

2016 gründen die beiden das Unternehmen Got Bag und entwickeln weltweit die ersten Rucksäcke aus Meeresplastik.

Begonnen hat die Firmengeschichte bei einem Gespräch im gemeinsamen Urlaub. Benjamin Mandos erzählte seinem Schulfreund Roman Ruster von den verheerenden Eindrücken, die er in Thailand in Sachen Ozeanmüll gesammelt hatte. Die beiden Wassersportler, die seit ihrer Kindheit die Nähe zum Meer verbindet, wollten handeln – im doppelten Sinn.

Mit der Idee, Plastikabfälle aus dem Meer für neue Produkte zu nutzen, entwickelten sie die weltweit ersten Rucksäcke aus Meeresplastik. Seit mehr als vier Jahren arbeitet Got Bag daran, an den indonesischen Stränden so viel Meeresplastik wie möglich zu sammeln und zu recyceln.

Plastikmühl wird auf ein Auto geladen
Der Plastikmüll wird gesammelt © Got Bag

Der Hauptsitz des Mainzer Start-Ups liegt zwar weit entfernt vom Meer. Aber Got-Bag-Mitarbeiter Max Schmiel stellt die Verbindung nach Asien her. Er ist bei den Reinigungs-Aktivitäten an der Nordküste Javas vor Ort, um das Meer von Plastik zu befreien.

Dies beginnt mit der Arbeit der mittlerweile etwa 1.500 einheimischen Fischer, die im indonesischen Demak das Plastik bergen, das sich in ihren Netzen verfängt. Ebenfalls in Indonesien wird das Rohmaterial sortiert, gereinigt und zu Garn aufbereitet. Alle Arbeitsschritte sind nach Aussage von Got Bag zertifiziert und sollen den höchsten Anforderungen an sozialverträgliche Arbeitsbedingungen entsprechen. Die Bezahlung liege über dem regionalen Standard.

Von Java nach China

Mittlerweile wurden im Auftrag von Got Bag mehr als 100 Tonnen Plastikmüll aus dem Meer gefischt. Von fünf Kilogramm geborgenem Plastik entfallen im Schnitt etwa 1,5 Kilogramm auf PET. Das wird im nächsten Schritt recycelt und kann für die Herstellung der Rucksäcke verwendet werden.

Die Rucksäcke werden hergestellt
Die Rucksäcke werden in China hergestellt © Got Bag

Die Weiterverarbeitung der PET-Garne erfolgt in China. Hier in Quanzhou in der Provinz Fujian betreut Pei Yu von Got Bag die einzelnen Herstellungsschritte. Die gemäß europäischen Standards produzierten Rucksäcke und Taschen werden von Quangzhou per Zug nach Europa und per Schiff Richtung USA exportiert.

Doch wie fühlt sich das in einen Rucksack verwandelte Meeresplastik konkret an?

Ich hatte in den letzten Wochen die Chance, den Rolltop-Backpack von Got Bag auszuprobieren. Hier meine kleine Einschätzung dazu. Als ich den Rucksack zum ersten Mal aus der Verpackung hole, bin ich überrascht, wie lang er ist. Er ist aber auch noch komplett ausgerollt!

Der Rolltop-Backpack im Test

Wie der Name schon ahnen lässt, hat der Rucksack flexible Rolltop- und Kompressionslaschen. Das bedeutet: Ich kann die oben liegende Öffnung des Rucksacks ganz einfach auf die gewünschte Länge einrollen und dann mit einer Schnalle befestigen. So kann ich das Volumen von 23 Litern im Handumdrehen erweitern.

Der Got Bag geöffnet
Das verschlossene Rolltop © Got Bag
Der Got Bag verschlossen
Der ausgerollte Rucksack © Got Bag

Auf den ersten Blick sieht das Material hochwertig aus. Das Gewebe aus Meeresplastik ist sehr stabil, aber trotzdem leicht. Eine PVC-freie Beschichtung sorgt dafür, dass der Rucksack auch innen trocken bleibt.

Nach eigenen Tests kann ich bestätigen, dass der Rucksack – wenn man die Öffnung fest zusammenrollt und verschließt – vollkommen wasserdicht ist.

Genau auf der Frontseite befindet sich eine kleine Tasche mit einem vertikalen Reißverschluss. Das ist praktisch, um zum Beispiel Dokumente griffbereit und wasserfest zu verstauen. Die Riemen an den Seiten sehen nicht nur gut aus, sondern sorgen auch noch für flexiblen Stauraum.

  • Got Bag von vorneDie Frontseite mit kleiner Tasche © Got Bag
  • Got Bag von der SeiteDie Seitenansicht © Got Bag
  • Got Bag von hintenBequeme Rückenpolster und Schultergurte © Got Bag

Der Rucksack lässt sich gut tragen. Die Polster am Rücken sind schön weich, und auch die Schultergurte sind komfortabel. Da sie sehr breit sind, schnüren sie auch bei größerem Gewicht im Rucksack nicht ein. Durch den Brustgurt lässt sich etwas Gewicht auf die Brust verlagern. Die Gurte und Schnallen aus recyceltem PET fühlen sich hochwertig und robust an.

Das Innenleben

Innen ist der Rucksack riesig, wie ein großes dunkles Rohr. Ein kleines Innentäschchen mit Reißverschluss bietet mir die Möglichkeit, kleine Dinge wie Schlüssel oder Kopfhörer zu verstauen. So muss ich nicht jedes Mal mit dem kompletten Arm in der Dunkelheit herumsuchen.

Das Interessanteste für mich ist die herausnehmbare 15-Zoll-Laptop-Tasche. Sie ist gepolstert, liegt gut am Rücken an und lässt sich nach Belieben einfach herausnehmen.

Sie hat insgesamt vier Fächer und lässt sich sehr gut auch als Innentasche für andere Dinge nutzen. Befestigt an der Innenseite des Backpacks wird sie durch einen stabilen Klettverschluss.

Bild von der Laptoptasche
Die herausnehmbare 15-Zoll-Laptoptasche © Got Bag

In seiner Funktion ist der Rucksack sehr variabel. Ich kann ihn optimal für den Weg zur Arbeit nutzen, ohne mir Gedanken über die Sicherheit meines Laptops zu machen. Am Wochenende nehme ich die Laptop-Tasche heraus, erweitere das Volumen und gehe auf einen Segeltörn. Alles bleibt trocken, und mein Rücken bedankt sich bei der großzügigen Polsterung.

Das einzige Manko

Nach relativ kurzer Zeit in Benutzung zeigen sich erste Abnutzungsspuren. Der große Vorteil, das flexible Rolltop, ist leider auch die Schwachstelle. Durch das häufige Zusammenrollen wird das Material immer wieder an den gleichen Stellen geknickt. Das Material wird hier langsam heller und sieht nicht mehr einheitlich aus.

Allerdings findet sich auf der Got-Bag-Webseite auch ein Reparaturservice. Sollte der Rucksack jemals abgenutzt oder beschädigt sein, werde Got Bag versuchen, ihn zu reparieren, heißt es vom Hersteller. Über ein Formular beim Kundenservice soll dies möglich sein. Zurzeit, Stand Mitte Juli, ist dieser Reparaturservice nicht auf der Website zu finden. Auch der Shop ist gerade offline.

Grund dafür sind die aufgrund der Corona-Pandemia drastischen Folgen für die weltweite Logistik. Auch ihre Lieferkette sei davon betroffen und es komme zu wochenlangen Transportverzögerungen. Sie gehen mit ihrem Online-Shop offline, bis die ausstehenden Lieferungen in ihrem Lager eingetroffen sind und alle Bestellungen sicher erfüllt werden können, heißt es auf der Internetseite.

Produktdaten Rolltop Backpack

MaterialGewebe aus Meeresplastik
Maße43 cm (erweiterbar auf 66 cm) x 33 cm x 16 cm (H x B x T)
Gewicht1.000 g
Volumen23 bis 30 Liter flexible Füllmenge
15-Zoll-Laptoptasche41 cm x 33 cm (H x B)

Mein Fazit: Das Rolltop-Bagpack von Got Bag ist ein sehr funktionaler Rucksack, der aus guten Materialien geschaffen worden ist. Gut auch im Sinne von gut für die Meere.

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