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Praktikum als Segelmacher Das Material ist geliefert, jetzt kann es losgehen. © Jens Brambusch
Segelmacher

So werden Segel gemacht

Bei seinem Praktikum beim Segelmacher lernt float-Autor Jens Brambusch, die eigenen Segel zu schneidern. Teil 2: planen, messen, nähen.

Jens Brambusch
von in
5 Minuten

Endlich mal ein Arbeitsgerät, das ich kenne. Sven Kraja sitzt vor seinem Computer und füttert die Segelmacher-Software mit den Maßen meiner Segel. Mit ein paar Klicks kann er das Profil erstellen, den Schnitt bestimmen, die Vorliekskurve variieren und Verstärkungen konstruieren. Auf dem Monitor erscheint das Segel aus allen möglichen Perspektiven. Mein frisch gestartetes Praktikum beim Segelmacher geht in die entscheidende Phase.

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Puzzleteile für den Plotter © Jens Brambusch

Schon bei unserem Törn auf dem Mittelmeer war ihm aufgefallen, welche Schwächen die alten Segel hatten. Entsprechend verändert er den Schnitt. Im Vergleich zu den hochkomplexen und aerodynamisch ausgefeilten Laminatsegeln der Strandsegler sind die Segel einer Fahrtenyacht eher langweilig. Besonders ein Standard-Rollgross bietet wenig Spielraum für technische Extravaganzen. Trotzdem feilt Sven an den Details.

Die Entwürfe werden an den Plotter übertragen, der millimetergenau die errechneten Bahnen und Verstärkungen auf die Meterware zeichnet. Über eine Stunde dauert es, bis auf die Rolle Tuch ein Puzzle aus 13 Bahnen und 20 Verstärkungsteilen für meine Genua gezeichnet ist. Der Zuschnitt erfolgt dann per Hand, mit Schere und Rollmesser. Wobei eigentlich gar nicht „geschnitten“ wird, vielmehr wird die Schere durch das Tuch geschoben.

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Sorgsam beim Zuschnitt: Sven Kraja © Jens Brambusch

Was bei Profis kinderleicht aussieht, bringt mich fast zur Verzweiflung. Statt Präzision ähneln meine Schnitte eher dem wankenden Gang eines Matrosen nach einer langen Nacht in der Hafenbar.

Über einen Kilometer Garn

Für Sven und Diana bedeutet das, sie müssen fast jeden Zuschnitt von mir nachbearbeiten. Im nächsten Schritt wird das Tuch für das Nähen vorbereitet. Die Kanten werden einzeln verschweißt und dann verklebt, damit sie beim Nähen nicht verrutschen. Viel mühevolle Kleinarbeit.

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Mühevolle Kleinarbeit für Segelmacherin Diana © Jens Brambusch

Der Plan, dass ich selbst ein paar Bahnen meiner Segel zusammennähe, stirbt mit meinem Versuch, aus einem alten Stück Segel einen kleinen Kulturbeutel zu schneidern. Das Ergebnis sieht aus wie ein platt gefahrenes Kleintier auf einer Bundesstraße. Das bedeutet für mich: Finger weg vom Segel! Zudem erweist es sich als geschickter Schachzug, dass ich mir für meine Segel graue Nähte aussuche. Achselzuckend nimmt Sven den außergewöhnlichen Wunsch hin. „Wenn Du das willst“, sagte er nur und tauscht das Garn auf der Spule.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich streiten. Mir jedenfalls gefällt das graue Garn auf weißem Segel – und befreit mich obendrein von der Arbeit an der Maschine. Fehler und Irrfahrten der Nadel würde nun selbst ein ungeübtes Auge sofort auf dem strahlend weißen Tuch erkennen. Und das würde Sven nie zulassen. Zudem entscheidet er sich dafür, die Bahnen mit jeweils drei Nähten im sogenannten Triple-Stich zu verbinden, was konzentriertes und exaktes Arbeiten voraussetzt. Genau dafür hatte mich der Kulturbeutel disqualifiziert.

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Viele Hände bändigen das große Tuch © Jens Brambusch

Nähen ist ein Knochenjob

Ich bin nicht traurig, dass ich mich vor dem Nähen drücken kann. Es ist ein Knochenjob. Je mehr Bahnen aneinander gereiht werden, um so schwerer wird die Last, die über den Tisch geschoben werden muss. Die meiste Zeit muss Sven im Stehen nähen, die ganze Last auf dem Hinterbein. Mit dem vorderen bedient er das Pedal der Maschine.

Je größer das Segel wird, um so mehr Helfer werden am Tisch benötigt, die das Segel schieben, drücken und zerren müssen. Drei ganze Tage klebt und näht Sven an der Genua, bis der Stoff die ganze Werkstatt abdeckt. Die Maschine ist eine Spezialanfertigung mit der Kraft eines Ackergauls.

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Sonderanfertigung: Sven an der Nähmaschine © Jens Brambusch

Mühelos sticht die Nadel an den Verstärkungen durch zehn Lagen Segeltuch. Kühlung kommt von einer Luftdüse, damit sie nicht glüht vor Anstrengung. 13.000 Euro hat die Nähmaschine gekostet. Ein halbes Jahr hat Sven sie modifiziert, an ihr geschraubt und getüftelt, bis sie seinen Anforderungen gerecht wurde.

Näht Sven, bevorzugt er Stille in der Werkstatt. Das monotone Rattern der Nadel ersetzt das Radio. Aber nur so kann er hören, ob die Maschine rund läuft und die Stiche richtig setzt. Über einen Kilometer hochwertiges Garn vernäht er in der Genua. Schließlich sind die Nähte die Achillesferse eines Segels.

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Werkstattdetails

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© Jens Brambusch

Der UV-Schutz

Wer beim UV-Schutz an Qualität spart, handelt so sorglos wie der Sonnenanbeter, der sich kalkweiß am ersten Urlaubstag ohne einzucremen an den Strand legt. Die Spätfolgen können drastisch sein. Genauso verringert ein schlechter UV-Schutz beim Segel die Lebensdauer. Für meine Genua verwenden wir ein graues Acryltuch mit einem Kleberücken. Der wird erst vollflächig aufgebracht und dann vernäht.

Ich blättere durch die Kataloge. Mühelos ließe sich an jedem Einzelteil sparen: am Tuch, am Garn, am UV-Schutz. Aber auch an den Kleinteilen wie Niro-Ringen, Gurten und Regulierleinen. Es geht um Bruchlast, Beständigkeit und Festigkeit. Ein paar Euro hier, ein paar Euro da. Das läppert sich. Sven verlässt sich auf seine langjährige Erfahrung, legt Wert auf beste Qualität. Kompromisse kommen für ihn hier nicht in Frage. Selbst die lasttragenden Gurte schützt er nochmals durch einen extra UV-Schutz.

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Handwerkskunst ohne Kompromisse © Jens Brambusch

Ich bin erstaunt, wie viel Handwerk in meinen beiden „Laken“ steckt, wie viel Arbeitszeit und Know-how. Ich habe mein altes Groß neben mein neues gelegt. Zum Vergleich. Jetzt, wo ich weiß, worauf ich achten muss, erkenne ich die Unterschiede. Die Nähte mit dünnerem Garn fallen mir sofort ins Auge. Ich erkenne ein anderes Stichmuster, die einfachere Verarbeitung, das dünnere Tuch, die lieblosen Reparaturen.

Kaum Schaden angerichtet

Sieben Werktage habe ich mit meinen Segeln die Werkstatt von Sven Kraja belagert, mit meinen Fragen genervt und mit meiner Unbeholfenheit entsetzt. Immerhin habe ich kaum Schaden angerichtet. Ein Talent attestierte mir mein Chef auf Zeit immerhin: Mit meinem Kaffee war er ganz zufrieden. Und ich war ein verlässlicher Kuchenlieferant.

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Neues Segel: Maßarbeit in bester Qualität © Jens Brambusch

Nach zwei Wochen packe ich die grünen Segelsäcke in mein Auto. Natürlich muss ich noch bezahlen. Und Qualität hat ihren Preis. Damit sind wir wieder bei der Eingangsfrage. Was ein Segel denn so in Deutschland kostet, kann ich nicht sagen. Denn das Segel gibt es nicht.

Meine Segel, so wie ich sie haben wollte, kosten mich zusammen 6.600 Euro. Ein fairer Preis. Jetzt, wo ich gesehen habe, wieviel Arbeit in ihnen steckt, weiß ich sie zu schätzen. Anfang März bin ich zurück auf der Dilly-Dally. Und kann es kaum erwarten, die Segel zu testen. Ein bisschen Bammel habe ich schon: Was, wenn ich mich vermessen habe?

Neue Segel für Dilly Dally, Teil 2

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Wer mehr über das Austeigerleben auf einem Segelboot lesen will: Brambusch macht blau.
Und hier geht’s zum Blog.

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