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Christoph Ballin (li.) und Federico Decio © Kerstin Zillmer
Premiere

Torqeedo und ZF bauen elektrische Antriebe

Torqeedo und ZF kündigen neue Elektro-Antriebe für Segelboote, Wassertaxis und Fähren an. Zuerst kommt der lenkbare Saildrive.

von
Stefan Gerhard
in
3 Minuten

Von Gilching, wo Torqeedo sein Antriebs- und Energiemanagementsystem Deep Blue entwickelt hat, bis nach Friedrichshafen am Bodensee, wo der Mobilitäts-Konzern ZF seinen Sitz hat, ist es nur eine Strecke von kaum mehr als einer Stunde durch das Allgäu. Bis die beiden Unternehmen zusammengefunden haben, um ihre Kompetenzen zur Realisierung von Elektromobilitätssystemen für Segelyachten und Passagierschiffe zu bündeln, hat es etwas länger gedauert.

Torqeedo und das Friedrichshafener Unternehmen ZF haben heute in Düsseldorf angekündigt, ab sofort gemeinsam neue Antriebssysteme für kommerzielle Anwendungen wie Wassertaxis und Fähren zu entwickeln und zu produzieren – und für Segler. Die erste Neuheit wurde heute bereits auf der weltgrößten Bootsmesse von Torqeedo-CEO Christoph Ballin vorgestellt: der lang erwartete lenkbare Saildrive.

Torqeedo ZF Saildrive
Mit dem Saildrive von ZF bietet... © ZF
Torqeedo ZF Saildrive
... Torqeedo einen schwenkbaren Antrieb © ZF

Erster lenkbarer Saildrive mit Torqeedo-Kraft

Die 50 kW und 100 kW starken Deep Blue-Antriebssysteme von Torqeedo gibt es jetzt auch in Kombination mit den lenkbaren Saildrives von ZF mit Joystick-Docking-Technologie. Beide Produkte sind vollständig integriert.

Der Antrieb von ZF bietet – so die heutige Ankündigung – nicht nur eine sehr gute Manövrierfähigkeit und einfaches Joystick-Docking, sondern auch eine besonders effiziente Leistung bei der Wasserkraftnutzung zur Gewinnung von Energie. Das Erzeugen von Strom durch den Propeller, auch Hydrogeneration genannt, während des Segelns, macht das sonst übliche Starten des Diesel nur zum Laden der Verbraucherbatterien an Bord überflüssig. Den „eigenen sauberen erneuerbaren Strom erzeugen“ nennt es Torqeedo.

Torqeedo ZF Saildrive
Einfaches Anlegen wie beim Motorboot mit dem Joystick © Torqeedo

Für Nutzer von Yachten bis zu 36 Metern Länge wollen ZF und Torqeedo die „völlige Selbstversorgung auf See“ anbieten. Der steuerbare Segelantrieb von ZF wird während des Segelns umgekehrt, so dass der sich drehende Propeller den Motor antreibt und somit Strom zum Laden der Hochleistungsbatterien des Schiffes erzeugt.

Großer Schritt in Richtung Modularisierung

Damit geht Torqeedo einen großen Schritt in Richtung Modularisierung. Das könnte auch Vorbild für die Integration anderer Antriebs- und Energievarianten sein. Beispiel Wasserstoffzelle: „Wenn wir eine Brennstoffzelle in den Deep Blue hineindesignen, bleiben fast alle Komponenten so wie sie sind.“ erklärte Christoph Ballin im floatInterview zur künftigen Torqeedo-Strategie. „Der Aufwand wäre überschaubar.“

Torqeedo ZF Saildrive
Die Joysticksteuerung des ZF-Saildrives © Torqeedo

Die beiden Unternehmen erwarten, dass die neuen Antriebe auch Einfluss auf die urbane Mobilität haben werden. Für ein Unternehmen wie ZF, die zurzeit einen Hauptteil ihres Umsatzes in der Autobranche machen, ist dies ein wichtiges Feld. ZF entwickelt Systeme für die Mobilität von Pkw, Nutzfahrzeugen und Industrietechnik mit 149.000 Mitarbeitern und 36,9 Milliarden Euro im Jahr 2018.

Die Vision von ZF und Torqeedo – die auch für andere Anbieter von elektrischen Mobilitätssystemen auf dem Wasser gilt – wurde in Düsseldorf so formuliert: Elektromobilität ist aufgrund des unabweisbaren Klimawandels und der sich verschlechternden Luftqualität ein wichtiger Trend im Personenverkehr. Durch elektrisch betriebene Stadtfähren und Wassertaxis könnten, so die Vision, schädliche lokalen Emissionen vollständig vermieden und die Klimaauswirkungen des Betriebs um 30 bis 90 Prozent reduziert.

Torqeedo ZF Saildrive
Christoph Ballin präsentiert den neuen Saildrive auf der boot Düsseldorf 2020 © Kerstin Zillmer

Die derzeit für städtische Fähren und Wassertaxis eingesetzten Verbrennungsmotoren sind stark umweltbelastend. In Berlin und anderen großen Städten am Wasser ist der touristische Ausflugsverkehr auf dem Wasser inzwischen ein gewaltiges Problem. Die erlaubten Schadstoffemissionen sind, so Ballin, bis zu 100 Mal höher als die zulässigen Werte für die in Bussen und im Straßenverkehr eingesetzten Dieselmotoren.

Die ersten Produkte dafür sind in Vor-Vorbereitung – bis zum Herbst kommt erst einmal der neue lenkbare Saildrive auf den Markt. Bis zum Cannes Yachting Festival, so Ballin gegenüber float, soll das System präsentiert werden.

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