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watermaker Jan Menzler benutzt seinen Watermaker © Jan Menzler
Watermaker

Wasser und Boot

Ein alter Seefahrertraum ist es, Trinkwasser aus Meerwasser zu bereiten. Watermaker machen das möglich. Doch lohnt sich der teure Einbau?

von
Jens Brambusch
in
8 Minuten

Die große Freiheit rinnt aus einem dünnen Schlauch, den Jan-Hinrich Menzler hinter der Sitzbank im Salon hervorkramt. Ans Ende hat der 54-Jährige einen kleinen Duschkopf montiert, den er in ein leeres Glas hält. Es dauert ein paar Sekunden, dann ist es bis zum Rand gefüllt. Menzler schwenkt das Glas im Licht der Nachmittagssonne über der türkischen Südküste. Keine Schwebeteilchen sind zu erkennen, die Flüssigkeit glänzt klar wie ein Kristall. Wasser!

Er steckt seine Nase in das Glas, nippt daran und lässt das Wasser wie bei der Degustation von Spitzenweinen seinen Gaumen kitzeln. „Sehr weich“, sagt er und lächelt zufrieden. „Kaum vorstellbar, dass ich eben noch in dem Wasser gebadet habe. Jetzt ist das Salzwasser trinkbares H2O in seiner reinsten Form.“

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Wasser in seiner reinsten Form fließt in den Becher © Jan Melzer

Zu verdanken hat Menzler die wundersame Verwandlung einer kleinen Maschine, nicht größer als ein kleiner Koffer für das Handgepäck, die fast lautlos unter der Bank im Salon wie eine Nähmaschine in Zeitlupe tackert. Anfang März hat Menzler den Watermaker auf seiner Sun Odyssey 44i installieren lassen.

Größtmögliche Unabhängigkeit auf See

Die Freiheit nehme ich mir, hatte sich der Münchner gedacht, der seit September 2019 auf seinem Boot lebt. Denn der Watermaker gibt ihm genau das: die größtmögliche Unabhängigkeit auf See. Der IT-Experte hat vor einem Jahr seinen Job bei einem amerikanischen Technologiekonzern an den Nagel gehängt und Deutschland den Rücken gekehrt, um seinen großen Traum zu verwirklichen: eine Weltumsegelung.

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Die Makamae, eine Sun Odyssey 44i © Jens Brambusch

Im Mai 2019 kaufte er bei Athen sein Boot und taufte es „Makamae“, was hawaiianisch ist und so viel bedeutet wie „Schatzkästchen“. Den ersten Winter verbrachte der Segler in der Türkei, rüstete das Boot nach seinem Geschmack für die Langfahrt aus und auf. Dann kam Corona und der Lockdown zerstörte alle seine Pläne.

Eigentlich wollte Menzler Anfang April nach Athen segeln, wo er neue Segel hat anfertigen lassen. Dann wollte er über die Türkei und Zypern zunächst nach Israel, um dann, ganz vom Osten bis in den tiefsten Westen des Mittelmeeres zu segeln, immer gegen die vorherrschende Windrichtung, durch die Straße von Gibraltar, auf die Kanaren, von dort zu den Kapverden und schließlich um den Jahreswechsel in der Karibik ankommen. Menzler zuckt mit den Schultern: „Naja, ist alles jetzt ein bisschen verschoben.“

Gewappnet sein auf großer Fahrt

Anfang Juli sitzt er in einer kleinen Bucht in der Türkei und wartet darauf, dass Griechenland die Grenzen für Segler aus der Türkei wieder öffnet. Immerhin hatte er so genügend Zeit, den für seine Zwecke optimalen Watermaker zu finden, einzubauen und zu testen. „Ein Watermaker ist im Mittelmeer eigentlich überflüssig“, sagt Menzler. „Die Versorgungslage in den Marinas, Häfen und an den kleinen Restaurantstegen ist super.“ Trotzdem wollte er gewappnet sein für die große Fahrt.

Wer selbst Wasser macht, erspart sich auch überflüssiges Plastik an Bord: Große Mengen an Plastikflaschen, wie viele Chartersegler sie für ihren Törn bunkern und die anschließend als Müll beseitigt werden müssen, wollte Jan Menzler sich und der Umwelt ersparen.

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Die Marina von Kas, in der Jens Brambusch seinen Liegeplatz hat © Jens Brambusch

Kaum war der Watermaker im März installiert, machte er sich bereits bezahlt. Zumindest im übertragenden Sinne. „Kaufmännisch ist ein Watermaker kaum sinnvoll“, sagt Menzler. Wie viel ein selbst produzierter Kubikmeter Wasser kostet, hat er nie überschlagen. Zusätzlich zum Kauf fallen noch regelmäßige Kosten für Filter- und Membranwechsel an – und allein eine neue Membran kostet um die 250 Euro. Lohnt sich das?

Gewöhnlich hält sie aber auch drei bis fünf Jahre. Wie lange, das hängt vom Gebrauch, aber vor allem von der Pflege, Wartung und Reinigung ab.

Einen Großteil des Lockdowns verbrachte Menzler in Ankerbuchten. Sorgen um Frischwasser brauchte er sich nicht zu machen. Er lernte die neugewonnene Autarkie zu schätzen. „Der Watermaker gibt mir Freiheit, macht mich unabhängiger“, sagt Menzler. Und wenn er zum Sprung über den großen Teich ansetzt, ist er für Menzler auch ein „must have“ an Bord. „Spätestens in der Karibik wird die Versorgungslage deutlich dünner – und gleichzeitig teurer.“

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Winfried Erdmann an Bord seiner Yacht Kathena Nui © Delius Klasing

Ein Watermaker wichtiger als der Kühlschrank?

Winfried Erdmann, der legendäre Weltumsegler, geht noch einen Schritt weiter. „Sollten Sie beim Kauf einer Anlage unentschlossen sein: Ein Watermaker hat seine Daseinsberechtigung vor Kühlschrank, Windmessanlage, Kartenplotter, Außenborder etc.“, schreibt Erdmann auf seiner Webseite.

Wie immer beim Segeln gibt es auch zum Thema Watermaker verschiedene Philosophien, die heftig diskutiert werden. Sie beginnen mit der Frage, für wen überhaupt ein Watermaker Sinn macht, geht über die Dimensionierung der Anlage, die sich nach dem Verbrauch der Crew richten sollte, bis hin zu der Technik. Die Gretchenfrage aber ist: 12 Volt Bordnetz oder 220 Volt aus dem Generator oder der Lichtmaschine?

Aus Seewasser Trinkwasser zu machen, ist ein alter Seefahrertraum. Dabei ist das Prinzip relativ einfach: Es nennt sich Umkehr-Osmose. Unter sehr hohem Druck wird Salzwasser durch eine extrem feine Membran gepresst, wobei die Wassermoleküle von den Salzen getrennt werden. Aber nicht nur die – auch Mikroorganismen und Verunreinigungen werden aus dem Wasser gefiltert. Das Wasser ist also absolut rein, so rein, dass dem Wasser auch einige Minerale fehlen, die dem menschlichen Körper eigentlich guttun. Das ist ein kleiner Nachteil.

30 Liter pro Person und Tag

Für die Umkehr-Osmose benötigt das System einen enormen Druck um die 60 bar (zum Vergleich: ein prall aufgepumptes SUP hat etwa 1 bar Druck). Um den zu erzeugen bedarf es viel Energie. Das ist auch der Knackpunkt bei den Wassermachern, die es in allen erdenklichen Größen gibt. Angefangen von wenigen Liter pro Stunde über die bei Seglern beliebte 30-Liter-Variante bis zu 60, 100 oder mehr Litern in der Stunde.

Hersteller geben als Richtwert 30 Liter pro Person und Tag an. Asketen wie Winfried Erdmann produzieren lediglich ihr Trinkwasser, also drei bis fünf Liter am Tag, je nachdem, wo sie sich gerade aufhalten. Zum Waschen und Abwaschen verwenden viele Segler Seewasser.

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Das System benötigt um die 60 bar für die Umkehr-Osmose © Jens Brambusch

Die vom Hersteller angegebene Produktionsmenge ist allerdings nur ein Richtwert, sie hängt von der Temperatur und dem Salzgehalt des Wassers ab. Gilt sie beispielsweise für die Ostsee mit zwei Prozent Salzgehalt bei 20 Grad, wird sie auf dem Atlantik bei vier Prozent und 25 Grad nicht annähernd erreicht werden können.

Ohne Energie geht’s nicht

Je größer der Watermaker dimensioniert ist, desto mehr Energie benötigt er. So weit, so logisch. Wer schnell seinen Wassertank füllen will, und ohnehin jeden Tag die Maschine oder der Generator läuft, der sollte einen Watermaker mit hoher Produktivität wählen. Für die, die sich hauptsächlich unter Segeln fortbewegen, ist die 12-V-Variante reizvoll.

In den letzten Jahren sind zudem Watermaker mit Energierückgewinnung auf den Markt gekommen, die angeblich deutlich weniger Energie benötigen. Die Erfahrungswerte halten sich noch in Grenzen. Und natürlich spielt auch der Preis eine Rolle. Selbst die kleinen Modelle kosten selten unter 5.000 Euro, nach oben gibt es fast keine Grenzen. Neuerdings gibt es allerdings auch Do-it-yourself-Bausätze, die ab 2.000 Euro zu haben sind.

Ölhaltiges Wasser ist der Feind für Watermaker

Eignet sich ein Watermaker für jeden Gebrauch? Sicher nicht. Wichtig ist, den Watermaker regelmäßig zu benutzen, ansonsten leiden die Membrane. Kommt es zu Stillstandzeiten von mehreren Wochen, sollte der Watermaker mit einem Biozid gereinigt werden. Ansonsten können die im Wasser lebenden Organismen durch ihr Wachstum die Membranen zusetzen. Für wen lohnt sich der Einsatz also?

Wer sein Boot also nicht dauerhaft nutzt, für den dürfte ein Watermaker mehr Arbeit als Vergnügen sein. Wichtig ist auch, den Watermaker nicht in verschmutzten Häfen laufen zu lassen. Besonders ölhaltiges Wasser ist der Feind einer jeden Membran.

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Das Model Splash 25 der spanischen Firma Eco-Sistems © Hersteller

Auch Jan-Hinrich Menzler wägte lange Zeit ab. Er wälzte Fachliteratur, schaute YouTube-Tutorials, tauschte sich mit Seglern über deren Erfahrungen aus. Seine Herangehensweise: Er suchte nicht nach dem perfekten Watermaker, um dann sein Boot dahingehend aufzurüsten. Er schaute, welcher Watermaker kompatibel mit dem „status quo“ an Bord ist. „Die zentrale Frage war: Welcher Watermaker passt zu meinem Energiehaushalt?“, sagt Menzler.

Energieneutral mit der Solaranlage?

„Der Kern meiner Überlegung waren die Lithiumbatterien, die ich nachgerüstet habe. 3 x 200 Ampere, die ich einerseits über die Lichtmaschine, vor allem aber über die Solarpanele (260 Watt) lade. Ein klassischer Watermaker mit 50 Litern pro Stunde braucht etwa 35 bis 40 Ampere.“ Zu viel, befand Menzler. Sein Watermaker sollte nicht mehr Strom verbrauchen, als die Solaranlage an einem sonnigen Tag problemlos produziert, ohne die Batterien leerzusaugen.

Als er im Januar zur boot nach Düsseldorf flog, informierte er sich über Watermaker mit Energierückgewinnung, die etwa 30 Liter in der Stunde produzieren, aber dafür nur zehn Ampere benötigen. „Das war meine Zielgröße“, sagt Menzler. Er interessierte sich für die Modelle der Marken „Spectra“ und „Schenker Zen“. Das Problem war allerdings, dass wegen Corona nur wenige Firmen in die Türkei lieferten.

Anders die spanische Firma Eco-Sistems, deren Distributor aus Istanbul Menzler auf der Messe traf. Beide wurden sich einig. Für rund 5.500 Euro sollte Menzler das Modell „Splash 25“ von Eco-Sistems samt Installation bekommen, geliefert ins türkische Kas an der Südküste, wo er den Winter verbrachte.

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Pumpe und Filter liegen unterhalb der Spüle © Jens Brambusch
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Das Seeventil für die Salzwasserfußpumpe © Jens Brambusch

Das Seeventil wird zur Quelle

Für den Wasseranschluss wählte Menzler das Seeventil für die Salzwasserfußpumpe am Spülbecken. Wichtig ist, so Menzler, dass das Seeventil möglichst mittig am Rumpf angebracht ist, zumindest, wenn man, während der Watermaker arbeitet, segeln will. Selbst bei Schräglage sollte der Wasseranschluss immer unter der Wasserlinie liegen. Im Idealfall sogar zum Bug ausgerichtet sein, so dass bei Fahrt das Wasser in das Ventil gedrückt wird.

Das erspart der Pumpe Arbeit. Die erste Pumpe bei Eco-Sistems drückt das Wasser zunächst durch zwei Filter, die Schwebeteilchen, Algen und andere winzig kleine Teilchen aussieben. Es ist quasi der erste Reinigungsprozess. Die Pumpe und die Filter hat Menzler unterhalb der Spüle montiert. Von dort geht die Leitung durch die Bilge in den Stauraum unterhalb der Salonbank.

Dort sitzt der eigentliche Watermaker mit seinen Kolben, in denen der Druck für die Membran erzeugt wird. Die Splash 25 von Eco-Sistems ist mit 55 mal 30 Zentimeter relativ klein. Das ist ein weiterer Vorteil der modernen Anlagen mit Energierückgewinnung, die laut Hersteller rund 70 Prozent effektiver sein sollen. Skeptiker halten diese Werte für übertrieben.

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Das Eco-Sistem Splash 25 ist mit 55 x 30 cm relativ klein © Jens Brambusch

Das gewonnene Süßwasser geht direkt in einen der beiden Wassertanks auf der „Makamae“. Menzler hat die Tanks voneinander getrennt. Den einen befüllt er ausschließlich mit dem reinen Wasser aus dem Watermaker, den anderen mit Wasser von Marinas und Häfen, das oft mit Chlor versetzt ist oder nicht als das reinste gilt. Das Mischen der beiden Tanks vermeidet Menzler.

Ein Teil des Wasser geht fürs Spülen drauf

Denn nach jedem Gebrauch muss der Watermaker gespült werden – mit dem gerade erzeugten, mikroskopisch reinem Wasser. Zwei Minuten dauert der Vorgang und benötigt zehn Liter, die zuvor natürlich produziert werden müssen. Würde sich Chlor in dem Wasser befinden, oder andere Partikel, könnte das die feine Membran beschädigen.

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30 Liter pro Stunde sind ein realistischer Wert auf See © Jens Brambusch

Einmal in der Woche wirft Menzler den Watermaker an. E lässt ihn laufen, während er segelt, gespeist von der Energie aus den Solarpaneelen, bis der Tank wieder voll ist. 30 Liter pro Stunde seien ein realistischer Wert, sagt Menzler. Nachgerüstet hat er mittlerweile eine zweite Leitung zwischen Watermaker und Wassertank. Damit füllt er direkt sein Trinkwasser in Flaschen, um es im Kühlschrank zu bunkern.

Denn dadurch, dass das gewonnene Wasser so rein ist, ist es auch weniger haltbar. Missen möchte Menzler sein Makamae-Wasser jedenfalls nicht mehr. Ein bisschen ist es wie damals bei Harald Schmidt. Der beschwor in jeder Sendung das gute, deutsche Leitungswasser.

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