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Mercury V12 Der Mercury V12 Verado in Cannes © Mercury Marine
Mercury V12 Verado

Wie vom Katapult abgeschossen

Der stärkste Außenborder in der Geschichte von Mercury Marine heißt V12 Verado. Wir sind den leisen Riesen gefahren.

von
Arek Rejs
in
7 Minuten

Es gibt diesen einen Moment, der sich ins Gedächtnis eingräbt: Wir tuckern mit 3,5 Knoten sachte aus dem Yachthafen, da tippt der Skipper ebenso sachte auf den Gasgriff. Und – wumms! – geht die Yacht mit der doppelten Motorisierung ab wie vom Katapult geschossen. Zum Glück haben wir uns alle festgehalten.

Das Gewicht von etwa 7 Tonnen bei 14 Meter Bootslänge ist nichts gegen die geballte Kraft von zwei mal 600 PS. Der neue V12 Verado von Mercury Marine scheint die Schwerkraft und noch eine Handvoll weiterer Grundregeln der Physik aufzuheben. Der größte und stärkste Außenborder weltweit!

Mercury Verado V12
Der Verado V12 hat eine gewaltige Größe © Mercury

Mehr als ein halbes Jahr haben wir auf die Bescherung gewartet. Weihnachten war für die internationale Bootsbranche diesmal im September, als Mercury erstmals in Cannes seinen lange angekündigten Zwölfzylinder endlich vorführte. Das heißt: Der Zwölfzylinder führte sich selbst vor. Es ist der größte Motor, den das traditionsreiche Unternehmen jemals baute.

Mit diesem technischen Meisterwerk treffe ich erstmals auf dem Trockenen zusammen: Als ich im August aus dem Hotel in Mandelieu La Napoule trete, begegnet mir der V12 Verado auf Augenhöhe. Der Händler, der die Presse-Präsentation organisiert, hat das mannshohe Aggregat sehr effektvoll vor dem Eingang platziert. Wie einen Wachtposten! Es handelte sich zwar nur um ein Modell, aber die Wirkung ist beeindruckend.

In seinem Element wirkt der V12 zurückhaltender

Doch in seinem Element wirkt der modernste Außenborder von Mercury Marine zunächst zurückhaltend. Streift der Blick über die Verkleidung, könnte man leicht der Illusion erliegen, hier handele es sich um einen ganz gewöhnlichen Außenborder, in Leistung und Arbeitsweise von Mitbewerbern nicht sonderlich verschieden. Weit gefehlt! Die Abmessungen bleiben auch hier gewaltig: So erstreckt sich zum Beispiel der kürzeste montierbare Schaft über mehr als einen halben Meter unter der Wasseroberfläche.

Mercury Verado V12
Der Verado V12 ist ausgesprochen leise © Mercury

Das glatte, monolithische Design bewirkt, dass der Motor optisch in den Hintergrund tritt. Übrigens auch akustisch. Denn als ich einen Monat später in Cannes den Steg betrete, kann ich anfangs nicht erkennen, ob die Maschinen laufen. Leise, wirklich leise sind die beiden V12 am Heck der wie auf Maß für den Motor gefertigten Bernico RXP14.

Das kleinste Boot, für das Mercury den neuen V12 empfiehlt, ist ein 27 Fuß langes Boot. Ein kleinerer Rumpf würde die halbe Tonne Gewicht nicht verkraften, die allein der Motor hat.

Erster Außenborder mit Zweigang-Automatik

Mit einer Mindestgeschwindigkeit von 3,5 Knoten bei 700 Umdrehungen pro Minute verlassen wir die Marina und die Zone des Tempolimits. Dann kommt der Moment, als sich in den 12 Töpfen mit 7,6 Litern Hubraum mächtiger Druck aufbaut. Fast augenblicklich ist das RIB in Gleitfahrt und wir fegen bereits nach Sekunden mit 25 Knoten bei 3.000 Umdrehungen übers Wasser.

Der neue Mercury-Motor ist der erste Außenbordmotor der Welt, der über ein automatisches Zweigang-Getriebe verfügt. Der erste Gang mit einer Übersetzung von 2,97:1 hilft, das schwere, große Boot schnell ins Gleiten zu bringen. Der zweite Gang mit einer Übersetzung von 2,50:1 schaltet sich automatisch ein, wenn der Schub nachlässt und das Tempo gehalten wird. Er senkt auch den Kraftstoffverbrauch, sobald sich das Boot auf Reisegeschwindigkeit befindet.

Mercury Verado V12
Als erster Außenbordmotor der Welt besitzt der V12 ein Zwei-Gang-Automatik-Getriebe © Mercury

Während des Tests habe ich mich bemüht, den Moment des Gangwechsels zu registrieren. Aber er ist am Gashebel überhaupt nicht wahrnehmbar und im Motorbetrieb unhörbar. Theoretisch ist der einzige sichtbare Beweis für das Schalten die leichte Veränderung der Motordrehzahl, die auf dem Drehzahlmesser zu sehen ist. Ich sage „theoretisch“, denn in der Praxis ist dieser Moment sehr schwierig zu erkennen. Der Gangwechsel findet sehr sanft und kaum wahrnehmbar statt.

Größere Inspektion erst nach fünf Jahren

Um den Ölstand zu prüfen oder eine kurze Inspektion durchzuführen, muss man nicht die gesamte Motorverkleidung abnehmen. Auf Knopfdruck hebt sich ein Deckel über dem Hydraulikzylinder langsam an und gibt den Blick frei auf übersichtlich angeordnete, farblich gekennzeichnete Flüssigkeits-Einfüllstutzen und Peilstäbe. Ordentlich und übersichtlich wie in einem Sicherungskasten daheim.

Mercury Verado V12
Öl- und Hydraulikflüssigkeit können leicht gewechselt werden © Mercury

Von hier aus kann man Getriebeöl und Hydraulikflüssigkeit direkt ablassen und auffüllen, ohne das Boot aus dem Wasser nehmen zu müssen. Die erste Inspektion und der erste Ölwechsel werden nach 200 Betriebsstunden empfohlen. Erst nach fünf Jahren oder tausend Betriebsstunden muss die gesamte Verkleidung für grundlegende Wartungsarbeiten abgenommen werden. Mercury Verado V12Der V12 hat ein lenkbares Getriebe mit zwei gegenläufigen Propellern © Mercury Sofern Mercury eine gründlichere Inspektion empfiehlt. Die gesamte Hutze wiegt trotz ihrer enormen Größe nur etwa 20 Kilogramm.

Der monolithische Eindruck des Triebwerks wird noch verstärkt, erlebt man den V12 Verado in Betrieb: Er bleibt wie ein standhafter Zinnsoldat in seiner Position, geht auch bei Kursänderungen nicht mit. Das ist auf das lenkbare Getriebegehäuse zurückzuführen. Es ist weltweit das erste seiner Art.

Der am Heck montierte Motor darf deswegen bei allen Manövern stehenbleiben, nur unter der Wasseroberfläche dreht sich das lenkbare Getriebe mit zwei gegenläufigen Propellern. Wir können den Neigungswinkel auf dem Bildschirm steuern, genau wie bei stationären Motoren.

Motor bleibt beharrlich in der Bootsachse

So können die Motoren viel näher beieinander montiert werden, so dass mehr Motoren eingebaut oder größere Badeplattformen angebracht werden können. Das Getriebe vermag in einem 45-Grad-Winkel zu lenken, während vergleichbare Antriebe nur bis zu maximal 30 Grad abknicken können.

Dadurch ist ein Boot mit dem neuen V12-Motor wendiger. Auch die Vorteile des Joysticks, der natürlich zur Peripherie des neuen Motors gehört, lassen sich so besser nutzen. Ich muss zugeben, dass dies für mich der seltsamste Eindruck während des gesamten Tests war, als wir scharf in die Kurve gingen und die Motoren beharrlich in der Achse des Bootes stehen blieben. Gewöhnungsbedürftig war das auch beim Manövrieren auf engem Raum im Yachthafen, wo man sich normalerweise an der Stellung des Bootsmotors orientiert.

Mercury Verado V12
Auch vier Motoren nebeneinander sind kein Problem © Mercury

Dann geht es endlich hinaus auf die freie Wildbahn. Und wie unsere beiden Zwölfender nun ausgreifen! Die Wellen in der Bucht von Cannes erlauben es zwar nicht, Vollgas zu fahren – doch eine Höchstgeschwindigkeit von 60 Knoten zu erreichen ist ein Klacks.

Mit zwei V12 Verado soll das Boot, so versichert uns der Skipper, 70 Knoten schaffen! Dabei begnügt sich die neue Maschine mit Standard-Sprit zu 87 Oktan. Es ist also nicht notwendig, mit besonderem Brennstoff zu Berge zu gehen. Der Motor ist in vier Farben (Phantom Black sowie Warm, Cold und Pearl Fusion White) erhältlich, die Hülle komplett lackierbar.

Technische Daten Mercury V12 Verado

Hubraum: 7,6 Liter
Maximale Leistung: 600 PS
Maximale Drehzahl: 5.600 bis 6.400 U/min
Lichtmaschine: 150 Ampere
Übersetzung erster Gang: 2.97 zu 1
Übersetzung zweiter Gang: 2.50 zu 1
Kraftstoff: Benzin (87 Oktan)
Gewicht: 572 kg

Umstellung auf elektronischen Gashebel

Zusammen mit der Premiere des V12-Verado-Motors stellte Mercury auch einen neuen elektronischen DTS-Gashebel vor. Der macht die Kontrolle der verschiedenen Systeme des Bootes erheblich leichter. Im Gashebel ist ein kleiner Touchscreen-Monitor eingebaut. Hier können die aktuellen Leistungsdaten des Motors abgelesen werden, individuelle Einstellungen lassen sich in fünf Presets programmieren.

Die werden dann über Tasten an der Seite der Schaltung aktiviert. Das neue DTS gehört zur Serienausstattung des Mercury-V12-Motors. So auch auf dem Testboot, dessen Cockpit mit riesigen Monitoren eher an ein Flugzeug als an ein RIB erinnert.

Mercury Verado V12
Der erste Ölwechsel wird erst nach 200 Betriebsstunden fällig. © Copyright

Neben dem neuen V12 Verado mit 600 PS hat Mercury Marine übrigens auch eine 500-PS-Version dieses Motors unter dem Namen SeaPro vorgestellt, der für den kommerziellen Einsatz optimiert ist.

Die Einführung des 12-Zylinder-V12-Blocks öffnet Mercury Marine die Tür, um noch stärkere Motoren mit noch mehr Leistung zu bauen, möglicherweise auch Rennmotoren wie den Racing 450r. Angeblich ist bereits ein noch größerer Motor mit mindestens 700 PS auf dem geheimen Testgelände Lake X am Toben – doch auf Details dazu müssen wir noch warten.

Warten müssen wir auch auf eine längere Ausfahrt mit den beiden 600-PS-Motoren: Unsere Zeit an Bord ist schon nach ein paar Gasschüben vorbei, nach viel zu kurzem Test müssen wir zurück in den Hafen. Denn dort wartet bereits eine lange Schlange von technikbegeisterten Messebesuchern und potenziellen Käufern auf ihren leisen, sehr schnellen RIB-Ritt.

Welche Bedeutung hat dieser Motor für das Unternehmen? Nach der Präsentation hatten wir Gelegenheit, mit Jeff Becker über die neueste Motorenentwicklung zu sprechen. Er ist bei Mercury Marine für die Außenborder über 150 PS Leistung zuständig.

Jeff Becker, Mercury Marine, spricht mit float über den V12

float: Ist der V12 Verado der Höhepunkt des Motorenbaus bei Mercury? Oder werden wir bald noch leistungsfähigere Außenborder mit Benzinantrieb erleben?

Becker: Es tut mir leid, aber über zukünftige Produkte äußert sich Mercury grundsätzlich nicht.

Wie viele Einheiten vom V12 hofft Mercury im kommenden Jahr zu verkaufen?

Kein Kommentar. Ich kann nur so viel sagen: Die Nachfrage ist sehr stark und wir bauen, so schnell wir können.

Wann startete der Entwurfsprozess?

Das Programm begann 2016.

Ist der 12-Zylinder ein völlig neues Design – oder hat er Vorgänger?

Der 7.6L V12 wurde von Mercury in Wisconsin entwickelt und gegossen. Der Motor hat eine ähnliche Architektur wie die 2018 eingeführten V8- und V6-Motoren, ist jedoch der erste V12-Außenborder, der jemals von Mercury produziert wurde. Wir hatten 2018 unsere ersten laufenden Testmotoren und Prototypen.

Wer hat den 12-Zylinder-Motor entwickelt?

Mercury hat ein Team von Weltklasse-Ingenieuren, die sich auf die Entwicklung von Motorblöcken konzentrieren. Mercury konnte die Erkenntnisse aus der Einführung der V8- und V6-Motoren im Jahr 2018 nutzen, um die Entwicklung des V12 zu unterstützen.

Wie groß ist das Team?

Es gab ein sehr großes funktionsübergreifendes Team, das an der Konstruktion, Entwicklung und Fertigung des neuen 7,6-Liter-V12-Motors beteiligt war. Und natürlich gibt es weitere Mitarbeiter, die für die Marktforschung, die Planung der Markteinführung, die Festlegung der Kundenanforderungen, die Beschaffung von Komponenten und die Sicherstellung der erfolgreichen Integration mit den Bootsbaupartnern verantwortlich sind.

Welchen Stellenwert hat Verado bei Mercury?

Die Marke Verado ist seit vielen Jahren Teil des Mercury-Portfolios. Der neue 7.6 Liter V12 legt die Messlatte für das gesamte Bootserlebnis höher und bietet den Kunden die höchste Leistung, den leisesten Betrieb und innovative Funktionen.

Woher stammt der Produktname Verado?

Die Marke haben wir 2004 erstmals eingeführt. Der Name wurde im Rahmen einer Marktforschungsstudie kreiert. Er steht für luxuriöse Leistungsentfaltung, gleichmäßigen und leisen Betrieb sowie die Fähigkeit, das schönste Freizeiterlebnis auf dem Wasser zu ermöglichen. Mit diesen Motoren zeigt Mercury, dass wir auch beim Verringern von Schallemission, Vibration und rauem Ansprechverhalten Marktführer sind.

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