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Sebastian Kummer kann die Abreise in Les Sables d'Olonne kaum erwarten © Jens Brambusch
Kummer legt ab

3.000 Seemeilen, 7 Länder, 6 Wochen

Sebastian Kummer, der 2020 wochenlang allein im Mittelmeer festhing, überführt wieder einen Kat. Co-Skipper ist float-Autor Jens Brambusch.

von
Jens Brambusch
in
5 Minuten

Er ist wieder da! Sebastian Kummer steht auf Steg G in der Marina des französischen Städtchens Les Sables d’Olonne, in der Hand zwei Angelruten. Es ist der 20. Mai, und ein großes Tiefdruckgebiet wirbelt über dem Atlantik. Und damit die Zeitpläne des Wirtschaftsprofessors aus Wien durcheinander. Wieder einmal.

Eine  FFP2-Maske verdeckt sein halbes Gesicht, trotzdem ist es nicht zu übersehen: Kummer strahlt zufrieden. Allen Widrigkeiten zum Trotz. 3.000 Seemeilen liegen vor Sebastian Kummer und seiner Crew. Eine Reise über die Biskaya, entlang der Algarve und durch die Straße von Gibraltar ins Mittelmeer. Und dann immer Richtung Osten bis nach Göcek. Frankreich, Portugal, Spanien, Gibraltar, Italien, Griechenland und schließlich die Türkei.

Die Route von Sebastian Kummer
Die 3.000 Seemeilen lange Route bis nach Göcek © Google Earth

3.000 Seemeilen, das ist in etwa so weit wie von den Kanaren in die Karibik. Nur, dass das Mittelmeer im Vergleich zur Barfußroute über den Atlantik einer Autobahn in der Rush Hour gleicht. Und das gilt ebenso in den Zeiten von Corona. Auch wenn die Einreisebeschränkungen vielerorts gelockert werden, bleibt hinter jedem Einchecken ein Fragezeichen. Kann das gutgehen?

Eine Reise, etwa so weit wie bis in die Karibik

Es erscheint wie ein Déjà-vu. Kummer ist Sorgen gewöhnt, auch wenn der Titel des Buches über seine letztjährige Odyssee das Gegenteil vermuten lässt. In Mit Kummer ohne Sorgen beschreibt der Leiter des Instituts für Logistik und Transport an der Wiener Wirtschaftsuniversität seine Erfahrungen während des ersten Corona-Lockdowns, als alle Länder am Mittelmeer ihre Grenzen schlossen und er nirgends mehr einlaufen durfte.

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Wochenlang musste er sich in Buchten vor der Küstenwache verstecken. Die Geschichte des „gestrandeten“ Professors, der zum Piraten mutierte, fand großen Widerhall in den Medien. Auch float berichtete ausführlich über die „schönste Quarantäne der Welt im Niemandsland“, so der O-Ton von Sebastian Kummer.

Der Steg, an dem etliche werftneue Katamaran liegen
Sebastian Kummer während des ersten Corona-Lockdowns © Sebastian Kummer

Vor etwas mehr als einem Jahr stand Kummer also auf dem gleichen Steg, an dem jetzt wieder etliche werftneue Katamarane der Marke Lagoon liegen. Von Les Sables d’Olonne werden sie in die halbe Welt überführt. Die meisten von ihnen gehen in die Charter.

So wie die „Soffio“, eine Lagoon 42, die in der Türkei den Pitter-Yachting-Stützpunkt bereichern soll. Zwei weitere Katamarane der Beneteau-Tochtermarke steuern ebenfalls die Türkei an, einer geht nach Finnland, einer nach Italien, ein weiterer nach Kroatien.

Die Überführungsskipper sind ein bunter Haufen an Profi-Seglern, die aus Skandinavien, Frankreich, Belgien oder Spanien kommen. Sie rüsten die Yachten provisorisch für die erste lange Reise aus, bunkern Diesel und Wasser.

Die Auslieferung hat sich um Wochen verzögert

Außer zu der ersten Inspektion der Motoren nach 50 Stunden Betrieb werden die meisten von ihnen kein Land mehr ansteuern, sobald sie die Leinen in Frankreich losgeschlagen haben. Die Zeit drängt. Die Auslieferung der Yachten hat sich um Wochen verzögert.

Der Steg an dem etliche werftneue Katamaran liegen
Der Steg, an dem etliche Katamarane liegen, die alle darauf warten überführt zu werden © Jens Brambusch

Die Serienboote-Hersteller produzieren derzeit am Limit, die Auftragsbücher sind voll. Hinzu kommen Lieferengpässe bei Ausrüstung und Materialien und im Falle der Beneteau-Gruppe, zu der Lagoon gehört, ein Hackerangriff im April, der die Produktion vorübergehend lahmlegte. Viele der Katamarane, die Ende Mai am Auslieferungssteg in Frankreich liegen, sollten längst im Charter sein. So wie die „Soffio“ auch.

Geplant war die Übergabe ursprünglich Mitte März. Aus März wurde April, dann Anfang Mai, dann Ende des Monats. Kummer, der seine Professur auf eine 50-Prozent-Stelle reduziert hat, um mehr Zeit zum Segeln zu haben, geriet unter Zeitdruck. Wegen der Verzögerung muss er mindestens zwei Mal die „Soffio“ für mehrere Tage verlassen, um Seminare zu halten.

Seit Tagen ist die „Soffio“ auslaufbereit im Tiefdruckgebiet

Das Ruder übernimmt dann Jens Brambusch (der Autor dieses Artikels), unterstützt von wechselnden Crews. Der erste Crewwechsel war in Malaga geplant. Kummer wollte dort an Land gehen und auf Mallorca wieder zusteigen. Das gleiche Spiel sollte auf Sardinien und Sizilien stattfinden.

Seit Tagen liegt die „Soffio“ auslaufbereit in Les Sables d’Olonne. Ein kräftiges Tiefdruckgebiet über dem Atlantik macht die erste Passage über die Biskaya nach Lissabon aber nahezu unmöglich. Die Wellen türmen sich im Mittel auf vier bis fünf Meter Höhe an.

Der Samstag war ursprünglich als Abreise geplant, jetzt wird es wohl Dienstag oder sogar Mittwoch. Jeden Tag stecken die Überführungsskipper der Yachten ihre Köpfe zusammen, vergleichen Wettermodelle, berechnen Routen und verschieben die Abfahrt erneut.

  • alternativetextProviant für die Soffio wird gebunkert © Jens Brambusch
  • alternativetextJens Brambusch beim Bewältigen des Chaos an Bord © Jens Brambusch
  • alternativetextDie Ausrüstung für die Überfahrt © Jens Brambusch

Kummer und Crew nutzen die Zeit, um die „Soffio“ fit für die Reise zu machen. Wie viele der Charterboote wird auch die Lagoon erst am Zielhafen ausgestattet. Das heißt: Das Boot ist zwar segelfertig, aber ansonsten nackt. Kein Teller, kein Besteck, kein Werk- oder Bettzeug ist an Bord, schon gar keine Sicherheitsausrüstung, kein zusätzliches Tauwerk.

Kummer hat 690 Kilogramm Ausrüstung dabei

Sebastian Kummer hat in Unna das notwendige Equipment über Monate zusammengestellt. Bis hin zu Gennaker und Spinnaker hat er besorgt, dazu ein Dinghi samt Außenborder, Radarreflektor, Literatur, Kochtöpfe und und und. Dutzende Kisten mit Ausrüstung hat er bestückt und schließlich auf fünf Europaletten nach Frankreich transportieren lassen – insgesamt 690 Kilogramm.

  • BootsabnahmeAbnahme der Soffio mit Jens Reckermann © Jens Brambusch
  • BootsabnahmeKummer untersucht den Rumpf der Soffio © Jens Brambusch
  • BootsabnahmeKummer überprüft die Rettungsinsel © Jens Brambusch

Nach zwei Tagen Arbeit ist alles verstaut und der Katamaran abgenommen. Zunächst haben Sebastian und Crew das Boot überprüft: Wanten und Stage, Dichtungen und Luken, Motoren und Segel. Die Elektronik wurde getestet. Anschlüsse und Navigation überprüft und eingestellt, der Rumpf untersucht.

Größere Mängel sind nicht erkennbar. Es könnte also losgehen. Noch aber heult der Wind in den Wanten und peitschen Regenböen über das Deck. Kummer nimmt es gelassen. Er lächelt die Sorgen einfach weg.

Boris Herrmanns Antlitz am anderen Ende der Marina

So wie ein bekanntes Gesicht, das am Ende des Hafens von einer großen Wand zur „Soffio“ hinüberschaut. Es ist das Antlitz des bekanntesten deutschen Weltumseglers Boris Herrmann, das neben den Portraits der anderen Vendée-Globe-Veteranen an der Marina verewigt wurde.

Der Steg an dem etliche werftneue Katamaran liegen
Hier wurde Boris Herrmann neben anderen Vendée-Globe-Veteranen verewigt © Jens Brambusch

Mit stoischer Gelassenheit hatte sich Herrmann bei der härtesten Regatta der Welt in die Herzen der Zuschauer gesegelt – und beinahe das Rennen gewonnen.

Wäre er nicht kurz vor dem Ziel mit einem Fischerboot kollidiert. Kurz vor Les Sables d’Olonne. Boris Herrmanns Gelassenheit ist der Kummer-Crew ein Vorbild. Auf das Fischerboot können sie aber gerne verzichten. direkt zum Video

Jens Brambusch ist Autor des Buchs „Mit Kummer ohne Sorgen“. Er schreibt regelmäßig für float und ist Verfasser dieses Textes. Die Reise der „Soffio“ ist auch auf dem YouTube-Kanal Sailing Dilly-Dally zu verfolgen. Fortsetzung folgt.

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