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© Jens Brambusch
Brambusch macht blau

Anleitung zum Glücklichsein (4/4)

Unser Autor Jens Brambusch ist ausgestiegen. Er lebt auf dem Segelboot. Sein Aussteiger-ABC dreht sich um die Wahl des richtigen Hafens, Behördengänge, WLAN – und Einsamkeit.

von
Jens Brambusch
in
12 Minuten

Es ist ein Freitagabend Ende Oktober. Die Sonne ertränkt sich gerade hinter der griechischen Insel Kastellorizo, oder kurz Meis, wie die Türken sagen. Das Meer glitzert noch einmal goldgelb auf, das Licht bricht auf den sich kräuselnden Wellen. Es sieht aus wie Funkenflug. Wir sitzen auf der obersten der 26 Sitzreihen des antiken Amphitheaters von Antiphellos, dem heutigen Kaş. Der helle Kalkstein ist immer noch warm. Das Schauspiel, das sich uns bietet ist grandios, die Kulisse unbeschreiblich. Die Natur ist immer noch der beste Regisseur.

Wir, das sind meine Freunde Kai-Uwe, Sven und natürlich ich. Wir sind angekommen in Kaş. Dem Ort, an dem ich auf meiner Dilly-Dally, einer Moody 425, überwintern will. Für mich ist Kaş der schönste Ort an der lykischen Küste. Weit genug von den Flughäfen entfernt, um den Massentourismus fernzuhalten, aber nah genug, um türkische Taucher und internationale Individualtouristen anzulocken. Und natürlich Segler. Eine entspannte Mischung statt der Buffetkrieger in den Bettenburgen. Noch liegt die Dilly-Dally im quirligen Stadthafen zwischen Gulets und Taucherbooten an der Pier gegenüber den vielen Bars und Restaurants. Mittendrin statt nur dabei.

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Abendstimmung am Hafen von Kas © Jens Brambusch

„Nur mal gucken.“ „Na, klar!“ „Oh, toll.“

Der letzte Abend mit Kai-Uwe und Sven klingt in der Mavi-Bar aus. Die kleine Bar in einem alten Bootsschuppen am Hafen hat kleine bunte Stühlen und Tische vor der Tür. Es gibt sie seit über 30 Jahren. Nach dem „letzten“ Absacker stolpern wir noch an anderen Bars vorbei, an der Hafenfront oder in verwunschenen Innenhöfen. „Nur mal gucken.“ „Na, klar!“ „Oh, toll.“ Drei paar Augen schauen sich an, in denen das gleiche geschrieben steht. Wir setzen uns.

Am nächsten Morgen um 7 Uhr schultern die beiden ihre Taschen, gehen zum wartenden Taxi. Ich schaue mich um. Der Hafen, die Mole, die pittoresken Häuschen der Altstadt, Gässchen, die sich die Hügel hochschlängeln. Langsam erwacht Kaş nach einer kurzen Nacht. Es ist warm, obwohl sich die Sonne erst noch über die Berge quälen muss. Mein Gefühl ist: „Angekommen“. Ich nehme mir noch einen Kaffee, verkrieche mich wieder in der Koje und genieße die Ruhe. In vier Stunden kommen die nächsten Freunde.

S – der Heimathafen

Da bin ich also. In Kaş. Meiner neuen Heimat, in einem fremden Land, mit einer anderen Kultur. Vor mehr 25 Jahren war ich das erste Mal hier, damals noch mit einem Camperbus. Später wurde Kaş zu einem Highlight aller meiner Segeltörns in der Türkei. Aber hatte sich der Ort vielleicht in den vergangenen vier Jahren seit meinem letzten Besuch verändert? Wie lebt es sich nach Millionenstädten wie Hamburg und Berlin in einem 9.000-Seelen-Nest? Schon am ersten Morgen war ich mir sicher: Ziemlich gut!

Da es mein Plan ist, keinen Plan zu haben, wollte ich erst einmal in der Türkei und auf meinem Schiff ankommen. Das neue Leben kennenlernen, die Dilly-Dally, mich. Auch stand fest, dass ich im Winter sicher nicht alleine durch das bisweilen sehr ruppige Mittelmeer schippern möchte. Frei wollte ich sein und ungebunden, aber nicht losgelöst. Manchmal fühlte ich mich wie ein Astronaut, der durchs All schwebt. Gleichzeitig war ich froh, immer noch eine Verbindungsleine zu haben. Oder, maritimer ausgedrückt: einen Anker. Und dieser Anker ist die Marina in Kaş.

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Vorne Meer und hinten: die schöne lykische Küste © Jens Brambusch

Die Marina übertrifft meine Erwartungen. Sie gleicht einem 5-Sterne-Resort unter Palmen. Perfekt gepflegt, nettes Personal, landschaftlich herrlich gelegen, zum Stadthafen sind es mit dem Bordfahrrad nur fünf Minuten. Es gibt eine Bar mit Livemusik, einen Hamam, zwei Restaurants, einen Pool und einen Tennisplatz. Die sanitären Anlagen sind erstklassig. Ich habe meinen Liegeplatz bis Mai 2020 bezahlt. Elf Marinas gehören zu dem Betreiber, und in jedem dieser Häfen darf ich jeweils bis zu einem Monat kostenfrei liegen. Ein perfektes Angebot, um im kommenden Jahr nach Istanbul zu segeln.

Der Tipp: Wer einen Ort zum Überwintern sucht, sollte nicht nur auf die Liegeplatzgebühren schauen. Das komplette Umfeld muss stimmen. Denn auch im Mittelmeer können die Winter sehr ungemütlich sein – vor allem stürmisch. Ein sicherer Hafen ist da unbezahlbar.

Ein australisches Seglerpaar, das aus Kostengründen im Stadthafen liegt, hat das Sparen kürzlich teuer bezahlt. Ein Sturm mit bis zu 40 Knoten Wind warf ihre Yacht immer wieder gegen die Hafenmole. Vier der acht Fender platzten. Die einzige Chance, das Schiff vor größeren Schäden zu schützen, war die, es an einen anderen Ort zu verholen. Mitten in der Nacht, bei strömenden Regen, Sturm. Ohne die Hilfe vieler türkischer Helfer hätte die Nacht im Desaster enden können.

Auch in der Marina kann es ungemütlich werden. Trotzdem fühle ich mich sehr sicher. Die Marineros überprüfen vor jedem Sturm alle Stege, alle Schiffe, alle Moorings. Und die Kosten? Wegen des anderthalbjährigen Vertrags bezahle ich für meine Moody 425 auf den Tag gerechnet 8,50 Euro.

T – der Papierkram

Und dann saß ich da, in einem alten herrschaftlichen Gebäude, mitten in der Residenzstadt Celle. Anmeldebehörde. Mit 46 Jahren zog ich Anfang September offiziell wieder bei meinen Eltern ein. Die Beamtin lächelte. Natürlich gibt es auch die Möglichkeit, keinen festen Wohnsitz mehr in Deutschland zu haben. Mir schien es jedoch sympathischer, zumindest für den Start in mein neues Leben, die einfachste Variante zu verfolgen.

Die Post lasse ich nun zu meinen Eltern senden, die mir die wichtigen Unterlagen einscannen und mailen. So bin ich zwar weg, aber offiziell immer noch da. Wer aussteigt, muss sich unweigerlich mit Papierkram auseinandersetzen. Das Kündigen diverser Verträge und Versicherungen in Deutschland nahm locker eine Woche in Anspruch, aber endlich war einmal ausgemistet. Und letztlich viel Geld gespart. Erst später würde ich mit der Residentship für die Türkei zu tun bekommen.

Der Tipp: Gerade, wenn man ausgestiegen ist, will man eigentlich so wenig wie möglich mit seinem alten Leben zu tun haben. Besonders, wenn so viel Neues zu erleben ist. Einmal die Woche habe ich mir deshalb einen festen „Bürotag“ eingerichtet, an dem ich alle Korrespondenzen und den leidigen Bankkram erledige. Vorausgesetzt, ich habe WLAN. Zur Beruhigung: Der Bürokram wird von Woche zu Woche deutlich weniger.

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Surfen im Internet kann teuer werden © Jens Brambusch

U – das WLAN

Wir segelten gerade in Richtung des Golfs von Fethiye. Die Sonne schien herrlich, der Wind war eingeschlafen. Sven und ich lümmelten im Cockpit. Ich surfte im Internet, Sven tippte etwas auf seinem Smartphone. Kai-Uwe machte ein Foto, stellte es ins Netz. Als einer der ersten kommentierte sein Sohn: „Generation Handy. Traurig, die junge Generation so zu sehen…“ Wie Recht er hatte.

Doch ohne Internet geht heute (fast) nichts mehr, auch an Bord. Zum einen ist es mein Draht zur Außenwelt. Zum anderen brauche ich das Netz für meine Arbeit. Zudem lassen sich wertvolle Informationen abrufen, wie beispielsweise Wetter-Apps. Schon aus Sicherheitsgründen ist also ein drahtloses Netzwerk an Bord angebracht.

Mein deutscher Handyvertrag nützt mir in der Türkei leider wenig, da das kostenfreie Roaming wie in der EU hier nicht funktioniert. Bei einem türkischen Telefonanbieter (Turkcell) habe ich daher einen mobilen Router gekauft, der mit einer Prepaidkarte gefüttert wird. Das maximale Datenvolumen beträgt nur 15 Gigabyte (für ungefähr 16 Euro). Das ist leider nicht so viel, wenn man viele Bilder und Filme bearbeitet.

Ist das Volumen verbraucht, führt nichts an einem erneuten Besuch eines Turkcell-Büros vorbei. Das kann sehr ermüdend sein. Denn was ich erst lernen musste: Das maximale Volumen lässt sich nicht beliebig oft aufladen, sondern nur viermal in drei Monaten. Warum? Ich habe keine Ahnung. Das Business-Modell dahinter konnte mir niemand erklären. Natürlich nutze ich auch das öffentliche WLAN in Häfen und Restaurants. Für Bankgeschäfte ist es mir aber lieber, mein eigenes Netz zu haben.

Der Tipp: Mein Verhältnis zum möglichen Datenvolumen war in Deutschland recht einfach. Ich hatte keins. Es war immer da, wie das Wasser aus der Leitung oder der Strom aus der Steckdose. Wie jede Ressource kann man auch Datenvolumen leicht vergeuden. Also musste ich den Umgang damit lernen. Wer weiß schon, wie viel Datenvolumen eine Stunde Netflix verschlingt (für ein Gigabyte kann man etwa zwei Stunden streamen – bei mittlerer Qualität. Auch, dass es verschiedene Qualitätsstufen gibt, musste ich erst lernen)?

Was anfangs mein Datenvolumen auffraß wie das Krümelmonster Kekse, war die iCloud. Ich machte einen dummen Fehler: Wenn ich Videos schneiden wollte, zog ich die Filme auf den Desktop. Gerade bei Drohnenvideos in 4k sind das schnell ein paar Gigabyte. Sofort schickte der Computer in die Wolke. Schwupps, waren mehrere Gigabyte verschwunden. Also: immer erst alle Clouddienste ausschalten, dann Computer vom Datenmüll reinigen und erst dann – aber wirklich nur wichtige Dokumente – in die Cloud schicken. Oder auf externe Festplatten ziehen.

V – die Behörden

In Ländern wie der Türkei gehört der Gang zu den Behörden zum Alltag. Bisweilen kann das sehr anstrengend sein, da mehrere Wege zu verschiedenen Büros nötig sind. Zum Beispiel, um das obligatorische Transitlog zu bekommen. Empfehlenswert ist es, einen Broker für kleines Geld zu engagieren, der diese Wege übernimmt. Er weiß genau, welche Dokumente benötigt werden. Er holt sie ab und bringt die Lizenzen zum Schiff. Die Kosten dafür betragen nur wenige Euro.

Der Tipp: Am besten bei anderen Seglern erkundigen, wen sie mit Behördengängen beauftragt haben. Zwar gibt es in den meisten Häfen ein Büro, das diesen Service anbietet. Aber auch hier zählt: Jeder gesparte Meter wird teuer bezahlt. Ganz verzichten auf den Service sollte man besser nicht – außer man ist sehr erfahren, hat sehr viel Zeit und spricht die türkische Sprache exzellent. Auch ist das Prozedere bei den Behördengängen in jeder Stadt anders. Es hängt ganz vom Beamten ab, welche Unterlagen benötigt werden. Der Broker vor Ort kennt sich bestens aus.

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Vorläufiger Ausweis für Teilzeit-Türken © Jens Brambusch

W – die Aufenthaltsgenehmigung

Ich sitze im Büro von Tuncay, dem Manager der Marina in Kaş. Er hilft mir, ein Teilzeit-Türke zu werden. Wenn ich in der Türkei auf der Dilly-Dally leben will, brauche ich eine Aufenthaltsgenehmigung, die türkische Residentship für die Türkei. Wer dagegen in der Europäischen Union bleibt, ist im vergleichbaren Fall fein raus. Dann braucht er kein Visum.

Hier ist das anders. Bei der Einreise in die Türkei bekommt man als Deutscher ein Visum für drei Monate. Früher war es möglich, für einen Tag aus- und wieder einzureisen, um das Visum aufzufrischen. Heute darf man erst nach drei Monaten erneut für drei Monate einreisen. So kann man für maximal 180 Tage im Jahr in der Türkei bleiben – außer man beantragt die „Residentschip“.

Das Prozedere für die Residentship für die Türkei ist erstaunlich einfach. Ich kann den Antrag online ausfüllen und sogar das Passbild hochladen – und natürlich die Gebühr von etwa 80 Euro bezahlen. Trotzdem bin ich dankbar, dass mir Marina-Manager Tuncay geholfen hat. Denn es sind nicht wenige Angaben, die man machen muss. Zwar hatte meine private Krankenversicherung in Deutschland bestätigt, dass sie in der Türkei für anfallende Kosten aufkommt (auch bei einem Daueraufenthalt).

Allerdings reicht das den Behörden vor Ort nicht. Ich brauche eine private türkische Krankenversicherung für Ausländer. Sofort greift Tuncay zum Telefon, ruft bei einer Agentur in Kaş an, erklärt den Fall, erkundigt sich nach dem Preis. „Sie wissen Bescheid, Du kannst hinfahren.“ sagt er. „Vergiss Deinen Ausweis nicht!“ sagt er noch. „Und der Preis?“ frage ich etwas ängstlich.

Ich sehe mein mir gesetztes Budget zusammen mit der Sonne im Meer untergehen. Immerhin ist die deutsche Krankenversicherung im Moment der größte Posten an Ausgaben, den ich mit mir rumschleppe (etwa 500 Euro im Monat). „Ungefähr 360 Türkische Lira“, sagt Tuncay. Das entspricht beim aktuellen Tageskurs 59,22 Euro. Damit kann ich leben. Tuncay lacht. „Im Jahr!“

Nachdem wir alle notwendigen Angaben gemacht haben, alle Unterlagen gesichtet und die Gebühren bezahlt sind, vereinbare ich einen Termin bei der zuständigen Immigrationsbehörde. Ein persönliches Erscheinen ist Pflicht. Dummerweise ist die nächste Behörde in Kemer, etwa zweieinhalb Fahrstunden entfernt. Zu ändern ist das aber nicht.

Der Tipp: Zunächst einmal: keine Sorgen haben. Ich habe nicht einen ausländischen Segler kennengelernt, dem die Residentship für die Türkei nicht bewilligt wurde. Der Antrag kann online gestellt werden, die Seite der Behörde ist auch auf Englisch verfasst. Wie bei allen Behördengängen empfehle ich, sämtliche Bootsunterlagen zum „Interview“ in der Behörde mitzunehmen.

Unterschiedliche Segler haben unterschiedliche Erfahrungen mit unterschiedlichen Beamten gemacht. Lieber ein Papier mehr mitnehmen als noch einmal einen Tag im Auto sitzen. Die Termine werden online vergeben – da kann sich manche deutsche Kommune noch viel abschauen.

Da aber, zumindest ist es in Kemer so, nur sehr wenige Termine pro Stunde vergeben werden, lohnt es sich, direkt bei der Ankunft im Büro vorstellig zu werden. Meistens kommt man sofort dran. Bei guter Vorbereitung, also mit Kopien von Ausweis, Transitlog und wichtigen Papieren, dauert der Termin nicht länger als zehn Minuten.

X – die Einsamkeit

„Hans?“ fragt der Türke auf dem Steg. Ich sitze im Cockpit, schaue auf. „Jens“, korrigiere ich, typisch deutsch. Aber immerhin lächele ich. Er hält den Kopf schief. „Welcome Hans“, lächelt auch er und reckt den Daumen in die Höhe. Er liege am Steg gegenüber, erklärt er. Ich lade ihn auf einen Kaffee ein, er lehnt ab. Er habe eine Verabredung. „Heute Abend in der Bar?“ fragt er dann. Ich nicke. „Welcome“, ruft er nochmal und geht.

Für mich ist es immer noch ungewohnt, so viele nette, respektvolle und hilfsbereite Leute auf einem Haufen zu treffen. Ich erinnere mich an Vereine in Deutschland, wo jeder Neue erst mal argwöhnisch beäugt wird. Dabei hat man doch das gleiche Hobby. Kein Wunder, dass einige Segelvereine gnadenlos überaltert sind.

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Wer auf einem Schiff lebt, sollte gut mit sich selbst klarkommen © Jens Brambusch

Wer auf einem Schiff lebt, zumal alleine, sollte gut mit sich selbst klarkommen. Und auch Einsamkeit genießen können. Die allerdings wird er (oder sie) nur selten empfinden. Zumindest geht es mir so. Die Freundschaft unter den Seglern hier ist riesig. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich erst spät im Jahr in Kaş angekommen bin. Viele der Schiffe sind verwaist.

Dafür bilden die, die noch hier sind, eine einzigartige Gemeinschaft: Australier, Briten, Amerikaner, Südafrikaner, Dänen, Deutsche und natürlich Türken. Man könnte den ganzen Tag von Boot zu Boot tingeln, frühstücken, Kaffee trinken, Abend essen. Jeder ist überall willkommen. Wir kochen zusammen, gehen angeln oder trinken Wein.

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Zwischendurch aufräumen, bevor die nächsten Gäste kommen © Jens Brambusch

Bordfahrräder und Motorroller werden geteilt. Wenn jemand in den Ort fährt, fragt er die anderen, ob er etwas mitbringen kann. Es wird zusammen Sport getrieben – und natürlich gewerkelt. Denn einer hat immer etwas an seinem Boot zu reparieren. Wahrscheinlich ist es das, was in Segelbüchern immer „gute Seemannschaft“ genannt wird.

Der Tipp: Einfach mit einem Lächeln auf die Leute zugehen. Denn ein Lächeln ist wie ein Echo. Es kommt zurück. Von großem Vorteil, um Kontakte zu knüpfen, ist es in der Tat, alleine an Bord zu sein. Wann immer ich alleine im Cockpit sitze, dauert es nicht lange, bis ich im Gespräch bin. Auch mit Fremden.

Erst gestern kam ein türkischer Segler, der selten im Hafen ist, den Steg entlang. Bislang hatten wir uns nur einmal gegrüßt. Kurz zuvor war wieder eine dieser blechernen Durchsagen per Lautsprecher durch den Ort gehallt. In Deutschland würde man es „amtliche Bekanntmachungen“ nennen.

Mit großen Augen strahlt der Türke mich an. „Hast Du gehört? Das war die Fischereibehörde. Die haben einen riesigen Fang gemacht. Jetzt wird der Fisch am Rathaus verkauft.“ sagt er, dreht sich um und verschwindet wieder. Wenige Minuten später springt ein Roller an. Der Segler holt Fisch. Für alle.

Y – die Bedenkenträger

Es war irgendwann im Frühjahr, und in Berlin war es noch grau und kalt. Ich rechnete mit einem Aufschrei, mit Mahnungen und Warnungen. „Ja, bist Du denn jetzt völlig verrückt?“ Aber das fragte überhaupt niemand. Stattdessen sah ich nur in große Augen. Und die leuchteten. Es war die Zeit, in der ich nach und nach meinen Freunden und Bekannten von meinen Plänen erzählte auszuwandern. Ich war perplex: Es gab kaum Bedenkenträger.

Selbst die größten Skeptiker (meine Eltern) sind mittlerweile angetan vom neuen Leben auf dem Wasser – zumindest tun sie so. Meine Freunde sehe ich wahrscheinlich auch nicht viel seltener als zuvor. Eingebunden in Job und Familie und erschöpft vom Alltag, sind die Treffen in den vergangenen Jahren sowieso immer weniger geworden. Wechselnde Jobs haben meine Freunde in der ganzen Republik verstreut. Eine Reise in die Türkei scheint für viele einfacher zu sein als ein Besuch in der nächsten Stadt. Bis Ende des Jahres habe ich beinahe permanent Besuch an Bord.

Der Tipp: Einfach machen! Ich weiß, das klingt arrogant. Und ja, bei mir stimmten alle Vorzeichen. Ungebunden, mit wenigen Verpflichtungen, relativ unabhängig. Da sagt sich so etwas leicht. Denkt man. Aber auch ich habe lange Zeit gehadert, gerechnet und geträumt. Vielleicht war jetzt der richtige Zeitpunkt, um auszusteigen. Vielleicht war er aber auch schon vor zehn Jahren. Oder vielleicht wäre er noch besser erst in zehn Jahren.

Wer sich hinter dem „vielleicht“ versteckt, wird nie erfahren, wann der richtige Zeitpunkt ist. Wer nach Ausreden sucht, findet immer welche. Aber wer den Ausstieg sucht, sollte es einfach wagen. Mittlerweile habe ich viele Segelaussteiger getroffen: junge, alte, reiche, abgebrannte, solche mit Kindern und viele ohne. Jeder hat eine andere Geschichte, jeder schlägt sich anders durch. Jeder finanziert seinen Traum anders. Nur eines haben sie gemeinsam: Sie leben, was sie träumen.

Z – die Erkenntnis

„Und hier wohnst Du jetzt also?“ Mit dieser skeptischen Frage einer Freundin begann ich diese kleine „Anleitung zum Glücklichsein“. Als Mareen und Ilija nach fünf Tagen wieder abgereist waren, war ihre Frage längst zu einer Art „running gag“ geworden. Beim Baden auf offener See fiel sie, beim Ankern in traumhafter Kulisse, in einem kuscheligen Restaurant in den engen Gassen von Kaş, im Sonnenuntergang auf einem Steg mit Blick auf das Meer. Die Skepsis in der Stimme war gewichen.

Ja, hier wohne ich jetzt. Auf der Dilly-Dally. In Kaş. Seit knapp einem Vierteljahr. Und ich habe es nicht einen Tag bereut. Natürlich klingt vieles erst einmal toll: Schiff, Mittelmeer, Ausstieg. Das alles klingt nach Luxus. Dabei ist es vor allem erst mal anstrengend und aufwändig. Besonders jetzt im Winter.

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Jens hat seine Entscheidung keinen Tag bereut © Jens Brambusch

Zwar sitze ich immer noch in kurzer Hose im Cockpit. Aber abends wird es frisch, häufig zucken Blitze vom Himmel. Es stürmt und regnet. Die Nächte sind oft unruhig. Es ist nicht wirklich schön, morgens um drei oder vier Uhr im strömenden Regen die Bimini vor heftigen Böen zu retten und dann unter eine klamme Bettdecke zu kriechen. Und doch macht es Spaß. Es ist das Leben, das ich mir ausgesucht habe.

Der Tipp: Segeln nicht mit Luxus verwechseln. Es ist genau das Gegenteil. Nur genau so teuer.

Mehr übers Glücklichsein lesen

Jens Brambusch hat für sein Aussteiger-ABC insgesamt vier Artikel geschrieben. In Teil 1 berichtet er von seinen Vorplanungen, Vorbereitungen und Formalitäten in Deutschland. Im zweiten Teil geht es um den Bootskauf in der Türkei und mögliche Klippen, die dabei zu umschiffen sind.

Im dritten Teil der „Anleitung zum Glücklichsein“ befasst er sich mit den ersten Tagen auf der Dilly-Dally und damit, wie man das Segelboot als Lebensort für sich erobert. Die Wahl des richtigen Hafens, die notwendigen Papiere und praktische Tipps für die Türkei von WLAN bis Krankenkasse sind Themen im vierten Teil unserer float-Serie.

Mehr zu lesen gibt es auf Jens Brambusch macht blau.

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