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So könnte das Paradies aussehen © Jens Brambusch So könnte das Paradies aussehen © Jens Brambusch
Brambusch macht blau

Anleitung zum Glücklichsein (1/4)

Unser Autor Jens Brambusch steigt aus. Er kündigt seinen Job und verkauft seine Wohnung. Seit einigen Wochen lebt er auf einem Segelschiff.

Jens Brambusch
von in
6 Minuten

„Und hier wohnst Du jetzt also?“ Ihr Blick schweift ungläubig durch den Salon, verharrt in der Pantry. Auf dem Gasherd schwankt der Wasserkessel. „Hm, ja, schön!“ Es klingt wie: „Oh, mein Gott!“ Es ist Ende Oktober, draußen bretzelt immer noch die Sonne aufs Deck. Die „Dilly-Dally“, eine Moody 425, schaukelt im Takt der Wellen, die die Boote der Taucher an die Pier werfen. Sie kommen gerade zurück in den Stadthafen von Kaş. Lykische Küste, Türkei.

Der Spontanbesuch aus Deutschland ist gerade angekommen. Ein Freund seit Jugendzeiten mit seiner Verlobten. Noch nie hat sie Zeit auf einer Yacht verbracht. Jetzt ist sie erst einmal sprachlos. Urlaub auf einem Boot im Segelrevier Türkei – verlockend. Aber darauf leben? Der Muezzin durchbricht die Stille.

Segelaussteiger im Segelrevier Türkei

Die Dilly-Dally im Hafen von Kas © Jens Brambusch

Noch vor zwölf Monaten war das auch für mich noch unvorstellbar. Auch wenn Freunde behaupten, dass ich schon vor Jahren davon gefaselt hätte, auf einem Schiff zu leben. Wahrscheinlich haben sie recht. Warum hätte ich sonst im Internet sehnsüchtig anderen Aussteigern bei deren Segelabenteuern zugeschaut? Aber es waren nur Tagträume, Fantasien, eine Auszeit unter Segeln zu nehmen. Wie bei den meisten. Unendlich weit weg. Unrealistisch. Unbezahlbar. Oder etwa doch nicht?

Die Entscheidung wurde mir quasi abgenommen. Nach einem Burnout wurde mir klar: Ein „Weiter so“ kann und darf es nicht geben. Der Schritt, mit dem alten Leben zu brechen, war daher alternativlos. Erleichternd kommt hinzu: Ich bin ungebunden. Ich muss auf niemandem Rücksicht nehmen.

Hier nun meine kleine Entscheidungshilfe. Eine Art kleines Aussteiger-ABC anhand meiner persönlichen Erfahrungen und Erlebnisse in den ersten Wochen. Natürlich haben sie keine Allgemeingültigkeit. Aber vielleicht können sie Impulse geben. Im ersten Teil, von A bis F: die Vorbereitung.

Jens Brambusch macht blau

Jens Brambusch in der Redaktion © Jens Brambusch

A – das Motiv

Es war ein Montag Mitte November vergangenen Jahres, als ich aus der Komfortzone meiner Alltags gerissen wurde. Es hatte sich angedeutet. Seit Monaten. Der Job als Reporter bei einem Wirtschaftsmagazin, der einmal mein Ein und Alles war, nervte. Ich war genervt. Von mir, von Berlin, der Stadt, in die ich vor vier Jahren von Hamburg gezogen, wo ich aber nie angekommen bin. Von jedem neuen Tag, so schön er auch sein mochte. An diesem Montag kam ich bei der Arbeit nicht an. Die Kurzversion: Burnout, Panikattacken, Agoraphobie.

Es gab Tage, an denen konnte ich das Haus nicht verlassen. Selbst der Briefkasten schien unendlich weit weg. Überall waren Mauern. Und sie rückten ständig näher. Nach drei Monaten Krankschreibung und Therapie kehrte ich zurück in die Redaktion. Schon nach wenigen Stunden im Büro war mir klar: Es würde nicht lange dauern, bis ich wieder im Hamsterrad rennen würde. Angetrieben von den Erwartungen, die ich an mich stellte, die andere an mich stellten.

Und es würde nicht lange dauern, bis ich wieder straucheln und fallen würde. Ich musste erst krank werden, um zu lernen, dass es mehr im Leben geben muss als die vermeintliche Sicherheit einer Festanstellung. Ich hätte nur auf mein Bauchgefühl hören sollen.

Der Tipp: Keine Entscheidung leichtfertig aus einer Laune heraus treffen. Aber auch nicht die Signale übersehen. Auch mal auf den Bauch hören, nicht immer nur auf den Kopf.

B – die Kalkulation

An diesem Tag begann ich die Mauern einzureißen, die mich daran hinderten, meinen Traum auf dem Wasser zu leben. Schon als Kind verbrachte ich fast jedes Wochenende, jede Ferien auf dem Segelschiff meiner Eltern. Ich machte mit 16 meinen ersten Segelschein. Während des Studiums kaufte ich mir erst einen Korsar, dann eine weitere Jolle. Dann einen 15er-Jollenkreuzer, später in Berlin einen 20er. Zwischenzeitlich charterte ich mit Freunden einmal im Jahr eine Yacht im Mittelmeer, segelte mit der Yacht meiner Eltern auf der Ostsee. Ich wusste, dass ich mich auf dem Wasser wohl fühle.

Untergehen würde ich eher in den von Chaos und Aggressionen gefluteten Straßen Berlins. Ich kündigte meinen Job, verkaufte meine Wohnung, löste meine Hypothek aus. Dank der pervers gestiegenen Immobilienpreise in Berlin blieb genügend Geld über für den Neustart. Ich rechnete: Das Ergebnis war 4,7! Ich setzte mir ein Budget für den Bootskauf von 75.000 Euro. Das Restgeld würde bei einem monatlichen Auszahlung von 3.000 Euro (inklusive privater Altersvorsorge und Krankenversicherung) für 4,7 Jahre reichen. Zeit genug, um den Kopf frei zu bekommen. Platz genug für neue Ideen.

Segelaussteiger Jens Brambusch im Segelrevier Türkei

Der Navitisch als Büro © Jens Brambusch

Natürlich ist es nicht in jedem Job möglich, von jedem Ort der Welt aus zu arbeiten. Aber als Journalist und Autor ist das zum Glück möglich. Mein Büro ist jetzt mein Cockpit. Der Tipp: Vorher genau durchrechnen, ob und wie lange man sich den Traum leisten kann. Lieber pessimistisch kalkulieren, um keine bösen Überraschungen zu erleben. Den Traum nicht auf Pump aufbauen.

Sicher sein, dass man auf einem Schiff langfristig leben möchte – auch an kalten und klammen Tagen. Das Leben an Bord ist immer beengt, umständlich und voller Entbehrungen. Ich empfinde genau das als Luxus. Es ist ein Leben in und mit der Natur. Herrlich. Aber ich kenne viele, die anderer Meinung sind.

Segelaussteiger Jens Brambusch im Segelrevier Türkei

Das schönste Revier mit den freundlichsten Menschen © Jens Brambusch

C – die Destination

Dass ich mein Abenteuer in der Türkei starten würde, war mir von Anfang an klar. Überall im Mittelmeer hatte ich mit Freunden bereits gechartert. Am Ende segelten wir fast ausschließlich in der Türkei. Für mich ist es das schönste Revier mit den freundlichsten Menschen. Erleichternd kommt hinzu, dass ich Islamwissenschaften studiert habe, ein wenig Türkisch spreche (wenn auch nur rudimentär) und auch mal in Izmir ein Kurzsemester studiert habe. Und natürlich ist die Türkei derzeit unschlagbar günstig. Das von mir angesetzte Monatsbudget ist weitem zu hoch angesetzt. Mit 1.000 Euro für Lebenshaltungskosten lässt es sich hervorragend ohne Verzicht leben.

Der Tipp: Das Abenteuer ist schon groß genug. Die Lebensumstellung immens. Zum Start deshalb einen Ort aussuchen, den man kennt, an dem man sich wohl fühlt, dem man vertraut. Und der bezahlbar ist.

D – das geeignete Schiff

In Berlin war ich, nur mit ein paar Seesäcken, ausgezogen. Den Rest meines alten Lebens hatte ich mit der Wohnung verkauft. Anfang September flog ich mit meinem Kumpel Stephan in die Türkei zur Bootssuche. Fast alle Schiffe, die wir uns anschauen wollten, lagen in Marmaris. Sehr praktisch. Zuvor hatte ich mir viele Gedanken über „mein“ Boot gemacht. Die groben Kriterien: natürlich der Preis (etwa 75.000 Euro), Größe um die 40 Fuß, kein ehemaliges Charterschiff. Robust sollte das neue Zuhause sein, im Idealfall ein Mittelcockpit haben. Safety first!

Das Schiff sollte groß genug sein, um darauf komfortabel leben zu können. Aber klein genug, um es mit zwei Leuten zu segeln oder gegebenenfalls auch alleine. Eine Achterkajüte wäre perfekt, um schnarchenden Besuch im Bug zu ertragen. Und es sollte weitgehend autark sein, eine Solaranlage haben oder einen Windgenerator, um zu ermöglichen, auch mal mehrere Tage (oder Wochen) fernab von Häfen zu bleiben. Eine Wasseraufbereitungsanlage wäre wünschenswert, aber kein Muss. Ebenso wie eine Klimaanlage für die ganz heißen Tage im Jahr. Und es sollte ein Schiff mit Charme sein, keine schwimmende Massenware von der Stange.

Der Tipp: Wenn es keine konkrete Vorstellung gibt, einen Ausflug zum nächstgrößeren Hafen machen. die Stege entlangschlendern, schauen, erkunden und fragen. Bei einer konkreten Vorstellung nach Tests und Erfahrungsberichten im Internet suchen. Und vor allem versuchen, mit Eignern in Kontakt zu kommen. Meistens sind Eigner in Internet-Foren organisiert.

Segelaussteiger Jens Brambusch im Segelrevier Türkei

Das richtige Schiff finden © privat

E – die Bootssuche

Dass ich begleitet wurde, machte mich doppelt froh. Einerseits ist es zu zweit immer lustiger, andererseits sehen vier Augen deutlich mehr zwei. Außerdem ist Stephan ein versierter Segler. Am wichtigsten war mir aber, dass eine neutrale Person bei der Bootssuche hilft, die emotional weder an das Schiff noch den Traum gebunden ist. Ich versprach mir davon eine größtmögliche Objektivität – und damit Sicherheit. Stephan hatte eine dreiseitige Checkliste entworfen, die er penibel abarbeitete, während ich mit dem Eigner oder Broker quatschen konnte.

Der Tipp: Wenn möglich, nicht alleine auf Bootssuche gehen. Bei der Besichtigung unabhängig voneinander das Schiff begutachten. Einer an Deck, der andere unter Deck. Angenehmer Nebeneffekt: Der Verkäufer kann nicht permanent bei beiden daneben stehen und versuchen, von Mängeln abzulenken. Verkäufer mit einem reinen Gewissen bleiben ruhig, andere werden zappelig, wenn sie nicht wissen, wer gerade wo inspiziert. Erst anschließend – aber noch vor Ort – sich austauschen, um eventuell noch einmal genauer hinzuschauen, was der andere entdeckt hat.

F – der Yachtbroker

Nur selten werden Segelyachten von den Eignern direkt angeboten. Makler vor Ort übernehmen das. Aus der Ferne ist es schwer, den richtigen zu finden. Nichts kann hier den persönlichen Eindruck ersetzen. Von Brokern, die wie Autoverkäufer in Glaspalästen auftreten, würde ich abraten. Auch von Agenturen mit vielen Mitarbeitern. Während kleine Yachtbroker Schiffe, die in einem schlechten Zustand sind, ablehnen (weil sie den Ruf schädigen), bekommt in großen Büros der Juniorverkäufer den Kahn, um sich zu beweisen.

Der Tipp: Internetrecherche! Auch wenn man nicht vorbehaltlos den Bewertungen glauben sollte, sind sie doch ein erster Hinweis. Und: fragen! Am besten in Segelforen oder entsprechenden Facebook-Gruppen. Die meisten Segler sind gut vernetzt und gerne bereit, ihre Erfahrungen zu teilen.

Segelaussteiger Jens Brambusch im Segelrevier Türkei

Im Gespräch mit dem Vorbesitzer © Jens Brambusch

Im nächsten Teil
Die Boots-Auswahl, die beste Jahreszeit zum Bootskauf, die Qual der Wahl, der Vorbesitzer und der Probeschlag.

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