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Ari Huusela beendet als 25. die Vendee Globe 2020 © Jean Louis Carli/Arlea #VG2020
Update Vendee Globe 2020

Der Finne macht das Finish

Mit Ari Huusela endet die Vendée Globe 2020. Sein entspannter Zieleinlauf ist typisch finnisch: Er gleicht dem von Tapio Lehtinen beim Golden Globe Race.

von
Jan Joswig
in
5 Minuten

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Bereits vor dem Start betonte Ari Huusela, sich keinen Stress machen zu wollen: Ankommen ist das Ziel. An feste Zeitpläne muss er sich als Berufspilot schon im Rest seines Lebens halten. Heute Morgen, am Freitag den 5. März, ist er um 7:35 UTC nach 116 Tagen in Les Sables d’Olonne als 25. und Letzter von 33 gestarteten Seglern angekommen. Er schließt damit die Vendée Globe 2020.

Wenn es jemandem gelingt, eine Rennyachtkajüte wie eine Rumpelbude aussehen zu lassen, dann Ari Huusela. Der erste Finne, der an einer Vendée Globe teilnimmt, ließ dieses historische Ereignis gemütlich mit 116 Tagen Segelzeit angehen. Damit steht der 58-jährige in bester finnischer Tradition. Auch beim Golden Globe Race vor zwei Jahren war es mit Tapio Lehtinen ein Finne, der die Weltumseglung als Letzter beendete.

Ari lümmelte lieber in langer Unterhose zu finnischen Frauengesängen an Bord seiner „Stark“ und richtete sich darauf ein, als Letzter bei der Vendée Globe 2020 die Kerze auszupusten. Sollte sich das Wetter vor Les Sables d’Olonne gar zu unfreundlich zeigen, wird er eben eine Extrarunde drehen, war sein Motto.

Ari Huusela Vendée Globe
Ari macht es sich gemütlich © Ari Huusela / Stark

Von der Weizenregatta zur Vendée Globe

Ihre Wettkampf-Qualitäten haben die Finnen in früheren Generationen zur Genüge bewiesen. Patriotischen Ehrgeiz muss man als finnischer Segler nicht mehr aufbringen. Bis Mitte des letzten Jahrhunderts haben die finnischen Windjammer-Crews zuverlässig die informelle Weizenregatta vom Pazifik ums Kap Hoorn nach Europa gewonnen. Die Mastspitzen der Pamir, der Passat und der Herzogin Cecilie erheben sich hinter Aris IMOCA „Stark“.

Heutige Vorzeigesegler wie Ari Huusela oder sein guter Freund Tapio Lehtinen machen ihrem Land eher durch Charakter als durch Pokale alle Ehre. Wir haben uns mit Tapio über finnische Segler im Allgemeinen und über Ari Huusela im Speziellen unterhalten.

Als Erstes stellt der 63-jährige ehemalige Kommodore der Helsingfors Segelsällskap klar: „Bei der Weizenregatta gewannen zwar die Finnen – aber auf Schiffen, die in Deutschland gebaut worden waren, wie die Herzogin Cecilie aus Bremerhaven.“

Ari Huusela an Bord
Aris IMOCA Stark unter Segeln © Irina Gracheva

Ist Langmut typisch finnisch?

Tapio Lehtinen scheint mit ähnlichem Langmut gesegnet zu sein wie Ari. Der Ingenieur und Profisegler nahm am Golden Globe Race 2018 teil und kam als Letzter der fünf verbleibenden Teilnehmer durchs Ziel. Dafür war er der Einzige, der die Strecke so gut wie komplett unter Segeln bewältigt hat (weil seine Maschine gleich zu Beginn ihren Geist aufgab). Beim kommenden Golden Globe Race und bei der Wiederauflage des Whitbread-Rennens als Ocean Race wird Tapio wieder antreten.

Ari Huusela Vendée Globe
Tapio Lehtinen kam beim Golden Globe Race 2018 als Fünfter und Letzter an © PPL/GGR

Er ist enthusiastisch: „Der Initiator Don McIntyre hat eine Zeitmaschine erfunden. Er bringt die goldenen Zeiten der Ozeanregatten zurück.“ Aris gemütlichen Stil führt Tapio auf dessen professionelle Grundeinstellung zurück: „Als Berufspilot geht Ari die Sicherheit über alles, deshalb segelt er bedächtig und konservativ. Außerdem war es zu teuer, eine Versicherung für seine IMOCA abzuschließen. Mit einem unversicherten Privatboot geht man nicht auf Risiko …“

Alex und Ari, zwei ungleiche Freunde

Bei den Vorbereitungen für die Vendée Globe konnte Tapio nur eine geringe Hilfe für Ari sein. Tapio konzentriert sich aufs Oldschool-Segeln mit Booten, die locker ein halbes Jahrhundert hinter sich haben. „Ich gehöre zur alten Schule“, bestätigt er, „mit meiner Sechs-Meter-Yacht „May Be IV“ segle ich ohne Maschine und ohne Elektronik in der Ostsee. Weniger ist mehr, es bedeutet pures Segeln. Ich liebe die Sechs-Meter-Yachten von Olin Stephens, sie schwimmen mit den Wellen, nicht gegen sie.“

Ari Huusela stand mit seiner IMOCA von 2007 vor ganz anderen Herausforderungen. Bei Problemen mit einem Hydrogenerator ist Tapio der falsche Ansprechpartner. Aris britischer Freund Alex Thomson, Skipper der IMOCA Hugo Boss, konnte ihn viel gezielter auf das Segeln in den südlichen Breiten unter modernen Bedingungen vorbereiten.
Dabei könnten Alex und Ari kaum unterschiedlicher sein: der junge, extrovertierte Vorzeigeathlet mit Hochglanztauglichkeit gegen old Knitterbacke.

  • Ari Huusela an BordAri lümmelt in langer Unterhose © Ari Huusela / Stark
  • Ari Huusela an BordAuch an Deck entspannt sich der Finne © Ari Huusela / Stark
  • Ari Huusela Vendée GlobeAri Huusela in seiner Lieblingsposition © Ari Huusela / Stark

Alex Thomson hat zum wiederholten Male sein hochgezüchtetes Schiff so strapaziert, dass er das Rennen bereits vor Kapstadt aufgeben musste. Der Zwang zum Rekord saß ihm im Nacken. Ari Huusela behandelt seine Stark eher wie einen Bierkutscher-Kaltblüter – und schipperte unbeirrbar aufs Ziel zu: „I am not in a hurry.“ Der Letzte wird der Erste sein.

Auch beim Thema Medienpräsenz und Sponsoren konnte Ari Huusela auf der Expertise von Alex Thomsons Team bauen. Ob er sich allerdings als Model in einer Hugo-Boss-Kollektion so gut machen würde wie Alex? Zum Glück nicht. Er sähe aus wie reingehauen. Genau das bringt ihm so viele treue Fans.

Ari Huusela bei Vögeln und Fischen

Finnen gelten als maulfaule Eigenbrötler mit großem Herzen, das man nur mit einer XXL-Flasche Schnaps aufschließen kann. Segeln passt bestens in dieses Bild. Profi-Segeln schon weniger. Profi-Segler sind darauf angewiesen, sich als wandelnde Litfaßsäulen für Großsponsoren zu empfehlen. Sie müssen sich als Marke entwerfen, in die es sich aus Image-Gründen zu investieren lohnt. 24 Stunden Zahnpastalächeln.

  • Ari Huusela an BordEins der vielen freundlichen Selfies © Ari Huusela / Stark
  • Ari Huusela an BordEine kleine Dusche aus dem Watermaker © Ari Huusela / Stark
  • Ari Huusela an BordAuch die Zeit zum Rasieren muss sein © Ari Huusela / Stark

Aris Landsmann Tapio Lehtinen tat sich beim Golden Globe Race schwer: „Ich musste täglich einen Tweet absondern. Es ging mir gegen den Strich, das gleiche Medium wie Donald Trump zu benutzen …“ Aber Klappern in den sozialen Medien gehört zwangsläufig zum Handwerk.

Und das waren dann auch noch Meldungen wie diese, abgesetzt vor der Südspitze Neuseelands: „STRESSIG NAHE ZUM LAND“. Dann heute früh: SCHLECHTE STEUERFÄHIGKEIT WG. SEEPOCKEN, MUSSTE FÜR LEE-RAUM WENDEN.“

Athleten in der zweiten Hälfte ihres Lebens

Bei der Vendée Globe haben die Athleten in der zweiten Hälfte ihres Lebens wie Jean Le Cam oder Miranda Merron mit ihrem ganz eigenen Stil einen Ausweg aus der Misere gefunden. Modelagenturen haben eine Unterabteilung, die Typengalerie für nicht genormte, aber interessante Menschen. Sie sind diese Typen. Und an erster Stelle dieser Riege: Ari Huusela.

Ari Huusela in seinem Element
Ari Huusela ganz in seinem Element © Ari Huusela / Stark

Gefragt, wie es ihm kurz vor der Ankunft geht, sagte Ari Huusela: „Ich bin einfach superglücklich, im Rennen zu stehen, dort wo ich bin.“ Auf den letzten Seemeilen genoss er noch die letzten drei Portionen Caramel Beurre Sale aus seinem Bordproviant.

Ari Huusela wirkt wie der Prototyp eines Mannes, der mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht. Aber er hält sich als Luftfahrtkapitän und Skipper am liebsten in Elementen auf, für die der Mensch nicht eingerichtet ist: Luft und Wasser.

Es ist immer grüner auf der anderen Seite, bei den Vögeln und Fischen. Dieser menschheitsalten Sehnsucht in aller Gelassenheit zu folgen, macht Ari Huusela zu einem Helden außer Konkurrenz bei dieser Vendée Globe. Man fiebert nicht mit ihm mit. Man träumt mit ihm.

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