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Schmuggleryacht Rich Harvest © Daniel Guerra
floats Beste 2020

Better find Saul

Seglerkrimi auf den Kapverden: Vier Segler sitzen im Gefängnis, verurteilt als Drogenkuriere zu zehn Jahren Haft. Die unglaubliche Geschichte der Rich Harvest.

von
Jens Brambusch
in
11 Minuten

Diese Geschichte beginnt unter weißen Segeln. Sie führt über den Atlantik, auf einem 72-Fuß-Schoner von Brasilien auf die Kapverden. Dort endet sie hinter einem schweren, grünen Tor in einer alten Steinwand. „Cadeia Central“ steht in großen Buchstaben über dem Tor: Zentralgefängnis.

Diese Geschichte handelt von vier Seglern. Drei jungen Brasilianern, die davon träumten, die Meere zu erobern und von einem erfahrenen französischen Skipper. Alle vier kauern hinter der Mauer in kargen Zellen, die sie mit Kakerlaken teilen müssen. Im März 2018 wurden alle vier Segler zu zehn Jahren Haft verurteilt. Auf ihrem Schiff hatten die Behörden 1063 Päckchen mit Kokain gefunden. 1,2 Tonnen weißes Gift. Verbaut in einem zweiten Rumpf unter dem Wassertank. Marktwert: 160 Millionen Euro.

Diese Geschichte hat zwei Versionen: Die der ehrgeizigen Richter auf den Kapverden erzählt von einer kriminellen Vereinigung, der die Segler angehört haben sollen. Die andere von einem gigantischen Justizskandal. Von ahnungslosen Seglern, missbraucht von skrupellosen Drogenschmugglern.

Beide Versionen beginnen in Brasilien. Juni 2016.

Die „Rich Harvest“, ein weißer Schoner unter britischer Flagge, hat schon bessere Tage erlebt. Der Zweimaster mit dem schlanken Rumpf und 22,15 Metern Länge erinnert an eine abgetakelte Diva. Die bewegten Jahre sind nicht spurlos an ihr vorüber gegangen. Der Ex hat sie vernachlässigt und dann verschleudert – für 120.000 Euro.

Rich Harvest
Die Rich Harvest © Aniete Dantas

Die neuen Eigner – Robert Delbos, ein harmlos aussehender Brite Mitte 60 aus East Sussex mit Bart und Brille, und der 35-jährige George Saul aus dem englischen Norfolk, der in Gibraltar lebt – segeln die „Rich Harvest“ zusammen mit zwei weiteren Briten nach Brasilien. Dort wollen sie das Boot in einer Werft auf Vordermann bringen lassen. Das geben sie als Grund bei ihrer Einreise an, wie aus der 160 Seiten umfassenden Ermittlungsakte der brasilianischen Polizei hervorgeht. Diese liegt float ebenso vor wie das 105-seitige Urteil der Richter von den Kapverden.

Was die Engländer nicht ahnen: Die britische National Crime Agency (NCA) hat sie längst auf dem Radar und verständigt noch vor deren Ankunft die Kollegen in Brasilien. In Delbos und Saul, der sich selbst Fox („Fuchs“) nennt, sehen die Ermittler die Hintermänner eines transatlantischen Drogenhandels gigantischen Ausmaßes – mit der Hilfe von Segelyachten. Nur beweisen konnten sie es bislang nicht. Jetzt hoffen sie auf den Durchbruch.

An die Legende, Schiffe günstig zu kaufen, um sie in Brasilien zu refitten und wieder teuer zu verkaufen, glauben die Ermittler nicht. Dass die „Rich Harvest“ – zu deutsch: Reiche Ernte – selbst eine bewegte Vergangenheit hat, klingt wie eine Ironie des Schicksals. Die Vorbesitzer beluden den Schoner bis unter das Deck mit zollfreien Waren wie Alkohol und Zigaretten. Sie legten sich außerhalb der 12-Meilen-Zone vor die britische Küste – und verkauften die Ware. 2004 flog der Bluff auf. Einer der Vorbesitzer siedelte später mit der Yacht nach Gibraltar um. Dort, so legen die Akten nahe, kam er in Kontakt mit George Saul, dem „Fuchs“.

Die Werftarbeiten

In Brasilien nimmt die „Rich Harvest“ Kurs auf Bahia Aratu in der Nähe von Salvador. Von Juli bis Dezember 2016 liegt sie dann in der Ocema Marina. Delbos beauftragt die örtliche Werft mit etlichen Arbeiten – für umgerechnet rund 100.000 Euro. Unter anderem sollen eine Solaranlage installiert, neue Wassertanks eingebaut und der Rumpf ausgebessert werden. Dann verlassen Delbos und die beiden Mitsegler Brasilien. Zurück bleibt Saul, der die Arbeiten beaufsichtigt. Und auch selbst mit Hand anlegt, wie der Werftbesitzer später der Polizei sagen wird. Tagelang habe er alleine an dem Boot gearbeitet und laminiert.

Rich Harvest
Die Bahia Arutu © CC BY-SA 3.0

Im März 2017 verlässt die „Rich Harvest“ die Marina, segelt entlang der Küste Richtung Südost. An Bord ist der „Fuchs“. Mittlerweile gehen die brasilianischen Behörden davon aus, dass die Drogen in dieser Zeit an Bord geschafft wurden. Für zwei Wochen lag die Yacht vor einem privaten Anwesen mit einer großen Villa. Doch die Polizei will erst zuschlagen, kurz bevor die Yacht Brasilien verlässt. Sie will sicher sein, dass die Drogen an Bord sind. Immer wieder observiert sie George Saul. Im Frühjahr wendet sich der „Fuchs“ an die niederländische Agentur „The Yacht Delivery“, die Segler für Überführungstörns vermittelt. Saul sucht einen Skipper und drei Mitsegler, um die „Rich Harvest“ von Brasilien nach Madeira zu segeln.

Als die Segelyacht Brasilien am 4. August verlässt, steht am Steuer der erfahrene Skipper Oliver Thomas, 49, ein Franzose. Ihn begleiten drei Brasilianer: Rodrigo Dantas (25), Daniel Guerra (36) und Daniel Dantas (43). Alle angeheuert über „The Yacht Delivery“. Auf Fotos, welche die Brasilianer bei ihrem Abenteuer zeigen, lachen sie in die Kamera. Sie genießen die Freiheit des Meeres. Die Bilder laden sie bei Facebook hoch. Daniel Guerra schreibt dazu: „The World is a book and I am reading it.“ Das Buch hat kein Happy-End. Die Crew wird ihr Ziel auf Madeira nicht erreichen. Bei einem Not-Zwischenstopp auf den Kapverdischen Inseln werden die Segler verhaftet. Die Anklage lautet: Drogenschmuggel im großen Stil.

Von hier an gibt es zwei Versionen: Die der Richter auf den Kapverden und die der verurteilten Segler. Deren Version geht so.

Rich Harvest
Daniel Guerra, der Weltenbummler © Daniel Guerra

Die Crew

Daniel Guerra erfährt von der Ausschreibung des Törns über Facebook. Der 36-jährige Brasilianer liebt das Weltenbummeln. 2015 radelte er quer durch Südamerika, oft entlang der Küste – 14.000 Kilometer. „Liberbike – Conquer your freeedom“ nannte er sein Projekt. Guerra entdeckte seine Sehnsucht für das Meer. In Ilha Bela S. Paulo schrieb er sich an der Nautischen Schule ein. Um Seemann zu werden, absolvierte seine ersten Patente. Praxis hatte Guerra bislang nur auf Fahrten entlang der Küste sammeln können, für weitere Patente brauchte er aber auch Hochsee-Erfahrung.

Über die Nautische Schule bekommt er eines Tages einen Link zugesendet, wie viele andere auch. Es würde eine Crew für einen Überführungstörn nach Madeira gesucht. Bei voller Kostenübernahme. Aber ohne Honorar. Guerra bewirbt sich. Als er in Verbindung mit der Agentur steht, wird er nach Rodrigo Dantas gefragt, der an der gleichen Schule wie er gelernt hat. Der 25-Jährige hätte sich auch beworben.

Rich Harvest
Rodrigo Dantas © Rodrigo Dantas

Die beiden kennen sich nicht, da sie in unterschiedlichen Klassen saßen. Aber sie nehmen Kontakt auf, als beide den Zuschlag für die Reise bekommen. Kurz bevor die beiden im Sommer in Salvador an Bord gehen, übernachtet Guerra im Haus der Eltern von Dantas. Die Richter auf den Kapverden wollen darin später einen Beleg sehen, dass die beiden sich sehr gut kennen.

In Salvador empfängt der „Fuchs“ die beiden persönlich an Bord. Zusammen mit einem dritten Brasilianer, der das Boot schon länger kennt, bricht das Quartett am 8. Juli in Salvador auf. Ziel: Natal. Der klassische Hafen in Brasilien, um nach Europa überzusetzen. Guerra postet Bilder auf Facebook. Eins zeigt ihn mit Saul, dem „Fuchs“. Dazu schreibt er: „Das Leben gibt uns Gelegenheit und Brüder. Sehr dankbar für die Chance @fox_fresh. Tks mate.“

Rich Harvest
George Saul und Daniel Guerra © privat

Auf dem Weg nach Natal kommt der angeheuerte Skipper William Paul Cobbet an Bord. Er soll die „Rich Harvest“ über den Ozean bringen. Zusammen mit Saul und den Brasilianern. Doch die Reise gestaltet sich als schwierig, die angeblich refittete Yacht als seeuntauglich. In Natal muss das Schiff noch einmal überholt werden. Tage vergehen.

Am Morgen des 18. Juli 2017 schlägt die brasilianische Polizei zu. Razzia. Ein Kommando stürmt das Boot, nimmt es auseinander. Sechs Stunden lang. Drogenspürhunde schnüffeln durch das Schiff. Die Wassertanks werden untersucht, der Kiel. Nichts. Die „Rich Harvest“ scheint clean. Die Beamten ziehen wieder ab. Der angeheuerte Skipper aber wirft hin, auch das dritte Crewmitglied geht von Bord. Guerra und Dantas bleiben an Bord.

Später werden sie vor Gericht sagen, dass die Razzia sie nicht verunsichert habe, da es normal sei, dass Schiffe auf Drogen untersucht würden. Und gerade wegen der Razzia seien sie sich sicher gewesen, dass keine Drogen an Bord sein könnten. George Saul hat ein Problem. Er braucht einen neuen Skipper. Und ein weiteres Crewmitglied. Er wendet sich wieder an die niederländische Agentur.

Der Skipper

Olivier Michel Marie Thomas hat Salzwasser im Blut. Der 49-Jährige ist ein hochdekorierter Ex-Soldat der französischen Armee. Seit 23 Jahren segelt er, hat zudem eine Ausbildung als Bootsbauer. Sein eigenes Schiff hat er selbst gebaut. Seit 15 Jahren lebt er in Brasilien, in Salvador, hat dort geheiratet und arbeitet als Skipper für Charterfirmen. Zehn Monate hat er früher einmal auf den Kapverden verbracht. Er ist bekannt in der Segelszene. Und so kennt auch der Inhaber der Marina Ocema ihn gut. Die Marina, wo die „Rich Harvest“ viele Monate überholt wurde. Der Marina-Besitzer weist Thomas auf den Törn nach Madeira hin. Und die Dringlichkeit.

Rich Harvest
Olivier Thomas © Aniete Dantas

Thomas ist gerade in Frankreich, besucht Verwandte. In wenigen Wochen will er nach Thailand fliegen. Der Überführungstörn passt eigentlich so gar nicht in seinen Kalender. Am 27. Juli schickt Thomas trotzdem eine Mail an George Saul. Um 13.11 Uhr. Er erkundigt sich nach dem Schiff, der Ausrüstung, der Crew, dem Ziel der Reise. Und dem Honorar. Um 14 Uhr sind sich die beiden handelseinig. Saul übernimmt die Kosten für den Flug nach Brasilien, später den Rückflug nach Frankreich. Und er ersetzt ihm die Kosten für den Flug nach Thailand, den Thomas nicht antreten kann. Das Honorar beträgt zudem 8.000 Euro. 40 Prozent davon zahlbar vor Abreise, 60 Prozent bei Ankunft. Am 28. Juli setzt sich Thomas in den Flieger nach Brasilien.


Es ist kurz vor Mitternacht, als Olivier Thomas am 30. Juli am Hafen von Natal ankommt. Die Crew erwartet ihn bereits. Daniel Dantas komplettiert die Mannschaft. Für die Verpflichtung des 43-Jährigen, der nicht verwandt mit Rodrigo Dantas ist, sprach vor allem seine schnelle Verfügbarkeit. Während der kompletten Überführung wird er seekrank sein. Er wird dehydrieren und acht Kilogramm Gewicht verlieren. Skipper Thomas wird seinen Gesundheitszustand als kritisch einstufen. Auch das ein Grund, warum er die Kapverden ansteuern wird.

Am nächsten Morgen lernt Thomas Saul kennen. Der Skipper besteht darauf, dass der „Fuchs“ noch einmal in das Schiff investiert. Der willigt ein. Die „Rich Harvest“ bekommt neue Batterien und eine neue Genua. Die Abreise steht kurz bevor. Saul, der ursprünglich an Bord bleiben wollte, muss wegen angeblich „dringender Familienangelegenheiten“ passen. Noch am 2. August setzt er sich in einen Flieger und verlässt das Land. Nach England, wie er sagt. Für Thomas ist das kein Problem.

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Olivier Thomas, Rodrigo Dantas, Daniel Dantas, Daniel Guerra © privat

Die Überfahrt

Am 4. August verlässt die „Rich Harvest“ Natal, Kurs Madeira. Das Abenteuer für die junge Crew beginnt. Über dem Atlantik braut sich ein Sturm zusammen, die See ist ruppig. Daniel Dantas kann das Bett nicht mehr verlassen. Er ist ein Totalausfall. Das Schiff erweist sich als Seelenverkäufer. Immer wieder gibt es Probleme. 500 Seemeilen vor den Kapverdischen Inseln muss die Ruderanlage repariert werden. Hydrauliköl tritt aus. Der Skipper kann noch einmal den Schaden reparieren. Alle Reserven an Hydrauliköl verbraucht er aber. Tritt der Schaden erneut auf, ist das Schiff manöverierunfähig. Auch die Maschine streikt. Und Dantas geht es immer schlechter. Nichts kann er bei sich behalten. Weder Essen noch Wasser.

Thomas beschließt, die Kapverden anzulaufen. Am 20. August, nach 16 Tagen auf See, erreichen sie die Inselgruppe. Vor Mindelo in São Vicente werfen sie Anker, kontaktieren die Behörden. Thomas nimmt Kontakt zu Saul auf. Der erklärt sich bereit, für alle Kosten aufzukommen. Thomas schätzt, dass es einen Monat dauern wird, um die „Rich Harvest“ für die Weiterreise wieder fit zu machen. Er schlägt vor, dass Rodrigo und Daniel Dantas das Schiff verlassen und nach Brasilien zurückkehren sollen. Saul willigt ein.

Rich Harvest
Der Hafen von Mindelo © CC BY-SA 3.0

Thomas kümmert sich um eine Unterkunft für die beiden, bucht Flüge. Doch die nächste freie Maschine geht erst am 30. August. So lange sollen sie im Hotel bleiben. Am Abend kehrt Thomas zur Yacht zurück, dann geht er mit Guerra zum Abendessen. Sie essen in einer italienischen Pizzeria. Gegen halb elf sind sie zurück an Bord. Am nächsten Morgen stürmt die Polizei das Schiff. Gezielt werden die Wassertanks abgebaut, eine darunter befindliche Stahlplatte abmontiert und das GfK aufgefräst. 1,2 Tonnen reinstes Kokain finden die Ermittler. Noch an Bord klicken die Handschellen.

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Noch an Bord klicken die Handschellen © privat

Wenig später werden auch die beiden anderen Crewmitglieder im Hotel verhaftet. Aber sie kommen schnell unter Auflagen auf freien Fuß. Regelmäßig müssen sie sich bei der Polizei melden, ihre Pässe werden einbehalten. Rodrigo und Daniel Dantas kooperieren. Sie beziehen die kleine Pension Chave d’Oro unweit des Meeres. Rodrigo hilft in der Marina aus. Vier Monate leben sie in Freiheit, während Thomas und Guerra im Knast sitzen. Dann werden auch sie inhaftiert. Fluchtgefahr lautet die Begründung. Hier endet die Version der Segler. Die der Justiz beginnt.

Der Prozess

Das Gerichtsgebäude in Mindelo sieht aus wie eine friedliche Hazienda. Ein weißes flaches Haus mit rotem Dach unter blauem Himmel auf der Insel São Vicente. Doch Staatsanwaltschaft und Richter sind wie gierige Bluthunde. So scheint es. Die Behörden rühmen sich eines gigantischen Drogenfundes. Marktwert 160 Millionen Euro. Doch die Sicherstellung der Drogen reicht ihnen nicht. Sie brauchen auch einen – oder mehrere – Schuldige.

Rich Harvest
Der Justizpalast © privat

Die Staatsanwaltschaft klagt deshalb alle vier Segler des Drogenschmuggels an. Und stuft sie als kriminelle Vereinigung ein, die aus Habgier die Drogen geschmuggelt habe. Die Ankläger fordern 14 Jahre Haft. Der Prozess baut auf Indizien auf. Beweise der Schuld gibt es nicht. In dubio pro reo? Der Grundsatz „Im Zweifel für die Angeklagten“ wird ins Gegenteil verkehrt. Die Angeklagten müssen ihre Unschuld beweisen. Doch wie?


Beweismittel wie Smartphones mit Whatsapp-Nachrichten sind nach der Konfiszierung plötzlich verschwunden, Zeugen werden nicht zugelassen. Die Staatsanwaltschaft unterstellt den Seglern, sie hätten die Drogen nach ihrer Abfahrt in Brasilien an Bord genommen. Sonst hätten die Brasilianer sie schließlich gefunden. Das Ziel wäre von vornherein die Kapverden gewesen, die als Drogenumschlagplatz auf der Route von Südamerika nach Europa an Bedeutung zunehmen würden. Die Ausschreibung des Überführungstörns: nicht mehr als ein Ablenkungsmanöver. Das Gericht sieht es als erwiesen an, dass die vier Segler einer kriminellen Vereinigung angehören.

Zufälle werden als Beweise eingestuft: Der gemeinsame Besuch der nautischen Schule, die Verbindungen des Skippers nach Brasilien, sein Aufenthalt vor 14 Jahren auf den Kapverden. Wie könne es sein, dass er als gelernter Bootsbauer nicht gemerkt haben will, dass die „Rich Harvest“ einen zweiten Rumpf habe? Auch, dass die Crew – außer dem Skipper – kein Honorar für die Überführung bekommen habe, sieht das Gericht als Beweis, dass auf anderen Kanälen Geld geflossen sein muss. Dass die „Rich Harvest“ die Kapverden als Nothafen angelaufen habe, nennt das Gericht eine Lüge. Schließlich hätte, so der Richter, die Yacht unter Segeln Madeira problemlos anlaufen können.

Abstruse „Beweise“ werden konstruiert: Wie eine GoPro-Kamera, deren Datum verstellt ist. Damit, so der Richter, hätten die Segler versucht, Orte mit falschen Daten zu kombinieren, um ihre Spur zu verwischen. Doch wie passt das zusammen mit den vielen Facebook-Posts der jungen Segler, die anfangs fast täglich Bilder von sich mit ihren Aufenthaltsorten ins Netz stellten, sogar Fotos zusammen mit Saul?

Die Entlastung für die Segler ist 600 Seiten dick. Die brasilianischen Behörden haben dem Gericht auf Cabo Verde ihre Ermittlungsergebnisse zukommen lassen. Alles, was sie gesammelt haben. Über die „Rich Harvest“, über Delbos, über Saul. Die Brasilianer kommen zu einem eindeutigen Schluss: Die Segler wurden von den Drogenschmugglern missbraucht, waren vollkommen ahnungslos. Auch sind sich die Behörden in Brasilien sicher, dass die Drogen bereits an Bord versteckt waren, bevor die Segler angeheuert wurden. Sie gestehen sogar ein, dass bei der Razzia in Natal das Versteck übersehen wurde. Das Gericht auf den Kapverden lehnt es ab, die Ermittlungsergebnisse in die Urteilsfindung einzubeziehen. Der Grund: Sie seien nicht auf dem Dienstweg zugestellt worden. Ein Verfahrensfehler. Und damit nicht zu verwerten.

Ende März 2018 fällt das Gericht sein Urteil: Zehn Jahre Haft für die Segler. Seitdem sitzen die drei Brasilianer und der Franzose im Hochsicherheitstrakt des Gefängnisses – zusammen mit Schwerverbrechern. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Über die Revision muss erst bis Ende April 2019 entschieden werden. Die Mutter von Rodrigo Dantas berichtet von menschenunwürdigen Verhältnissen im Gefängnis. Sie ist auf die Kapverden gezogen, um ihrem Sohn nahe zu sein und wenigstens einmal in der Woche frisches Essen zu bringen.

Rich Harvest
Das Gefängnis auf den Kapverden © Aniete Dantas

Neue Hoffnung

Der Fall der inhaftierten Segler ist zu einem Politikum geworden, zu einer Belastungsprobe des Verhältnisses zwischen Brasilien und dem Inselstaat Cabo Verde. Politiker reisten bereits aus Südamerika auf das Archipel im Atlantik, um auf die Freilassung ihrer Staatsbürger zu pochen. Tausende Segler in der ganzen Welt unterstützen die Bemühungen der Regierung in Brasilia mit einer Petition.

George Saul
George Saul © Aniete Dantas
Robert Delbos
Robert Delbos © privat

Noch im Sommer letzten Jahres hat die brasilianische Polizei Robert Delbos und George Saul, den „Fuchs“, zur internationalen Fahndung bei Interpol ausgeschrieben. Mit Erfolg. Am 15. Juni 2018, ein Jahr später, ging zumindest Delbos den spanischen Behörden ins Netz, sitzt seitdem in Auslieferungshaft nach Brasilien. Er könnte die Unschuld der Segler bezeugen. Wenn er denn aussagt. Der „Fuchs“ bleibt weiterhin untergetaucht. Bleibt für die Segler zu hoffen, dass auch er bald aus seinem Bau getrieben wird.

Und so ging die Geschichte aus.

Dieser Beitrag erschien auf float zuerst am 14. Dezember 2018.

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