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Die Seaexplorer kann mit den neuen Foils sehr gut mithalten © Eloi Stichelbaut/IMOCA
Vendee Arctique

Boris Herrmann geht ins Rennen

Der erste deutsche Vendée Globe Teilnehmer startet morgen zur Valso. Die Regatta vor dem Start ist ein Vorgeschmack auf den Southern Ocean.

von
Kerstin Zillmer
in
7 Minuten

Morgen, am 4. Juli, um 15:30 Uhr, startet Boris Herrmann zum letzten Vorbereitungs- und Qualifikationsrennen für die 9. Vendeé Globe – zur Vendée-Arctic-Les Sables d’Olonne, kurz „Valso“ genannt. Sie ersetzt die Regatta „The Transat CIC“, die wegen der Corona-Pandemie abgesagt wurde. Es ist das erste Rennen für den Hamburger Segler seit der Corona-Zwangspause für Profisegler.

Gesegelt wird die Valso von Frankreich hoch in den arktischen Polarkreis, zur Küste Islands, dann weiter zu den Azoren und wieder zurück nach Frankreich. Zehn bis zwölf Tage lang werden sich die 21 Teilnehmer und Aspiranten der Solo-Weltumseglung Vendée Globe zum letzten Mal vor dem geplanten Start im November messen. Dabei können die Segler ihre teils mit ultramodernen Foils ausgestatteten Boote unter ähnlichen Bedingungen testen.

Weltbekannt seit der Atlantikfahrt mit Greta Thunberg

Boris Herrmann ist der erste deutsche Teilnehmer einer Vendée Globe. Der 39-jährige Skipper segelt seit fast 20 Jahren auf den Weltmeeren. Er ist weltweit bekannt, seitdem er mit seiner Rennyacht „Malizia II“ letztes Jahr Greta Thunberg über den Atlantik nach New York brachte. Im Frühjahr wurde seine Mailizia, die jetzt „Seaexplorer-Yacht Club de Monaco“ heißt, mit neuen Foils ausgestattet. Der erste Testlauf vor einer Woche war schon sehr vielversprechend. Wir sprachen gestern mit Boris Herrmann während der letzten Rennvorbereitungen.

Boris Herrmann
Boris Herrmann auf der Seaexplorer-Yacht Club de Monaco © Boris Herrmann Racing

Boris, vorab erst einmal herzlichen Glückwunsch! Du bis gerade Vater geworden. War es schwer, gleich los zu müssen, nachdem deine Tochter auf der Welt war?

Ich sehe sie ja in zwei Wochen schon wieder, und dann kann ich viel Zeit mit ihr verbringen. Ohne Corona wäre der zeitliche Ablauf sicher ein bisschen einfacher gewesen für uns. Wir hatten eine Eltern-Auszeit geplant. Aber ich will mich nicht beklagen, es ist alles gut. Jetzt fokussiere ich mich erst mal auf das Rennen.

Die VALSO wurde in kurzer Zeit als Ersatz für die Transat auf die Beine gestellt, ein ziemliche Leistung unter Corona-Bedingungen. Wie kam es zustande?

Mit viel Aufwand hat es geklappt – mit Unterstützung von Leuten aus unserer Klasse bis hin zum Innenministerium. Hier in Frankreich sind ja alle Sportveranstaltungen verboten bis 1. August, und wir dürfen jetzt als Erste und Einzige eine Ausnahme machen.

Ohne dieses Vorbereitungsrennen wäre die Teilnahme an der Vendée sicher schwieriger, oder?

Hätte das nicht geklappt, würden wir andere Vorbereitungsfahrten machen. Ich hatte schon Alternativen geplant: Ich wäre dann zu den Kapverden gesegelt.

Boris Herrmann
Die Route der Valso führt hoch nach Island © Boris Herrman Racing

Was hältst Du von der Route, die jetzt ausgewählt wurde? Ein kleiner Vorgeschmack auf den berüchtigten Southern Ocean, wenn man sich die Wettermodelle gerade anschaut, oder?

Die Route ist ganz originell. Es ist sinnvoll, die Boote mal unter diesen Bedingungen zu testen – noch in der Nähe von Europa und nicht erst im Southern Ocean. Etwas weiter nördlich haben wir jetzt die Chance, unter schwierigeren Bedingungen zu segeln. Solo würden wir das so nicht machen. Instinktiv würde man solche Routen eher vermeiden. Das ist eigentlich das Beste an diesem Rennen. Es bietet die Chance, das Material noch mal auszuprobieren.

Gestern bei der Pressekonferenz gab es sehr unterschiedliche Auffassungen, ob es ein Rennen ist oder ein Test für die einzelnen Segler und Seglerinnen. Manche wollen ihre Imocas lieber schonen, andere wollen es richtig rocken lassen und das Material auf die Probe stellen. Wie ist deine Haltung, Boris?

Immer, wenn man was verändert am Schiff, muss es mindestens durch ein Transatlantikrennen validiert werden oder eine andere lange Fahrt. Das ist unser Prinzip, und diese Regel gilt auch hier. Wir haben Dinge verändert, das müssen wir testen. Und danach wird nichts mehr verändert, hoffentlich. Ich bin da ganz guter Dinge.

Du hast die Seaexplorer jetzt sechs Tage getestet. Wie läuft sie denn?

Deutlich schneller als vorher! Sie kann komplett fliegen, so dass man wirklich die gesamte Verdrängung des Schiffs auf dem Foil trägt. Das ist ein faszinierendes Gefühl.

  • SeaexplorerBildbeschreibung © borisherrmannracing
  • SeaexplorerBildbeschreibung © borisherrmannracing
  • SeaexplorerBildbeschreibung © borisherrmannracing

Was gilt es jetzt zu trainieren? Du hast das Schiff nach sechs Tagen ja noch nicht komplett durchdrungen.

Ich muss ein Gleichgewicht finden zwischen Kielwinkel und Anstellwinkel des Foils. Weil das Boot auch ein bisschen zwischen diesen beiden Oberflächen foilt, ist da noch mehr Testen erforderlich. Es gibt mehr Einstellungsmöglichkeiten und Variationen, die ich ausprobieren kann. So sehe ich, was in den verschiedenen Seegangsituationen besser funktioniert. Und nicht nur schneller ist, sondern auch das Boot mehr schont, damit es nicht so stark schlägt.

… und auch dich mehr schont. Wenn die „Seaexplorer“ schneller ist, schlägt sie auch stärker, zumindest dann, wenn sie nicht foilt. Das ist körperlich sicher sehr anstrengend.

Ja. Aber erst gehen die Boote kaputt, bevor wir kaputtgehen. (lacht)

Fühlst Du dich fit?

Ja.

Welche technischen Neuigkeiten habt ihr noch eingebaut?

Eine ganze Menge: Elektronik, Segel, Details, das Wichtigste sind die Foils. Ein bisschen Technologie auch.

Seaexplorr Boris Herrmann
Das Cockpit der Seaexplorer © borisherrmannracing

Kannst du was zur Technologie sagen?

Es gibt mehr Möglichkeiten für den Autopiloten. Wir haben ein Gerät eingebaut, das uns bei Kollisionsverhütung helfen soll. Es heißt Oscar und das schaut mit einer Infrarotkameras nach vorne.

Und welche Besegelung hast du jetzt drauf?

Wir nutzen Segel von Quantum Sails und setzen hier das Cableless Code Zero ein. Das macht es vielseitiger als ein klassisches Rollsegel, das man am Kabel am Vorstag ein- und ausrollt. Das Cableless-Segel hat das Kabel quasi in seiner Struktur integriert und kann dann auch ein bisschen gefiert werden.

So steht es bei Raumwind wie ein Spinnaker. Damit kann man die Segelform mehr variieren und besser beeinflussen – eine Erfolg versprechende Technologie.

Boris Herrmann
Boris kontrolliert das Cableless Code Zero von Quantum Sails © borisherrmannracing

Segelst Du als Einzige das Cableless Code Zero, oder machen das auch andere?

Wir sind die Einzigen.

Zurück zum Rennen: Die „Charal“ von Jeremia Beyous und die „Apiva“ von Charlie Dalin sind ja sehr schnelle Designs unter den Imocas. Wo ordnest denn du jetzt die „Seaexplorer“ ein?

Das müssen wir jetzt beim Rennen sehen. Wir hatten eine Vergleichsfahrt beim Training bei ganz guten Winden. Da konnten wir mithalten, glaube ich. Die interessanten Unterschiede wird man erst im Rennen selbst sehen. Kann man schon bei 12 Knoten foilen oder erst bei 14 Knoten? Da werden sich sicherlich große Unterschiede zeigen.

Boris Herrmann
Gute Postion bei der Vergleichsfahrt © Eloi Stichelbaut/IMOCA

Wenn man einen Tag lang 13 Knoten Wind hat, und die einen foilen und die anderen nicht, können das schnell 100 Meilen Abstand ergeben. Wir werden sicher bei diesem Rennen schon sehen, dass wir eine viel größere Verteilung der Flotte, der Routen und der Geschwindigkeit haben.

Wie wird das Wetter werden? Gestern auf der Pressekonferenz war die Rede von 45 Knoten. Wie ist der aktuelle Stand?

Heute um 11 haben wir das Wetterbriefing mit dem Veranstalter. Das ist auch der Zeitpunkt, wo der Veranstalter entscheiden möchte, ob wir die Strecke links oder rechtsherum absegeln.
Es lohnt, sich wirklich Gedanken darüber zu machen, denn die beiden Szenarien sind völlig unterschiedlich. Beim einen hätten wir relativ Wind beim Kap Finisterre – ganz unterschiedliches Timing und ein anderer Ablauf. Es ist auch noch viel Bewegung in den Wettermodellen. Wir werden heute Abend noch mal in Ruhe draufschauen.

Wer sind für dich die entscheidenden Konkurrenten und Konkurrentinnen?

„Charal“, „Apivia“ und „LinkedOut“ sind die stärksten von dem, was wir sehen konnten. Das sind die Schiffe, die aufs Podium gehören, wenn unterwegs nichts schiefgeht.

Boris Herrmann
Die direkte Konkurrenz sind Apivia, Charal und LinkedOut © Eloi Stichelbaut/IMOCA

Und Du?

Nee, wir nicht. Weil wir den Umbau zu den neuen Foils erst dieses Jahr gemacht haben. Die anderen sind jeweils die Transat Jacques Vabre gesegelt, sind uns also ein gutes halbes Jahr voraus mit dem Kennenlernen und Erproben der Imocas. Und es sind alles neue Schiffe. Da ist im Moment noch ein großer Schritt zwischen uns. Es ist auch nicht unser offizielles Ziel, sich bei diesem Rennen einzuordnen. Ich habe jetzt sechs Tage: Das reicht nicht, um wettbewerbsfähig zu werden.

Wegen Corona und der zeitlichen Verschiebung hätten wir sonst ab 6. April durchgehend gesegelt. Das hat sich für alle Teams als Herausforderung dargestellt. Die Teams, die jetzt da anknüpfen, wo sie voriges Jahr aufgehört haben, haben natürlich einen Vorsprung. Den müssen wir durch eine intensivere zweite Saisonhälfte aufholen.

Boris Herrmann
Die Valso ist das Testrennen für die Seaexplorer © borisherrmannracing

Dieses Rennen ist unser Test, was die Zuverlässigkeit des Bootes angeht. Dann haben wir ein Reset und anschließend Zeit, am Speed zu arbeiten und am Verständnis des Bootes.

Was kommt als Nächstes?

Wenn das Boot in der Werft ist, fahre ich zurück nach Deutschland. Und Mitte August fangen wir wieder an zu segeln.

Boris Herrmann
Bis zur Vendée gibt es noch fünf weitere Trainingseinheiten © borisherrmannracing

Wie wird die Vorbereitung bis zur Vendée Globe weitergehen?

Wir haben fünf Trainings-Sessions mit der Trainingsgruppe in Port-la-Forêt, das ist die Hauptvorbereitung.

Boris, vielen Dank für deine Zeit! Wir wünschen dir ein gutes Rennen, erfolgreiches Testen der „Seaexplorer“ und fair winds im hohen Norden.

Wer virtuell dabei sein will, kann das hier tun.

Das Wetter zur Valso

Wir haben unseren float-Wetterexperten Sebastian Wache nach den Wetterbedingungen für das Rennen gefragt. Zum Start wird es recht stürmisch mit einem Tief bei Großbritannien und Nordwest-Wind. Erst ab dem Montag baut sich ein neues Hoch auf. Das lässt den Wind zeitweise komplett flau werden bis hoch nach Island. „Ab Mittwoch schiebt sich dann wieder ein neues, sich verstärkendes Tief zwischen Island und Azoren – gefolgt von einem neuen Aufbau und einer neuen Ausdehnung des Azorenhochs zum Ende der Woche.“

Darin eingelagert sind kleinräumige Tiefs und somit total spannende Lagen, weil ein stetiger Wechsel von Hochs und Tiefs bevorsteht. „Gerade die kleinräumigen Wirbel Ende der Woche und in der folgenden Woche könnten das Zünglein an der Waage sein“, sagt Sebastian Wache. Wer diese Wirbel aufgrund der Wetterdaten frühzeitig sieht und nutzt, hat einen großen Windvorteil gegenüber den anderen.

„Da eine Menge Crews mit den Daten der Wetterwelt fahren, erwarte ich ein recht ähnliches Verhalten dieser Boote. Ich bin sehr gespannt auf das Rennen und werde es akribisch verfolgen.“ Externes Routing nicht erlaubt. Daher kann der Segel-Meteorologe bei der „Vaslo“ nur von außen zuschauen.

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