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© Andras Lindlahr
Vendée Globe 2020

Boris Herrmann ist bereit

Boris Herrmann segelt als erster Deutscher die Vendée Globe, die härteste Solo-Regatta um die Welt. Er ist bestens vorbereitet.

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7 Minuten

20 Jahre lang hat Boris Herrmann auf dieses Rennen hingearbeitet. Jetzt ist es soweit. Am Sonntag, den 8. November startet er um 13:02 als erster Deutscher bei der Vendée Globe 2020. An den Start zu kommen ist für einen Segler an sich schon eine große Leistung. Von den vielen Kaps, die Boris bis hierhin umschiffen musste, bleiben jetzt nur noch drei. Und die liegen auf seiner Route um die Welt an back- und steuerbord: Das Kap der Guten Hoffnung, Kap Hoorn und Kap Leuwin an der Südwestspitze Australiens. Der 39-Jährige Hamburger ist ein internationaler Spitzensegler und hält zahlreiche Rekorde.

Sein Ziel für dieses harte Rennen ist es anzukommen, am liebsten unter den ersten zehn. Wenn das Material hält und Boris ist bestens ausgestattet, ist das durchaus realistisch.

Alles ist bis ins Kleinste geplant

Bei der Vendée Globe – die seit 1992 alle vier Jahre stattfindet – dürfen die TeilnehmerInnen nicht auf fremde Hilfe zurückgreifen. Es ist ein Non-Stop-Solo-Rennen, in dem jede Seglerin, diesmal sechs an der Zahl, und jeder der 27 Segler vollkommen auf sich gestellt sind. Wenn alles gut geht, werden sie um die 80 Tage brauchen, die schnellsten werden unter 70 Tagen erwartet. 74 Tage hat beim letzten Mal Armel Le Cléac’h benötigt, aber heute sind die foilenden Boote deutlich schneller. 24.000 Seemeilen liegen vor den 33 Teilnehmer:innen mit unterschiedlichsten klimatischen Verhältnissen von Kälte und Sturm, Hitze und Flaute.

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Wetterrouting an Bord © Andreas Lindlahr

Die größte Herausforderung im Rennen ist das Wetter – auch die Wetterberechnungen müssen die Segler:innen selber erstellen. Boris Herrmann arbeitet dafür schon lange mit dem französichen Meteorologen Jean Yves Bernot zusammen, einer Koryphäe auf dem Gebiet. Bernot hat für die Trainingsgruppe, zu der neben Boris auch Sam Davies gehört, ein Roadbook ausgearbeitet, das er intensiv studiert hat. Geübt er auch mit dem deutschen Meteorologen Ralf Brauner von der Hochschule Oldenburg. Brauner hat viel Praxiserfahrung als Regattasegler und begleitet Herrmann schon seit der Mini-Transat 2001.

Nie müde sein, ist das Ziel

Wer alleine auf einer 60 Fuß langen Imoca über die Weltmeere brettert, muss permanent alert sein, das Wetter im Blick haben, den Wind, die Einstellungen der Segel, die Konkurrenten und etwaige Hindernisse. Da ist nicht viel Zeit für längere Schlafphasen. Boris Herrmann hat also keinen festen Schlafrhythmus geplant.

Boris Herrmann
Schlafen im Stundentakt © Andreas Lindlahr

Sein Schlaf wird komplett vom Wetter diktiert werden. Nachts schläft er eine Stunde, dann klingelt der Wecker, er macht kurz den Routinecheck: Steht der Trimm richtig, hat der Wind sich verändert, wo stehen die anderen Teilnehmer? Nachts will er viel schlafen und tagsüber wach sein.

In unruhigen Frontsituationen, wenn es stürmt, wird er wenig schlafen, dann muss er den Schlaf am Tag nachholen. In solchen Nächten wird er mit der Großschot in der Hand in der Koje liegen.

Was hat Boris an Bord?

10 Taschen, so groß wie Ikea-Tragetaschen, nimmt Boris mit an Bord. In fünf Taschen hat er seinen Proviant verstaut: 80 Tütchen Essen, durch nummeriert für jeden Tag. Die Tagesration beinhaltet zwei Hauptmahlzeiten: Eine Gefriergetrocknete und eine Vorgekochte. Und dann noch etwas Käse und Obst. 130 kg in Summe. „Alles, was wir mitnehmen, müssen wir als beweglichen Ballast immer von einer Seite zur anderen schleppen“, sagt Herrmann. Schon deshalb achtet er auf das Gewicht.

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Essen aus der Tüte © Andreas Lindlahr

In den anderen fünf Beuteln befinden sich Ersatzteile: Als „Flickzeug“ verschiedene Carbonplatten, Kompositteile, ein Stück Mastschiene, Schrauben die sich von selbst ins Carbon hereinschneiden können. Allein 22 kg Kompositmaterial, dazu Elektrik- und Elektronikersatzteile, eine Tauchausrüstung mit befüllbarer Flasche, eine Bilgepumpe, den vorgeschriebenen Treibanker, zwei Überlebensanzüge. Insgesamt auch hier 130 kg, außerdem ein Ersatzruder von 30 kg.

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Für viele Reparaturen an Bord gut ausgerüstet © Andreas Lindlahr

Seit Monaten hat Boris Problemfälle, die andere Segler bei solchen Rennen erlebt haben, studiert. Er hat mit seinem Team alle Eventualitäten durchgespielt, Meetings mit den technischen Direktoren der anderen Teams abgehalten und bis ins letzte Detail studiert, was er bedenken muss. Selbst bei den Schrauben hat er auch an eine zweite oder dritte Verwendungsmöglichkeit gedacht. Eine Gewindestange kann er auf das richtige Maß zusägen. Falls alles „abraucht“, hat er Kabel dabei.

Boris Herrmann
Christopherus soll Boris Herrmann beschützen © Malizia

Die kleinen persönliche Habseligkeiten

Einen Christopherus-Talisman, den Boris Herrmann geschenkt bekommen hat, wird er im Cockpit anbringen, ein Buch mit Eulen und Sprüchen zu jedem Tag hält er den Journalisten bei der digitalen Pressekonferenz in die Kamera. Die Eule ist das Team-Maskottchen, weil sie gute Augen hat. Eine Eigenschaft die auch Boris dringend braucht. Und natürlich hat er ein iPad mit Filmen und Fotos dabei. Für die etwa 1900 Stunden, in den denen er allein an Bord ist.

Ein paar Fotos seiner Liebsten hat er an die Kajütwand geklebt. Und dann sind da drei kleine Fläschchen Whisky für die drei Kaps, die er umrunden wird. Und Greta Thunberg hat bei ihrer gemeinsamen Atlantik-Überquerung überall auf dem Schiff kleine Zeichnungen versteckt, die er nun unterwegs entdecken kann.

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Kollisionsvermeidungssystem Oscar kann Objekte im Wasser identifizieren und ausweichen © Jean-Marie Liot/Malizia

Oscar ersetzt die Eulenaugen

Die SeaExplorer wird bei der Vendée Globe das erste Segelboot auf der Welt sein, das autonom ausweichen kann. „Oscar“ heißt das Vorausschausystem, das mit zwei Infrarotkameras Objekte auf 1.000 m Entfernung im Wasser ausmachen kann, so dass der Autopilot daraufhin die Richtung ändern kann. Es verwendet dafür die Aufzeichnungen von 12 Imocas und hat so gelernt, Objekte zu identifizieren: Fischerboote, Leuchttonnen, Vögel, und andere Objekte. Boris kann einstellen, wann er ausweichen will. Mit ausreichendem Abstand fängt das Boot dann an, automatisch abzufallen.

Um nicht mit schlafenden Walen zu kollidieren, ist in der Kielbombe eine kleiner runder Glaszylinder eingebaut, der so genannte Wal-Pinger. Er stößt Laute aus, die die Wale abschrecken. Die Technologie dafür kommt aus Australien und wird in der Fischindustrie verwendet, um zu verhindern, dass Wale in die Netze schwimmen.

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Im Kiel ein Wal-Warnsystem eingesetzt © Yann Riou

Klimastudien für die Wissenschaft

Boris Herrmann, der 2019 die Klimaschützerin Greta Thunberg über den Atlantik nach New York brachte, will auch seine Weltumrundung einem höheren Zweck widmen. An Bord hat er eine Maschine, die Wassertemperatur, Salzgehalt, PH-Wert und den CO2-Gehalt misst. CO2 ist nicht per Satellit messbar, und aus dem Südmeer gibt es dazu bisher kaum verlässliche Daten.

Die Forscher wollen mit dieser Methode die CO2-Konzentration im Oberflächenwasser messen, ein entscheidender Faktor für den Klimawandel. Die Wissenschaft will verstehen, wie das CO2 im Ozean durch Meeresströmungen und in der Tiefe verteilt ist. Zwar gibt es bereits Bojen, die das messen. Aber ihre Daten sind zu ungenau, weil man für die Messungen relativ viel Strom braucht. Der wird an Bord der Seaexplorer über die Solaranlage erzeugt. So sind die Messdaten so genau wie auf der Polarstern oder von anderen großen Forschungsschiffen, wenn sie in die internationalen Datenbanken eingespeist werden.

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Das Schiff ist massiven Kräften ausgesetzt. Wichtig ist deshalb, dass die Struktur stimmt © Jean-Marie Liot/Malizia

Das Wichtigste ist die strukturelle Integrität des Schiffs

Sicherheit ist wesentlich, um bei der Vendée Globe um die Welt zu rennen. Deshalb haben alle Imocas aus Sicherheitsgründen Mast und Kiel im OneDesign. Die Seaexplorer ist unsinkbar.

Im Vorschiffsbereich befindet sich eine Crashbox, und ein Drittel des Schiffes ist hermetisch abgeriegelt. Im hinteren Teil befinden sich verschließbare Klappen und Notaustiegsluken. Zwei Überlebensanzüge und zwei Rettungsinseln stehen Boris im Ernstfall zur Verfügung.

Mir würde nichts einfallen, was man machen könnte, um die Sicherheit zu erhöhen.

Neben der vorgeschriebenen Standardsicherheitausrüstung der Kategorie 0 hat Boris eine umfangreiche Satellitenkommunikation an Bord und jede Menge Handsatellitentelefone, mit denen er auch bei einem technischen Blackout anrufen kann. Er hat das beste Radar der Welt an Bord, jede Menge Epirb-Bojen. Alle wichtigen Systeme gibt es doppelt oder dreifach an Bord.

Nähen, tackern, kleben: Bordmedizin

Um die medizinische Versorgung zu gewährleisten, hat Boris eine Spezialausrüstung und eine sehr große Apotheke an Bord. Sollte er sich verletzen, wird er telemedizinisch von einem spezialisierten Arzt versorgt, der ihn individuell betreut. Der Engländer ist der führende Berater des Volvo Ocean Race und Herrmann hat sich von ihm in Hamburg auf einem Wochenendseminar die wichtigsten medizinischen Handgriffe beibringen lasen. Er kann kleine Wunden nähen, tackern, kleben, selbst Zahnbehandlung kann er selbstständig durchführen.

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Den permanenten Stress und die Sorgen verarbeiten können © Team Malizia

Heimweh und mentale Blockaden

Was macht man, wenn man Tage-, Wochen- und monatelang alleine an Bord ist und einen das Heimweh packt? „Wenn ich Heimweh habe, rufe ich meine Frau an“, sagt Boris. Wenn er mental blockiert ist, seinen Coach, der dafür da ist, ihn aus phsychischen Krisen heraus zu helfen. Boris übt täglich den so genannten Helikopterblick. Eine Außensicht, die moralische Unterstützung geben und helfen soll, den permanenten Stress und die Sorgen zu verarbeiten.

Gemeinsam haben sein Team und er ein Logbuch entworfen, das Boris als eine Art Selbstanalyse morgens und abends ausfüllt. Auch um die Zeit nicht aus den Augen zu verlieren, denn die Tage verschwimmen an Bord, wenn rundherum nur Wasser zu sehen ist. Denn das Problem der Vendee ist, weiß Herrmann, das sie extrem lange dauert. Es wird Phasen geben, wo er lange allein dasitzt und ganz wenig passiert.

Aber Boris würde die Prozedur nicht auf sich nehmen, wäre nicht auch viel Freude dabei. Die Stimmung und die Freude sind für ihn direkt proportional mit der Stetigkeit des Windes verbunden. Wenn die Maschine perfekt eingestellt ist und er bei beständigem Wind und erträglichem Seegang auf einem der coolsten Schiffe über die Ozeane foilen kann, dann ist Boris Herrmann glücklich. Und wenn er ankommt, wird er der erste Deutsche Segler sein, der eine Vendée Globe bestritten hat.

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© Team Malizia

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