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Brambusch macht blau © Jens Brambusch
Brambusch macht blau

Charter, Chaos und Crewshirts

float-Autor und Segelaussteiger Jens Brambusch trifft auf eine besondere Spezies: Chartersegler.

von
Jens Brambusch
in
7 Minuten | 1 Kommentar

Der türkische Skipper der Charteryacht ist überaus freundlich. Und noch mehr irritiert. Warum seine Yacht nun plötzlich im Päckchen mit meiner Dilly-Dally liegt, mitten in dieser wunderschönen Ankerbucht im Golf von Fethiye, wo er doch eben noch gut 75 Meter entfernt war, erschließt sich ihm nicht. Er zuckt mit den Schultern, zeigt zum Heck, von wo die Landleine einigermaßen straff zu einem Baum führt.

Dann geht er zum Bug, wo die Ankerkette senkrecht wie ein Lot ins Wasser fällt. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand fährt er unter die Kette, versucht sie leicht anzuheben. Sie ist schwer. „Der sitzt“, mutmaßt der Kapitän daher und ich staune.

Segelaussteiger Brambusch macht blau
Äußerst skeptisch angesichts der Nachbarlieger und ihrer Ankermanöver © Jens Brambusch

Gerade will ich ihm erklären, dass eine Kette, die senkrecht ins Wasser fällt, eher nicht auf Spannung sitzt, da fällt er mir ins Wort. „Wir wollen ohnehin nur für eine, vielleicht anderthalb Stunden, zu dem Restaurant übersetzen und dann weiter segeln“, sagt der auf die Pelle gerückte Bootsnachbar und deutet seinen Mitseglern an, das Beiboot zu Wasser zu lassen. Er knotet einen weiteren Fender zwischen unsere Rümpfe und begutachtet zufrieden sein Werk. Unsere Boote lägen ja ruhig und sicher.

Ich muss ein kleines Veto einlegen

Immer noch tropft mir das Salzwasser aus den strähnigen Haaren, da der Annäherungsversuch der Bavaria unseren kleinen Badespaß in der Kleopatra-Bucht jäh unterbrochen hat. Zu viert segeln wir gerade die türkische Küste entlang. Buchtenhopping. Mit an Bord ein guter Freund aus Jugendtagen und zwei Mädels aus Berlin und Düsseldorf.

Segelaussteiger Brambusch macht blau
Besuch auf der Dilly Dally © Jens Brambusch

Ich muss ein kleines Veto einlegen. So leid es mir täte, er müsse seinen Anker noch einmal setzen, auf dass er Halt finde. Der Mann schaut irritiert. „Wie soll das gehen?“, fragt er. Nur ungern würde er die Landleine lösen, die er eben erst unter heldenhaftem Schwimmereinsatz ausgebracht hat, während seine Mitsegler gelangweilt auf ihr Smartphones starrten.

Ich befürchte, sage ich ihm, er müsse das ganze Manöver noch einmal fahren. Zum einen sei es im Golf von Fethiye strengstens verboten, Landleinen um Bäume zu legen, da die wie ein Biber an der Borke nagten und die Behörden dafür extra vor einigen Jahren etliche kleine Pöller in die Felsen betoniert hatten – zum Schutz der Bäume im Uferbereich.

„Nur für ein Bier“, sagt er

Zum anderen würde es auch mehr Sinn machen, nicht in einem rechten Winkel anzufahren und dabei seinen Anker quer über unseren zu legen, zumal der zu erwartende Wind, der hier jeden Spätmittag heftig von den Bergen fällt, ihn in unsere Richtung drücken würde.

„Wind? Aber es ist doch kaum Wind“, sagt der viel zu nahe Nachbar nur. „Nur eine Stunde. Für ein Bier“, versucht er es noch mal. Und wenn wirklich Wind aufkäme, seien sie ja auch in wenigen Minuten wieder an Bord.

Leider muss ich ihn enttäuschen und bitten, sein Bier an Land zu verschieben. Schließlich sei mein Anker für die Größe meines Bootes ausgelegt und nicht für einen Doppelpack. Schon gar nicht, wenn gleich die Fallböen mit 30 Knoten über die Berge pfeifen würden. Unter Augenrollen der Crew trollt sich das Charterboot wieder. Zumindest ein paar Meter. Dann ruckt und zuckt es und unsere Anker werden eins.

Während der Wind wie erwartet einsetzt, müssen auch wir die Heckleine lösen, um unsere eherne Verbindung zu der Bavaria lösen zu können. Und weil bereits andere Yachten in der Bucht kreisen, auf der Suche nach einem Platz, wie Autofahrer nach Feierabend in den Straßen einer Großstadt, muss der weibliche Teil der „Dilly-Dally-Crew“ unseren Pöller an Land verteidigen, bis wir das Kettenchaos gelöst haben.

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Bozukkale: Viele Boote in der Hauptsaison © Jens Brambusch

Willkommen in der Hauptsaison in der Türkei

Die kleine Anekdote, die sich Anfang August zugetragen hat (übrigens hatten wir in 14 Tagen drei Mal verknotete Anker), zeigt in meinen Augen vier Dilemma bei Chartercrews auf:

a) wenig Routine, gerade beim Ankern. Was auch daran liegen mag, dass das Thema viel zu wenig Beachtung bei der Ausbildung erfährt.

b) mangelnde Vorbereitung bezüglich der Wind- und Wetterverhältnisse vor Ort. Ein Blick in den Himmel reicht eben nicht, um zu wissen, ob am Nachmittag starke Fallwinde in Buchten zu erwarten sind. Aber ein Blick in die entsprechende Literatur oder das Internet können helfen.

c) eine gewisse Ignoranz gegenüber der Natur. Dem erwähnten Skipper war bewusst, dass es verboten ist, Landleinen um Bäume zu schlagen. Aber der Bierdurst war stärker.

d) der Egoismus. Ich habe Urlaub, da müssen andere schon mal zurückstecken.

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Die Türkische Südküste als Segelrevier: oft unberührt und einsam © Jens Brambusch

Der Reiz des Segelreviers an der türkischen Südküste ist die weitgehende Unberührtheit der Natur. Das macht es meines Erachtens einzigartig im Mittelmeer. Hunderte Buchten, eine schöne als die andere, das Wasser funkelt wie Kristall. Dutzende Male habe ich dieses Jahr einsam in Buchten geankert und die Ruhe und den Sternenhimmel genossen.

Die Chartergäste kehren zurück

Kein weiteres Boot weit und breit. Was natürlich auch der politischen Situation in der Türkei geschuldet ist. In den vergangenen Jahren darbten die Vercharterter, die Segler wichen in andere Reviere aus. In diesem Jahr läuft das Geschäft wieder an. Das freut mich. Für die Vercharterer. Und für jeden, der die Faszination des Segelns erfährt.

Doch gerade in den Gegenden, in denen die meisten Vercharterter ihre Basen haben, also um Marmaris und im Golf von Fethiye, erinnert die türkische Südküste in der Hauptsaison an die dänische Südsee. Volle Häfen, volle Buchten. Zum Glück ändert sich das, je weiter man Richtung Osten segelt.

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Charterreviere in der Hauptsaison: Volle Häfen, volle Buchten © Jens Brambusch

Nicht, dass ich etwas gegen Chartersegler hätte. Überhaupt nicht. Ohne das Chartersegeln würde ich heute nicht auf einem Boot in der Türkei leben. Als ich 30 Jahre alt war, charterte ich das erste Mal mit segelunerfahrenen Freunden im Mittelmeer ein Boot. Wir waren so begeistert davon, dass es für 15 Jahre ein sich jährlich wiederholendes Ereignis wurde.

Hauptdarsteller im Hafenkino-Programm

Es waren sicherlich die schönsten Urlaube, die ich je hatte. Und nicht nur einmal waren wir die Hauptdarsteller im Hafenkino-Hauptprogramm. Etliche Male haben wir Anlege- und Ankermanöver versemmelt. Und sicherlich waren wir auch ein- bis zweimal das laute Boot in der Ankerbucht, das man nicht zum Nachbarn haben will. Und dann war da noch diese Relingstütze, die schwächer war als der Anker am Bug des Bootes in der engen Marina.

Segelaussteiger Brambusch macht blau
Jeder ist mal Hauptdarsteller im Hafenkino-Programm © Jens Brambusch

Was die Chartersegler von Liveonboards allerdings unterscheidet, und es manchmal etwas anstrengend macht, neben ihnen zu liegen, ist die mangelnde Gelassenheit an Bord.

Sie haben natürlich auch weniger Zeit, verglichen mit Seglern, die das ganze Jahr auf dem Boot leben. Zudem unterliegen sie einem grundsätzlichen Irrtum: Segeln ist kein Wettkampf um die Trophäe des tollkühnsten oder perfektesten Seglers. Und niemand (zumindest keine erfahrenen Segler) verurteilt einen anderen, wenn der in aller Seelenruhe einen zweiten oder auch dritten Anlauf zu einem Manöver fährt, bis der Anker perfekt sitzt.

Kenn ich. Weiß ich. War ich schon.

Chartersegler sind oft anstrengend, weil sie ein übersteigertes Geltungsbedürfnis haben. So scheint es jedenfalls. Jeder meint, er müsse den anderen beweisen, dass er der beste Haudegen auf den Weltmeeren ist. Und so wird die Crew lautstark rumkommandiert und runtergemacht. Auf dass das geneigte Publikum nur nicht auf die Idee komme, der Skipper sei überfordert.

Auch wenn das Anlegemanöver falsch angefahren wird, wird es gnadenlos fortgesetzt. Was sollen sonst die Zuschauer denken? Und so hetzen meist viel zu viele Menschen über das Deck, rauben dem Skipper die Sicht, bombardieren ihn mit Fragen oder greifen nicht ein, wenn es nötig wäre, weil da sind ja noch genügend andere, die anpacken könnten.

Segelaussteiger Brambusch macht blau
Kontrastprogramm zum Charterbetrieb: Gelassenheit statt Geltungsbedürfnis © Jens Brambusch

Auch bemerke ich oft eine gewisse Resistenz gegen gut gemeinte Tipps. Das beginnt bereits bei der Bootsübergabe, wie mir neulich an einer Charterbasis bestätigt wurde. Dort gehe es mittlerweile ähnlich zu wie bei den Sicherheitsinstruktionen im Flugzeug vor dem Start. Keiner hört mehr zu. Kenn ich. Weiß ich. War ich schon.

„Wir motoren lieber!“

Insbesondere der Sicherheitsausrüstung werde immer weniger Beachtung beigemessen. Dafür sei es wichtiger zu wissen, wie die Klimaanlage auf den immer komfortabler ausgestatteten Yachten funktioniert, die dann die ganze Nacht über läuft und das Plätschern des Kühlwassers die Nachbarn terrorisiert.

Auch gebe es einen weiteren „Trend“: Immer wieder würden Chartergäste auf eine Inspektion der Segel oder die Erklärungen zum Rollgross verzichten. Aus einem einfachen Grund: „Wir motoren lieber!“ Und so sieht man – zumindest in der Türkei – erstaunlich viele Segelboote bei bestem Wind unter Maschine laufen.

Segelaussteiger Brambusch macht blau
Wer aus Leidenschaft segelt, lässt den Motor nach Möglichkeit aus © Jens Brambusch

Crew-Shirts aus dem Copy-Shop

Einige Nationen haben sich über Jahre hart den Ruf erarbeitet, die Boote in einem erbärmlichen Zustand zu hinterlassen. Es wäre ungerecht, aber dennoch passend, jetzt explizit Russen zu erwähnen. Aber ihnen dicht auf den Fersen sollen auch Ukrainer, Israelis und Türken sein. Und in der Tat: Wer einmal in einer Bucht geankert hat, die abends von einer russischen Flottille gekapert wird, der wundert sich nicht. Ganz anders seien dagegen die deutschen Segler, die deswegen von Vercharterern geschätzt werden, wie mir versichert wurde.

Da kann man dann auch mal ein Auge zudrücken ob der seltsamen Attitüde, sich in hässliche „Crew-Shirts“ aus dem Copy-Shop kleiden zu müssen. Sehr gern genommen: „Segeltörn 2019“, ergänzt entweder um „Türkei“ oder den Bootsnamen. Und ganz wichtig: Der Bootsführer hat auf seinem Shirt den Zusatz „Skipper“ zu tragen, um sich von der niederen „Crew“ abzugrenzen.

Dieser merkwürdige Zwang, sich an Bord zu uniformieren, während man gleichzeitig diese unbeschreibliche Freiheit auf See lobt, ist doch ein Widerspruch in sich. Und er erinnert ein bisschen an einen Junggesellenabschied auf der Reeperbahn.

Segelaussteiger Brambusch macht blau
Freiheit auf dem Meer: ganz ohne Crewshirts aus dem Copyshop © Jens Brambusch

Wer mehr über das Austeigerleben auf einem Segelboot lesen will: Brambusch macht blau. Und hier geht’s zum Blog.

Ein Kommentar

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…da hat es unsere “Sundowner” ja tatsächlich ins Floatmagazin geschafft 😉 Wenn wir gewusst hätten, dass der Jens da in Datca neben uns liegt, hätten wir vorher aufgeräumt!

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