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Tally Ho Leo ist glücklich: die Tally Ho hat jetzt ihr Deck © Leo Sampson
Refit-Projekt

Dancing on Deck

Endlich kann das Deck der Tally Ho gelegt werden. Die Jungs errichten dafür eine Arbeitsplattform, die sie auch als Catwalk nutzen.

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6 Minuten

Nach wochenlanger Vorarbeit kann die Tally Ho nun eingedeckt werden. Pete und Zeal legen die erste Decksplanke an Steuerbord. Man sieht Pete die Erleichterung an, dass nun endlich der Rumpf geschlossen wird. Die akribische Vorbereitung zahlt sich aus.

Zeal, der Bootsbaukünstler, ist erst vor ein paar Wochen zum Team um Leo Sampson gestoßen, das nun im 6. Jahr an dem Projekt Neuaufbau der Tally Ho, der klassischen Kutter-Yacht des Konstrukteurs Albert Strange, arbeitet. Albert Strange hatte viele kleine Yawls und Sloops gezeichnet, Tally Ho ist das größte mit Spiegelheck. Sie wurde 1909 unter dem Namen Betty auf der Werft Stow & Son in Shoreham, England gebaut und gewann 1927 das berühmt berüchtigte Fastnet Race.

Leo Sampson
Tally Ho ist das größte Schiff mit Spiegelheck © Leo Sampson

Durchdachtes Deck

Das Gelbzeder-Holz für die Decksplanken lässt sich leicht bearbeiten, es ist elastisch und geschmeidig. Die Stöße (Butts) und vorderen Verjüngungen (Nibs) können problemlos mit Akku-Handmaschinen und Hobel an Deck angepasst werden, ebenso die Kalfatnähte an den Nibs. Das Deck wird traditionell kalfatert, d.h. unten liegen die Planken eng aneinandergefügt, während im oberen Drittel eine keilförmige Fuge angehobelt wird.

Diese Fuge ist überall zu finden, wo Holz aneinanderstößt, auch an den Aussparungen für Deckstützen und Samson-Pfosten. Hier wird später wie an der Außenhaut Baumwolle mit den entsprechenden Werkzeugen eingeschlagen. Echte traditionelle Holzschiffsbau-Handwerkskunst. Die erste Planke (Masterplank) wird außen nach festgelegtem Plan gelegt und sofort fest verschraubt. Sie dient als Anschlag für alle anderen Decksplanken, die von ihr ausgehend nach innen verlegt werden.

Tally Ho
Die erste Plankewird außen nach festgelegtem Plan gelegt © Leo Sampson

Die Biegung, fast parallel dem Rumpfstrak folgend, kann leicht durch Schraubzwingen und -spreizen angebracht werden. Verlegt werden die Decksplanken ohne Einbettungsmasse (bedding Compound) direkt auf die Decksbalken und Unterschläge. Beide sind lackiert, wo sie aufeinanderliegen, sodass kein Süßwasser in das Holz eindringen kann. Wenn es einmal irgendwo leckt, sieht man ungefähr, wo das Wasser herkommt, und kann schnell nachkalfatern.

Die Fischplanken kommen später dran

Eine einfache Bohrlehre zeigt genau, wo die Schrauben im Decksbalken sitzen. So kann bei geschlossenem Deck leicht nachvollzogen werden, wo genau die Balken laufen. Die mittleren Fischplanken (Kingplanks) und die äußeren Leibhölzer (Coverboards) werden später eingepasst. Sie sollen aus Teakholz sein, das ist fest, dauerhaft und sieht schön aus.

Auch wenn der Teakholzhandel durch viele illegale Importe in Verruf geraten ist, ist noch sauber gehandeltes Plantagenteak zu bekommen, allerdings zu einem immensen Preis. Für das passgenaue Einlassen dieser Hölzer ist Zeal prädestiniert, wie er an dem Spiegelabschlussbalken und an den Samson-Pfosten beweist.

  • Leo SampsonDie erste Decksplanke liegt © Leo Sampson
  • Tally HoDie zweite Planke wird an die erst angelegt © Leo Sampson
  • Leo SampsonDie Kalfat-Naht am Nib-Ende © Leo Sampson
  • Tally HoLeo beim Probeliegen auf dem frischen Deck © Leo Sampson

Schlitz oder Kreuzschlitz

Leo Sampson lässt sich noch über die Schrauben aus: Schlitzschrauben sind eigentlich die schönsten Schrauben für traditionellen Bootsbau, gerade wenn sie sichtbar sind. Sie haben aber den Nachteil, dass die Schrauberspitze leicht herausrutschen und dabei das umliegende Holz beschädigen kann. Darum verwendet Leo Bronze-Schrauben mit Frearsson-Kopf, eine Kreuzschlitz-Art, bei der der Bit quasi von selbst in den Antrieb rutscht.

Es spart viel Zeit bei den Tausenden Schrauben, die das Deck halten, sie werden am Ende von Rowan verpfropft und sind nicht mehr sichtbar. Eingesetzt werden sie mit einem Fett. Die Löcher dafür werden mit einem kombinierten Vor- und Pfropfenlochbohrer gesetzt. Alles gut durchdacht auf der Tally-Ho-Baustelle, und doch braucht jeder Arbeitsschritt seine Zeit.

Leo Sampson
Captain auf Lady Washington: Halee Grimes © Leo Sampson

Schöne Botschafterin

An einem Feierabend zeigt uns Leo Sampson mal wieder eines der interessanten Schiffe auf dem Hafen-Gelände von Port Townsend: die Brigantine Lady Washington. Kapitänin Halee Grimes erzählt uns ihre Geschichte. Die Brigantine ist ein Nachbau des ersten amerikanischen Schiffes, das um 1780 die Westküste Nord-Amerikas hochgesegelt ist und von hier aus Handel mit China betrieben hat. Felle der Indianer nach Asien und Tee und Gewürze zurück.

Die Replika aus den 1980er-Jahren sieht sehr originalgetreu aus und hat bereits in vielen Filmen mitgespielt, unter anderem in Fluch der Karibik. Heute fährt sie Gästecharter und Trainingsfahrten, dabei dient sie als Botschafterin des US-Staates Washington im Pazifik.

Tally Ho
Lady Washington nach dem Frühjahrsputz © Leo Sampson

Ein Catwalk für das Team

Und was machen Pat und Rowan? Sie sind die Jungs für alle Arbeiten, die keine langjährige Bootsbau-Erfahrung erfordern. Die überlassen sie lieber den Profis. Diesmal bauen sie ein Mezzanin, ein Zwischengeschoss, bzw. eine Arbeitsplattform am Übergang von der Holzwerkstatt im ersten Stock und dem Deck der Tally Ho. Darauf gibt es mehrere Werkbänke und einen Ständer für die Schraubzwingen.

Es ist aber auch Platz genug für einen Dancefloor oder einen Model-Laufsteg, was Pete und Pat eindrucksvoll demonstrieren. Auf jeden Fall erleichtert diese Bühne die Arbeit am Deck und für den Innenausbau ungemein. „Das ist unsere Pier, man müsste nur Poller hinschrauben und Fender dazwischenhängen“, lacht Pat und stolziert mit Pete über den Laufsteg.

Leo Sampson
Models auf dem Catwalk © Leo Sampson

Die Tally Ho, ein Kunstwerk und Meisterstück

Pat schraubt auch die Bronze-Zugbänder von unten an das Deck. Dabei scherzt er „I’m screwing it up“, was soviel heißt wie „Ich bringe alles durcheinander“. Das ist schwer kokettiert, denn wenn man sieht, wie er – hier natürlich mit Schlitzschrauben – die Zugbänder an die weißen Decks-Strakes anschraubt, wird sichtbar, welches Meisterwerk Leo Sampson und sein Team zaubern.

Die lackierten Eichenbalken und Angelique-Balkweger zusammen mit den polierten Bronzeknien und -zugbändern an den weißlackierten Decksplanken schaffen ein Gesamtkunstwerk.

  • Tally HoDas Deck ist ein Meisterwerk © Leo Sampson
  • Leo Sampson © Leo Sampson
  • Tally HoPat ist stolz auf seine Arbeit © Leo Sampson
  • Leo SampsonDas Kunstwerk von innen © Leo Sampson

Man liest nur Lobeshymnen in den Kommentaren, viel von alten Holzbootsbauern, die ihr Leben lang traditionelle Yachten restauriert und nachgebaut haben. So eine erstklassige Arbeit ist selten.

Hier kommt alles zusammen: ein pfiffiger und kompetenter Anleiter, der sein Handwerk beherrscht und es versteht, mit kurzweiligen Videos eine große Gemeinde an sich zu binden, die ihn unterstützt und von Geldsorgen freihält. Dazu ein kleines gutes Team aus erfahrenen Bootsbauern und gut gelaunten Helfern, die stets motiviert und zu Scherzen aufgelegt für guten Team-Spirit sorgen. Ein Super-Ambiente in Port Townsend und ein Wieder-Aufbau der Tally Ho frei von Zeitdruck.

Für Leo und sein Team – aber auch für alle, die das Projekt verfolgen – ist das eine unschätzbare Erfahrung über die Jahre. Sie macht Mut, große Projekte anzufassen.

Sitka Spruce für die Spieren

Viel ist passiert in dieser Episode, die Decksplanken sind am Ende komplett gelegt, mit einer kleinen Zeremonie legt Pete die letzten beiden kleinen Stückchen ein. Die meiste Arbeit haben Pete und Zeal, Pat und Rowan gemacht. Von Richard haben wir diesmal gar nichts gesehen.

Leo hat viel organisiert und sein Video gedreht. Holz einkaufen war er auch wieder: Stolz präsentiert er einen Stapel mit 2.000 laufenden Fuß (rund 700 m) allerfeinster Sitka-Fichte für den Mast und alle Rundhölzer/Spieren (Spars).

Tally Ho
Ein Stapel Sitka Spruce für die Spieren © Leo Sampson

Diese Baumart ist nach der Stadt Sitka in Alaska benannt und der offizielle Staatsbaum des US-Bundesstaats Alaska. Nicht billig, aber vom Feinsten, ist es das beste Holz für den Mastenbau. Der teure Kauf ist nur möglich durch die unermüdliche Unterstützung der großen Fangemeinde des Refit-Projekts Tally Ho.

Leo Sampsons Refit-Projekt kannst du unter diesem Link unterstützen.

So bedankt Leo Sampson sich wieder bei seiner Crew – und bei allen, die die Videos anschauen und ihn großzügig unterstützen. Demnächst wird auch der Ballastkiel untergebolzt. Leo verspricht uns, Tally Ho nicht ins Wasser zu lassen, ohne ihn richtig festgeschraubt zu haben. Denn das wäre fatal.

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