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Spielen an Bord Die richtigen Spiele an Bord © Fam. Gerlach
Familie

Das schwimmende Kinderzimmer

Wie beschäftigt man Kinder an Bord eines Segelschiffs? float-Autorin Tanja Gerlach machte den Selbstversuch mit sechs Kindern.

Tanja Gerlach
von in
4 Minuten

Wir durften einen ganzen wundervollen Sommer vier Wochen lang an Bord erleben. Kreuz und quer ging es über die Ostsee. Von unserem Heimathafen, der Ancora Marina in Neustadt/Holstein, über Vejle nach Anholt, Kopenhagen und Malmö. Hach, war das schön! Entsprechend lang waren manche Schläge. Den längsten Tagestörn trug ich mit 6.25 Uhr Abfahrt und Ankunft um 19.30 Uhr ins Logbuch ein. In dieser Zeit hat nicht eines unserer sechs Kinder einmal gefragt, wann wir endlich da sind. Wie das geht?

Kinder an Bord

Die Größe einer Kindergartengruppe © Jan Gerlach

Faktor eins ist die nicht zu unterschätzende Größe unserer Familie. Mit sechsköpfigem Nachwuchs erfüllen wir die statistische Grundlage einer eigenen Kindergartengruppe. Das bedeutet: Es sind immer genügend Spielkameraden vorhanden. Streitet sich ein Kind mit dem anderen, geht es einfach zum nächsten. Das hat natürlich weniger mit pädagogischen Ansätzen und Kreativität als viel mehr mit unserer Familiengröße zu tun – helfen tut es trotzdem. Und pädagogisch wertvoll bedeutet nicht zwangsläufig familientauglich auf See.

Kinder an Bord

Pädagogisch wertvoll ist, was die Fantasie anregt © Kerstin Zillmer

Ein Beispiel: Während unseres ersten großen Törns erblickten meine konsumorientierten Augen in einem dänischen Spielzeuggeschäft viele tolle Angebote. Unter anderem offerierten sie kleine Klettbälle aus Hartplastik. Ich war begeistert: Keine Farbflecken, kein Monitor, wenig Platzverbrauch, keine Kratzer machend – und für Kinder aller Altersstufen interessant. Toll! Wir kauften die Mega-Packung und liefen gespannt zum Schiff zurück.

Kaum an Bord, bauten unsere Kinder Dodos, Batman und dicke Frauen, die aussahen wie ich. Wer fertig war, versteckte seinen Schatz sicher vor den anderen. Gregor wähnte seinen Klettvogel unter Junos Kopfkissen in Sicherheit. Eine Fehleinschätzung, wie sich am nächsten Morgen herausstellte. Juno stand morgens um sieben Uhr brüllend im Salon und hatte Dutzende Klettbälle im Haar.

Wir brauchten zwei Stunden, um ihre Haare von dem pädagogisch wertvollen Spielzeug zu befreien. Danach sah Jünchen zwei Wochen lang aus, als ob sie in eine Steckdose gefasst hätte. Merke: Nicht alles, was auf den ersten Blick toll erscheint, ist auch wirklich gut.

Kinder an Bord

Platz zum Spielen ist in der kleinsten Koje © Tanja Gerlach

Wein trinken aus pädagogischen Gründen

Was unsere Kinder an Bord brauchen, ist der spielerische Kauknochen, an dem sie stundenlang nagen können. Eigentlich liefern wir ihnen nur die Basis in Form von Stiften, Papier, Malbüchern und Spielzeug – was daraus wird, entwickelt sich aus ihren Köpfen heraus. Dabei entdecke ich immer wieder, wie wundervoll die Kinderwelt im Vergleich zu unserem adulten Pendant ist.

So auch während unseres Sommertörns. Auf dem Weg nach Aarhus herrschte Flaute in jeder Hinsicht. Mein Mann versuchte verzweifelt, Wind in die Segel zu pusten. Gelangweilt blickten wir alle auf die See. Plötzlich rief Leo: „Da ist eine Flaschenpost!“ Eine leere Weinflasche trieb in der Ostsee umher. Unsere Augen sahen Müll. Die Kinderaugen hingegen erblickten eine Flaschenpost! Hurra! Sowas wollen wir auch machen!

Spielen an Bord

Kinderträume in der Flaschenpost © Pixabay

Jan und ich erhielten den Auftrag, ab sofort so viele Flaschen Wein wie möglich zu leeren. Danach herrschte Ruhe an Deck. Der Salon hatte sich in eine Schreibstube verwandelt, in der jeder seine Aufgabe hatte. Justus, Leo und Juno schrieben fleißig Rettungsbriefe. Gregor und Greta bemalten die Zettel.

Julius stempelte Herzen und Sterne sowohl auf den Tisch als auch auf die Briefe. Wenige Tage und einige Flaschen Wein später standen unsere sechs Kinder am Heck von Panti. Jeder, der es schon konnte, sprach bewegende Abschiedsworte, bevor er seine Flasche ins Meer warf. Unvergessen bleibt der Satz von Leo: „Und wenn wir jetzt sinken, weiß die Welt trotzdem von uns.“

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