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Birgit Heinze auf Jens Fürschipp, DGzRS © Kerstin Zillmer
PORTRÄT

Das weibliche Gesicht der Seenotretter

Birgit Heinze ist als weiblicher Vormann bei den deutschen Seenotrettern an der Flensburger Förde aktiv.

Cornelia Gerlach
von in
8 Minuten | 1 Kommentar

Als es wirklich ernst war, da zeigte sie dem Vormann einen Vogel. „Nicht schon wieder“, sagte sie und saugte eifrig weiter Staub. Am Wochenende zuvor erst waren sie auf dem Wasser gewesen zum Großeinsatz – eine Übung. Jetzt hatte sie andere Pläne. Doch der Vormann ließ nicht locker. „Ein Notruf. Nun kommt in die Hufe!“ Da begriff sie. Rannte los. Zwei Minuten später stand sie an Deck des Rettungsboots „Jens Füerschipp“. Es wurde der härteste Einsatz in ihrer bisherigen Laufbahn.

Birgit Heinze, 45, ist Seenotretterin in der Station Gelting an der Flensburger Förde. Sie ist eine von 800 Freiwilligen, die das Rückgrat der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) bilden. Und die erste Frau in der Geschichte der 1865 gegründeten Gesellschaft, die je auf einer Vormannstagung war. Aber dazu später.

Üben, üben, üben. Das ist die Hauptbeschäftigung der Retter. So auch heute. Es ist ein klirrend kalter Wintertag. Die Förde ist leer. Keine Segler, keine Motorboote, keine Surfer. Trotzdem stehen Birgit Heinze, ihr Mann Thilo und Johnny Erichsen als Dritter pünktlich um zwölf am Steg und steigen auf das 8,50-Meter-Rettungsboot.

Birgit Heinze

© Kerstin Zillmer von li. nach re.: Johnny Erichson, Thilo und Birgit Heinze

Der Motor ist vorgewärmt, das ist er immer. Ein Knopfdruck, und 220 PS grummeln. Birgit Heinze, eingemummelt in knallrote Arbeitskleidung, schiebt den Zopf durch die Lasche am Basecap, damit der Fahrtwind sie nicht wegreißt. Einen Moment später prescht die „Jens Füerschipp“ aus dem Hafen von Gelting-Mole am verfallenen Fähranleger vorbei auf die Außenförde. Das Funkgerät knattert: „Na dann, gute Fahrt und Tschüss.“ Der Diensthabende aus der Seenotleitstelle in Bremen weiß Bescheid. Die „Jens Füerschipp“ ist auf Kontrollfahrt.

So glatt war das Wasser auch damals, im Mai 2007. Es war ein Tag, dem man nichts Böses zugetraut hätte. Der Wetterbericht versprach Sonne, leichten Wind, einen perfekten Auftakt zur Saison. Da. Das Handy. Der Vormann stellte das Team zusammen, er selbst blieb an Land, Birgit Heinze übernahm. Es waren genug Retter am Hafen. Das Schiff lief aus, Richtung Innenförde.

Über Funk erfuhren sie, was passiert war: Ein Sportflugzeug war abgestürzt, vier Menschen wurden vermisst. Die Besatzung des Rettungsboots aus Langballigau, in deren Revier das Unglück passiert war, hatte bislang nur Trümmerteile geborgen. Die Zeit lief. Birgit Heinze ließ die „Jens Füerschipp“ Suchmuster fahren – systematisch, Meter um Meter, unterstützt von Seglern und Motorbootfahrern.
Die Trümmerteile, die sie fanden, zeugten von der Wucht des Aufpralls. Die Hoffnung schrumpfte. Aber aufhören? Nein. Es könnte ja sein, dass es Überlebende gab. Schwimmend, an eine Planke geklammert, bewusstlos am Strand. Schließlich fand die Bundeswehr das Wrack auf dem Grund der Förde. Und das, was von den Insassen übrig war.

Birgit Heinze

© Kerstin Zillmer Birgit Heinze im Einsatz

Hauptberuflich arbeitet Birgit Heinze in der Notaufnahme. Sie kann viel ab, sagt sie. Trotzdem wird ihre Stimme ganz leise, wenn sie von diesem Einsatz erzählt. Aber es schwingt auch Stolz mit. Denn wenn das Handy klingelt, sie alles stehen und liegen lässt, um zu helfen, wenn das Adrenalin einschießt und das Gehirn auf 180 Prozent Leistung schaltet, wenn alles in ihr nur noch ein Ziel kennt – zu helfen, dann ist das auch toll. „Dann fließt Retterblut in den Adern“, zitiert sie einen erfahrenen Kollegen.

Mit dem Notruf-Handy lebt sie jetzt seit fünf Jahren. Es ist immer dabei. Morgens im Bad. Nachts. Egal, ob sie ausgeht oder das Haus putzt. „Manchmal bilde ich mir schon ein, dass es klingelt.“ Was bewegt die gelernte Krankenschwester, sich da so reinzuknien? „Vor allem die DGzRS“, sagt sie, „der Teamgeist.“ Dass die Gesellschaft sich ausschließlich aus Spenden finanziert, dass Wassersportler, Seeleute, Förderer sie am Leben halten. Viele mit Geld und manche mit persönlichem Einsatz.

Birgit Heinze ist inzwischen stellvertretende Leiterin der Geltinger Station. Als sie im November zur Vormannstagung fuhr, hatte sie sich weiter nichts dabei gedacht. Hier oben im Norden ist sie ja ganz selbstverständlich dabei. Dann sah sie die erstaunten Blicke. Eine Frau? Das hatte es hier noch nie gegeben. Sie stellte sich vor. Sah Zweifel in manchen Gesichtern. „Wenn der liebe Gott gewollt hätte, dass Frauen zur See fahren, dann hätte er das Meer rosa gemacht“, spottete sogar einer. Aber es dauerte nicht lange, da löste sich die Spannung. „Wär’ schön, wenn mehr Frauen einstiegen“, sagt sie. „Ich glaube, die DGzRS ist dafür offen.“

Das war vor acht Jahren. Heute steht die 53-Jährige auf den Plakaten und Anzeigen für die Arbeit der DGzRS. Wir wollten wissen, was Birgit Heinze heute macht und haben sie interviewt.

Birgit Heinze

© Per Kasch Kampagnenfoto der DGzRS

float: Frau Heinze, sind Sie das weibliche Gesicht der Seenotretter?

Birgit Heinze: Nee, das kann man nicht so sagen. Die DGzRS benutzt mein Bild so viel, weil die Fotos so gut geworden sind (lacht).

float: Sie stehen stellvertretend für die Seenotretter mit Ihrem langjährigen Engagement.

Heinze: Das ist wohl wahr, aber das sind ja alle, die wir bei der DGzRS ehrenamtlich arbeiten und unsere Freizeit und unseren Urlaub dafür opfern.

float: Wie viele Frauen sind bei den Seenotrettern heute?

Heinze: Seit Ihrem Artikel hat sich da viel verändert. Heute gibt es etwa 35 freiwillige Seenotretterinnen bei der DGzRS. Die Frauen emanzipieren sich immer mehr, sie studieren Nautik oder werden heute Schiffsmechanikerinnen. Es gibt aber noch keine fest angestellten Seenotretterinnen, außer in Bremen in der Zentrale, aber noch nicht auf den Kreuzern. Aber das wird in Zukunft sicher auch kommen.

float: 2008, als wir den Artikel über Sie gemacht haben, waren Sie 45. Haben Sie die letzten Jahre genau so weitergearbeitet?

Heinze: Bis auf einen neuen Alarmierungsweg hat sich an der Struktur unserer Station tatsächlich nichts geändert. Wir müssen unsere Besatzungsmitglieder heute nicht mehr einzeln anrufen, sondern die Seenotleitung Bremen alarmiert uns alle gleichzeitig per Knopfdruck. Ansonsten sind wir wie immer alle 24 Stunden in Bereitschaft. Mein Mann Thilo ist immer noch der Vormann, und ich bin weiterhin seine Stellvertreterin. Und ich bin immer noch der erste und einzige „weibliche Vormann“ in der DGzRS. Wir fahren auch immer noch mit unserer bewährten alten „Lady“, der „Jens Füerschipp“, ein Nachfolger ist aber bereits in Sicht. Johnny Erichsen, unser ältester Kollege, ist jetzt fast 70 und zieht sich jetzt langsam zurück. Er „tüdelt“ noch mit rum und macht immer noch viel für die Station, aber er fährt die Einsätze nicht mehr mit.

float: Haben Sie bereits einen Nachfolger für ihn gefunden?

Heinze: Oh ja! Mittlerweile ist noch eine junge Frau mit dabei, Maren, sie ist Anfang 30.

float: Wie groß ist denn Ihre Crew jetzt?

Heinze: Wir sind 13 Personen.

float: Sie haben uns damals von Ihrem Einsatz mit dem Sportflugzeug erzählt. Gab es seitdem etwas, das Sie ähnlich berührt hat?

Heinze: Eigentlich sind ja alle Einsätze Seenotfälle, mal abgesehen von dem Angler, der bei glatter Welle ohne Sprit sitzengeblieben ist. Es bleiben viele Situationen hängen. Dieses Jahr hatten wir ein Segelboot mit einer Familie an Bord, das Boot hatte Wassereinbruch. Der dänische Rettungshubschrauber kam zur Hilfe, ein Retter sprang ab und hat mit einer Pumpe versucht, das Boot über Wasser zu halten, damit es nicht auf Tiefe geht. Alles ging gut. Jeder Einsatz ist eigentlich ein prägnanter. Schlimmer ist es, wenn es Tote gibt.

float: Wann ist das passiert?

Heinze: Vor drei Jahren ist ein junger Mann ertrunken, den wir lange gesucht haben. Ein junges Paar war mit einem kleinen Schlauchboot mit einem kleinen 5-PS-Außenborder unterwegs, dann hat der Wind das Boot umgeschlagen, und die beiden haben versucht, an Land zu schwimmen. Die Frau hat es geschafft, der Mann nicht. Er hätte nur noch 20 Meter weiterschwimmen müssen, dann hätte er Boden unter den Füßen gehabt. Er war noch ganz jung, Anfang 20.

float: Haben Sie in den letzten Jahren etwas Besonderes gemacht?

Heinze: Ja, ich war in diesem Jahr im März und Mai beim Einsatz des Seenotrettungskreuzers „Minden“ vor Lesbos zur Ausbildung unserer griechischen Kollegen dabei. Im März haben wir dabei auch viele Flüchtlinge geborgen und im Mai haben wir die Ausbildung vor Ort intensiviert.

float: Wer wurde da ausgebildet?

Heinze: In Griechenland hat sich auf Bitten der dortigen Küstenwache eine kleine Gruppe von Seenotrettern aus mehreren nordeuropäischen Ländern zusammengefunden. Wir haben Freiwillige des „Hellenic Rescue Teams“ ausgebildet, die am Rande ihrer Kapazitäten und Leistungsfähigkeit waren. Wir haben ihnen unsere Techniken vermittelt: Suchen und retten, haben Material vorgestellt. Jetzt sind sie mit neuen eigenen Rettungsbooten, die die DGzRS ihnen zur Verfügung gestellt hat, im Einsatz.

float: Ist die „Minden“ immer noch in Griechenland?

Heinze: Nein. Der Einsatz war von vornherein als gezielte Hilfe zur Selbsthilfe zeitlich begrenzt, bis unsere griechischen Kollegen die Situation selbst wieder beherrschen. Nach dem Einsatz der DGzRS ist die „Minden“ an ihren heutigen Eigner, der sie bereits 2014 von der DGzRS gekauft und jetzt kostenlos für diesen Einsatz wieder zur Verfügung gestellt hatte, zurückgegeben worden.

float: Im Mittelmeer Flüchtlinge zu retten, war sicher eine völlig andere Erfahrung als die Rettungseinsätze in der Geltinger Bucht?

Heinze: Ja, natürlich. Das fängt schon damit an, dass man morgens früh im Dunkeln auf Patrouille geht. Wir sind unter Führung der griechischen Küstenwache um drei Uhr nachts rausgefahren und haben vor Lesbos den Küstenstreifen  nach den völlig seeuntauglichen Gummibooten mit den Flüchtlingen abgesucht. Und wenn man dann Kontakt hatte, sah man die nackte Angst in den Augen der Menschen und die Erleichterung, wenn sie schließlich bei uns an Bord waren. Es ist kaum zu beschreiben, was ich da erlebt habe.

float: Haben Sie täglich Boote gefunden?

Heinze: Ja. Tatsächlich.

float: Wie viele Menschen waren in den Booten?

Heinze: Auf dem dichtbesetztesten, das wir geborgen haben, waren 75 Menschen.

float: Was waren das für Boote?

Heinze: Da ist wirklich alles losgeschickt worden. Die Gummiboote sind aus Lkw-Planen an Land zusammengeschweißt worden, vier Henkel dran, und dann sind die Leute damit losgeschickt worden. Ein bisschen Sprit, der kaum für die Strecke reichte und ein Paar Paddel für den Rest der Strecke. ‚Dort drüben, wo die Lichter sind, da sollt ihr hin, und los geht’s.‘ So ist das abgelaufen. Die Kinder wurden in die Mitte des Bootes gelegt. Es ist nichts Klischeehaftes an dem, was darüber geschrieben wurde. Die „Rettungswesten“ waren mit Zeitungspapier und Seegras, viele waren mit großporiger Trittschalldämmung gefüllt. Das Schwierigste war, die Menschen von den Schlauchbooten abzubergen. Wir haben intensiv geübt, wie man sie am besten auf die „Minden“ bekommt, ohne irgendwie Zug auszuüben, weil die Boote sonst sofort auseinandergefallen wären.

float: Wie haben Sie das geschafft?

Heinze: Wir haben dafür unser eigenes System entwickelt. Das Tochterboot ist mit rausgefahren. Wir hatten außerdem auf Bitten der DGzRS speziell ausgebildete Strömungsretter der DLRG an Bord, die hatten ein eigenes Schlauchboot dabei. Die Schlauchboote der Flüchtlinge haben wir quer ans Heck der „Minden“ gelegt, vor die Wanne, aus der sonst das Tochterboot herauskommt. Wir haben Leinen rübergeworfen, die die Flüchtlinge festhalten sollten. Es konnte an die maroden Boote nichts angebunden werden. Die Heckwanne, in der sonst das Tochterboot liegt, haben wir mit einem aufblasbaren Rettungssteg ausgelegt und die Menschen darüber an Bord geholt.

float: Wie lange haben Sie auf der „Minden“ gearbeitet?

Heinze: Wir hatten immer Zwei-Wochen-Schichten, genauso wie die fest angestellten Seenotretter in Nord- und Ostsee auch.

float: Verliert man in dieser Situation nicht den Glauben an die Möglichkeiten der Seenotrettung?

Heinze: Nein gar nicht, gerade da haben wir ja Hilfe schaffen können. Einmal durch unsere Ausbildung und dadurch, dass wir dort vor Ort waren und so viele Menschen retten konnten. Es war zum Glück für uns schon nicht mehr so dramatisch wie erwartet, das Wetter wurde besser und die Versorgung war auch schon besser als in den Monaten davor. Es waren ja außerdem noch andere Organisationen unterwegs, die geholfen haben. Monate vorher noch gab es viele Tote, weil bis dahin keine strukturierte Rettung so vieler Menschen gleichzeitig möglich war. Das Meer hat man nicht unter Kontrolle, aber das eigene Boot, die Ausrüstung und das Seegebiet kann man unter Kontrolle haben. Wetter und das Meer bleiben unberechenbar. Darum ist Seenotrettung ja so wichtig, ganz egal wo es ist: ob vor der deutschen, der griechischen oder vor der afrikanischen Küste.

float: Wie ist denn jetzt die Situation dort, wo die deutschen Seenotretter im Einsatz waren?

Heinze: Die Griechen haben das wie geplant wieder selbst in die Hand genommen und bekommen das auch gut hin. Einige von uns waren noch einmal unten und haben unsere Kollegen auf ihren neuen Booten ausgebildet. Die Griechen sind ganz gut aufgestellt mittlerweile.

float: Wie soll es denn im neuen Jahr für Sie weitergehen?

Heinze: Man hofft immer, dass keine Einsätze gefahren werden müssen. Die besten sind ja die, die man nicht fahren muss. Nächstes oder übernächstes Jahr werden wir ein neues Schiff bekommen. Unsere alte „Lady“ kommt jetzt langsam in die Jahre, die Einheiten dieser Klasse werden nach und nach außer Dienst gestellt. Ich wünsche mir, dass es für uns hier weiterhin so gut bleibt, wie es ist.

float: Wir bedanken uns für das Gespräch und wünschen Ihnen und Ihrer Familie alles Gute für 2017.

Das Interview führte Kerstin Zillmer.

Retter im Porträt: Birgit Heinze

Wer die Arbeit der Seenotretter mit einer Spende unterstützen will:
Sparkasse Bremen, IBAN: DE36 2905 0101 0001 0720 16, BIC: SBREDE22

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Ein Kommentar

Hans-Gert /

Wow! Großartiges Ehrenamt einer klugen Seenotretterin und wirklich schön zu sehen, dass Birgit Heinze mit ihrer Crew so lange „dran bleibt“, auch wo es brenzlig ist.

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