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Ü 80 Regatta Mit diesem Bootstyp wird die neue Ü80-Regatta ausgetragen © Sven Jürgensen
Regatta

Der Ü-80-Cup

Der Norddeutsche Regatta-Verein will die über 80-jährigen mit einer Regatta zurück aufs Wasser holen. Michael Krieg fühlt sich dafür ein bisschen zu jung.

von
Michael Krieg
in
5 Minuten

Das ist doch mal was! Da schreibt der an der Außenalster in Hamburg ansässige Norddeutsche Regatta-Verein (NRV) eine Regatta nur für alte Menschen aus. Genauer gesagt: für sehr alte! Wäre das nicht etwas für mich?

Auf dem Gelände des Norddeutschen Regatta-Vereins kann man sich durchaus wohlfühlen. Gerade dann, wenn man seinen segelbaren Untersatz aus Altersgründen längst gegen einen Stuhl auf der Vereinsterrasse eingetauscht hat. Hier genießt man aus sicherer Distanz seine alten Tage – tagsüber bei einem Mittagessen und abends zum Sonnenuntergang beim Sundowner. Und erinnert sich versonnen an vergangene Segelaktivitäten vor der Skyline Hamburgs. Nicht von ungefähr heißt die Adresse des 1868 gegründeten Vereins „Schöne Aussicht“.

NRV
Der Norddeutsche Regatta-Verein (NRV) © Archiv Kobold-Preis

Never stop sailing!

Ich stelle mir also vor – auch selbst schon ein bisschen in die Jahre gekommen –, wie ich gedankenverloren auf der Terrasse des Clubs sitze. Und als ich so beim Alster über die Alster schaue, gesellt sich Klaus Lahme, der Clubmanager und Sportdirektor des NRV, zu mir. Und er berichtet von der neuen Regatta für die Alten. „Ü80“ soll sie heißen und für die Ältesten im Club die passende seglerische Herausforderung sein.

Schluss also mit dem entspannten Herumsitzen? Steht nicht das Wort Regatta groß in der Mitte des Kürzels NRV? Das soll nun also auch für die Betagten noch gültig sein, haben die Verantwortlichen des feinsten Hamburger Segelclubs entschieden, und laden am 24. August 2021 zum ersten Mal bundesweit unter dem Motto „Never stop sailing!“ die Generation 80+ zu einer Regatta ein.

Autor Michael Krieg auf der Jolle im Trapez
Michael Krieg im Trapez © Archiv Kobold-Preis

Damit auch die Seglerinnen und Segler, die nicht mehr so sicher auf den Beinen sind, dabei sein können, soll für sie ein spezielles Boot zum Einsatz kommen. Meine Knie sind noch in Ordnung – aber ich bin ja auch erst gerade etwas über 70 Jahre und fitter Jollensegler. Einer, der notfalls gern noch mal im Trapez steht, wenn es sich ergibt.

Würde ich das wollen?

Dennoch führe ich das Gedankenspiel mal fort, und ich stelle mir vor, dass ich bereits im nächsten Jahrzehnt angekommen bin – und gerne an der Regatta teilnehmen würde.

Ich überlege, wie das denn gehen soll, wenn es im eigenen Rigg schon knarrt. Mit dem Stock den Steg entlang zu tapern, das wäre vielleicht noch o.k. Aber wie komme ich dann als Nächstes ins Boot? Unwillkürlich muss an diese Reha-Sitze denken, die es in Schwimmbädern manchmal gibt. Das würde gehen, denke ich. Also, warum nicht?

Michael Krieg sitzt in einer Jolle
Michael Krieg segelt beim Kobold von Hamburg mit © Archiv Kobold-Preis

Aber wenn da alle zuschauen? Und so frage ich mich: Wollen die Alten das wirklich? Besonders, wenn man sich einst auf nationalen oder gar internationalen Regatten mehr oder weniger erfolgreich geschlagen hat. Und, weiter gedacht: Lassen sich die betagten Sieger mit dieser Einladung so plötzlich aus ihrem Segler-Ruhestand reißen und ihren guten Ruf aufs Spiel setzen?

Stellen sich die Organisatoren allen Ernstes vor, dass ich noch einmal Adrenalin-geschwängert um die Tonnen jage?

Anstatt gelassen bei Freunden oder auf dem eigenen Dickschiff auf der Elbe oder im Drachen auf der Alster bei schönem Wetter eine Runde zu drehen?

Generation Z kann dem Opa aufs Boot helfen

Nur mal angenommen, ich bin nun doch – vielleicht sogar ein bisschen bewegungseingeschränkt – neugierig geworden. Klaus Lahme macht mir jedenfalls Mut. Er erklärt, dass lediglich eine Person an Bord über 80 Jahre alt sein müsse und dass auch die Verteilung der Positionen offen sei.

So könnten interessierte TeilnehmerInnen durchaus einen fitten Jüngeren – wie Sohn oder Tochter – oder sogar den Enkel oder die Urenkelin mit an Bord nehmen. Die ersteren sind, je nach Alter, vielleicht auch schon im Ruhestand. Und für die Jüngsten sollte eine eintägige Unterrichtsbefreiung – der Termin fällt auf einen Dienstag – kein Hindernis sein. Die Generation Z würde auch verantwortungsvoll dafür sorgen können, dass Opa oder Oma sicher aufs Boot kommen.

Michael Krieg sitzt in einer Jolle
Die Verteilung auf den Booten ist frei wählbar © Archiv Kobold-Preis

Und Dienstag klingt gar nicht so schlecht. Da ist im Verein und auf dem Wasser vielleicht nicht so viel los. Die meisten Hamburger sind bei der Arbeit, vermutlich im Home Office, und wahrscheinlich sind nur Anfänger von den Segelschulen auf der Alster. Und die haben oft mit sich selbst genug zu tun und nicht unbedingt Augen für die Alten auf den besonderen Booten. Und wenn schon: Einige jenseits der 80 sehen noch fitter und jünger aus als so manch erheblich Jüngerer.

Neues Format unter pandemischen Umständen

Der geplante Ablauf klingt jedenfalls einladend. Der besagte Regattatag soll mit einem Seglerfrühstück beginnen. Dann wird die Regatta im Segelbundesliga-Format ausgetragen. Am Ende treffen sich, wenn es die pandemischen Umstände erlauben, alle Teilnehmer bei einem netten Essen und der Siegerehrung.

Damit man sich entsprechend vorbereiten kann, stellt der Verein zwei Boote der neuen S\V 14 im sogenannten Boat-to-Share-Angebot zur Verfügung. So können interessierte Segler und Seglerinnen jederzeit trainieren, sobald es die Coronaregeln in Hamburg zulassen.

Ältere Segler auf einer SV14
Die S/V 14 unter Segeln © Rob Kamhoot

Mit seinen etwa 2.000 Mitgliedern gehört der NRV zu den an Mitgliedern stärksten Wassersportvereinen in Deutschland. Mit dem NRV Youth Team, einem Bundesliga-Team und dem NRV Olympic Team fördert der Verein auch den Spitzensport. Bei der Kieler Woche und der Travemünder Woche gehört man zu den Ausrichtern. Und als Veranstalter neuer Regattaformate wie dem Helga Cup, der größten reinen Frauen-Regatta weltweit, haben die Hamburger neue Maßstäbe gesetzt.

Die passende Regatta fürs neue Boot

Seit letztem Jahr ist auch Inklusion ein Thema im Verein. Dafür wurden vier Boote der neuen Bootsklasse Fareast S/V 14 angeschafft. Im Jahr 2015 war Alex Simonis von Simonis Voogd Yacht Design von einer thailändischen Segelorganisation für behinderte Menschen gebeten worden, ein sicheres, modernes, sportliches und vor allem erschwingliches Boot für die Parasailing-Gemeinde zu entwerfen.

Ältere Segler auf einer SV14
Auch bei Welle sind die Segler an Bord einer S/V 14 fest gesichert © Rob Kamhoot

Auch körperlich eingeschränkte Segler und Seglerinnen können mit der 4,39 m langen Jolle über die Alster schippern – und eben solche Segler, die altersbedingt nicht mehr so sicher (oder gar nicht mehr) auf den gängigen Booten unterwegs sein können. Vielleicht haben die Verantwortlichen des NRV daran gedacht, als ihnen dieses Regattaformat in den Sinn kam.

Noch ist das Meldeportal nicht geöffnet. Spätestens dann darf man gespannt sein, wie viele sich öffentlich mit ihrer Meldung als über 80-Jährige outen werden.

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