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Fast kann Pedote auf Platz 9 seine Konkurrenten sehen © Giancarlo Pedote / Prysmian Group
Vendée Globe 2020

Die glorreichen Neun

Neun Boote liefern sich bei der Vendée Globe ein enges Rennen im Südatlantik. Charlie Dalin führt, doch Beyou und Tripon holen von hinten auf.

von
Dee Caffari
in
5 Minuten

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Woche neun und das dritte Kap ist geschafft – zumindest für mehr als die Hälfte der Vendée-Globe-Teilnehmer. Für zehn von ihnen war die Umrundung von Kap Hoorn eine Premiere. Die Segler nahmen den historischen Moment ganz unterschiedlich wahr. Einige sahen die Landspitze mit bloßen Augen, andere wurden vom Leuchtturm angeblinkt, ein kleiner Teil registrierte den Übertritt in den Atlantik nur auf den Computerschirmen. Pip Hare war bei ihrer ersten Kap Hoorn Umrundung tief beeindruckt.

Dem südlichen Ozean zu entwischen, war für niemanden aus der Führungsgruppe einfach. Wie auf einem Schachbrett waren die Segler von Hochdruckgebieten umzingelt, auf die sie mit cleverem Navigieren reagieren mussten. Diese Phase kostete den Erstplatzierten Yannick Bestaven seinen komfortablen Vorsprung. Bei der Rundung des Kaps lag er 400 Meilen voraus, aber die ersten zwölf Boote holten schon auf.

Yannick Bestaven
Yannick Bestaven fuhr als Erster um Kap Hoorn © Yanick Bestaven/Maitre Coq

So schreibt man Vendée-Globe-Geschichte!

Der südliche Ozean liegt hinter ihnen, das heißt aber nicht, dass keine Gefahren mehr vor ihnen lägen. Mittlerweile segeln die vier Boote an der Spitze mit minimalem 20 Meilen Abstand voneinander – nachdem 80 Prozent des Rennens bereits absolviert sind. So schreibt man Vendée-Globe-Geschichte!

Dass es quasi zu einem zweiten Start auf der Höhe von Brasilien kommt, hat es noch nie gegeben. Und das Feld bleibt bunt. Neue und alte IMOCAs mit und ohne Foils sind genauso dabei wie alte Hasen und junge Grünschnäbel. Atemberaubender könnte diese Vendée Globe gar nicht verlaufen.

Viele Segler liefern ein sehr beeindruckendes Rennen, aber manche Leistungen sind geradezu spektakulär. Jeremie Beyou gehört auf seiner Charal zu denen, die bereits das Kap hinter sich haben – dabei ist er mit neun Tagen Verzögerung gestartet. Die Strecke vom Kap der Guten Hoffnung zum Kap Hoorn ist er in der Rekordzeit von 30 Tagen, 14 Stunden und 27 Minuten gespurtet.

Jermemie Beyou
Jermemie Beyou fuhr in Rekordzeit zum Kap Hoorn © Jeremie Beyou/Charal

So trotzte er seinem Start-Pech, als sein Boot an Tag zwei von einem unbekannten Gegenstand beschädigt wurde. Er kehrte 600 Meilen nach Les Sables d’Olonne zurück, um den Schaden beheben zu lassen. Ein Team von 20 Leuten ackerte Tag und Nacht, um die Charal wieder 100 Prozent fit zu machen. Zehn Tage lang bleibt die Startlinie offen.

An Tag 9 überquerte sie Jeremie zum zweiten Mal. Das Feld lag 2.500 Meilen südlich voraus kurz vor dem Flautengürtel. Jeremie atmete erst wieder auf, als er das Kielwasser des hintersten Seglers erreichte. Seitdem hat er sich auf den 16. Platz vorgekämpft und stürzt sich jetzt in das dichte Gedrängel im südlichen Atlantik.

Solch eine Aufholjagd hat das letzte Mal Mike Golding geboten. Nach acht Stunden im Rennen von 2000 brach ihm der Mast. Er kehrte um, rüstete sein Boot mit neuem Mast, neuem Rigg und neuen Segeln aus und nahm acht Tage nach dem ersten Start die Verfolgung auf. Ich arbeitete damals in seinem Team und erinnere mich, wie wir geschwitzt haben – aber vor allem, was für eine psychische Belastung es für Mike bedeutete, einsam und abgeschlagen hintenan zu segeln. Er ging auf Platz sieben durchs Ziel…

Isabelle-Joschke
Isabelle Joschke/MASCF muss wegen Kielproblemen aussteigen © Isabelle Joschke/MACSF

Nicht alle haben es geschafft. Zuletzt musste Isabelle Joschke aus dem Rennen ausscheiden und nun nach einem sicheren Kurs in den nächsten Hafen suchen, nachdem der Kiel ihrer MASCF instabil geworden war. Der Hydraulikzylinder zur Justierung war ausgefallen und der Kiel ließ sich nicht mehr fixieren. Mit dem Ersatz-Zylinder konnte Isabelle den Kiel zumindest in der Mittelposition halten. Aber das erste Tief im Atlantik machte auch dieser Hilfskonstruktion den Garaus. Jetzt heißt es für sie, mit Blick auf die Wetterdaten nach dem direktesten Weg aus Wind und Welle und in einen Hafen zu suchen. Hoch-am-Wind-Kurse mit erhöhtem Druck auf den Kiel sind dabei tabu.

Alles noch offen, oder?

Der zweite Comeback-King dieser Vendée Globe ist Armel Tripon auf L’Occitane en Provence. Das Avantgarde-Design seines Bootes von Samuel Manuard unterscheidet sich stark vom Rest der Flotte. Den Plattbug kennt man eher aus den Klassen Mini 6.50 und Class 40, die Foils biegen sich stärker C-förmig und lassen sich weiter einziehen. Gleich nach dem Start krachte ihm das J3-Segel wegen einer defekten Aufhängung aufs Deck. Er suchte an der Nordküste Spaniens Schutz und reparierte den Schaden. Wieder auf Kurs, lag er auf Platz 31, 1.471 Meilen hinter dem führenden Boot.

  • Armel TriponSchafft Armel Tripon es noch ins Spitzenfeld? © Armel Tripon/L’Occitane en Provence
  • Armel TriponDAs Avantgarde-Design von Samuel Manuard © Armel Tripon/L’Occitane en Provence
  • Armel TriponDer zweite Comeback-King © Armel Tripon/L’Occitane en Provence

Neun Wochen später hat er den Abstand fast halbiert, auf 750 Meilen. Ein direkter Vergleich seines Bootes mit den anderen war bis jetzt leider nicht möglich, weil er unter anderen Wetterbedingungen segelte. Aber im südlichen Ozean war er schnell. Er brauchte für die Etappe 30 Tage, 15 Stunden und 12 Minuten, nur 45 Minuten weniger als Rekordhalter Jeremie Beyou. Um sich zu einem der Top-Plätze vorzukämpfen, dürfte die verbleibende Strecke aber nicht ausreichen. Oder doch? Er befindet sich bereits auf Platz 11.

Jetzt die Zähne zusammenbeißen

Der südliche Atlantik machte es den Seglern nicht leicht. Sie mussten die Kaltfront auf Höhe von Kap Frio meistern. Dadurch zog sich das Feld so stark zusammen. Auch in den Passatwinden können sich die Teilnehmer nicht auf gemütliche Raumschotkurse freuen. Auf der Südamerika-Etappe müssen sie sich zwischen einem kürzeren Weg in Küstennähe mit stärkerer Materialbelastung oder einem längeren Weg auf offenerer See mit entspannterem Windeinfall entscheiden. Zumindest können sie mit moderatem Seegang rechnen. Das wird dem ungehinderten Einsatz der Foils entgegenkommen.

Boris Herrmann
Boris Herrmann hat beste Chancen auf einen vorderen Platz im Rennen © Boris Herrmann/Seaexplorer

Weiter nördlich droht zum zweiten Mal der Flautengürtel. Bei der ersten Durchquerung ließ er einige Segler durchschlüpfen, andere zwang er dazu, vor sich hinzudümpeln. Voraussagen sind schwierig, aber hier könnten die Karten noch einmal neu gemischt werden. Danach sind es nur noch 3.500 Meilen bis zur Ziellinie.

Wie unberechenbar diese Saison das Wetter im Nordatlantik bleibt, zeigt uns gerade der Schneeeinbruch in Madrid. Das Material ist ermüdet, der Nervenkrieg zwischen den Seglern spitzt sich zu. Wie es ihnen und ihren Booten geht, halten sie geheim. Beim Endspurt bloß keine Schwäche zeigen. Nach 65 Tagen auf See wollen sie es noch einmal richtig wissen. Keine Entspannung bis zum Schluss!

Boris Herrmann
Die Glorreichen neun Kopf an Kopf am 14.1. um 9:00 Uhr. © #VG2020

Wer hat aktuell die Führung? Hier ist der offizielle Tracker der Vendée Globe 2020.

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