float Magazine

© Lena Kuhlmann
INTERVIEW Hannes Koch

„Die Reise ist noch nicht vorbei“

Interview mit Musiker und Weltumsegler Hannes Koch von den Sailing Conductors.

Stephan Boden
von in
8 Minuten | 2 Kommentare

Berlin Gesundbrunnen an einem Montagmittag. „Was wollt ihr?” fragt uns die Bedienung. Natürlich nehmen wir Bier, schließlich sitzen wir hier vor einer Kneipe mit dem Namen Bierbrunnen.

Hannes Koch (28) sieht entspannt aus, ist es aber laut eigener Aussage nicht wirklich. “Ich hab grad echt viel zu tun, Album fertig machen und so. Dann alles verschicken an unsere Unterstützer beim Crowdfunding. Mehr als 500 Leute haben uns geholfen.” Das Album ist in vier Jahren auf See entstanden und die Produktion über das Crowdfunding-Portal Startnext von vielen Fans finanziert worden.

Die ganze Geschichte klingt für Segler wie Nichtsegler völlig verrückt: Hannes bekam damals vor der Reise einen Skype-Anruf aus Australien. Sein Kumpel Benny Schaschek, mit dem er zusammen Tontechnik in Berlin an der SAE studierte, hatte seinen Master in Australien gemacht und sein Rückflugticket verstreichen lassen. Daraufhin hatte er die ziemlich durchgedrehte Idee, ein Boot zu kaufen und nach Hause zu segeln statt im Flieger zu hocken. Hannes sollte sein Mitsegler sein. Und der stieg auf diese Idee sofort ein. Auf den Salomoninseln wurde von Opas Erbe die Marianne gekauft, ein fast 40 Jahre altes 10 Meter Boot. Segelkenntnisse der Beiden: Nahezu keine.

Danach folgte eine fast fünfjährige Reise von den Salomoninseln nach Berlin. Zwei Nichtsegler, ein altes Schiff mit fragwürdiger Ausrüstung, in fragwürdigem Zustand. Es wurde aber keine reine Segelreise, denn die beiden haben unterwegs auf ihren Etappen Musiker aus aller Welt aufgenommen, zusammengemixt und so ein vielbeachtetes Musikprojekt, die Sailing Conductors, geschaffen.

  • alternative text© sailing conductors
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  • © sailing conductors
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Vor etwa einem Jahr kamen sie in Berlin an. Danach folgten Auftritte mit dem Schiff auf allen großen Bootsmessen. Den gesamten Sommer über sind Benny und Hannes in einem eigens angeschafften Schulbus mit elf Musikern von der Reise auf große Tournee gegangen. Die ist nun vorbei, und so treffe ich Hannes mitten im Berliner Alltag zwischen Handyläden und Einkaufscenter.

float: Moin Hannes. Wann warst Du das letzte Mal segeln?

Hannes Koch: Vor genau einem Jahr als wir in Hamburg ankamen. Danach sind wir mit einem Skipper nach Berlin gefahren, haben das Boot aus dem Wasser geholt, es auf drei Messen gestellt und nun ist es bei Sleepy in Kiel an Land. Die Firma hatte uns damals die Transporte organisiert. Marianne braucht ziemlich viel Pflege, unter anderem einen neuen Motor. Das können wir uns derzeit nicht leisten.

float: Wieviele Seemeilen habt ihr auf der Reise hinter Euch gelassen?

Hannes Koch: Oh, da muss ich mal nachgucken, ich hab das irgendwo in dieser App drin. (Er kramt sein Smartphone hervor). Da – 29.000 Seemeilen, um genau zu sein!

float: Du bist ja als absoluter Nichtsegler an Bord gegangen. Habt ihr trainiert, bevor ihr los seid?

Hannes Koch: Also, ich war mal mit meinen Eltern auf Fuerteventura auf so einem Segelboot, dass einen in die Buchten motort um dort zu baden. Benny war als Kind mal mit seinen Eltern auf dem Ijsselmeer Jolle segeln. Trainiert haben wir nicht, ich kam leider später als geplant auf den Salomoninseln an. Wir wollten vorher noch viel Sport machen, um fit zu werden. Meine Band Polly Pop hatte es allerdings ins Halbfinale des Köstritzer Bandwettbewerbes geschafft. Dadurch verschob sich meine Abreise und ich kam erst kurz vorm Start an. Einen Testschlag bei Null Wind gab es. Dabei hatten wir uns unsere eigene Angelschnur in den Propeller gefahren und als Benny tauchte, hab ich das Boot fast auf einen Felsen gesetzt. Es wäre also schon vor der Reise fast zu Ende gewesen. Ein paar Tage später sind wir dann losgesegelt – rund 800 Seemeilen nach Papua Neuguinea.

float: Wie fühlt man sich als Nichtsegler, wenn man dann zu so einer Tour aufbricht? Hattest Du Schiss? Warst Du aufgeregt?

Hannes Koch: Schiss hatte ich nicht. Ich bin das ganze Projekt so angegangen, dass ich mir vorher immer gesagt habe: Es wird Hammer-anstrengend und Mega-schlimm. Ich habe das aber nie an mich rankommen lassen, wie schlimm es wirklich werden kann, sondern mir immer gesagt: “Wir schaffen das, egal wie schlimm es wird.” Deswegen ging es dann unterwegs irgendwie.

float: Und? War der erste Schlag schlimm?

Hannes Koch: Nicht schlimm, aber stressig. Die erste Etappe war nämlich echt nervig. Mal Flaute, dann wieder Squall, dann wieder Flaute, dann der nächste Squall. Benny wurde nach drei Tagen von der ganzen Anstrengung krank. Und ich erinnere mich, dass ich dann einen Tag später Geburtstag hatte und mir ein wirklich schönes Geschenk machen konnte: Den ersten gefangenen Thunfisch. Mein Geburtstagsessen war ein Thunfisch-Spiegelei-Sandwich. Dennoch haben Benny und ich auf dem Törn nach Papua-Neuguinea jeder so fünf, sechs Kilo abgenommen. Auch, weil unsere Selbststeueranlage kaputt war und wir die ganze Strecke abwechselnd von Hand steuern mussten.

float: Wie war das? So ein Schiff zum ersten Mal zu steuern?

Hannes Koch: Vor allem Nachts war das komisch. Irgendwann sieht man ja gar nichts mehr, vor allem nicht, wohin man fährt. Durch die Schieflage des Bootes habe ich immer gedacht, ich fahre eine endlose Kurve, die einfach nicht aufhört. Zum Glück hatten wir einen Plotter zur Kontrolle. Aber dennoch wurde einem durch das Kurvenfahren immer schnell schummrig, so dass wir uns häufig abgewechselt haben.

float: Gab es auf der ersten Etappe Gefahrensituationen?

Hannes Koch: Ja, einmal tauchte ein riesiger Frachter am Horizont auf und kam auf uns zu. Wir haben dann irgend ein komisches Manöver gefahren, um auszuweichen. Der Frachter hat aber gleichzeitig auch ein Manöver gefahren und plötzlich fuhr er nur wenige Meter neben uns. Da dachten wir: “Okay, jetzt ist es vorbei”.

float: Gab es danach heikle Momente?

Hannes Koch: Ja, beim ankern vor Madagaskar. Wir haben zu wenig Kette gesteckt, sind an Land gewesen und als wir Stunden später zurück kamen, war Marianne ganz woanders: Sie tanzte schon im Schwell der Brandung und lief Gefahr, an Land gespült zu werden. Zum Glück haben wir das hinbekommen.

'Smutje' Hannes Koch © sailing conductors

float: Ab wann, denkst Du, konntest Du segeln?

Hannes Koch: Gute Frage – ich denke so nach dem zweiten oder dritten Trip habe ich vieles auch allein machen können. Am Anfang haben Benny und ich alles immer zusammen gemacht. Aber dann weiß man irgendwann wie es geht und macht es selbst.

float: Also könntest Du jetzt nach der Zeit ein Boot von A nach B segeln.

Hannes Koch: Ich denke schon. Allerdings kann ich nicht anlegen. Ich habe rund 60.000 Kilometer gesegelt, war über 4 Jahre unterwegs und musste das Boot nicht ein einziges Mal anlegen. Ich habe keine Ahnung, wie das geht. Das hat immer Benny gemacht.

float: Hast Du vor der Reise Zweifel gehabt, es eventuell nicht zu schaffen?

Hannes Koch: Nein, das war nie eine Option. Wir haben immer gesagt, wir schaffen das. Zweifel gab es nie. Wir haben uns auch vertraut. Also Benny und ich uns sowieso, Marianne musste sich das noch erarbeiten. Aber das kam dann im Laufe der Zeit irgendwie.

float: Wie hättest Du das Ganze eingeschätzt, wenn Du vorher schon Segelerfahrung gehabt hättest?

Hannes Koch: (Überlegt) Ich glaube, ich würde so nicht aufbrechen. Mit einem Boot, an dem der Motor nie funktioniert, die Selbststeueranlage eine Katastrophe ist und die Segel über 30 Jahre alt sind. Also, als erfahrener Segler mit Segelschein hätte ich sicher gezweifelt.

float: Habt ihr Euch auf die Etappen vorbereitet? Hattet Ihr Support unterwegs?

Hannes Koch: Nein. Also doch: Wir haben immer diesen World Cruising Guide von Jimmy Cornell gelesen. So wussten wir bspw. wann es die beste Zeit für bestimmte Strecken ist.

Ein Kumpel von uns hat uns auch immer mit den Wetterdaten versorgt. Aber das hat uns nie beeinflusst. Bis auf einmal vor Südafrika, als wir vor einer Sturmwarnung in einen Hafen geflohen sind. Aber sonst kommt das Wetter ja eh – machen kann man da nicht viel.

float: Na, von Profis hört man, dass sie so manche Front umfahren.

Hannes Koch: Hab ich auch schon mal gehört. Aber da muss man wissen, wie das geht. Wir sind immer Stur zum Ziel gefahren. Egal, was kam.

float: Habt ihr euch an Bord gesichert?

Hannes Koch: Wir haben vor der Reise besprochen, dass wir uns nicht anleinen. Nur, wenn es richtig Dicke kommt. Andere Weltumsegler haben uns nämlich erzählt, dass man – wenn man sich ständig anleint – gar nicht mehr wahrnimmt, ob man angeleint ist, oder nicht. Wenn man dann im Sturm das Vorsegel wechseln muss, kann es durchaus passieren, dass man denkt, man sei angeleint, ist es aber nicht – und geht über Bord. Das ist einem Bekannten von uns passiert.

float: Findest Du, dass segeln schwierig ist?

Hannes Koch: Nö.

float: Ich auch nicht.

Hannes Koch: Na ja, man muss ja nicht so viel machen. Es ist ja einfach zu durchschauen, wie man von A nach B kommt. Nur das Zusammenspiel aller Komponenten ist das, was am schwierigsten ist. Klar kommt man voran, aber wenn man es gut macht, kommt man halt besser, schneller und weniger stressig voran. Mit 37 Jahre alten Segeln ist das jedoch schwierig.

float: Was war für Dich das Aufregendste an allem? Das Ablegen? Das Unterwegs sein? Das Ankommen oder das Da sein?

Hannes Koch: Alles zusammen – mit der Musik. Allerdings, das Ankommen ist schon was besonderes nach so langer Zeit auf See.

float: Und das Unterwegs sein?

Hannes Koch: Ach, das war irgendwie Routine. Also das war schön, aber das lief so nebenbei. Auch weil ich nach dem Ablegen dann angefangen habe, Musik zu mischen, Filme zu schneiden. Darauf habe ich mich immer sehr gefreut. Wenn wir zum Beispiel in Kapstadt den Hafen mit Ziel Rio verlassen haben, war das schön, wieder unterwegs zu sein und auf der Reise an der Musik zu arbeiten.

float: Kapstadt – Rio? Das ist weit!

Hannes Koch: Ja, das war das längste Stück. 3200 Seemeilen. Aber auch das entspannteste Stück. Immer Wind von hinten, so 7-8 Knoten. Das war die ganze Zeit so, dass wir gerade so viel Wind hatten, dass die Segel nicht einfallen.

float: Was war der Grund, überhaupt solch eine Reise zu machen? Abenteuerlust? Mal raus?

Hannes Koch: Nee, schon die Musik. Also Benny und ich haben beide Tontechnik studiert. Ich wollte immer Musikproduzent werden. Der Einstieg in diesen Job ist allerdings schwierig – man kann sich da nicht einfach auf eine Stelle bewerben, sondern muss einfach Musik machen. Als Benny mit dem Vorschlag um die Ecke kam, von Australien nach Deutschland zu segeln, hatten wir gleich diese Idee und so wurde das Ganze ein Musikprojekt. Uns war klar: Wenn wir das schaffen, dann öffnen sich nach unserer Rückkehr Türen. Die Reise war eigentlich der Einstieg in einen Job.

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Berlin, Bierbrunnen © S. Boden

float: Hast Du Dich in den vier Jahren verändert?

Hannes Koch: Klar, ich war 22 als wir losgesegelt sind.

float: Und was hat Dich am meisten verändert?

Hannes Koch: Man lernt unterwegs halt viel. Natürlich sieht man andere Länder, trifft andere Menschen. Ich bin früher nie verreist. Ich kannte das gar nicht. Also mal mit den Eltern an den Strand, aber sonst war ich nie weg.

Dazu kommt, dass man auf einem Boot schon viel lernt und viel fürs Leben mitnehmen kann. Das Boot fährt halt immer so gut, wie man es trimmt. Und dass man sich niemals zurücklehnen darf sondern immer aufpassen und ständig was tun muss. Sowas nimmt man sicher mit.

float: Vermisst Du die Zeit auf See?

Hannes Koch: Nein. Ich komme auch gar nicht dazu. Die Reise ist ja auch gar nicht zu Ende. Die Tour, das Album – das gehört ja alles dazu. Wir sind aufgebrochen mit dem Ziel, verschiedene Musiker aus aller Welt aufzunehmen und daraus Weltmusik im wahrsten Sinne zu produzieren. Und das ist ja alles noch nicht fertig. Also sind wir irgendwie noch immer auf dieser Musikreise unterwegs. Nur halt nicht mehr auf dem Boot.

float: Kannst Du Dir vorstellen, dass Du irgendwann in Zukunft nochmal mit einem Segelboot einen anderen Kontinent anläufst?

Hannes Koch: Auf jeden Fall! Allerdings nur in Verbindung mit einem Musikprojekt.

float: Also, da ihr Kap Hoorn ja nicht gemacht habt: Demnächst Kap Hoorn mit dem Kontrabass?

Hannes Koch: Nein, wenn dann AUF einem Kontrabass!

float: Hannes, Danke für das Gespräch!

Infos über die Reise: www.sailingconductors.com

Marianne Spezifikationen

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SY Marianne © Sailing Conductors

Länge über alles:9,90 m (32’6′′)
Länge an Deck:9,30 m (30’6′′)
Länge in der Schwimmwasserlinie:6.71 m (22′ )
Breite:2.74 m (9′)
Tiefgang:2.08 m (6’10”)
Verdrängung:6t
Ballast:2,3 t
Segelfläche:41,5 m2
Rigg:Masttopp Slup
Kiel:Langkiel
Eingebaute Wassertanks:150 l Blase
Motor:12 PS Yanmar YSE12 mit 3-blättriger Popeller mit 25 mm Welle
Tank:50 l Diesel Tank und zusätzlich 5 x 20 l Kanister
Konstrukteur:William Garden
Gebaut von:Ron Rawson
Gebaut in / am:Redmond, WA / 1976

2 Kommentare

Stephan Boden /

Hallo,

laut Hannes geht das in Kürze los. Am besten aber fragst Du über das Kontaktformular auf deren Website.

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Wann bekomme ich meine CD? Ich habe bei Startnext gespendet und warte nun bereits ein Jahr.

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