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Jean Jacques Savin © Montage float
Atlantiküberquerung

Diogenes auf Kollisionskurs

Jean-Jacques Savin, der den Atlantik im Holzfass überquert, ist knapp einem Zusammenstoß entgangen.

Kerstin Zillmer
von in
4 Minuten

Der 68. Tag: Montag, 4. März 2019 – 22°720 N. 039°05 W
2.200 km zurückgelegt, 2483 km noch zurückzulegen

Seit 68 Tagen ist Jean-Jacques Savin nun bereits alleine im seinem Holzfass unterwegs, nur begleitet von Meeresgetier, Wind, Wellen und den Sternen. Bislang hat kaum etwas seine tägliche Routine unterbrochen. Vor wenigen Tagen aber erlebt er einen Schreckmoment: „Ich schaue gegen 11 Uhr durchs Kombüsenluk und sehe einen Frachter praktisch direkt vor mir, nur noch etwa 1.500 Meter entfernt. Ich versuche, Funkkontakt aufzunehmen, aber es geht niemand ran.

Das Schiff bewegt sich direkt auf mich zu. Als sich immer noch niemand im Radio meldet, rufe ich Audrey von der Böttcherei Boutes in Frankreich an, um sie über einen möglichen Zusammenstoß zu informieren. Ich sehe die Bestie, die sich auf mich zubewegt und ihr Maul aufreißt…“

Jean-Jacques Savin

Containerschiff, vergleichbar nah © CC 0

Einer Kollision knapp entgangen

Zum Glück hat Jean-Jacques Leuchtraketen unter dem Kopfkissen. Der Frachter ist inzwischen nur noch 400 Meter entfernt. Er schießt eine Rakete ab, als die Schiffssirene ertönt – sie haben ihn bemerkt. Da steht er bereits mit gekreuzten Armen auf dem höchsten Punkt der Tonne. Endlich meldet sich der Kapitän übers Radio – und Jean-Jacques erklärt ihm, dass er nicht ausweichen kann. Kein Problem, sagt der Schiffsführer, und dreht bei. Der Frachter zieht gerade so an der Tonne vorüber. Weil der Kapitän denkt, Savin sei ein Schiffbrüchiger, will er ihn aufnehmen bis dieser ihm auseinandersetzt, dass es ihm gut geht und er seine Reise sehr gerne fortsetzen will.

Immer wieder wurde ihm bei Interviews die Frage nach einer möglichen Kollision gestellt und seine Antwort war, dass die Bugwelle des Schiffes seine Tonne wegdrücken würde. Heute hat er darüber eine andere Meinung: mit einem Wellengang von drei Metern ist die Welle wie eine Lunge, die dich einsaugt, aber mit etwas Glück auch wieder ausspuckt. Jean-Jacques ist gespannt auf die Hauptschifffahrtsrouten: „Dann kann ich mir eine Vorstellung davon machen, wie der Verkehr dort ist. Mein Problem ist nämlich, dass ich auf dem Radar nicht sichtbar bin, weil ich zu niedrig auf dem Wasser liege.“

Ich erinnere mich an dieses Foto vor 30 oder 40 Jahren von einem Frachter, der in den Hafen von Dünkirchen einlief. Er hatte einen Mast an seinem Anker hängen.

Er hat sich nun geschworen: Wenn er heile nach Frankreich zurückkommt, geht er zu Fuß nach Lourdes.

Als unmittelbare Folge aus der Beinahe-Kollision mit dem Frachter hat die IMO (International Maritime Organization) mit Jean-Jacques Kontakt aufgenommen und ihn gebeten, täglich seine Position sowie Kurs und Geschwindigkeit durchzugeben. Die IMO wird nun alle Schiffe, die seine Route kreuzen, auf die bemannte Tonne aufmerksam machen. Den 72-jährigen, der an Bord seinen Geburtstag feierte, freut das.

Denn Savin nähert sich einem größeren Verkehrstrennungsgebiet, das in Nord-Süd-Richtung verläuft. Und er will dort nicht als UFO gelten, sprich als „Unidentified Floating Object“, das die Schifffahrt gefährdet.

Jean-Jacques Savin

Hoffentlich keine Gefahr mehr: große Containerschiffe © Hudson Hintze, CC0

Die Gelassenheit in Person

Trotz der aufregenden Begegnung mit dem Frachter ist Jean-Jacques guter Dinge, dass seine Expedition am Ende erfolgreich sein wird. Inzwischen hat der Mann im steuerlosen Holzfass die richtige Strömung erreicht und wird nun von den Passatwinden kräftig vorangetrieben. „Angesichts meiner aktuellen Position schätze ich meine voraussichtliche Ankunft in Puerto Rico oder einer Insel der Antillen auf die zweite Aprilhälfte.

Dann werden es vier Monate sein, die ich unterwegs bin. Aber auch fünf machen meiner Moral nichts aus.“ schreibt er entspannt aus seiner Tonne. Noch vor Wochen hatten viele geunkt, dass er sein Ziel niemals erreichen werde und auch wir hatten unsere Zweifel daran geäußert. Aber der 72-jährige Franzose ist die Gelassenheit in Person. Er treibt in seinem Fass zuversichtlich und stetig in Richtung Westen.

Jean-Jacques Savin

Die Gelassenheit in Person: Jean-Jacques Savin © Savin

„Nein, das Sternbild Kreuz des Südens habe ich noch nicht gesehen“, antwortet er auf Leserpost. Der Himmel, besonders wenn der Mond morgens aufgeht, sei schön. Es sei aber nicht so spektakulär wie in der Wüste, gesteht der ehemalige Fallschirmspringer, der Afrika durchquert hat.

Das Ozeanografische Zentrum in Monaco hat ihm eine Strömungs-Karte zur Verfügung gestellt. Aber die Meeresströmungen verlaufen nicht so linear, meint er. Sie seien oft gestört und flössen Richtung Norden, wie Jean-Jacques in seinem GPS sehen kann. Insgesamt habe er einen „schlechten Start“ gehabt. Er sei nicht so weit nördlich in Richtung Azoren gedriftet wie ursprünglich prognostiziert. Dadurch ändern sich für ihn die Parameter aus vorherrschender Strömung und Windrichtung vollständig – und es ergibt sich ein abweichendes Driftmuster.

Jean-Jacques Savin

Langsam aber stetig auf dem Weg nach Westen © Live Tracker Google

Der Passat ließ auf sich warten

Weil die Passatwinde sehr viel länger auf sich warten ließen als vorausgesagt, wusste Jean-Jacques schon fünf Tage nach dem Start, dass er länger als drei Monate unterwegs sein würde. Und ergo mit nur einer Mahlzeit am Tag auskommen muss. „Für Essen und Trinken habe ich heute Morgen drei Leinen ausgelegt und eine große Goldbrasse gefangen. Ich habe sie aus dem Wasser ziehen können und ein wunderbares Abendessen daraus gezaubert: Rohes Tatarfilet, was für ein Genuss! Und morgen gibt es gekochten Tatar.“ freut sich der Franzose. Fisch ist das Hauptnahrungsmittel von Jean-Jacques Savin an Bord. Er nimmt die Tiere aus und trocknet sie in der Sonne auf dem Dach der Tonne.

Wie man mit Fisch monatelang überleben kann, hat schon sein großes Vorbild Alain Bombard vogemacht. Er wurde bekannt durch seine wissenschaftlichen Studien zur Überlebensfähigkeit von Schiffbrüchigen. Im Selbstversuch hatte er sich 1952 mit einem Schlauchboot über den Atlantik gewagt. 65 Tage war er unterwegs, angeblich ohne Trinkwasser und Lebensmittel an Bord seines Gummiboots. Ernährt habe er sich von Fischen, deren ausgepresste Flüssigkeit er als Trinkwasser genutzt habe. Bombard landete auf Barbados.

Gibt es bald nur noch Sashimi?

Savins einziges wirkliches Problem könnte das Gas werden. Von seinem Sechs-Kilo-Vorrat hat er inzwischen fast die Hälfte verbraucht. Wenn es alle ist, muss er den Fisch ausschließlich roh, als Sashimi, essen. Aber das wird den beseelten Diogenes in seinem Fass nicht aus der Ruhe bringen. „Geh mir aus der Sonne“, wird er sich denken, wenn etwas seinen Weg kreuzt. Hoffentlich nicht wieder ein Tanker wie vor einigen Tagen.

Wer Jean-Jacques Savin auf seinem Kurs verfolgen möchte, findet den Livetracker hier.

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